»Elli, wir haben die Aufgabe, hier zu leben und zu beobachten! Wir sind für einen Kampf nicht ausgebildet!«, wandte ich schnell ein. Sollte sie denken, was sie wollte. Sollte sie mich ruhig für einen Feigling halten!
»Tikkirej, ich überbringe dir einen Befehl«, erwiderte Elli kalt. »Du kannst natürlich ablehnen. Stasj hat sich für dich verbürgt, und wenn du ablehnst, wird lediglich er Probleme bekommen.«
»Große?«, erkundigte ich mich, um wenigstens etwas zu sagen.
»Sie werden ihn in den Ruhestand versetzen. Ein Phag ohne Arbeit ist ein trauriger Anblick, Tikkirej. Er wird natürlich eine Rente, Wohnraum, alle möglichen Privilegien und irgendeine Auszeichnung bekommen. Aber die Phagen können nicht ohne Arbeit herumsitzen. Das widerspricht ihrer Lebenseinstellung. Gewöhnlich sterben sie sehr schnell.«
Ich befand mich in einer Sackgasse. Nein, nicht in einer Sackgasse… Eine Sackgasse hat nur einen Ausgang.
Und da wurde mir klar, wie sich meine Eltern gefühlt haben mussten, bevor sie ihr Sterberecht wahrnahmen. Dieses Mal verstand ich es wirklich. Das war keine Sackgasse. Das war eher ein Korridor. Man konnte entweder vorwärts oder rückwärts gehen. In eine Richtung fiel es sehr schwer. Und in die andere war es einfach widerlich. Aber dermaßen widerlich, dass es immer noch besser war, den schlimmeren Weg zu gehen.
»Aber wir können das doch gar nicht«, meinte ich. »Elli, wir sind nur zwei Jungen und ein Mädchen. Wir können nicht richtig kämpfen, sogar Natascha kann es nicht richtig. Und eine wirkliche Waffe besitzen wir auch nicht. Und dieser Bermann wird mindestens wie Inna Snow selbst bewacht werden. Wir werden alles versauen.«
»Ich helfe euch«, tröstete Elli. »An Bermann kommt ihr heran. Die Frage ist nur, ob ihr einverstanden seid.«
Ich schwieg. Natascha schaute mich fragend an. Sie war einverstanden, das war klar. Sie musste ja bereits kämpfen.
»Und?« Elli erhob sich und stützte ihre Hände in die Hüften. »Entscheide dich!«
»Wir sind einverstanden«, entschied ich. »Das heißt, ich bin einverstanden. Lion muss noch gefragt werden. Aber wie…«
»Alexander Bermann befindet sich inkognito auf dem Planeten«, schnitt mir Elli das Wort ab. »Deshalb gibt es keine vollständige Bewachung. Bermann wohnt als Gast in einer Vorortvilla der Regierung, umgeben von elektronischen Alarmanlagen. Die werden abgeschaltet sein. Der Patrouilleplan der Wachen wird euch ebenfalls vorliegen. Die Bewachung innerhalb der Villa ist unbedeutend — drei Mann. Zur gegebenen Zeit werden sie unter diesen oder jenen Vorwänden aus dem Wohnbereich des Gebäudes entfernt. Ihr müsst lediglich mit Alexander und Alexandra Bermann fertig werden. Und sie sind ganz und gar keine Kämpfertypen.«
»Wir schaffen das schon«, bekräftigte Natascha. »Elli, es geht alles in Ordnung. Tikkirej möchte nur kein Risiko eingehen, denn das ist eine sehr wichtige Aufgabe. Aber wir werden sie erfüllen.«
»Wir werden sie erfüllen«, bestätigte ich.
»Gut.« Elli sah mich zweifelnd an, schien aber ihre Einwände zurückzudrängen. »Natascha, wir treffen uns morgen früh. Ich teile dann die Einzelheiten mit.«
Sie drückte mir die Hand wie ein Junge, küsste Natascha auf die Wange und verließ den Pavillon. Der Regen fiel nach wie vor in kleinen Tropfen, als ob im Himmel ein engmaschiges Sieb geschwenkt würde.
»Soll ich dich bringen?«, fragte ich und stand auf. Eigentlich hatte ich keine Lust, Elli zu begleiten.
»Nicht nötig, ich bin nicht aus Zucker.« Elli lachte auf, schritt in die Dunkelheit und verschwand nach einigen Schritten. Sie war nicht mehr zu sehen und zu hören, als ob sie sich in Luft aufgelöst hätte.
»Ist sie ein Phag?«, fragte Natascha leise.
»Was? Nein… Eigentlich gibt es unter den Phagen keine Mädchen… Aber wie, du kennst sie gar nicht?«
»Ich war am Tag in der Stadt, um unseren Mann von der Anlegestelle anzurufen. Ich wollte wissen, ob es vielleicht Neuigkeiten von Opa gab. Er sagte mir, dass mich eine Freundin treffen wolle, die vor einem Jahr meine Nachbarin war. Also auf dem Avalon. Das deutete er zumindest an…«
»Und sie ist auch vom Avalon?«
»Hm. Sie sagte mir, dass sie heimlich hergebracht wurde. Sicher ist irgendetwas in Vorbereitung.«
Mir schien, dass Natascha Recht hatte. Das Imperium konnte nicht länger zögern. Der Krieg stand vor der Tür. Und das bedeutete, dass jeder auf seinem Platz kämpfen musste.
Wenn wir den Verräter liquidieren würden (»liquidieren« geht viel leichter über die Lippen als »töten«), dann wäre das ein ziemlich schwerer Schlag gegen Inej. So, als ob wir mit einem Mal Dutzende Kriegsschiffe zerstört hätten!
Denn diese Schiffe könnten Avalon, Edem, Erde und Karijer überfallen…
»Tikkirej, gefällt dir irgendetwas nicht?«, wollte Natascha wissen.
Wir saßen jetzt ganz dicht beieinander und unterhielten uns flüsternd. Daher war uns… war uns ganz eigenartig zumute, als ob wir nicht über den Krieg, sondern über Geheimnisse sprechen würden.
»Ja. Sie hat mich zu meinem Einverständnis gezwungen. Verstehst du das? Nicht ich habe die Entscheidung getroffen, sie hat für mich den Entschluss gefasst.«
»Sie ist doch deine Vorgesetzte.«
»Das glaubst du! Ich bin übrigens nicht in der Armee.«
»Ich denke, es geht um etwas ganz anderes.«
»Und um was?«
»Darum, dass sie ein Mädchen ist.«
Im Hellen wäre ich jetzt rot geworden. Aber wenn du weißt, dass dich sowieso niemand sieht, wird es nichts mit dem Erröten.
»Überhaupt nicht! Wenn schon ein Mädchen, dann hätte sie höflicher auftreten sollen.«
»Das ist sexistisch. Sag nur noch ›Gepäckstück‹ zu ihr!«, giftete Natascha.
»Es steht Mädchen nicht, zu kommandieren!«
»Und was steht ihnen außerdem nicht? Vielleicht sollten wir auch nicht kämpfen? Aber wir kämpfen wenigstens, während andere feige sind! Denk nur, sie können im Zeittunnel fliegen!«
Natascha rückte sogar von mir ab, obwohl wir uns vorher aneinandergepresst hatten, um uns zu wärmen. Ich hatte große Lust, ihr etwas Gemeines und Fieses zu entgegnen. Zum Beispiel, dass ihr ganzer Partisanenkrieg die Menschen nur erboste, dass sie es geschafft hatten, Schulen mit ihren Raketen zu zerbomben.
Ich sagte stattdessen etwas anderes:
»Natürlich können wir im Zeittunnel fliegen. Ich persönlich bin als Modul geflogen.«
»Oh!«, staunte Natascha. Und schwieg.
»Und überhaupt geht es nicht darum, dass sie ein Mädchen ist«, fuhr ich fort. »Wenn du kommandierst, werde ich nicht widersprechen. Denn du hast Kampferfahrung und ich noch nicht. Aber über Elli weiß ich gar nichts. Na gut, vielleicht wurde sie von den Phagen geschickt. Vielleicht ist sie eine wichtige Person. Aber warum muss sie dann solchen Druck ausüben?«
»Hat sie etwa Druck auf dich ausgeübt?«, wunderte sich Natascha.
»Sie sagte, dass man Stasj bestrafen würde. Und er ist mein Freund, mein bester Freund… nein, das ist es nicht. Das ist etwas anderes. Jedenfalls möchte ich nicht, dass er entlassen wird und stirbt. Lieber sterbe ich selber.«
»Aber dieser Stasj ist doch ein Erwachsener, oder? Das heißt doch, du musst dir um ihn keine Sorgen machen!«, erwiderte Natascha hitzig. »Er muss die richtige Entscheidung treffen, und wenn er sich geirrt hat, ist er selber schuld und verpflichtet, die Bestrafung hinzunehmen! Das ist doch allgemein bekannt. Erwachsene müssen sich um Kinder kümmern, sie schützen und die richtigen Entscheidungen treffen! Sie haben doch viel mehr Lebenserfahrung! Also hat alles seine Richtigkeit!«
Ich schaute auf Natascha und fand die Situation lustig. Als ich noch auf Karijer gelebt hatte, wäre ich fraglos ihrer Meinung gewesen. Es ist ja wahr, die gesamte Natur war so eingerichtet und der Mensch war ein Teil der Natur. Im Naturkundeunterricht hatten wir erfahren, wie sich eine Katze aufregt, wenn man ihr die Jungen wegnimmt. Uns wurde erklärt, dass es sich dabei um uralte nützliche Instinkte handelte, dass sich deshalb unsere Eltern um uns kümmern und alle Erwachsenen die Kinder schützen.