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Nur dass dies nicht die ganze Wahrheit ist.

Wenn ein Mensch dein Freund ist, dann hast du ebenfalls die Verpflichtung, dich um ihn zu kümmern. Auch wenn er entschieden stärker und klüger ist als du. Sogar wenn er sich geirrt hat. Früher verstand ich das nicht. Vor langer Zeit. Vor drei Monaten. Auf Karijer, als meine Eltern sich für den Tod entschieden. Wir hätten alle zusammenbleiben und notfalls auch die Kuppel verlassen müssen. Zumindest wäre ich verpflichtet gewesen, das zu wollen, und hätte nicht den Eltern zustimmen dürfen.

Aber wie sollte ich das erklären?

»Stasj hat mich gerettet«, begann ich. »Obwohl er das gar nicht hätte tun sollen. Sag mir, wenn deinem Großvater ein Unglück zustieße, würdest du ihn retten?«

»Er ist doch mein Opa…«

»Na und? Dafür ist er alt und invalide. Du bist viel wertvoller für die Gesellschaft, warum solltest du wegen des Großvaters ein Risiko eingehen und dir Sorgen machen?«

»Aber ich mache mir keine Sorgen um ihn!«

»Ach! Aber heute Morgen hast du angerufen, um Neuigkeiten zu erfahren.«

Natascha verstummte. Dann sagte sie: »Aber das ist doch nicht richtig. Dass ich mir um Opa Sorgen mache und du dir um Stasj.«

»Weißt du, ich glaube, gerade das ist richtig«, erwiderte ich.

Natascha nahm meine Hand und meinte: »Du bist ziemlich eigenartig, Tikkirej. Sei nicht beleidigt. Manchmal scheint mir, dass du lediglich ein dummer und feiger Junge bist, der zufällig mit gefährlichen Dingen in Berührung gekommen ist. Und dann wieder denke ich, dass du im Gegenteil viel klüger und mutiger bist als wir alle zusammen.«

»Und was glaubst du jetzt?«, erkundigte ich mich neugierig.

»Dass uns kalt ist und wir uns erkälten werden!« Natascha sprang auf und zog mich von der Bank. »Komm! Lion denkt bestimmt schon sonst was!« Lionwundertesichübergarnichts.Im Gemeinschaftsschlafsaal konnten wir uns natürlich nicht unterhalten, deshalb weckte ich ihn in der Nacht und wir gingen zu den Sanitäranlagen. Das ist so eine Mischung aus Dusche und Toilette — ein riesiger Raum, in dem sich an einer Wand die Toilettenboxen, an der zweiten die Waschbecken und an der dritten die Duschköpfe aufreihten. Mir war unklar, warum alles zusammen installiert war, ganz wie auf einem alten Kriegsschiff. Frühmorgens gab es hier ein fürchterliches Gedränge.

Schnell überprüfte ich die Kabinen, niemand war hier. Wir gingen zum Fenster und ich berichtete Lion vom Besuch Ellis und von unserer Aufgabe.

»Das habe ich mir gedacht«, äußerte Lion sofort. »Noch auf dem Avalon.«

»Was hast du dir gedacht?«

»Warum wohl haben uns die Phagen nach Neu-Kuweit geschickt? Das ist teuer und überhaupt… welchen Nutzen versprechen sie sich von uns?«

»Aber sie haben uns hierhergeschickt.«

»Eben deswegen haben sie uns hergeschickt. Wir sind austauschbare Agenten.«

»Wie das?«, erkundigte ich mich vorsichtig.

»Ich habe im Traum davon erfahren. Ein austauschbarer Agent ist ein normaler Mensch, der ein wenig vorbereitet wird und einen besonders gefährlichen Auftrag erhält. Einen, von dem man nicht zurückkehrt. Die Phagen wussten, dass jemand daran glauben muss… genau dafür sind wir da.«

Lion war sehr ernst. Er saß auf dem Fensterbrett und hielt seinen Vortrag, ich stand vor ihm und hörte zu.

»Warum gerade wir? Wieso?«

»Ha! Das versteht doch jedes Kind! Wir sind von hier, aus Neu-Kuweit! Niemand kann auf die Idee kommen, dass wir Agenten des Imperiums wären. Es gibt keine Beweise.«

»Die Peitsche«, widersprach ich unsicher.

»Wohl kaum… vielleicht hast du sie von Stasj genommen.«

»Stasj hätte es nicht zugelassen, dass wir in den sicheren Tod geschickt werden«, konstatierte ich. »Niemals!«

Lion zuckte mit den Schultern:

»Vielleicht. Aber woher willst du wissen, dass er die ganze Wahrheit kannte? Er ist ein Phag. Das ist strenger als Armee oder Polizei. Das bedeutet nicht einfach Disziplin, sein Gehirn ist darauf ausgerichtet, dass er verpflichtet ist, Befehlen zu gehorchen. Sogar wenn Stasj etwas Verdächtiges bemerkt hätte, was hätte es geändert?«

Ich erinnerte mich daran, wie sich Stasj von uns verabschiedet hatte. Traurigkeit überwältigte mich.

Er hatte wirklich etwas geahnt. Es passte ihm nicht, dass wir nach Neu-Kuweit geschickt wurden. Es gefiel ihm nicht, aber er konnte mit dem Rat der Phagen nicht darüber diskutieren.

»Was sollen wir denn nun machen?«, fragte ich. Lion hatte wirklich alles äußerst schlüssig dargelegt.

»Den Auftrag ausführen«, meinte Lion.

»Aber…«

»Was können wir denn anderes machen?« Lion lachte auf. »Sollten wir uns hier verstecken? Sie finden uns so oder so. Oder die Raumflotte beginnt mit der Bombardierung des Planeten und Schluss… Da ist es schon besser, den Auftrag zu erfüllen. Dann haben wir zumindest eine winzige Chance. Und um gleichzeitig gegen Inej und gegen die Phagen anzutreten, muss man schon ein kompletter Idiot sein!« Er dachte nach und ergänzte bedauernd: »Was mussten wir auch unmittelbar auf den Köpfen der Mädchen landen! Wir könnten immer noch im Wald hausen.«

»Bist du mir böse?«, fragte ich. »Denn meinetwegen… hätte ich das Schlangenschwert nicht genommen…«

»Hör auf, sie hätten uns sowieso hierhergeschickt«, winkte Lion verächtlich ab. »Vielleicht haben sie dir sogar das Schlangenschwert untergeschoben — nicht, um deine Vertrauenswürdigkeit zu überprüfen, sondern als Provokation. Wenn du die Schlange nicht genommen hättest, wäre ihnen etwas anderes eingefallen.«

Die Tür ging auf. Piter, einer derjenigen, bei denen die Waffe des Inej nicht gewirkt hatte, der aber von Natur aus nicht besser als ein Hirnamputierter war, trat ein. Er schaute uns an und fragte:

»Raucht ihr etwa?«

»Nein«, antwortete ich. »Wir stehen nur so herum.«

»Na…« Piter glaubte uns nicht, ging deshalb absichtlich in eine Toilettenbox in unserer Nähe und schnupperte laut. Wir rochen natürlich nicht nach Rauch, Piter wurde gleich noch lebhafter: »Jungs, gebt ihr mir einen Schluck?«

»Mann, wir trinken auch nicht!«, regte ich mich auf. »Hier, sieh nach!«

Ich entfernte mich vom Fensterbrett und drehte mich um. Wo kann man denn eine Flasche verstecken, wenn man lediglich Unterhose und Hemd trägt? Lion drehte sich gar nicht erst um, er rutschte auf dem Fensterbrett zur Seite zum Beweis, dass nichts hinter ihm war.

»Was seid ihr für Deppen«, beschloss Piter und zeigte uns einen Vogel.

Kapitel 2

Elli kam nicht mit uns.

Sie erschien nicht einmal, um herauszufinden, ob Lion einverstanden war, den Befehl auszuführen oder nicht. Als ob sie seine Entscheidung kannte.

Ehrlich gesagt war ich froh darüber. Es hätte gerade noch gefehlt, dass dieses eingebildete Mädchen vom Avalon wieder anfing, zu kommandieren und uns zu erpressen!

Natascha kontaktierte uns am nächsten Tag im Speisesaal.

Wir standen mit den Tabletts in der Schlange vor den Mikrowellen. Es gab leider nur zwei. Vor uns wurde geflucht: Einem Jungen war die Plastiktasse mit Suppe gesprungen. Selber daran schuld, er hatte vergessen, den Deckel darauf zu stülpen.

»Heute«, sagte Natascha lächelnd. Aber ihre Augen waren angespannt und gar nicht fröhlich. »Heute treffen wir uns nach dem Mittagessen im Pavillon.«

Mir verschlug es gleich den Appetit. Natürlich aßen wir etwas — Kartoffelbrei mit Fleischstückchen, Erbsensuppe, Salat und Kompott. Alles vorgefertigt, nur den Salat hatte der Koch selber zubereitet. Wozu wird er eigentlich überhaupt gebraucht, wenn er nur an Freitagen, den freien Tagen, kocht?

Persönliche Sachen besaßen wir nicht, nur das Schlangenschwert, aber das war sowieso immer bei mir. Also gingen wir sofort zum Treffpunkt.

Natascha befand sich nicht im Pavillon. Sie saß im Gras, das noch vom nächtlichen Regen nass war, hatte die Hände hinter den Rücken gestützt, den Kopf nach hinten gelehnt und schaute in den Himmel. Ich folgte ihrem Blick — es gab nichts Besonderes zu sehen. Der Schweif eines Raumschiffes, das zur Landung ansetzte, kroch dahin.