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»Wir sind es«, sagte Lion. »Was hast du dort gesehen?«

»Ein Raumschiff«, antwortete Natascha, ohne den Blick abzuwenden. »Ein schönes. Das ist ein Passagierschiff, vom Inej.«

Ich fühlte mich wie mit eiskaltem Wasser übergossen. Ich erinnerte mich an unsere Kuppel. Und an Dajka am Ufer des Flüsschens…

»Natascha, würdest du gern Pilot werden?«, wollte ich wissen.

»Mädchen können das doch nicht, du Dummkopf!«, erwiderte sie nach einiger Zeit.

»Na und. Wärst du es gern?«

»Ja.«

Lion verstand natürlich nicht, worüber wir sprachen. Ich nahm mir in diesem Moment vor, dass ich Mädchen nie als »Gepäckstücke« beschimpfen würde. Nicht einmal die schlimmsten Exemplare von der Art der selbstherrlichen Elli.

»Ich wäre auch gern Pilot«, meinte ich und Natascha schaute mich verwundert an. Es klang so, als ob ich wüsste, dass auch ich niemals Pilot werden könnte.

»Jungs, seid ihr bereit?«, erkundigte sie sich.

Ich nickte.

»Ein Auto wartet auf uns in der Nebenstraße, nicht weit von hier. Es bringt uns zur Villa.«

Aha. Also direkt heute?

Warum auch nicht? Die Phagen vergeudeten nicht sinnlos ihre Zeit.

»Gehen wir«, stimmte ich zu. Ich versuchte zu lächeln. Was sollte das werden, wenn zwei Jungs und ein Mädchen auf einem fremden Planeten, auf dem sie von allen gesucht wurden, vorhatten, einen Milliardär zu ermorden? Standen sie ganz einfach auf und töteten? Mir war gar nicht nach Lachen zumute. Das Auto war ein gewöhnliches Taxi. Ich hatte eigentlich erwartet, dass wir von Untergrundkämpfern abgeholt werden würden, aber es war ein ganz gewöhnlicher orangefarbener »Taimen« des staatlichen Taxidienstes. Der Fahrer gehörte zu den Hirnamputierten, ich konnte sie mittlerweile sicher von normalen Leuten unterscheiden.

»In den Schmetterlingspark?«, erkundigte er sich äußerst freundlich.

»Hm.« Natascha begann gleich zu lächeln. »Dort ist es schön, nicht wahr?«

»Sehr schön«, bestätigte der Fahrer und wartete, dass wir ins Auto gestiegen waren. Lion wollte sich auf den Vordersitz setzen, aber der Fahrer schüttelte streng den Kopf.

»Für Kinder unter sechzehn ist das verboten!«

Natascha stellte ihm noch einige Fragen, und der Fahrer begann, uns begeistert vom Park zu erzählen. Es war relativ einfach, die Hirnamputierten auf ein Thema festzunageln. Wenn sie den Eindruck hatten, es würde die Zuhörer interessieren, konnten sie so lange darüber reden, bis sie alles dargelegt hatten, was sie wussten. Natascha hatte ihn absichtlich darauf gebracht, sodass er durch nichts anderes abgelenkt wurde und keine überflüssigen Fragen stellte.

Es war aber wirklich interessant, etwas über den Schmetterlingspark zu hören. Als die Menschen begannen, Neu-Kuweit zu kolonisieren, lebten hier keine Säugetiere, sondern nur Insekten, Reptilien und primitive Fische. Bald stellte sich heraus, dass die einheimischen Insekten nicht mit Tieren von der Erde zusammenleben konnten. Die Fische starben, als Erdplankton ins Meer gegeben wurde. Daraufhin wurden zwei Naturschutzgebiete eingerichtet — eines auf dem Land und eines im Meer. Sie waren weit von hier entfernt, auf einem anderen Kontinent. Nicht weit von Agrabad errichtete man eine große Kuppel, ähnlich der, unter welcher ich auf Karijer lebte. Dort blieb die ursprüngliche Natur »der vierten Beta Lyra«, also von Neu-Kuweit, erhalten. Einheimische Gräser, Sträucher und Bäume. Einheimische Schmetterlinge, Käfer und Basiliskeneidechsen. Die Schmetterlinge sollen sehr bunt und riesig sein, einige mit einer Flügelspannweite von zwanzig Zentimetern. Und fast alle leuchteten im Dunkeln, weil sie ihre Paarungsrituale in der Nacht abhielten.

»Als ich noch klein war«, erzählte der Fahrer, »bin ich auch gern in den Park gegangen, besonders in der Nacht, wenn es meine Eltern mir erlaubten. Denn wie war es früher, wenn sich die Schmetterlinge zu sehr vermehrt hatten? Du hast eine Lizenz gekauft und konntest mit einem Netz auf sie Jagd machen. Es war natürlich schwer, aber manchmal gelang es uns, einen zu fangen… Ich habe bis heute vier Stück von ihnen. Sehr schöne Exemplare.«

»Und jetzt gibt es das nicht mehr?«, wollte Lion wissen.

»Nein, man hat entschieden, dass das unethisch sei.«

»Schade«, seufzte Lion. »Wir würden auch gern auf die Jagd gehen.«

Und er schaute mich aus den Augenwinkeln an, ob ich seinen Scherz auch gebührend würdigte.

Aber mich machte die bevorstehende Jagd überhaupt nicht froh.

In Wirklichkeit mussten wir nicht in den Park. Aber wir konnten dem Fahrer wohl kaum sagen: »Fahren Sie zum Türkistempel, zum Gästehaus der Regierung. Wir wollen dort spazieren gehen.«

Die Kuppel wurde sichtbar, kaum dass wir die Stadtgrenze hinter uns gelassen hatten. Von weitem erschien sie kleiner, aber ich erkannte sofort, dass es sich um eine Standardkolonialkuppel der Spezifikation 11-2 handelte. Neunhundert Meter im Durchmesser, siebzig Meter hoch. Genau so eine wie unsere Kosmodromkuppel, nur ohne silbrige Schutzschicht gegen Radioaktivität. Ich seufzte, als ich mir unsere Kuppeln, die um sie herum gelegenen Gruben und Täler, die überall herumkriechenden hermetischen Busse vorstellte. Obwohl ich nicht wusste, wonach man sich auf so einem unwirklichen Planeten wie unserem Karijer sehnen könnte.

Ich jedenfalls hatte Heimweh.

»Wollt ihr zum Haupteingang?«, erkundigte sich der Fahrer.

»Ja, bitte!«, antwortete Natascha höflich. Sie übernahm die Rolle der Ältesten. Es war sicherlich ungewöhnlich, dass ein Mädchen das Wort führte, aber der Fahrer wunderte sich nicht darüber. Vielleicht deshalb, weil alle die Präsidentin Inna Snow verehrten?

Das Taxi hielt an der Haltestelle und wir stiegen aus. Die Fahrt war vorab bezahlt worden, der Fahrer winkte uns zu und fuhr fort.

Wir gingen über den Parkplatz, der voller Privatautos und Touristenbusse war. In einem Laden kauften wir Eis, weil das auf Erwachsene eine beruhigende Wirkung ausübt. Wenn ein Jugendlicher einfach so unterwegs ist, wird von ihm irgendein Streich erwartet. Wenn er aber Eis schleckt, sieht man ihn als kleines Kind. Daher beeilten wir uns nicht mit dem Eis. Wir wickelten es nicht ganz aus, die Hüllen hielten es ausreichend kalt und wir würden damit eine ganze Stunde spazieren gehen können.

Um die Kuppel herum verlief ein hundert Meter breiter Sandstreifen, der an vielen Stellen durch Betonwege zerschnitten war. Das war offensichtlich eine Quarantänezone, damit keine Pflanzen von der Erde in die Kuppel gelangen konnten. Danach, hinter dem Sand, befand sich ein entsprechender Streifen grünen Rasens und dahinter grünten Bäume, Hecken und Gärten. Wir nahmen einen dieser Wege.

»Wir gehen rechts um die Kuppel herum«, teilte Natascha leise mit. »Da, bis zu diesem Park. Dort gibt es einen Trampelpfad, dem wir folgen, bis wir das Schild ›Privatbesitz‹ sehen, und biegen dann nach links ab. Wir gehen zum Bach, dann den Bach entlang bis zum Zaun. Um siebzehn null null wird die Alarmanlage an dem Teil des Zaunes, der zum Bach führt, abgeschaltet sein. Um siebzehn Uhr zwölf müssen wir den Zaun überwunden und uns in zwei Minuten einhundert Meter vom Zaun entfernt haben.«

»Ist dort offenes Gelände?«, fragte Lion.

»Ein Park«, erwiderte Natascha kurz. »Dann haben wir zehn Minuten Pause. Wir verstecken uns im Springbrunnen und lassen die Patrouille durch.«

»Was ist das für ein Springbrunnen?«, interessierte ich mich.

»Woher soll ich das wissen? Elli meinte, dass wir den Springbrunnen sehen würden. Wenn die Patrouille vorbeigegangen ist, rennen wir zur Villa, zum Diensteingang. Wir schleichen uns hinein und verstecken uns auf der ersten oder zweiten Etage. Das interne Alarmsystem ist auf Wunsch Bermannsabgeschaltet.ErhatAngstvor Überwachungssystemen an sich. Schleppt sogar immer einen Störsender mit sich herum. Er ist selber schuld. Bermann und Tochter kommen gegen sieben oder acht Uhr abends. Dann beseitigen wir sie«, Nataschas Stimme blieb dabei unbewegt, »und warten dann bis einundzwanzig Uhr dreißig, um auf demselben Wege zu verschwinden. Wenn wir uns an den Plan halten, gibt es keine Probleme. Übernachten werden wir im Heim.«