»Vielleicht sollte man sich Eintrittskarten für den Park kaufen?«, schlug ich vor. »Dann hätten wir ein Alibi…«
»Was denn für ein Alibi? Wenn wir eine Eintrittskarte kaufen, vermerkt der Computer, wann wir reingehen und wann wir die Kuppel verlassen. Damit hätten wir eine gute Spur gelegt.«
»Wenn die Sache ruchbar wird, kann uns der Fahrer damit in Verbindung bringen«, meinte Lion. »Er wird uns verraten. Er ist doch hirnamputiert…«
»Elli hat gesagt, dass sich andere um den Fahrer kümmern würden«, schnitt ihm Natascha das Wort ab.
Ich erschrak.
»Was sagst du da?«
»Was du gehört hast!«
»Das war so nicht abgesprochen!«, schrie ich.
»Wir hatten gar nichts abgesprochen.« Nataschas Augen schauten zornig und wütend. »Es ist Krieg, Tikkirej, richtiger Krieg, verstehst du das?«
Ich verstand.
Wir selbst hatten ja auch nicht vor, mit Bermann und seiner Tochter zu plaudern und Tee zu trinken. Aber trotzdem… Dieser Oligarch wollte das Imperium verraten, der Fahrer war ein Hirnamputierter, ein Kranker, ein Unschuldiger.
»Es ist trotzdem nicht richtig«, meinte ich. »So etwas müssen wir nicht machen.«
»Aber anders würde es nicht gehen«, erwiderte Natascha. »So ist es im Krieg, stimmt’s, Lion?«
Lion wandte sich ab und sagte nichts. Weder zu mir noch zu Natascha.
Ich führte die Diskussion nicht weiter.
Wir gingen an der Kuppel entlang und schauten unwillkürlich auf die Welt hinter der durchsichtigen Wand. Dort wuchsen ungewöhnlich aussehende Bäume mit sehr dunklem Blattwerk und gefiederten ringförmigen Stämmen. Manchmal blitzte zwischen den Blättern etwas Grelles auf — sicherlich die Schmetterlinge, aber es gelang uns nicht, sie richtig zu betrachten. Ich fand, dass es sich lohnte, in den Park zu gehen. Wenn alles gut ausgegangen war.
Und was wäre das im Klartext?
Wenn wir Bermann und seine Tochter getötet hatten?
Ich hätte am liebsten angefangen zu schluchzen, nicht zu weinen, sondern zu schluchzen wie ein kleines Kind. Man weint vor Leid, aber man schluchzt vor Hilflosigkeit.
»Die Wachen werden uns erschießen«, sagte Natascha plötzlich. »Ich glaube nicht, dass bei Elli alles klargeht. Ich glaube es einfach nicht!«
Augenblicklich verschwand meine Unruhe. Und wirklich! Wie kam ich eigentlich darauf, dass wir überhaupt an der Wache vorbeikommen würden? Was uns das selbstgefällige Mädchen Elli nicht alles versprochen hatte… Man würde uns sicher nicht gleich erschießen, wir würden ja nicht gegen die Wache kämpfen, aber wir würden bestimmt verhaftet. Vielleicht war das sogar die beste Variante. Den Befehl würden wir ausführen, aber wenn es uns nicht gelänge, die Aufgabe zu lösen, wäre es nicht unsere Schuld. Sie wären selbst daran schuld und würden in Zukunft solche Missionen nicht mehr Jugendlichen anvertrauen.
»Sei leise«, sagte ich. »Du machst Lärm!«
Natascha schaute mich erstaunt an, ärgerte sich aber nicht. Schweigend folgten wir dem Pfad in die Tiefe des Parks. Hier war niemand, der Weg war zugewachsen, durch grauen Steinsplitt wuchs das Gras hindurch, bereits welk und gelb. Am Himmel zirpte ein unsichtbarer Vogel.
»Wie schön es ist…«, murmelte Lion leise. Ich störte ihn nicht in seinen Betrachtungen.
Das Hinweisschild »Privatbesitz« war alt, die Farbe blätterte bereits ab. Es stand exakt in der Mitte des Pfades auf einem niedrigen Betonsockel. Es gab sogar einen orangefarbenen Lampenkasten für die nächtliche Beleuchtung der Aufschrift, aber sein Deckel war vor langer Zeit zerschlagen und die Glühbirne herausgedreht worden. Wir gingen zum Schild, wechselten wie vorgeschrieben die Richtung und kamen zum Bach.
»Kann man an den Zaun herangehen?«, fragte ich.
»Nicht näher als zehn Meter«, erwiderte Natascha sofort.
Wir folgten dem Bach nur kurze Zeit und vor uns erschien der Zaun der Residenz. Kein sehr hoher, vielleicht anderthalb Meter, aus einzelnen grauen Betonplatten und von unten bereits mit Moos bewachsen. Die Platten waren gerippt, als ob sie absichtlich dazu einluden an ihnen hochzuklettern, doch über dem Zaun verlief eine dünne blinkende Leitung — ein Bewegungsmelder. Die Bäume standen fast unmittelbar neben dem Zaun, aber trotzdem nicht nahe genug, damit man ihn nicht von den Ästen aus überwinden konnte.
»Wir warten«, befahl Natascha.
Wir suchten uns einen Platz hinter den Sträuchern, warteten und aßen dabei unser Eis auf. Natascha schaute die ganze Zeit auf die Uhr, dann nahm sie sie ab und legte sie vor sich hin. Lion schien am ruhigsten zu sein — schmatzend schleckte er das cremige Eis. Er aß länger als wir und schaute nicht auf die Uhr.
»Halten wir uns bereit«, sagte Natascha mit angespannter Stimme. »Minus eine Minute.«
Lion schluckte mit einem Mal den ganzen Rest hinunter, zerknüllte die Hülle, warf sie in den Bach und wusch sich die Hände. Er ging in Startposition.
»Minus zwanzig Sekunden.« Natascha fuhr sich über die Haare, sah uns an und bekreuzigte sich. Ihre Wangen waren gerötet wie vom Frost.
Ich war nicht aufgeregt. Überhaupt nicht. Ich war davon überzeugt, dass wir gleich verhaftet würden und damit alles vorbei wäre.
»Los!« Natascha sprang auf und rannte zum Zaun.
Aber Lion überholte sie. Am Zaun ging er in die Knie und stützte seine Hände gegen die Betonplatte. Natascha verstand, stieg auf seinen Rücken, zog sich hoch und sprang über den Zaun. Ich folgte ihr, Lion ächzte unter meinen Beinen, und ich sprang nicht hinüber, sondern legte mich flach auf die Oberkante, hielt mich mit den Beinen daran fest und streckte Lion meine Hand hin. Er ergriff sie, zog sich hoch und wir sprangen gemeinsam auf die andere Seite.
Wir befanden uns in einer anderen Welt!
Während hinter dem Zaun ein verwilderter Park im warmen Herbstwind lag, kamen wir auf der anderen Seite wieder in den Sommer. Der Park war licht, gepflegt, durchzogen von sauberen Wegen. Sogar das Bächlein, das durch ein Gitter im Zaun floss, rauschte nicht mehr, sondern plätscherte melodisch. Es war sehr warm, fast schon heiß, Schmetterlinge flatterten über den Blumenbeeten, wenn auch nicht so große und grelle wie innerhalb der Kuppel, aber immerhin… Hier gab es bestimmt eine lokale Klimatisation — eine sehr kostspielige Angelegenheit, aber seit wann kümmerte sich eine Regierung um die Kosten?
Natascha schaute sich um und flüsterte: »Vorwärts! Lauft!«
Wir stürzten nach vorn, ohne einen bestimmten Weg zu nehmen, mal über Wege, die mit rauen Steinplatten gepflastert waren, mal einfach zwischen den Bäumen hindurch. Mir schien es, als ob wir die hundert Meter in einer halben Minute hinter uns gebracht hätten, aber ein Springbrunnen war nicht zu sehen. Endlich zeigte Lion nach rechts und schrie:
»Dorthin!«
Ja, diesen Springbrunnen konnte man tatsächlich schwer übersehen. Er war riesig: Das Becken hatte einen Durchmesser von rund zwanzig Metern und war bis zum Rand mit Wasser gefüllt. Inmitten des Beckens stand eine Skulpturengruppe. Diese erschien recht sonderbar: Ein bronzener Gigant in einem altmodischen Raumanzug kämpfte sich durch das Wasser, mit einer Hand schützte er sein Gesicht vor den herunterfallenden Spritzern, in der anderen hielt er schussbereit einen Strahlenwerfer. Hinter ihm, aus einem Steinhaufen, folgte eine Menschenmenge, hauptsächlich Frauen und Kinder. Einige von ihnen waren vollständig, andere teilweise aus dem Stein heraustretend gestaltet. Der Wasserstrahl an sich war nicht sehr hoch, vielleicht drei Meter, und kam aus ziemlich krummen Rohren. Klatschend schlug das Wasser gegen die Felsen.
»So ein Kitsch!«, rief Lion begeistert aus.
»Ins Wasserbecken!«, befahl Natascha. Wir wateten durch das Wasser und standen bald zwischen den mit Moos bewachsenen, kühlen Bronzefiguren, die nass vom Wassernebel waren.
Natascha entschied: »Hier warten wir.«
Es war lustig, zwischen den Skulpturen zu stehen. Ich berührte die Hand eines Bronzemädchens, das voller Hoffnung mit blinden Augenhöhlen auf den Riesen schaute.