»Wenn die Bermanns kommen, werden sie in ihre Zimmer gehen, um sich umzuziehen«, überlegte Natascha laut. »Es sieht nicht so aus, als ob sie Dienstpersonal hätten, also werden sie allein bleiben… Wir können uns in zwei Gruppen teilen. Ich kümmere mich mit Lion um Bermann, und du, Tikkirej, — um das Mädchen!«
»Warum soll ich das Mädchen nehmen?«, begehrte ich auf.
»Du hast die Peitsche.«
»Na und? Ist sie etwa gefährlicher als ein erwachsener Mann?«
Natascha seufzte: »Alexander Bermann ist fast siebzig Jahre alt. Er hat einen Bauch wie ein Nilpferd. Aber du kannst davon ausgehen, dass seine Tochter sportlich und trainiert ist und eine Nahkampfausbildung hat… Vielleicht ist sie sogar bewaffnet.«
»Und wie werdet ihr mit Bermann zurechtkommen?«
»Wir schlagen ihn bewusstlos«, erklärte Natascha kurz. »Dann kommst du zu uns.«
Es hatte keinen Sinn, zu diskutieren. Ich wollte darauf hinweisen, dass ich mich weigerte, ein Mädchen zu töten, auch wenn sie der letzte Dreck wäre und das Imperium verriet. Aber ich schwieg, weil mir bewusst war, dass ich es doch tun würde. Ich hatte keine Wahl.
»Versteck dich im Badezimmer«, schlug Natascha vor. »Vielleicht kommt sie doch nicht alleine ins Zimmer? Wir werden es genauso machen, und wenn Bermann das Badezimmer betritt, schlagen wir von hinten zu.«
»Womit?«, fragte Lion geschäftsmäßig.
»Weiter hinten im Korridor müsste eine Turnhalle sein. Wir nehmen ein Paar Hanteln oder irgendetwas anderes Schweres. Aber leise, die Wache könnte schon zurück sein.«
»Gehen wir.« Lion nickte. »Also dann, Tikkirej. Vermassele es nicht!«
»Wir warten auf dich«, ergänzte Natascha.
Sie gingen hinaus und ich blieb allein. Das passierte so schnell und unerwartet, dass ich nichts erwiderte. Ich tigerte wie ein Idiot durch das Zimmer. Es gab noch eine Tür in ein anderes Zimmer, wahrscheinlich ein Gästezimmer, aber dort schien noch niemand einen Blick hineingeworfen zu haben. Keine Sachen, nichts… Ich kehrte ins Schlafzimmer zurück, ging ans Fenster und schaute in den Park. Von dieser Seite war der Springbrunnen nicht zu sehen, dafür erblickte ich in der Tiefe des Gartens ein Schwimmbad und kleine gemütliche Gebäude. An Himmel schwebten einzelne Wolken, die Sonne neigte sich zum Horizont. Es war sehr still, fast einschläfernd. Ich ging vom Fenster weg, mit einer bohrenden Neugier zum Kleiderschrank und begann, in den Sachen von Alexandra Bermann zu kramen.
Es stellte sich heraus, dass das Wühlen in fremden Sachen eine sehr interessante Beschäftigung war. Im Schrank hingen Kleider, Blusen, Röcke, Hosen und Pullover. Es hätte ausgereicht, alle Bewohner des ›Spross‹ — Jungen und Mädchen — neu einzukleiden. Allein zehn Paar Schuhe gab es: Halbschuhe,Turnschuhe,Stiefelchenundallerlei Spezialschuhe, entweder für den Sport oder zum Tanzen, die ich nicht einmal benennen konnte. In einem Fach lag eine Masse sauberer, eingepackter Kleidung. Ich nahm ein Packung, fand in ihm rosa Spitzenhöschen, schämte mich und schloss den Schrank.
Teufel nochmal! Einerseits beabsichtigte ich, Alexandra Bermann, die ich noch niemals gesehen hatte, zu töten. Warum dann diese Neugier? Das sind Kleinigkeiten, um die man sich nicht kümmern sollte. Aber andererseits…
Es war mir peinlich.
Aber ich konnte nicht mehr damit aufhören. Und wühlte weiter in den Schränken.
Reiche Leute schleppen sehr viele Dinge mit sich herum. Sicherlich brauchen sie das auch alles. Sogar wenn sie geschäftlich auf anderen Planeten weilen, gehen sie ins Theater, in Restaurants, machen Ausflüge und Safaris… Aber außer Kleidung gab es noch jede Menge andere Dinge. Zum Beispiel ein ganzes Köfferchen mit allen möglichen Friseursachen, darunter allein drei Föns. Und im Badezimmer war auch noch ein guter. In einem kleinen Täschchen befand sich eine Reiseapotheke, als ob es hier keine Ärzte geben würde… Oder vertrauten die Bermanns keinen fremden Ärzten? In einer kleinen, nachlässig hingestellten, offenen Schatulle lag Schmuck. Teilweise aus Gold, Silber und Edelsteinen, zum Teil dermaßen selten und teuer, dass er sogar mir ein Begriff war, da ich den Schmuck in allerlei Fernsehfilmen und Nachrichtensendungen gesehen hatte. Zum Beispiel gab es da ein Collier aus »unsichtbaren Diamanten«, sie hießen wissenschaftlich irgendwie anders, aber das hatte ich vergessen. Ich ging mit dem Collier zum Fenster und schaute es im Licht an. Alle Achtung! Als ob sich in der Platinfassung nichts befinden würde, als ob sich die winzigen Diamantensplitter, die auf die unsichtbaren Diamanten aufgeklebt waren, von alleine in der Luft hielten. Ich berührte sie — da waren sie, die unsichtbaren Steine. Auf dem größten verblieb fast unsichtbar mein Fingerabdruck. Cool.
Außerdem waren da noch Ohrringe mit Empathiesteinen, die ihre Farbe in Abhängigkeit von der Stimmung des Trägers wechselten. Ich führte einen Ohrring an mein Gesicht und der Stein wandelte sich von Milchweiß in Knallrot. Natürlich, ich war ja aufgeregt… Diesen Schmuck zu tragen riskieren nur Leute, die absolut von sich überzeugt sind — denn anderenfalls können alle erkennen, wenn man aufgeregt oder erschrocken ist oder versucht zu lügen.
Nachdem ich den Schmuck in die Schatulle zurückgelegt hatte, stellte ich sie an ihren Platz zurück. Ich war kein Dieb und würde nichts nehmen. Obwohl man für ein beliebiges Teil von diesem Tand…
Was könnte man?
Die Lebenserhaltungssysteme auf Karijer bezahlen?
Mama und Papa würden nie wieder zurückkommen.
Also brauchte ich nichts.
Ich lief durch das Zimmer und blickte auf die Uhr. Es war noch zu früh. Daraufhin untersuchte ich den Nachtschrank und fand dort weitere Bücher — Wirtschaftsliteratur und Romane. Ich nahm ein Bändchen von Hiroshi Moto (jetzt war klar, von wem Alexander den Krimi hatte, um ihn vor dem Einschlafen zu lesen) und schlug die Erzählung »Der Fall des freigiebigen Intellektuellen« auf. Die Kriminalgeschichten von Hiroshi Moto waren deshalb so gut, weil man sie immer wieder lesen konnte, auch wenn man schon wusste, wer der Verbrecher war. Aber dieses Buch kannte ich noch nicht.
Ich wagte nicht mich aufs Bett zu setzen. Es war außergewöhnlich akkurat gemacht und die Sessel sahen zu verlockend bequem aus. Wenn ich mich jetzt hineinsetzen würde, könnte ich mich festlesen und nicht bemerken, dass die Bermanns kamen. Deshalb setzte ich mich auf einen Stuhl neben die Tür, öffnete sie einen Spalt, um die leisesten Geräusche von unten zu hören, und begann, die Abenteuer des im Reagenzglas gezüchteten Detektivs und seines treuen Freundes zu lesen.
Zuerst konnte ich mich nicht darauf konzentrieren, aber bald wurde ich ruhiger und begeisterte mich so an der Handlung, dass ich fast bis zum Ende las. Alles war sehr verwirrend, aber endlich sprach der Detektiv seine berühmten Worte:
»Sicher, ich bin lediglich ein Klon, aber wenn Sie wüssten, zu welchen Gemeinheiten ein echter Mensch manchmal fähig ist! Also stellen wir uns die Bibliothek vor drei Tagen um Mitternacht vor. Das Licht erlischt und in der nächtlichen Stille ist ein leises Rascheln zu hören. Nur Sie, die hier Anwesenden, konnten die Diskette aus dem überstürzt geöffneten Safe nehmen. Nicht wahr, Oberst?«
»Was meinen sie damit?«, schrie der Offizier auf und ließ die Zigarette fallen. »Ich wurde wie alle anderen durchsucht! Wo hätte ich diese verdammte Diskette denn verstecken können?«
»Eben das störte mich, denn den Namen des Verbrechers kannte ich von Anfang an…«
In diesem Augenblick vernahm ich unten Schritte. Kurz darauf war Lärm zu hören… Wurde die Eingangstür geöffnet?
Ich sprang auf und schlug das Buch zu, ohne zu erfahren, wer die Diskette gestohlen hatte — der Oberst Howard, die Nonne Anastasia, der Hacker Owen oder einer der Musikanten des Sinfonieorchesters. Ich schloss die Tür und lief durchs Zimmer, ohne mich entscheiden zu können, ob ich das Buch an seinen Platz legen oder mit mir nehmen sollte. Ich beschloss es zurückzulegen, öffnete das Buch beim Hineinlegen ins Nachtschränkchen aber schnell auf der letzten Seite: