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»Der Traum ging zu Ende und geriet in Vergessenheit«, sagte Alex nickend. »Das war auch so vorgesehen. Allerdings hatte bereits eine Charakterveränderung stattgefunden. Am wenigsten wirkten diese Träume auf ältere Menschen. Sie hatten bereits viel erlebt, und es war schwer, deren Ansichten zu ändern. Einige überstanden es nicht, wurden verrückt oder versanken in Katalepsie. Dafür veränderte sich die Jugend, besonders die Kinder, deren Charakter noch nicht ausgeprägt war, sofort so, wie Inej beabsichtigt hatte. Also nicht Inej, sondern Inna Snow!«

»Dann ist sie allein an allem schuld?«, fragte Lion, der Alex aufmerksam zuhörte.

Der junge Phag nickte. »Ja, es sieht ganz danach aus. Das gibt es selten in der Geschichte, dass ein einzelner Mensch dermaßen viel Böses anrichten konnte. Wir haben virtuelle Geschichtssimulatoren, die recht zuverlässig sind. Wenn du einen großen Diktator oder einen Gelehrten aus der Geschichte entfernst, verändert sich wenig. So würde zum Beispiel der Zweite Weltkrieg lediglich fünf Tage kürzer sein. Oder an Stelle von Deutschland würde ein anderes Land den Krieg beginnen… Oder Napoleon hätte in Waterloo gesiegt, dafür aber fast seine gesamte Armee verloren und man hätte ihn im Herbst abgesetzt. Alles in allem bleibt das Resultat ziemlich gleich. Als wir jedoch versuchten, Inna Snow herauszunehmen, änderte sich alles. Inej blieb ein normaler, friedlicher Planet. Keine Aufstände, keine Programmierung der Psyche.« Er schwieg und bekannte dann unlustig: »Und es sieht danach aus, dass man Snow nicht töten kann.«

»Wieso das denn?«, wollte ich wissen.

»Es scheint ganz so, als habe sie sich klonen lassen und ihr Gedächtnis den Klonen überschrieben. Also, wenn man eine Inna Snow tötet, erscheint unmittelbar darauf eine andere. Eine identische. Das ist natürlich keine Unsterblichkeit, aber es gibt keinen Machtwechsel.«

»Ich habe gehört, dass der Großvater unseres Imperators ebenfalls ein Klon war«, äußerte Lion. Herausfordernd schaute er zu Alex. »Es gab solche Gerüchte.«

Der Phag rang mit sich und gab dann zu: »Ja. Uns wurde davon erzählt. Aber das war etwas anderes. Der vorherige Imperator konnte keine Kinder bekommen. Deshalb schuf er einen Klon und erzog ihn wie einen Erben.«

»Und wodurch ist er dann besser als Snow?«, fragte Lion aufgebracht.

»Aber er hat ihm doch nicht sein Bewusstsein übertragen!« Alex regte sich auf. »Sein Klon führte eine völlig andere Politik. Unter ihm schlossen wir Frieden mit den Tzygu und überhaupt… Kennt ihr euch denn nicht in Geschichte aus?«

In Geschichte kannten wir uns wirklich nicht besonders aus. Deshalb stritten wir auch nicht.

Trotzdem fuhr Alex fort uns zu belehren: »Persönliche Unsterblichkeit existiert trotzdem nicht. Dafür wäre es notwendig, dass das Bewusstsein eines Menschen ununterbrochen auf seinen Klon überschrieben wird, der Klon dabei keine eigenen Gedanken fassen würde, sondern in Bereitschaft wäre… na, so wie eine Sicherheitskopie für Dateien im Computer. Solche Technologien gibt es nicht und sie befinden sich bestimmt nicht in der Entwicklung…«

In diesem Moment kam Stasj herein. Ich betrachtete ihn bereits als Stasj, ungeachtet der fremden Stimme, des unbekannten Gesichts und des soliden Bäuchleins.

Kaum im Zimmer widersprach er: »Das ist nicht ganz exakt, Praktikant. Eine entsprechende Technologie wurde theoretisch durchgespielt, aber in der Praxis wäre eine technische Revolution erforderlich, um ihre Umsetzung zu ermöglichen.«

Alex nickte und fragte: »Ist alles verbrannt?«

»Alles. Zu Asche. Seid ihr bereit, Kinder?«

Natascha wischte schnell die überflüssige Creme von der Nase.

»Du brauchst dich nicht zu beeilen«, beruhigte sie Stasj. »Ich werde dir jetzt eine Injektion zur Vorbereitung der Anabiose geben. Wir haben wenig Zeit, also benutze ich eine konzentrierte Lösung, du musst es schon ertragen. Aber geh zuerst noch auf die Toilette… Das betrifft übrigens alle! Alex, sieh mal nach, in der Hausapotheke müssten große Pampers sein.«

»Wozu?«, fragte Lion misstrauisch.

»Ihr müsst fast zwölf Stunden ohne Bewegung überstehen. Toiletten sind in Koffern nicht eingebaut, nicht einmal in den teuersten.«

Alex lachte auf und kroch in den Schrank. Natascha wurde knallrot, sagte aber nichts. Erst jetzt wurde mir klar, dass sich Stasj keinen Illusionen hingab. Ein Kamin voller Asche und das eigenartige Verhalten des Oligarchen konnten die Spionageabwehr des Inej verwirren, aber letztlich nicht an der Nase herumführen. Er handelte aufgrund der winzigen Chance, dass Elli wirklich ein Verbindungsglied der Widerstandsbewegung war, die vom Besuch Bermanns erfahren hatte und ihn zu töten beschloss.

Wir vertrauten Stasj blind. Wenn er sich etwas überlegt hatte, dann würde es funktionieren. Er hatte uns ja schon einmal aus Neu-Kuweit gerettet!

Auch Natascha wurde von diesem Optimismus angesteckt.

Glaubte Alexander an einen Erfolg? Ich wusste es nicht. Als Phag konnte er seine Gefühle verbergen.

Also empfanden wir bis auf ein gewisses Unwohlsein nichts, als wir verpackt wurden. Nicht das kleinste Angstgefühl.

Natascha hatte es am besten getroffen. Sie wurde in die Anabiosekapsel gesteckt, die für Alex vorgesehen war. Diese war bequem, sogar gemütlich mit ihrem einseitig durchsichtigen Fenster in Gesichtshöhe. Das Kleid, das sie sich von dem jungen Phagen geliehen hatte, stand ihr, sie sah in ihm einfach großartig aus. Alex erklärte ihr noch, wie man in der Kapsel die Musik einschalten konnte, um sich bequem die Zeit zu verkürzen, aber Stasj schüttelte streng den Kopf und befahl, den Player nicht zu benutzen.

Lion hatte weniger Glück. Er wurde in eine große Tasche gepackt, musste sich aber hinhocken. Damit er nicht hin und her schwankte und die Gepäckträger keinen Verdacht schöpften, stopfte Stasj etliche Kleidungsstücke um ihn herum. Die engen Jeans, die ihm Alex mit einem Grinsen gegeben hatte, passten natürlich nicht über die Pampers. Also hatte Lion in der Tasche lediglich Pullover und Windel an und hockte auf seiner Hose.

Ich bekam den unbequemsten Platz in einem würfelförmigen Koffer, der an eine alte Truhe erinnerte. Hinhocken konnte ich mich nicht, da er zu niedrig war. Hinlegen war unmöglich, der Koffer war zu kurz. Daher legte ich mich auf den Boden und faltete mich wie ein Taschenmesser zusammen.

»Wirst du es überstehen?«, fragte Stasj besorgt.

»Sicher. Ich bin zäh.«

Stasj schüttelte zweifelnd den Kopf und packte allerlei leichte Sachen auf mich. Ich machte mir keine Sorgen, sondern tröstete mich damit, dass es mir gelungen war, meine weiten Sporthosen über die dämliche Windel zu ziehen. Vielleicht entdeckten sie uns doch? In diesem Fall wäre es extrem peinlich, wie ein Säugling in Pampers aus dem Koffer zu klettern…

Das waren natürlich nur dumme Gedanken. Aber in diesem Augenblick lenkte ich mich gerade damit ab, als ob ich nicht verstehen würde, dass bei unserer Entlarvung die beschämende Windel unser kleinstes Problem sein würde.

Über meinem Kopf schnappten die Schlösser zu, um mich herum wurde es dunkel.

Nur durch die kleinen Löcher drangen feine Lichtstrahlen herein.

»Hört aufmerksam zu«, sagte Stasj mit gedämpft klingender Stimme. »Wir werden jetzt die Gepäckträger rufen, das Gepäck wird aufgeladen und zum Kosmodrom geschafft. Verhaltet euch ruhig. Bewegt euch nicht. Atmet gleichmäßig und ruhig. Sprecht kein einziges Wort. Auch wenn euch scheint, dass ihr entdeckt seid, rührt euch nicht. Was immer passiert — unternehmt nichts! Verlasst euch auf mich!«

Er schwieg kurz und fügte dann hinzu: »In sechs Stunden, wenn das Gepäck in die Kajüte gebracht wurde, könnt ihr herauskommen. Wahrscheinlich noch vor dem Abflug. Aber selbst wenn wir es nicht schaffen sollten, euch bis zum Start herauszulassen, wenn man uns beispielsweise als Ehrenpassagiere in die Kapitänskajüte bittet, haltet aus und schweigt. Die Belastungen werden rein symbolisch sein, das ist eine moderne Touristenjacht mit Gravikompensatoren. Zwischen dem Eintreten in den Orbit und dem Zeitsprung wird mindestens eine Stunde vergehen. Wir werden es also schaffen, Natascha vollständig auf die Anabiose vorzubereiten.«