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Manche sagten, er hätte auf Befehl des Lehnsherrn eine Todsünde begangen. Andere hingegen sagten, er hätte aus eigenem Antrieb zum Besten des Lehnsherrn gehandelt. Egal, warum er es getan hatte, Realgar schätzte ihn sehr.

Zaubererblut rann in seinen Adern, und obwohl er selbst kein voll ausgebildeter Zauberer war, kannte er sich in den einfachen Gefilden der Magie soweit aus, daß er kleinere Sprüche wirken und als Realgars Auge und Stimme dienen konnte. Durch seine Augen sah der Lehnsherr; mit seiner Stimme sprach der Lehnsherr.

Sein Name war Agus. Bei den Theiwaren war er als der Graue Herold bekannt. Es wurde gemunkelt, der Graue Herold könnte einem Mann die Kehle aufschlitzen und ihm dabei ins Gesicht lächeln.

In den dunklen Schatten der Gasse zwischen Taverne und Stall wartete Agus jetzt auf Hauk. Am jenseitigen Ende der müllübersäten Straße lagen die Pferche des Stalls und die Schmiede. Dort wartete Ruel, der Begleiter des Grauen Herolds.

Drüben liefen zwei Soldaten der Drachenarmee, beides Menschen, schwankend zu ihrem Quartier. Betrunken, dachte der Graue Herold. Kein Problem für mich.

Aus dem Stall kam das ungeduldige Stampfen eines Pferdes, das gegen seine Box trat. Der Zwerg fühlte das Holz an seinem Rücken bei dem Tritt zittern. Ein Stallbursche fluchte, und das Pferd wieherte schrill.

Die Tür der Taverne ging auf. Licht und Lärm quollen auf die Straße und versiegten dann wieder, als die Tür sich schloß. Der Graue Herold löste sich mit dem Dolch in der Hand von der Stallwand. Hohle, langsame Schritte kamen näher. Weiter unten in der Gasse trat Ruel aus dem Schatten.

Der Graue Herold holte kurz Luft und spähte auf die Straße. Mit gesenktem Kopf ging Hauk nachdenklich von der Taverne weg in die Richtung, die aus der Gasse herausführte. Lächelnd bewegte der Graue Herold blitzschnell die Hand. Im Schatten der Gasse seufzte Magie.

Hauk blieb an der Straßenecke stehen und legte den Kopf schief, als hätte er seinen Namen vernommen. Er sah in die Richtung, aus der er gekommen war, erblickte aber niemanden. Die Straße war leer. Alles, war er jetzt hörte, war das gedämpfte Gelächter aus der Taverne. Der Herold bewegte wieder die Hand, diesmal zu einer komplizierteren Figur.

Obwohl er glaubte, daß er weiter die Straße hinunterging, trat Hauk in die Gasse zurück. Der Schlafspruch des Zwerges wirkte. Der Einäugige bezweifelte, ob Hauk sich überhaupt an den langsamen Fall erinnern würde.

Kelida stellte den letzten Stuhl hoch und tauchte den Schrubber in einen Holzbottich mit schmutzigem Wasser. Jetzt war es still in der Taverne, abgesehen von dem Töpfeklappern in der Küche und Tennys Gefluche, als er die leeren Bierfässer in die Gasse rollte. Mit dem Handrücken strich sie die Haare zurück, die sich aus ihren Zöpfen gelöst hatten. Mit wunden Füßen und wehen Armen vom Tragen der vollen Bierkrüge fühlte sie sich heute nacht müder als je zuvor. Nicht einmal während der Erntezeit, wenn Feld um Feld voll Mais, Weizen und Heu zu schneiden, zu binden und wegzutragen war, hatte sie solche Müdigkeit empfunden.

Ihre Kehle schnürte sich zusammen. Unwillkürlich bildeten sich Tränen hinter ihren Augen. Dieses Jahr würde es keine Ernte geben. Und nächstes Jahr auch nicht. Jemand hatte mit Galgenhumor gesagt, die Höfe wären von der Pest befallen. Der Drachenpest.

Nein, dachte Kelida jetzt, ein einziger Drache. Einer hatte gereicht. Sie würde noch lange, lange Alpträume von jenem Tag haben, an dem der rote Drache zugeschlagen hatte.

Als sie hörte, wie sich die Vordertür öffnete, drehte sie sich um. Ein Herbergsgast, der spät zurückkommt, dachte sie und schaute, wer eingetroffen war. Der Elf, dessen Freund beim Messerwerfen um ihr Leben gewettet hatte, schloß leise hinter sich die Tür. Kelida bückte sich nach ihrem Eimer, woraufhin der Elf mit drei langen Schritten den Raum durchquerte und ihn ihr aus der Hand nahm.

»Laß mich«, sagte er. »Wo kommt das hin?«

Kelida zeigte hinter den langen Schanktisch. »Danke.« Sie ging hinter den Tisch, um zu Ende zu putzen.

Der Elf ließ den Eimer an der Küchentür stehen und kam in die Gaststube zurück. Er stützte sich mit den Ellbogen auf die Theke und sah Kelida schweigend beim Arbeiten zu.

»Das Wirtshaus ist geschlossen«, sagte sie zu ihm, ohne ihre Augen vom Putzen abzuwenden.

»Ich weiß. Ich will gar nichts trinken. Ich suche Hauk.«

»Wen?«

»Hauk.« Tyorl lächelte ein wenig und ahmte einen Messerwurf nach. »Du hast ihn vorhin kennengelernt. Hast du ihn gesehen?«

»Nein.« Kelida schrubbte verbissen an einem klebrigen Weinfleck.

»Scheint dir egal zu sein, ob du ihn jemals wiedersiehst.«

Jetzt blickte sie ihn an. Seine schrägen, blauen Augen blitzten vor Spaß. Im Gegensatz zu seinem kräftigen, muskulösen Freund war dieser Elf groß und dünn. Hauk hatte den festen Schritt eines Bären gehabt. Der hier hatte die Gewandtheit eines Hirsches. Kelida war es unmöglich, sein Alter zu schätzen. Er konnte jung oder alt sein. Bei einem Elfen konnte man das nie wissen.

»Tyorl«, sagte er, als hätte sie ihn nach seinem Namen gefragt.

Kelida nickte. »Ich habe deinen Freund nicht mehr gesehen, seit – seit er heute abend die Taverne verlassen hat.«

»Er ist nicht zurückgekommen, um sein Schwert zu holen?«

»Er hat es mir geschenkt.«

Tyorl zuckte mit den Schultern. »Oh, ja. Hauks Entschuldigungen, wenn er zuviel getrunken hat, sind immer außergewöhnlich.«

Kelida sah ihn rasch an. Plötzlich kam ihr der Gedanke, daß dieses schöne, wertvolle Schwert durchaus aus den Schätzen eines Elfenfürsten stammen konnte.

»War es deins? Er hat gesagt, er durfte es setzen. Aber…«

»Doch, natürlich, es ist seins. Er ist der Schwertkämpfer, junge Dame, ich bin der Schütze. Wen ich etwas anderes brauche, habe ich meinen Dolch.« Tyorl lächelte. »Ich habe ihm das Messerwerfen beigebracht, und ich kann ihn immer noch darin schlagen. Das genügt mir.«

Unwillkürlich lächelte Kelida. »Dieses Schwert ist die halbe Stadt wert.«

»Es ist die ganze Stadt und noch zwei solche Städte wert. Ist er überhaupt nicht zurückgekommen?«

»Nein. Ich – ich habe das Schwert.« Sie hatte es in einen alten Mehlsack eingewickelt und hinter zwei alten Weinfässern im Lagerraum versteckt. Es war Tennys bester Wein, und aus diesen Fässern würde niemand außer ihm zu zapfen wagen. Heute abend hatte er keinen Grund gehabt, dorthin zu gehen. Sie hatte über das Schwert und den Wert, den das Gold und die Saphire darstellten, den ganzen Abend nachgedacht. Vielleicht konnte sie es verkaufen und Langenberg irgendwie verlassen, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wohin sie sich wenden sollte.

»Soll ich es dir holen?«

Er runzelte die Stirn. »Du würdest es mir einfach geben?«

»Was soll ich damit?«

»Es verkaufen.«

Kelida schüttelte den Kopf. »Und was dann?«

»Ich weiß nicht. Hier weggehen.«

»Ich kann nirgends hin. Meine Familie – meine Familie ist tot. Niemand reist allein auf der Straße. Und wenn ich etwas Wertvolles bei mir hätte, würde ich das erst recht nicht tun.« Sie sah ihn forschend an. »Außerdem ist es das Schwert von deinem Freund. Warum willst du, daß ich es verkaufe?«

»Ich will nicht, daß du es verkaufst. Ich bin nur überrascht, daß du es nicht verkaufen willst. Auch gut. Früher oder später wird er es holen kommen.«

Kelida fing wieder an zu wischen. »Ich habe gesagt, er hat es mir geschenkt.«

Tyorl nickte. »Stimmt, unser Freund Hauk hat eine kleine Strafe verdient.« Er stieß sich lächelnd von der Theke ab. »Gib es ihm nicht ganz ohne Widerspruch zurück, Kleine. Laß ihn ein bißchen zappeln, ja?«