Gneiss schenkte dem Gerede kaum mehr Aufmerksamkeit als der Vorstellung, jemand konnte eines Tages den Streithammer von Kharas finden. Aber… wenn die Gerüchte stimmten, konnte Hornfell als Prinzregent den Vorsitz einfordern. Das war etwas, was Realgar niemals hinnehmen würde. Die Machtgier lag dem Theiwar zu tief im Blute.
Nun, Hornfell, dachte Gneiss, ich weiß nicht, ob es ein Königsschwert gibt. Aber ich weiß, daß du den da lieber im Blick behalten solltest. Er könnte eines Tages beschließen, wie lange du noch zu leben hast.
Gneiss lehnte sich vor. »Ich sage euch eines: Beide Seiten haben schwerwiegende Argumente. Richtig, dieser Krieg ist nicht unsere Sache. Wir haben ihn nicht herbeigeführt, wir kämpfen nicht mit. Was die Menschen und die Elfen heraufbeschworen haben, sollen sie selbst austragen.«
Ranze holte Luft, um zu sprechen. Gneiss’ eisiger Blick hieß ihn schweigen, und er fuhr fort: »Aber der Hylar hat recht. Wir können den Krieg ignorieren, aber davon verschwindet er nicht. Und er kommt näher. Die Spione berichten, daß diese Flüchtlinge gerade erst aus Pax Tarkas aufgebrochen sind. Es sind achthundert, und sie sind schwach. Sie stehen noch nicht vor unseren Toren. Vertagt die Sache. Denkt darüber nach. Wir müssen auch allmählich darüber nachdenken, wie wir Thorbardin verteidigen wollen, wenn statt zerlumpter Flüchtlinge die Drachenarmeen die Ebene der Toten überqueren.«
Hornfell, der bis jetzt geschwiegen hatte, sah Gneiss an. Gneiss hätte noch mehr zu sagen gehabt, überließ dies aber freiwillig dem Hylaren.
Als Hornfell sprach, war seine Stimme leise und gleichmütig. »Der Theiwar hat recht. Wir haben Zeit. Aber die wird durch den Takt der Schritte bemessen, die sich unseren Toren nähern. Denkt nach, meine Freunde, denkt gut nach. Ob ihr wollt oder nicht, wir werden bald Verbündete brauchen. Pax Tarkas ist nicht gefallen. Es ist immer noch ein Stützpunkt der Drachenarmee. Verminaard ist nicht tot. Die Sklaven, die er in unseren alten Minen festgehalten hat, sind befreit worden, jedoch nicht von einer Armee. Wenn der Bericht des Spions wahr ist, sind diese achthundert von einer Gruppe befreit worden, die nur aus neun Abenteurern bestand.«
Hornfells Augen verengten sich. Goldenes Fackellicht leuchtete in den Tiefen seines kastanienroten Bartes. »Diese Flüchtlinge sind nach Thorbardin unterwegs, ob erwünscht oder nicht. Macht keinen Fehler… Verminaard weiß Bescheid.«
»Genau«, murrte Ranze, »daran zweifelt niemand. Aber warum willst du sie dann hier aufnehmen?«
Gneiss hörte die Kälte in der Stimme des Hylaren, als dieser entgegnete: »Weil wir Zwerge aus Thorbardin sind, Ranze, und wir treffen unsere eigenen Entscheidungen. Verminaard hat uns nicht vorzuschreiben, wo und wann wir unsere Gastfreundschaft anbieten.«
Abrupt stand er auf und zeigte auf Bulp, der immer noch schnarchte. »Der erste vernünftige Vorschlag, den ich das ganze Jahr von dem Aghar vernommen habe. Es ist spät, und wir sind alle müde. Wir werden uns morgen wieder versammeln.«
Gneiss sah zu, wie Hornfell den Rat verließ. Es war ein altes Recht des Lehnsherrn der Hylaren, die Ratssitzungen zu eröffnen und zu beenden.
Er nutzte dieses Recht nur selten, dachte Gneiss trocken, aber wenn er es tat, dann geschah dies nach dem Motto »Ihr erlaubt doch«. Der Daewar rieb sich nachdenklich den Handballen, als Ranze und Realgar sich ansahen.
Realgar durchwanderte ohne Zögern die finsteren Tunnel unter den Ackerhöhlen. Er trug keine Fackel, mußte sich aber auch nicht seinen Weg ertasten. Er war ein Theiwar, darum machte ihm die Dunkelheit nichts aus, im Gegenteil, er liebte sie. Hier, in der absoluten Schwärze der Tunnel, führte ihn seine hervorragende Nachtsicht. Die riesig erweiterten Pupillen verdeckten die braunen Ränder seiner Iris. Ein schwacher, roter Schein in der Farbe des Steins, nach dem Realgar benannt war, glühte stetig in den Tiefen seiner Augen. Jeder, der in diese Augen sah, mußte an Flammen denken.
Obwohl er es den ganzen Tag versucht hatte, hatte Hornfell den Rat der Lehnsherren noch nicht für sich gewinnen können. Aber er war nahe dran. Es ist ein intrigantes Spiel, dachte Realgar verächtlich, an die heilige Tradition zwergischer Gastfreundschaft zu erinnern. Es war ein Spiel, das aufgehen konnte. Wenige der Ratsmitglieder, wenn überhaupt einer, wollten den achthundert Obdachlosen eine Zuflucht gewähren. Aber keiner würde es gern sehen, wenn sein Recht dazu in Frage gestellt wurde.
Während er tiefer in das Herz des Berges unter Thorbardin eindrang, wurden Realgars Gedanken so finster wie die lichtlosen Gänge.
Er war ein überzeugender Redner, dieser Hylar, der auf die Regentschaft aus war. Wenn er genug Zeit hatte, würde er Gneiss vielleicht überzeugen, mit den anderen Schwachköpfen zu stimmen, um dann die Tore von Thorbardin für die abgerissenen Menschenmassen zu öffnen, die vor einem Krieg flohen, den sie selbst verursacht hatten.
Realgars Fäuste ballten sich zusammen. Mitten in Ranzes giftigem, wütendem Ausbruch hatte der Theiwar die Berührung des Grauen Herolds gespürt. Er hatte gesehen, wie der Graue Herold an einer dreckigen Stallwand in einer regennassen Gasse von Langenberg stand.
Sie hatten den Waldläufer gefunden. Aber nicht das Schwert.
Ranzes Zorn war der Wutanfall eines Kindes im Vergleich zu dem, was Realgar in diesem Moment empfand. Keiner wußte es, keiner sah es. Nicht einmal Gneiss, der ihn so durchdringend anstarrte. Nur der Graue Herold hatte seinen Fluch gehört.
Zuerst hatte er den Waldläufer verfolgt. Als sie dann die Falle für ihn aufbauten, hatte er es noch gehabt. Jetzt war es verschwunden.
Realgar fauchte. Dieser andere Waldläufer, der Elf, mußte es haben!
Oder – wer sonst? Kyan Rotaxt war tot. Hornfells verhätschelter Zauberer und dieser verrückte Schüler von Isarn waren immer noch in der Nähe der Stadt, aber sie wußten noch nichts von Hauk und Sturmklinge. Sie hatten genug damit zu tun, Brek und seinen Wachen aus dem Weg zu gehen. Der Mensch mußte festgenommen und der Elf beschattet werden.
»Bringt mir den Waldläufer«, hatte er Agus mitgeteilt, während er Gneiss anlächelte. »Innerhalb einer Stunde werde ich wissen, wer das Schwert hat.«
Im selben Moment hatte der Graue Herold seine Hände auf den Kopf des jungen Mannes gelegt und die Worte eines Transportzaubers gesprochen. Jetzt warteten Ruel und Agus mit dem Waldläufer Hauk in den Tiefen von Thorbardin.
Der Tunnel wurde breiter. Seine feuchten Wände wichen zurück und schwangen sich zu einer plötzlich hohen Decke empor. Realgar fletschte die Zähne zu einem tödlichen Lächeln, als er eine weite, annähernd runde Höhle betrat. Der Ort war genauso dunkel, wie der Tunnel gewesen war, seine Wände ebenso rauh und naß. Realgar baute sich vor dem Körper des bewußtlosen Waldläufers auf.
Hauk regte sich. Der Theiwar lächelte und vertrieb die beiden Wachen mit einer nachlässigen Handbewegung.
6
In einem Gäßchen hinter der einst besten Geschäftsstraße von Langenberg kniff ein alter Kender im feuchten Nachtwind die Augen zusammen und näherte sich einer verschlossenen Tür. Der Geruch nach verbranntem Holz erfüllte die Gasse, und der Kender nieste einmal und dann noch einmal. Dieser Laden war einer der ganz wenigen unversehrten in dieser Straße. Der Drache hatte ihn – absichtlich oder unabsichtlich – verschont, und nicht einmal die plündernden Soldaten hatten ihn besonders beschädigt. Der Kender hatte Schwierigkeiten mit dem Schloß.
Lavim Sprungzeh war nicht bereit, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, daß er zu alt wurde, um dieses simple Schloß zu überlisten. Er war sechzig, und das war schließlich noch kein Alter. Warum auch. Lavim wußte wie jeder Kender, daß Onkel Fallenspringer erst mit weit über siebzig langsam eingeräumt hatte, daß er nicht mehr der Jüngste war.