Tatsächlich hatte Onkel Fallenspringer angeblich das enorme Alter von siebenundneunzig erreicht, bis ihn schließlich das schreckliche Phantom aus dem Sumpf von Rigar erwischte. Was Lavim anging, so war er sich nicht sicher, ob wirklich irgendein schreckliches Phantom Onkel Fallenspringer ›erwischt‹ hatte. Diese zweifelhafte Geschichte stammte von der Tante der Cousine seines Vaters, und man wußte in der Familie nur zu gut, daß Tante Evalia nie ganz bei der Wahrheit blieb. Lavim hatte immer gehört – vom Neffen der Schwester seiner Mutter, einer viel verläßlicheren Quelle, der über einen Cousin zweiten Grades direkt mit Onkel Fallenspringer verwandt war –, daß es Onkel Fallenspringer war, der das schreckliche Phantom erwischt hatte. Das klang jedenfalls nach einer viel besseren Geschichte.
Der etwas gebeugte und sehr weißhaarige Kender ließ seinen Blick noch einmal über das Gäßchen schweifen, lauschte sorgfältig auf Schritte, hörte keine und wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Hintertür des Ladens zu.
Seine Augen waren nicht schwach, nur dieser ekelhafte Ruß und der Rauch, der jetzt in der Luft von Langenberg hing, machten ihm das Sehen schwer. Wenn seine Hände zitterten, dann war Lavim sich sicher, daß sie es nicht aufgrund seines Alters, sondern vor Hunger taten. Da der Ort, in den er eindringen wollte, ein Bäckerladen war, hielt Lavim es für wahrscheinlich, daß es dort etwas Eßbares gäbe, das niemanden mehr interessierte. Danach würde er das Schloß wieder zuschließen, so daß es noch besser absperrte als vorher.
Er legte den Kopf schief, warf seinen langen, weißen Zopf über die Schulter und ging wieder an die Arbeit. Jeder der dünnen Falten seines runzligen, braunen Gesichts vertiefte sich noch, während er sich konzentrierte. Er lehnte sich leicht gegen die Tür, nicht damit sein langes, spitzes Ohr das Klicken des Schlosses besser hörte, sondern damit er das notwendige Gleichgewicht fand.
Es heißt, daß Augenhöhe für einen Kender aus dem gleichen Grund Türschloßhöhe ist, aus dem ein Backenhörnchen eine Backentasche hat. Ein Drehen des mittleren Bolzens des Schlosses erbrachte das befriedigende ›Klick!‹ einer fallenden Halterung. Ein zweites Drehen, dann ein drittes, und das Schloß verschloß nichts mehr. Offensichtlich sollte dieses Schloß niemanden aussperren, dachte Lavim, als er leise von hinten in den Bäckerladen trat. Für ihn war das eine Einladung.
Auf einem Tisch lag ein kleiner, brauner Brotlaib. Lavim steckte ihn ein und überlegte, wie sich der Bäcker freuen würde, daß jemand seinen Laden vor den Verwüstungen der Mäuse gerettet hatte, die bestimmt bald scharenweise angerückt wären, wenn sie erst einmal herausgefunden hatten, daß hier Futter herumlag. Indem er drei kleine Honigkuchen aus einem nahen Regal entfernte, rettete Lavim den Bäcker vor den Ratten. Er verteidigte den bemitleidenswerten Ladenbesitzer vor Ameisen, als er einen kleinen Beutel mit Kuchenstückchen füllte, und betrachtete seine Arbeit für diese Nacht als abgeschlossen, nachdem er vier kleine Brötchen in die Tasche gesteckt hatte, was dem armen Bäcker eine Invasion von Kakerlaken ersparte.
Als er zufrieden feststellte, daß der Bäcker am anderen Morgen als glücklicher Mann in seinen Laden zurückkehren konnte, schlüpfte Lavim Sprungzeh wieder zurück auf die Gasse, verschloß die Tür und marschierte in die Taverne.
Er fragte sich, ob es in der Taverne wohl immer noch Zwergenschnaps gab. Die gegenwärtige Besatzung – Heimsuchung, hätte sein Vater gesagt – machte diese Möglichkeit hochgradig unwahrscheinlich. Heutzutage gelangte nur wenig Nachschub bis nach Langenberg, und das bißchen wurde von Verminaards Armee beansprucht und vertilgt. Lavim war allerdings ein zuversichtlicher Mann. Sein Vater, der über einen endlosen Schatz an Kendersprichwörtern verfügt und das meiste davon an seinen Sohn weitergegeben hatte, hätte gesagt: »Ein leerer Beutel wird niemals voll, wenn du ihn nicht öffnest.«
Während er einen großen Bissen Honigkuchen kaute, machte sich Lavim, gestärkt vom Optimismus seines Vaters, in die Taverne auf.
Die ganze Arbeit und die guten Taten hatten ihn durstig gemacht, und es würde noch ein paar Stunden dauern, bis der Nachtwächter die Sperrstunde ausrief.
Der Lärm und die Hitze in der Taverne machten Stanach zu schaffen. Der Raum stank nach nasser Wolle und Leder, nach saurem Wein und schalem Bier, das vor langer Zeit verschüttet worden war. Aber das war nicht schlimmer als die Gerüche in manchen Tavernen, die er und Kyan in Thorbardin häufig aufgesucht hatten. Seine bedrückte Stimmung rührte eher daher, ein Fremder unter Fremden zu sein. Im ›Tenny’s‹ waren mehr Menschen, als Stanach je gesehen hatte. Nur ein paar von ihnen, kleine Grüppchen hier und da, schienen sich zu kennen. Andere standen Schulter an Schulter neben ihren Saufkumpanen, doch jeder schien für sich allein zu sein.
Stanach fragte sich, ob es in diesem Gedrängel wohl genug Luft zum Atmen für alle gab.
Wir brauchen mehr Luft in unseren Lungen als du, hätte Pfeifer gesagt. Diese Bemerkung, dachte Stanach, hätte der Zauberer mit seinem schiefen Grinsen begleitet. Stanach wußte nicht, wo Pfeifer war. Er wußte nicht einmal, ob er noch lebte.
Zornig verschmierte er einen Ring aus Bier auf dem zerkerbten Tisch. Pfeifer lebte. Schließlich war er ein Magier, und zwar ein schlauer. Auch wenn er wie ein Hirsch von einem Rudel Wölfe umzingelt war. Aber selbst ein Hirsch kann durchbrechen. An diesem Gedanken hielt er sich fest und betete, daß Pfeifer es genau wie er geschafft hatte, Realgars Leute in den Wäldern abzuschütteln.
Stanach war letzte Nacht bei Sonnenuntergang mit einem kalten Wind im Rücken nach Langenberg gekommen. Als erstes hatte er sich nach einem Schlafplatz umgesehen, dann nach einem Essen. Beides hatte er im ›Tenny’s‹ gefunden.
Essen und ein Zimmer waren nicht alles, was er gefunden hatte. Sturmklinge war tatsächlich in Langenberg. Zumindest’ war es das bis gestern nacht gewesen.
Stanach legte seine Finger an seinen schwarzen Bart und zupfte daran. Als er gestern abend in die Schenke gekommen war, wurde überall von der riskanten Wette eines Waldläufers erzählt: sein Schwert gegen die Geldbeutel von drei Freunden.
Ein hinreißendes Schwert! Mit goldenem Heft und versilbert… fünf herrliche Saphire im Heft…
Riskantes Spiel, dachte Stanach. Ja, riskantes Spiel. Obwohl er den Waldläufer und sein Schwert gesucht und sogar diskret Erkundigungen eingeholt hatte, hatte er letzte Nacht keine Spur von ihm gefunden. Auch heute gab es keinen Hinweis auf Sturmklinge. Das Schwert und der Waldläufer, der beim Messerwerfen darum gewettet hatte, waren wie vom Erdboden verschluckt.
Er war mit einem Elf zusammen gewesen, hatte ein Mann gestern abend erzählt. Stanach nahm einen tiefen Schluck Bier und sah zur Theke. Der einzige Elf, den er gestern und heute hier gesehen hatte, war der große, schlanke Kerl, der jetzt mit der rothaarigen Kellnerin redete.
Stanach betrachtete ihn genauer. Er trug lederne Jagdkleidung und hohe Stiefel. An seiner Hüfte hing ein Dolch, über dem Rücken ein Langbogen und ein voller Köcher. Er trug seine Waffen mit selbstverständlicher Leichtigkeit. Stanach fand, er wirkte wie jemand, der mehr Zeit in den Wäldern als in Tavernen verbracht hatte. Wie ein Jäger. Oder ein Waldläufer.
Der Wirt rief nach dem Schankmädchen. Sein Kommando gellte durch das Stimmengewirr, das Stühlerücken und das Zischen und Knacken des Kaminfeuers. Der Ruf blieb dem Mann in der Kehle stecken. Schlagartig wurde es in der Taverne ruhig. Die Tür war aufgegangen, und der trockene, moderige Geruch von Reptilien erfüllte die Luft.
»Givrak«, flüsterte einer und erstickte fast an dem Namen.
Spontan wollte Stanach die Augen zumachen, er wollte nicht wahrhaben, was sich da durch die schweigende Menge schob. Als Kind hatte Stanach Alpträume über Monster gehabt, die aussahen wie Givrak. Doch er schloß die Augen nicht, sondern sah hin. Instinktiv wußte er, daß man diesen Givrak ganz genau im Auge behalten mußte, und wenn auch nur, damit man wußte, in welche Richtung man im Zweifelsfall rennen mußte.