Wie die Wesen aus Stanachs schlimmsten Träumen war Givrak so hochgewachsen wie ein großer Mensch, hatte breite Schultern und den Kopf eines Reptils, flach und mit einem knochigen Kamm. Auf seinem Rücken waren breite Flügel mit Krallen zusammengefaltet. Im Gegensatz zu den Figuren aus seinen Alpträumen trug Givrak ein Kettenhemd. Von seinem Platz an einem Ecktisch nahe der Tür konnte Stanach nicht feststellen, wo die Rüstung aufhörte und die schuppige Haut des Drakoniers anfing. Seine muskelbepackten Beine schienen nicht zum Laufen bestimmt, auch wenn sich Givrak auf seinem Weg zur Theke ganz gut auf ihnen hielt. Schlimmer aber waren seine schwarzen Augen.
Weder Gnade noch Mitleid hatten sich je in diesen Augen geregt.
Der Drakonier hob die Hand. Das Licht des Kaminfeuers und der kleinen Laternen glitzerte und tanzte über das Kettenhemd und die Haut.
Der Drakonier bewegte sich langsam wie eine Schlange, die sich entrollt. Stanach war noch nicht lange in der Stadt, aber nach zwei Nächten und einem Tag wußte er bereits, daß ein schlechtgelaunter Drakonier in Langenberg nicht oft abzog, ohne Schaden anzurichten.
Im ganzen Raum regte sich niemand. Der Lappen des Wirts hing wie eine schlaffe, schmutzige weiße Fahne in seiner Hand. Überall saßen und standen die Männer absolut still herum. Der Ort stank nach Angst. Stanachs Schwert lag quer auf dem Tisch. Er schob seine Hand näher an das Heft.
Das Schankmädchen, dessen Gesicht so totenbleich war, daß die Sommersprossen auf ihren Wangen wie Fieberflecken hervortraten, holte erschreckt Luft. Bei dem Geräusch drehte sich Givrak um.
Der viehische Drakonier roch die Angst des Mädchens. Seine schmale, gespaltene Zunge zuckte um seinen lippenlosen Kiefer. Stanachs Finger schlossen sich um den Schwertgriff.
Mit langsamen, geschickten Bewegungen löste sich der Elf von der Theke. Sein ungespannter Bogen würde ihm nichts nützen, aber seine rechte Hand hing nah an seinem Dolch. Ganz kurz bemerkte Stanach den kalten, blauen Blick, mit dem der Elf ihn rasch und befriedigt einschätzte. Der Zwerg sah zu dem Mädchen. Ihre Augen hatten die Farbe von Smaragden und waren vor Furcht weit aufgerissen.
In diesem Moment schlenderte der Kender Lavim Sprungzeh in die Taverne. Er trug eine enge, hellgelbe Hose, weiche, braune Stiefel und einen schwarzen, unförmigen Mantel, der ihm fast bis zu den Knien reichte. Der alte Kender hatte sein langes, weißes Haar zu einem dicken Zopf geflochten. Ein zartes Runzelmuster ließ sein Gesicht wie das eines uralten, stupsnäsigen Kindes erscheinen. Er sah den Drakonier sofort, griff aber nicht nach dem Hupakstock auf seinem Rücken. Statt dessen marschierte er gezielt auf ihn zu, wischte sich die Hände an seiner gelben Hose ab und spähte zu Givrak hoch.
»Na also«, seufzte er. »Weißt du, daß ich die ganze Stadt nach dir abgesucht habe?«
Furchtlos, diese Kender, dachte Stanach, als er sah, wie der Atem des Mannes nur ein ganz klein wenig stockte, als Givrak sich zu ihm umdrehte. Aber, vielleicht auch nicht.
Der Drakonier runzelte die Stirn, was so abartig und furchtbar erschien, wie Stanach es noch nie gesehen hatte. »Nach mir, du kleiner Dieb?«
Der Kender zuckte bei dieser groben Beleidigung mit keiner Wimper, sondern grinste nur. Seine Stimme war weich und erstaunlich tief für so einen Winzling. »Ja, nach dir. Da ist jemand, der auf dich wartet, und er hat mich losgeschickt, um dich zu suchen.«
»Wer?«
Der Kender zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, wer er ist. Er hatte eine rote Rüstung an und trug einen großen Helm. Du weißt schon, der Helm sieht genauso aus wie ein Drachenkopf. Er hatte Hörner und ein Visier, das wie Fangzähne aussieht. Na ja, jedenfalls finde ich, daß er wie ein Drache aussah – der Helm, natürlich. Ich habe noch nie einen echten Drachen gesehen außer dem roten, der jeden Tag hier herumfliegt. Aber der fliegt immer so hoch, daß ich sein Gesicht gar nicht richtig erkennen kann und – «
Givrak knurrte. Der Kender seufzte, anscheinend über die Ungeduld und die schlechten Manieren des Drakoniers.
»Jedenfalls hat er irgendwas über Truppenbewegungen oder den Drachenfürsten oder so was gesagt.«
Givrak zischte. Genau wie jeder andere im Raum erkannte er in der Beschreibung Karvad, den Hauptmann, der die Besatzungstruppen in Langenberg kommandierte. Und wenn er Karvads Ruf noch mißachten konnte, den des Drachenfürsten jedenfalls nicht. Keiner wußte heutzutage, wo Verminaard, dem der Verlust von achthundert gefangenen Sklaven noch weh tat, seine Wut als nächstes auslassen würde. Der Drakonier fauchte wieder und drehte sich dann um, wobei er einen Tisch aus dem Weg trat. Krüge und Kelche fielen auf den Boden. Er schlug die Tür so laut zu, daß die Wände wackelten.
Einen Augenblick war die Taverne noch still. Dann begann das gedämpfte Gemurmel wieder anzuschwellen und verschmolz rasch zu einer Woge von ängstlichen und ärgerlichen Stimmen.
Das Schankmädchen kam um die Theke gelaufen, um den Schaden aufzuräumen. Stanach hob einen Kelch und zwei Krüge auf und reichte sie ihr. »Das war knapp, Mädel.«
»O ja«, sagte das Mädchen mit immer noch weißem Gesicht. »Ich glaube, ich habe gerade mein Glück für das ganze Jahr aufgebraucht.«
»Wenn ja, dann ist es gut angelegt.«
Das Mädchen zitterte noch, als es zustimmend lächelte.
Stanach drehte sich wieder zu seinem Tisch um. Dort hatte sich der Kender einen Stuhl genommen. Mit einem Boten für einen Offizier der Drachenarmee, dachte Stanach, möchte ich den Tisch nicht teilen. Er stand auf, um sich einen anderen Platz zu suchen, als der Kender ihn heranwinkte. Die Augen des Alten waren so grün wie Frühlingsblätter und strahlten vor unterdrücktem Vergnügen.
»Komm, setz dich zu mir. Du bist genau der, den ich gesucht habe.«
Stanach musterte den Kender vorsichtig, prüfte, ob seine Wertsachen sicher verstaut waren, und setzte sich wieder. Er war neugierig.
»Mich, Kender? Ich dachte, du hättest Givrak gesucht.«
Der Kender zuckte mit den Schultern. »Nein, eigentlich nicht. Givrak, sagst du? Heißt er so? Als ich hereinkam und ihn sah, fand ich, es wäre besser für alle Anwesenden, wenn er irgendwo eine Verabredung hätte.« Er grinste. »Sie behaupten, ich werde alt, aber mein Denken ist immer noch jung.«
Stanach lachte. »Das ist wohl wahr. Aber kannst du auch weiter denken?«
Der Kender legte den Kopf schief. »Was meinst du damit?«
»Was geschieht, wenn Givrak zu seinem Hauptmann kommt und herausfindet, daß überhaupt nicht nach ihm geschickt wurde?«
»Oh.« Die Falten um die langen, grünen Augen des Kenders verzogen sich kurz zu einem Stirnrunzeln. Aber das Lächeln war hartnäckiger. »Ich hatte gehofft, Givrak würde mindestens ein paar Stunden brauchen, bis er ihn aufspürt und das herausfindet.«
»Genau, das hoffst du. Vielleicht solltest du schnell reden, nur für alle Fälle. Warum hast du mich gesucht?«
»Ach, nicht unbedingt genau dich. Einfach einen Zwerg. Mein Vater sagte immer, wenn du Zwergenschnaps trinken willst, dann halt dich zuerst an einen Zwerg. Der sagt dir, ob er gut ist. Gibt es hier Schnaps, und ist er gut?«
Stanach sah den kleinen Kender zweifelnd an. Ein guter Becher Zwergenschnaps ließ bekanntlich gestandene Menschen umkippen. Dieser dürre, gebrechlich wirkende Kender sah nicht aus, als könnte er auch nur einen Schluck des kräftigen, klaren Getränks vertragen.
Stanach zuckte mit den Schultern. Der Gedanke war überflüssig. In dieser Taverne gab es nur Bier und dünnen Elfenwein. »Kein Tropfen«, sagte er. »Du mußt dich mit Wein oder Bier begnügen. Wie heißt du, Kender?«
»Lavim Sprungzeh.« Der Kender streckte die Hand aus. Stanach, der an den Ring seines Vaters dachte, den er am Finger trug, nicht zu erwähnen die Kupfernieten am Ärmel seines Lederhemds, schüttelte Lavim nicht die Hand, sondern lächelte.
»Stanach Hammerfels aus Thorbardin. Ich geb dir einen aus, was immer du willst, Lavim Sprungzeh, und wir wünschen uns heimlich Zwergenschnaps statt dessen.«