Das mußte reichen. Lavim bot an, die Krüge zu holen, doch Stanach schüttelte den Kopf. So wie Lavim Sprungzeh aussah, war er schon lange genug auf der Welt, um einem Drachen die Zähne aus dem Rachen stehlen zu können. Ein Gang durch den Schankraum, und die Besitzer der fehlenden Geldbeutel, Dolche, Taschenmesser, Armbänder und Reorx weiß, was noch, würden ihn nur zu gern an seinem langen, weißen Zopf vom nächsten Dachsparren baumeln sehen.
Stanach holte die Getränke selbst. Als er an die Theke kam, nickte der Elf ihm zu, eine Bestätigung dessen, was sich kurz zwischen ihnen abgespielt hatte, als Givrak es vorhin auf das Schankmädchen abgesehen hatte. Stanach erwiderte das Nicken. Jetzt war weder Zeit noch Ort dafür, doch er wußte, wenn er den Elf auf das Thema Sturmklinge ansprach, hätte er eine Chance, endlich Antwort auf seine Fragen zu bekommen.
Stanach dankte dem Schicksal, das den Drakonier Givrak in die Taverne geführt hatte.
Lavim Sprungzeh spähte auf den sich rasch nähernden Boden seines vierten Bechers Bier und erleichterte ganz nebenbei einen vorbeigehenden Städter um seinen Beutel. Er dachte intensiv nach, weshalb er gar nicht richtig merkte, daß er die Börse geschnappt hatte, und sehr erstaunt war, als Stanach ihm seine große, vernarbte Hand unter die Nase hielt.
»Gib das her«, sagte der Zwerg mit fester Stimme.
Lavim zog eine Augenbraue hoch. »Gib was her? Oh, das hier?«
»Genau das.«
Lavim hielt den weichen Lederbeutel hoch und sah aus, als könnte er gar nicht so recht verstehen, wie er dazu gekommen war. »Wie nachlässig von dem Mann, daß er ihn einfach verloren hat.« Lavim wog den Beutel in der Hand. Er war voller Münzen, die erfreulich klimperten, als er die Börse von einer Hand in die andere warf.
Stanach fing die Börse aus der Luft. Er drehte sich um, klopfte dem Städter an die Schulter und hielt ihm die Börse hin.
Der Mann riß ihm den Beutel aus der Hand. Er wollte anfangen zu schimpfen, sah jedoch etwas Gebieterisches in der Miene des Zwergs, so daß er nur ein widerwilliges Danke murmelte. Stanach nickte und widmete sich wieder seinem Bier.
Er denkt nicht über Bier nach, befand Lavim, aus irgendeinem Grund beobachtet er diesen Elf an der Theke.
Selbst der unaufmerksamste Kender riecht ein Geheimnis auf eine Meile. Lavim Sprungzeh beobachtete Stanach so sorgfältig wie der Zwerg den Gesprächsfetzen lauschte, die um ihn herumschwirrten.
Obwohl Stanach bereitwillig für alles aufgekommen war, was der Kender trinken wollte, manchmal das Mädchen gerufen hatte, manchmal selbst zur Theke gelaufen war, hörte er Lavims Geschwätz nur abwesend zu und antwortete nur abwesend. Lavim wurde still. Er betrachtete das Feuer, das in dem rauchigen Amethystring an Stanachs Finger glühte und von dem kleinen Silberring an seinem linken Ohr blitzte.
Nichts an Stanach schien zusammenzupassen. Der Ring ließ Lavim an jemanden denken, der mit Reichtum ganz selbstverständlich umgeht; der Ohrring beschwor Bilder von Wegelagerern und Banditen herauf. Das bärtige Gesicht des Zwergs hatte erst einen grimmigen, abweisenden Ausdruck gehabt. Dann wiederum gab es Momente, wo er vergaß, daß er grimmig aussehen wollte, wo die Verwundbarkeit der Jugend seine kohlschwarzen, blaugesprenkelten Augen sanfter wirken ließ.
Dieser Stanach, dachte Lavim, ist jetzt ruhiger als am Anfang, wie ein fest verrammeltes Haus. Verschlossene Dinge, verriegelte Dinge – das reizte Lavim am meisten.
Lavim beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf den Tisch und fing an, auf – wie er glaubte – subtile Weise nach dem Geheimnis zu forschen. Bei Stanachs Schwert setzte er an. Das Heft war einfach und schmucklos. Die Stelle, wo der Handschutz auf den Griff traf, war nicht glatt angesetzt, doch soweit Lavim sehen konnte, war das der einzige Fehler an der Waffe.
»Ich sehe«, sagte Lavim, als wäre ihm das gerade erst aufgefallen, »daß du keine Axt als Waffe hast.«
Stanach nickte.
»Ich erwähne das nur, weil ich nicht sicher bin, ob ich schon einmal einen Zwerg ohne Axt gesehen habe.«
»Die meisten von uns bevorzugen Äxte.«
»Aber du hast ein Schwert. Es ist schon irgendwie ein abgenutztes, altes Ding, hm? Nicht, daß es keine gute Klinge ist, natürlich. Bestimmt ist es das, aber ich wundere mich halt.«
»Es ist alt.«
»Hat es vielleicht deinem Vater gehört?«
Stanach sah ihn mit scharfem, mißtrauischem Blick an. »Es gehört mir.« Dann, als wäre ihm die Kurzangebundenheit dieser Antwort klar geworden, lächelte er etwas. »Ich habe es selbst gemacht.«
»Du bist ein Schwertschmied! Natürlich, das hätte ich an deinen Händen erkennen können. Die ganze Haut ist voller Narben. Von der Esse, nicht?«
»Richtig.«
»Hast du viele gemacht? Dauert es lange, ein Schwert zu schmieden? Du hast bestimmt auch Dolche gemacht, wetten, und eine Menge anderer Sachen. Hast du schon mal eine Axtklinge gemacht? Es heißt, daß eine Zwergenklinge das Beste ist, was man finden kann, und – «
Stanach lachte aus voller Brust. Gestatte einem Kender eine Frage, und du kannst dein Leben lang nicht die tausend anderen beantworten, die folgen! »He, immer langsam, Lavim Sprungzeh. Ja, ich habe viele Schwerter gemacht. Das hier war mein erstes. Die Klinge ist gut, die Balance vielleicht nicht so gut, aber ich bin daran gewöhnt. Und, ja, auch Dolche und Äxte.«
Lavim schaute wieder die Hände des Zwergs an, die jetzt um seinen leeren Krug gefaltet waren. Während manche Narben schon weiß waren, waren andere frischer. Eine – eine lange Brandwunde am rechten Daumen – sah noch ganz neu aus. Die rührte nicht von einem Lagerfeuer her.
Als hätte er seine Schmiede gestern erst verlassen, dachte Lavim. Aber Thorbardin war Hunderte von Meilen entfernt. Und trotzdem war er hier. So wie er aussah, war er ein Hylar aus dem Herrscherclan von Thorbardin. Lavim wußte, daß die ihre Berge so gern verließen wie ein Fisch das Wasser.
Langenberg war fest unter Verminaards Hand. Ember, der rote Drache des Drachenfürsten, flog täglich über die Stadt. Wer nicht während der Schlacht um die Stadt umgekommen war, konnte gerade so eben überleben. Warum sollte irgend jemand – außer ihm natürlich – nach Langenberg kommen? Lavims Neugier war wie der Funken auf Zunder.
Was würde einen Zwerg aus der Sicherheit von Thorbardin an diesen gottverlassenen Ort führen?
Es war keine Zeit mehr für Fragen. Ein Spektakel vor der Tür und schließlich ein Wutschrei brachten die Taverne zum Schweigen.
»Givrak!« Stanach ergriff den Arm des Kenders und riß ihn auf die Beine. »Schnell weg, Lavim. Er ist zurück, und wen außer dir sollte er suchen?«
Lavim zuckte nur mit den Schultern. »Vielleicht.« Seine grünen Augen tanzten vor Bosheit, als er sich setzte. »Ich kannte mal einen Drakonier, der konnte sich nie merken, wonach er gerade suchte. Das hat ihn entsetzlich geärgert, wie du dir vorstellen kannst. Nach einer Weile wurde er knallrot, auch wenn er, genau genommen, vielleicht gar kein Drakonier war – «
»Wenn du nicht abhaust, wird alles Bier, was du noch trinkst, durch dich hindurchlaufen wie durch ein Sieb, Kender. Es muß eine Hintertür im Lagerraum geben Geh jetzt, geh.«
»Aber – «
»Geh!« Stanach schubste den Kender durch den halben Wirtsraum zur Theke hin.
Lavim stolperte, fing sich und sah sich um. Wer versteht schon einen Zwerg? Eine Minute trübselig, die nächste gesellig, dann ganz plötzlich und völlig ohne Grund wie Donner und Blitz! Er machte sich zu der Tür hinter der Theke auf. Nicht aus Angst vor Givrak – Angst war ihm gänzlich fremd –, sondern weil Stanach die Sache so wichtig schien.
Zwerge, dachte er. Immer ein bißchen empfindlich. Das machen all die Jahrhunderte allein in den Bergen.
Er grinste das Schankmädchen breit an. Ein großer Elf, dessen blaue Augen vor Belustigung glänzten, ergriff Lavims Arm und zerrte ihn durch die Tür in einen Lagerraum.
»Los, Kender«, flüsterte er, »und hör erst auf zu rennen, wenn du aus der Stadt raus bist!«