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Lavim wollte irgendwo hinrennen. Er wurde hinten ausschlüpfen, weil das anscheinend allen so wichtig war, aber er würde Stanach nicht vergessen. Der Kender steckte einen Spundzapfen, eine kleine Flasche Wein und verschiedene andere, interessante Dinge ein und schlüpfte gerade durch die Hintertür auf die Gasse, als Givrak durch die Vordertür hereinkam und etwas über einen ›gottverdammten, lügenhaften Kender‹ brüllte, der länger gelebt hatte, als ihm oder irgend jemand anders guttat.

7

Givrak, der Drakonier, war gerade intelligent genug, um Befehle auszuführen und gelegentlich eine einfache Strategie zu entwickeln. Da er heute wenig Befehle bekommen hatte, verwendete er einen beträchtlichen Teil seines beschränkten Denkvermögens auf die Frage, wie er sich an dem Kender rächen sollte, der ihm letzte Nacht einen giftigen Raunzer von Karvad eingebrockt hatte, den er aus dem Schlaf gerissen hatte.

Givrak war der Meinung, daß die Haut des Kenders sich gut an einer Stalltür machen würde.

Der Drakonier hatte zwei Einheiten Soldaten unter sich. Die weckte er frühmorgens mit dem Befehl, die drei einzigen Straßen aus der Stadt abzuriegeln und ihn dann bei der Durchsuchung von Langenberg zu begleiten. Givrak war sich sicher, daß er den Kender bis zum Einbruch der Dunkelheit finden würde.

Als er die Straßen von Langenberg durchstreifte, wurde Givraks Zorn zu bösartiger Vorfreude. Er würde sich amüsieren. Er kannte ein Dutzend Arten, einen Kender umzubringen, und selbst bei der schnellsten Methode endete das Schreien nicht vor Ablauf von zwei Tagen.

Dem kalten Morgenwind aus dem Tal gelang es nicht, die rußige Luft von Langenberg zu klären. Kelida, die aus der eigentlichen Stadt herausgegangen war, kam es so vor, als würde die graue Luft nie wieder sauber werden. Sie stolperte, zerrte an dem Schwert, das gegen ihr Bein schlug, und versuchte, den Gurt mit der Schneide bequemer um die Taille zu schlingen. Ungeduldig seufzend fragte sie sich, wie jemand so etwas Sperriges tragen und dabei noch laufen konnte.

Sie hatte versucht, es zu tragen, und fand das zu schwierig. Bei jedem Schritt war ihr das Schwert entweder aus der Scheide gerutscht oder hatte sich schmerzhaft in ihre Arme gegraben. Blödes Ding! Sie würde froh sein, wenn sie es wieder los war. An der ersten Biegung der breiten Straße blieb sie stehen und zerrte wieder an dem Gurt. Ihr Rock verzog sich an der Taille und beulte so aus, daß ihre Bluse an der Schnalle hängenblieb und zerriß.

Blödes Schwert! Sie wollte es nicht haben und würde es nicht behalten. Alles, was es ihr einbrachte, waren zerschundene Beine und zerrissene Kleider. Tyorl mußte das Ding einfach zurücknehmen. Von seinem verrückten Freund Hauk hatte sie seit der Nacht, wo er ihr das verwünschte Ding gegeben hatte, nichts mehr gesehen. Wo er auch war, an seinem verdammten Schwert war er anscheinend nicht mehr interessiert.

Oder an mir, dachte sie kläglich. Ob er das überhaupt je gewesen war? Als er ihr das Schwert geschenkt hatte, war er betrunken gewesen. Wahrscheinlich war er irgendwo herumgestreunt und ein paar Soldaten der Drachenarmee in die Arme gelaufen. Dann wünschte er sich jetzt bestimmt sein Schwert zurück!

Kelida erschauerte, teilweise von der Kälte, teilweise von dem Gedanken, daß Hauk sein Schwert vielleicht wirklich brauchte. Sie sah sich um. Hinter der Kurve führte die Straße in einem langen, steilen Weg ins Tal. Von hier konnte Kelida das Tal jedoch nicht sehen. Auch die Straßensperre von Karvads Soldaten konnte sie nicht sehen, aber sie wußte, daß sie da war. Wie an jeder der drei Straßen, die nach Langenberg hineinführten, war sie bei Tagesanbruch aufgebaut worden. Aus irgendeinem Grund hatte es geheißen, daß niemand heute Langenberg verlassen durfte. Irgendein armer Mensch war den Besatzern aufgefallen.

Kelida wollte weder den Hof sehen, in dem sie früher gelebt hatte, noch die Soldaten, die das Tal verwüstet hatten.

Der einzige, den ich sehen will, dachte sie, ist Tyorl!

Er hatte Tenny eine Nachricht hinterlassen, daß er nach ihr Ausschau hielt. Er verließ Langenberg und wollte vorher noch außerhalb der Stadt mit ihr reden. Kelida war ein bißchen traurig gewesen, als sie die Nachricht erhielt. Wenn der Elf ging, mußte das bedeuten, daß er nicht mehr damit rechnete, seinen Freund Hauk hier in Langenberg zu finden. Sie hätte zwar gern Gelegenheit gehabt, sich ein bißchen an dem jungen Mann zu rächen, aber sie hätte es auch begrüßt, seine brummige Stimme noch einmal zu hören.

Kelida schnallte das Schwert ab und ließ die Waffe in den Aschestaub auf der Straße fallen. Der Wind trug einen saftigen Fluch und schallendes Gelächter von der Straßensperre heran. Kelida würde nicht weitergehen. Sie setzte sich auf einen flachen Findling, zog die Knie an, legte ihr Kinn auf die Unterarme und starrte auf die schwarzen Felder jenseits der Straße.

Hier um die Stadt herum war das Drachenfeuer wählerisch gewesen. Östlich der Straße war eine schwarze Wüste. Der Westrand jedoch bot immer noch Anzeichen von Leben. Das Wäldchen aus schlanken, silbernen Birken oben auf dem Hügel war fast unberührt. Riedgras, mit seinen herbstlichen, rotgoldenen Kolben, hing am Straßenrand herunter. Weiße Taubnesseln hatten ihre Blüten in kleinen Ringen abgeworfen, als ob sie den Winterschnee ankündigen wollten. Hier und da zeigte sich sogar noch gelber Lein.

»Also gut«, flüsterte sie dem Schwert auf der Straße zu. »Ich bin da. Wo ist er?«

In seinen Jagdkleidern mischten sich die Farben des Schattens und die der Birken. Kelida hielt erschrocken die Luft an, als Tyorl urplötzlich unter den Bäumen hervortrat.

»Genau hier, Kelida.« Er lächelte und zeigte mit dem Daumen auf das Schwert. »Was macht das denn hier?«

Kelida atmete aus. »Wo sollte es sonst sein? Wenn du gehst, wirst du es mitnehmen wollen.«

»Er hat es dir gegeben.«

Begriffsstutziger Elf! »Ich will es nicht mehr. Ich wollte es nie. Was soll ich damit? Ich kann es nicht verkaufen, ich kann es nicht benutzen, ich kann es nicht einmal tragen! Kannst du es nicht bitte einfach nehmen, fortgehen, wohin du willst, und mich in Ruhe lassen?«

Tyorl warf einen kurzen Blick hinunter zur Straßensperre und gebot ihr zu schweigen. »Immer mit der Ruhe, Kelida. Ich gehe fort, und darüber wollte ich mit dir reden.« Er wies auf das Birkenwäldchen. »Komm hier herüber. Ich will das nicht vor der halben Drachenarmee sagen.«

Sie zögerte, entschied dann aber, zu tun, was er sagte. Das Lächeln war von seinem Gesicht verschwunden, seine Stimme war leise und drängend. Kelida hob das Schwert auf und ließ sich in den Schatten der Bäume ziehen.

»Hör zu«, flüsterte er. »Hör gut zu. Ich weiß nicht, wo Hauk ist. Ich weiß nicht, was ihm zugestoßen ist, aber ich weiß, daß er nicht mehr in der Stadt ist.« Er machte eine Pause. »Du weißt, daß wir Waldläufer sind.«

Kelida nickte.

»Unser Anführer ist ein Mann namens Finn. Er und unsere Gruppe warten auf unsere Rückkehr. Ich kann nicht länger hierbleiben.«

»Du willst ihn einfach im Stich lassen?«

Ärger flammte in den Augen des Elfen auf. Zu spät erkannte Kelida, daß ihre Frage einer Beleidigung gleichkam.

»Nein, Kelida. Ich werde nicht aufhören zu suchen. Es liegt weites Land zwischen Langenberg und den Vorbergen. Ich werde unterwegs ständig nach Hauk Ausschau halten. Aber ich muß zu Finn zurück.« Er zeigte auf das Schwert in ihren Händen. »Bitte behalte es. Es kann sein, daß Hauk zurückkommt und nach mir und dem Schwert sucht. Sagst du ihm dann, wo ich hingegangen bin?«

»Aber – «

Tyorls Finger schlossen sich mit einem starken Griff um ihr Handgelenk. »Kelida, es wird Zeit, daß ich Langenberg verlasse. Hauk und ich haben diejenigen, die sich für uns interessierten, davon überzeugen können, daß wir Jäger sind. Wenn ich länger bleibe, wird es bestimmt jemandem auffallen, daß ich hier nicht viel gejagt habe. Als nächstes werden sie darauf kommen, daß ich ein Waldläufer bin.«