Angst kroch Kelida den Rücken hoch. Sie stellte die Frage, bevor ihr klar wurde, daß es vielleicht nicht klug wäre, die Antwort zu wissen.
»Wo willst du hin?«
Tyorl zögerte nur kurz. »Zur Südgrenze von Qualinesti. Finn hat da einen Auftrag für uns. Es tut mir leid, daß du das Schwert den ganzen Weg hier raus geschleppt hast. Ich wünschte, ich könnte es für dich zurücktragen, aber ich kann mich nicht länger aufhalten.«
»Was ist mit der Straßensperre?«
»Was soll damit sein? Finn würde mir die Haut abziehen, wenn ich nicht ein paar halbbesoffene Kröten der Drachenarmee umgehen könnte.« Er nahm ihr das Schwert aus der Hand. Kaltes Sonnenlicht glitzerte auf den Saphiren, die wie Eis glänzten. »Er hat es beim Messerwerfen gewonnen.«
»Das überrascht mich nicht.« Kelida lächelte. »Er zielt gut.«
Tyorl lachte. »Allerdings. Hebst du es für ihn auf?«
Der Wind schien kälter zu werden. Kelida dachte an die Berge im Süden von Qualinesti, wo es im Winter regnerisch und trostlos war. Dann dachte sie an Hauk und fragte sich, wo er wohl war, warum er ein so wertvolles Schwert und einen so guten Freund wie Tyorl zurückgelassen hatte.
Schließlich schoß ihr durch den Kopf, ob Hauk nicht einfach in der Nacht verschwunden war und die Waldläufer verlassen hatte. Verstohlen sah sie Tyorl an.
Nein, das würde der Elf nie in Betracht ziehen. Kelida erschauerte und nahm das Schwert. Wie sperrig es war! »Ich hebe es auf.« Sie zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde, dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küßte ihn leicht auf die Wange. »Viel Glück.«
»O ja, wir werden beide etwas Glück brauchen, was?« Er lächelte. »Danke.«
Er nahm sie am Arm und ging mit ihr zur Straße zurück. Da sie mit dem Waffengurt kämpfte, merkte Kelida nicht, daß ihnen der Weg versperrt wurde, bis der Griff des Elfen fester wurde. Sie sah auf.
Drei Soldaten, ein Mensch und zwei Drakonier, standen auf dem Pfad zur Straße. Einer von ihnen grinste, wobei seine gelben, lückenhaften Zähne zum Vorschein kamen. »Ein süßer Abschied«, sagte er gedehnt. Mit einem Wimpernzucken verabschiedete er Tyorl, dann hingen seine Augen verlangend an Kelida.
Kelida drehte sich der Magen um.
Lavim Sprungzeh rannte wie ein Kaninchen, das weiß, daß es für den Hund zu schnell ist und deshalb das Tempo und die Jagd genießt. Lachend führte er die vier Drakonier mit gesenktem Kopf die eine Straße hoch, die nächste runter, durch eine Taverne und durch die Hintertür wieder raus. Seine brüllenden und fluchenden Verfolger hörten sich an wie lebendige Schrotthaufen, wenn ihre Schwerter beim Laufen gegen ihre Rüstungen knallten.
Er verdrückte sich in eine rußige Gasse. Nachdem er behende über einen Zaun gesprungen war, rief er den vieren wüste Beschimpfungen zu, als sie, behindert durch Waffen und Rüstungen, wütend versuchten, ihm hinterherzuklettern. Noch bevor der erste Drakonier herunterkam, hatte sich Lavim zwischen eine klamme Ziegelwand und ein Faß voll Abfall gequetscht. Er war kaum außer Atem.
Den ersten ließ Lavim vorbei. Es war der zweite, der ihn am meisten interessierte. Das war nämlich Givrak, und Lavim war sicher, daß er gleich vorbeikommen würde.
Als Givrak mit gezücktem Schwert, auf dem das Morgenlicht glänzte, vorbeirannte, schoß Lavims Hupak zwischen die Beine des Drakoniers und ließ ihn auf den ersten Verfolger stürzen. Der dritte, der nicht mehr anhalten konnte, stolperte über die ersten beiden, und der vierte konnte demselben Schicksal nur entgehen, indem er sich gegen die Wand auf der anderen Seite warf.
Lavim krümmte sich vor Lachen und kletterte über das Faß und die drei ineinander verstrickten Drakonier. Pfeilschnell schoß er zwischen den Beinen des vierten durch und lief auf die Straße. Er flitzte um die weiten Röcke einer Frau, duckte sich unter einem Pferd hindurch und fegte über die Straße. Hinter ihm verrieten ihm die Flüche der Drakonier, daß sie sich aufgerappelt hatten und die Verfolgung wieder aufnahmen.
Lavim kannte die Straßen und Abkürzungen von Langenberg, wie das nur einem Kender oder einem Gassenkind möglich ist. Er rannte zu einem Lagerhaus, das bei der Einnahme der Stadt halb abgebrannt war, und sammelte unterwegs Kiesel und lose Pflastersteine von der Straße auf. Soviel Spaß hatte er nicht mehr gehabt, seit er vor einer Schnee- und Steinlawine einen Berg im Khur hinuntergerannt war, immer nur zwei Meter voraus. (Die zwei Meter waren seine Schätzung. Ish, der Gnom, der damals bei ihm gewesen war, behauptete, daß es eher eine Viertelmeile gewesen war, und daß die Lawine überhaupt keine Lawine war, sondern ein kleiner Schneerutsch, und daß das alles nicht in den Bergen, sondern an einem sanft abfallenden Hügel stattgefunden hatte.)
Das Lagerhaus war riesig, einen halben Block lang und breiter als jedes andere Gebäude in der Stadt. Hier hatte man einst Handelsgüter aller Art aufbewahrt: Mehl, Weizen, Mais, sogar Ballen mit schneeweißer Wolle. Von allem, was zur Zeit des Feuers hier gelagert hatte, war nur noch Asche geblieben.
Lavim flitzte in das Gebäude, dem das Dach fehlte. Er patschte durch schwarze Regenpfützen voll Asche zu der Treppe hinten im ersten Stock. Givrak und seine Soldaten polterten hinter ihm her. Sie stießen Flüche und Drohungen aus und scheuchten die Leute wie Hühner vor einem Hagelsturm auseinander.
Das Gebäude war von Brandgeruch durchzogen. Am Fuß der Treppe verharrte der alte Kender. Es gab immer noch ein Obergeschoß, zumindest einen Teil davon. Es schob sich wie ein Heuboden von der Treppe aus vor, schwarzgerändert und zersplittert und nur über die halbe Breite des Gebäudes. Von diesem Balkon aus würde er völlig ungestraft die Steine feuern können, die er aufgesammelt hatte.
Während er ein paarmal tief Luft einatmete, betrachtete Lavim die Treppe. Er beschloß, daß ein leichtfüßiger Kender es wagen konnte, und machte sich auf den Weg nach oben. Doch er beeilte sich, immer nach dem Motto, daß ein leichter, schneller Schritt die jetzt schon knackende Treppe weniger belasten würde als ein schwerer, vorsichtiger. Als er die Hälfte der Stufen geschafft hatte, den linken Fuß oben, den rechten unten, stöhnte die untere Stufe und brach dann splitternd ein.
Lavim reagierte schnell. Er warf sich gegen die Wand und griff haltsuchend nach oben. Da war kein Halt. Wie ein einstürzendes Kartenhaus brachen die oberen Stufen vom Obergeschoß ab. Lavim kreischte, sprang und erwischte den zersplitterten Rand des Bodens.
Als seine Hände sich an das morsche Holz klammerten und der Rest von ihm an ausgestreckten Armen über dem Abgrund baumelte, dachte Lavim, daß es jetzt besser für ihn wäre, wenn Kender Flügel hätten.
Er verlor fast den Halt, als ein hartes, bellendes Gelächter vom Erdgeschoß aus erschallte. Givraks Reptilienaugen glitzerten unheilvoll in dem grauen Licht. Seine dünne, schlangenhafte Zunge zuckte, als er zu dem Kender hochlachte.
Sein Leben lang hatte Lavim einem sicheren Ziel nicht widerstehen können. Er verdrehte sich und spuckte zwischen seinen Ellbogen hindurch. Obwohl er früher stolz auf seine Zielsicherheit gewesen war, hatte sie ihn in letzter Zeit im Stich gelassen. Jetzt aber tat sie das nicht. Er traf Givrak genau zwischen die Augen. Der Wutschrei des Drakoniers hallte durch das leere Lagerhaus.
Lavim wich der silbernen Flugbahn eines geworfenen Dolches aus und zog sich hoch. Er schlang eine Hand um einen verbrannten, wackligen Pfosten. Er zog, merkte, wie der Pfosten etwas nachgab, und ließ die Hand wieder auf den Boden fallen.
Givrak lachte grimmig und kalt. »Gib’s auf, du kleine Ratte! Du kannst nirgends hin, und ich habe etwas mit dir zu bereden.«
Lavim wand sich wieder, bekam ein Knie hoch, um dann zurückzurutschen. Die geschwächten Balken des Obergeschosses ächzten.
Metall schlug auf Holz. Der Drakonier zog seine Rüstung aus. Lavim, dessen Neugier nicht einmal versiegen würde, wenn er kurz davor stand, in die düsteren Schrecken des Abgrunds zu fallen, sah wieder hinunter. Givraks Rüstung lag als roter Metallhaufen auf dem Boden. Sein Kurzschwert steckte zwischen langen, fangzahnbewehrten Kiefern. Seine weiten, knochigen Lederflügel mit ihren Krallen falteten sich mit groben, ungelenken Bewegungen auf. Die anderen drei traten grinsend zurück. Sie witterten das Ende der Jagd.