Выбрать главу

Es sind Gleitflügel, erinnerte sich Lavim, und Drakonier können nicht richtig fliegen. Das weiß doch jeder…

Givrak konnte nicht fliegen, doch er hatte dicke, kräftige Beine, mit denen er höher springen konnte, als es sich selbst Lavim hatte vorstellen können. Beim ersten Sprung griff die lange Klauenhand des Drakoniers nach dem wackligen Pfosten, an dem Lavim hing, verfehlte ihn jedoch.

Beim zweiten Mal, als seine schwarzen Flügel kräftig nach unten schlugen, erwischte Givrak den geborstenen Rand des Bodens mit der einen Hand und nahm mit der anderen das Schwert aus dem Maul.

Jetzt beeilte sich der Kender. Er zog beide Knie bis ans Kinn, warf sich herum und schmiß sich auf den knarrenden Boden. Givrak hievte sich mit gräßlichem Lachen ebenfalls hoch.

Das Kaninchen war nicht mehr so sicher, daß es den Spürhund abschütteln konnte.

Lavim zog seinen Dolch aus dem Gürtel und stieß wild zu. Die Klinge verwundete den harten, schuppigen Arm des Drakoniers nur wenig. Lavim stach abwärts durch Givraks linken Flügel, duckte sich unter dem Riesenarm des brüllenden Untiers hindurch und zog dann die Klinge durch den rechten, ledrigen Flügel des Drakoniers wieder hoch. Eine riesige Klauenhand ergriff Lavims Handgelenk und verdrehte es brutal. Die betäubten Hände des Kenders ließen den Dolch fallen.

Mit dem Überlebenswillen seiner Art rammte Lavim Givrak das Knie in den Bauch. Als der Drakonier aufheulend zusammensackte, zog Lavim so fest wie möglich das zweite Knie unter Givraks Kinn hoch. Seine Zähne knallten aufeinander, und der Kopf schnellte hoch. Lavim riß seine Hand los, schnappte sich seinen Dolch und flitzte los.

Er konnte nirgends hin.

Wo früher Wände gewesen waren, waren jetzt nur noch feuergeschwärzte Balken und Pfosten und dann der Himmel. Ein Zugbalken ragte wie ein schwarzer Finger aus der Seite des Gebäudes heraus. Darunter waren die kalten, harten Pflastersteine der Straßen von Langenberg. Lavim blieb stehen und drehte sich um. Der hinkende Drakonier mit seinen zerrissenen Flügeln kam drohend auf ihn zu. In seinen schwarzen Reptilienaugen stand Mordlust geschrieben.

Kender denken nicht oft, aber wenn sie es tun, denken sie schnell. Lavim Sprungzeh wartete gerade lange genug, bis Givrak etwas schneller geworden war, dann rannte er in den Himmel hinaus.

Stanach hatte den Elf seit dem Morgen vergeblich gesucht. Mit dem Kender war das etwas anderes. Von dem hörte Stanach überall.

Der Küfer, der Hufschmied, der Kerzenmacher, alle fluchten über ihn. Der Küfer wollte seinen kleinen Dechsel zurück. Der Hufschmied schwor, er würde Lavim Karvad ausliefern, wenn er nicht bis Mittag seinen Stempel und seine Meißel zurückhätte. Der Kerzenmacher verfluchte sein schlimmes Los, daß er die Beutezüge der Armee überlebt hatte, nur um dann zu sehen, wie seine letzten Waren von einer Kenderplage hinweggerafft wurden.

Stanach versuchte nicht, dem Mann zu erklären, daß ein einzelner Kender wohl kaum eine Plage darstellen konnte. Wortklaubereien hingen, was Kender betraf, davon ab, auf welcher Seite des Tresens man stand.

Immer noch auf der Suche nach Tyorl kreuzte der Zwerg Lavims Weg beim Fleischer, beim Gerber und beim Töpfer. Ein Junge hatte den Kender durch ein Gäßchen über die Straße in eine Taverne flitzen sehen. Dort hörte er, daß Lavim wirklich in der Taverne gewesen war, aber nur kurz. Er wurde von Drakoniersoldaten verfolgt.

Givrak! Es konnte niemand anders sein. Stanach dachte an Tyorl und das Schwert. Mit jeder Stunde nahm die Wahrscheinlichkeit ab, daß der Elf wußte, wo das Schwert war. Aber er war Stanachs einzige Spur. Wenn diese Spur sich als ergebnislos erwies, würde er bald woanders suchen und zu Pfeifer zurückkehren müssen.

Der Kender konnte bestimmt auf sich selbst aufpassen. Das konnten Kender meistens. Genau, dachte Stanach dann, aber wenn sie ihn fangen? Er wollte nicht daran denken, was mit Lavim passieren würde, wenn der Drakonier ihn erwischte.

»Verdammter Kender!« murrte er. Er beschloß, er könnte auch gleichzeitig nach Kender und dem Elf Ausschau halten.

Das nächste, was Stanach hörte, war, daß Lavim mit fliegendem weißem Zopf und höchster Geschwindigkeit auf ein ausgebranntes Lagerhaus zugerast war, immer noch verfolgt von den Drakoniern. Widerstrebend prüfte Stanach den Sitz seines Schwertes und ging zu dem Lagerhaus.

Er näherte sich dem schwarzen Skelett des Hauses von der anderen Straßenseite. Das Lachen einer Spottdrossel – oder eines Kenders – kam keckernd von oben.

Stanach sah gerade rechtzeitig hinauf, um Zeuge zu werden, wie ein Drakonier wild zappelnd aus dem offenen Obergeschoß des Lagerhauses stürzte. Die Kreatur breitete ihre nutzlosen, von einem Dolch zerfetzten Lederflügel aus und schrie. Wenn er tiefer gefallen wäre, hätte Stanach den Wind durch diese Risse pfeifen hören können. So aber hörte er nur den Aufschlag, als der Drakonier auf den Boden knallte, das kratzige Knacken der Schuppen und Knochen auf dem Pflaster. Und Lavims spöttisches Keckern.

Stanach überquerte mit gezogenem Schwert die Straße und drehte den Drakonier mit dem Fuß um. Es war Givrak.

Stanach erschauerte. Noch während er den Drakonier erkannte, wurde Givraks Leichnam zu Stein. Klopfenden Herzens wich Stanach vor dem Ding zurück. Er hatte Geschichten davon gehört, was mit den Körpern toter Drakonier passierte, hatte bisher jedoch nur die Hälfte davon geglaubt.

Lavim lehnte sich über den Rand des Gebäudes. »Stanach! Schön, dich wiederzusehen! Ist er tot? Er hat die Löcher in seinen Flügeln vergessen. Kleinigkeiten, sagte mein Vater immer, werden früher oder später sehr wichtig und – Holla! Stanach! Paß auf!«

Givraks drei Kumpane, die den Schrei ihres Hauptmanns gehört hatten, kamen gegenüber von Stanach aus der Tür gestürmt. Ohne innezuhalten, sprangen sie über ihren toten Anführer, dessen steinerne Leiche jetzt zu Staub zerfiel, und griffen den Zwerg an.

Bei einem guten Waffenschmied wie Stanach endete das Wissen über seine Waffe nicht bei ihrer Herstellung. Er war kein Krieger, hatte nicht die instinktiven Reaktionen eines Kämpfers. Aber er kannte seine Waffe von Grund auf, und eine Klinge in seiner Hand war etwas Tödliches. Dem ersten Angreifer hackte er den Schwertarm ab und ließ ihn heulend auf den Knien auf der Straße sitzen. Ihm fiel auf, daß die Wesen bei einer Verwundung nicht zu Stein wurden.

Stanach verschwendete keine Zeit damit, darüber nachzudenken. Er trieb die anderen beiden mit dem Rücken gegen das Lagerhaus, wobei sein Schwert wie ein silberner Blitz die Luft durchschnitt. Er führte die Klinge mit beiden Händen, als wäre sie eine Axt. Jede Bewegung seiner Gegner wurde von singendem Stahl abgeblockt. Da er um einige Handspannen kleiner war als seine Angreifer, stand Stanach automatisch unter ihrer Deckung und nutzte diesen Vorteil sooft wie möglich aus. Einer der Drakonier stolperte, und während er versuchte, sich zu fangen, erhob Stanach sein Schwert zum Schlag.

Als Stanach sich mit hoch erhobenem Schwert eine Blöße gab, sprang der zweite Drakonier von links heran und hätte den Zwerg sauber aufgeschlitzt, hätte ihn nicht ein faustgroßer Stein hart am ungeschützten Halsansatz getroffen und wie einen Schlachtochsen gefällt.

»Stanach! Paß auf, daß dein Schwert nicht in ihnen stecken bleibt! Der Körper wird die Klinge einschließen, bis sie zu – hinter dir! Duck dich!«

Stanach gehorchte, und eine Klinge pfiff einen Fingerbreit über seinem Kopf durch die Luft. Wieder flog ein Stein, traf jedoch daneben. Stanach kam auf die Beine und drehte sich noch rechtzeitig um, um den Stoß eines Drakonierschwerts mit seinem eigenen abzufangen. Der Drakonier zischte. Mit gefletschten Zähnen, tropfendem Maul und zuckender, roter Zunge warf er sein ganzes Gewicht auf Stanach.

Stanachs Klinge wich zurück. Ihr rasiermesserscharfer Rand war nur noch einen Fingerbreit von seinem Hals entfernt. Der Schwertgriff rutschte ihm aus der schweißnassen Hand. Sein Angreifer hatte den Vorteil der Größe auf seiner Seite und drückte Stanachs Klinge mit seiner eigenen mit voller Kraft herunter. Doch er würde erst nachgeben, wenn ihm die Muskeln von den Knochen rissen. Grimmig straffte Stanach seinen Rücken für einen letzten Stoß.