Von oben kam ein wildes Gekecker, Lavims Lachen. Wieder kam ein gezieltes, mörderisches Geschoß geflogen und traf Stanachs Gegner ins Auge.
Der nächste ging daneben. Eine scharfe Steinkante erwischte Stanach am rechten Ellbogen und betäubte seinen Arm bis zum Handgelenk. Ihm fiel das Schwert aus der nutzlosen Hand.
Während sein Herz ihm schmerzhaft bis zum Hals klopfte, warf sich Stanach herum, kniete sich aufs Pflaster und tastete nach seiner Waffe. Er war davon überzeugt, daß er den tödlichen Stahl zwischen seinen Schultern spüren würde, bevor er es erwischt hatte. In einem Atemzug verfluchte er die mangelnde Treffsicherheit des Kenders und hauchte ein Gebet zu Reorx. Im gleichen Moment rief Lavim eine hastige Entschuldigung und schmiß einen weiteren Stein von oben.
Der Drakonier geriet unter dem einsetzenden Steinhagel ins Taumeln. Lavim juchzte. »Auf ihn, Stanach! Nein! Da kommen noch mehr! Schnell fort, Stanach! Hau ab!«
Stiefel mit Stahlsohlen rannten donnernd über das Pflaster. Vier weitere Drakonier bogen am oberen Ende der Straße um die Ecke. Stanach ergriff mit der Linken das Schwert, rappelte sich auf und winkte Lavim.
»Runter mit dir, Kender!«
Das hätte Lavim gern getan, aber er wußte nicht, wie. Flügel, dachte er, Kender brauchen wirklich Flügel! Er kroch auf den Zugbalken hinaus und klammerte sich mit beiden Händen an. Dann ließ er sich lang hinunterbaumeln, warf einen Blick auf Stanach da unten und schrie: »Fang!«
Stanach konnte den Fall des Kenders nur bremsen. Sie stürzten auf einen Haufen von Armen und Beinen zusammen. Knie und Rücken prallten auf die Steine. Stanach zerrte Lavim auf die Beine, wobei er hoffte, daß die meisten Knochen des Kenders noch heil waren. Mit Lavim an der Hand, rannte Stanach schneller als je zuvor.
Tyorl stellte sich vor Kelida.
Die Augen des Soldaten verengten sich. Seine Finger schlossen sich um das Heft seines Schwerts.
»Genau«, sagte der Soldat, während seine Finger unentwegt auf das Heft klopften. »Ein süßer Abschied. Du wolltest doch nicht etwa verschwinden, Elf?«
Der Drakonier stieß ein kurzes, scharfes Lachen aus. »Ich glaube, das wollte er, Harig. Was du gesehen hast, war bestimmt der Abschiedskuß der Kleinen.«
Tyorls Hand sehnte sich nach einem Schwert. Kelida sah mit vor Angst geweiteten Augen auf. Ihr Atem ging schnell vor Furcht, und der Puls an ihrem Hals raste.
»Ich wette, sie wird den Elf schnell vergessen, wenn er tot ist, Harig. Glaubst du, du wirst mit ihm fertig?«
»Mit dem Elf?« Harig schnaubte. »Meine Klinge hat schon früher Elfenblut gekostet. Sie ist zwar dünn und alt, aber es wird schon gehen.«
Tyorl ergriff Kelidas Schulter und schob sie beiseite, während er sich Hauks Schwert schnappte. Gleichzeitig zog auch Harig sein Schwert. Die beiden Drakonier hielten sich zurück. Keiner versuchte sich einzumischen, aber ihre Augen waren rot und hungrig.
Harig fletschte grinsend seine lückenhaften, gelben Zähne. »Was meinst du, Elf? Ist sie ein bißchen Blut wert?«
Der Wind frischte auf und pfiff über den Rand des Hügels. Der verbrannte Gestank des Todes stieg aus dem Tal hoch. Am Heft von Hauks Schwert blitzten und tanzten die Saphire einen Juwelentanz zum unhörbaren Lied des Lichtes.
Tyorl nahm eine lockere Haltung ein und hob sein Schwert, als wäre er nicht der Verteidiger, sondern der Angreifer. »All euer Blut«, sagte er mit einer so kalten, leisen Stimme, wie sie nur Elfen haben, »würde nicht einmal einen Teil ihres Wertes ausmachen.«
Tyorl sah in Harigs verhangenen, braunen Augen, daß er zuschlagen wollte. Hauks Schwert fuhr hoch und stieß fest zu. Beide Soldaten heulten auf, und Kelida schrie. Harig war tot, bevor er auch nur zucken konnte.
Tyorl reagierte schnell. Er griff nach Kelidas Handgelenk und zog sie zu sich hin. Wieder hob er herausfordernd die Klinge, diesmal in Richtung auf die beiden übrigen Wachen. »Ihr könnt genauso sterben, wenn ihr wollt.«
Mit gezogenen Schwertern nahmen ihn die Soldaten in die Mitte. Sie zischten, was Tyorl an Schlangen erinnerte, die zuschlagen wollten. Als sie auf ihn eindrangen, betete er zu lange vernachlässigten Göttern, daß sein Prahlen Wirklichkeit würde.
Stanach und Lavim kamen gut voran. Die verfolgenden Drakonier allerdings auch. Der Kender hatte seinen Kopf nach unten gebeugt, und seine kleinen Beine rannten aus Leibeskräften. Drei Lederbeutel und zwei Stoffsäckchen an seinem Gürtel hüpften wild auf und ab, während er lief. Jetzt keuchte Lavim wie ein alter Blasebalg und verschwendete keine Luft mehr zum Lachen, auch wenn Stanach immer noch Gelächter in seinen leuchtenden, grünen Augen sah. Lavim rannte aus reiner Freude über das wütende Fluchen der Drakonier.
Als einer ihrer Verfolger in einer schlammigen Pfütze ausrutschte und zwei der anderen über ihn fielen und entsetzliche Flüche über die Straße schrien, wurde Lavim langsamer. Er wollte sehen, wie sie zappelten und sich aufrappelten. Stanach ergriff den Arm des Kenders und zerrte Lavim geduckt hinter sich her in eine Seitengasse. Lavim sprang über zerbrochene Fässer, die nach saurem Wein stanken. Stanach konnte das nicht und kam erst aus dem Matsch hoch, als die Drakonier brüllend in die Gasse stürmten. Stanach rannte.
Sein Herz pochte in seiner Brust. Seine Beine wurden schwer wie Blei, und das Stechen in seiner Seite drohte ihn bei jedem Schritt umzuwerfen.
Als sie sich der letzten Kehre näherten, bevor die Straße aus der Stadt führte, um ihren steilen Abstieg ins Tal zu beginnen, schrie eine Frau entsetzt und schrill auf. Weder der Zwerg noch der Kender konnten bremsen, selbst wenn sie gewollt hätten. Sie waren an der Biegung, bevor die Echos des Schreis im Tal verklungen waren. Lavim hielt Stanach am Arm fest, brachte ihn zum Stehen und zeigte geradeaus.
Stanach fluchte. Der Elf, den er den ganzen Morgen gesucht hatte, kämpfte gegen zwei Soldaten der Drachenarmee um sein Leben. Von seiner rechten Schulter und vom Gesicht lief Blut. Auf der Straße klaubte das Mädchen aus der Taverne Steine auf. Alles was sie fand, warf sie auf die Drakonier. Obwohl sie gut zielte, waren ihre Geschosse dem Elf keine Hilfe, weil sie harmlos von der Rüstung ihrer Gegner abprallten. Was machte sie überhaupt bei dem Elf?
Mit dem Rücken zum felsigen Rand des Grats schwang der Elf beidhändig und recht gekonnt sein Schwert. Aber Lavim wußte, daß Können nicht gegen Überzahl und einen Klippenrand half. Der Elf konnte sich unmöglich gegen die beiden Drakonier behaupten. Wenn er nicht danebentreten und über den Rand stürzen würde, würde ihn eine Drakonierklinge töten.
In der Überzeugung, daß jeder, der gegen Drakonier kämpfte, nur ein Freund sein konnte, stieß Lavim einen begeisterten Schlachtruf aus und warf sich im Hechtsprung auf einen der Angreifer des bedrängten Elfen. Soldat und Kender fielen zu Boden.
Stanach ging vorsichtiger und überlegter vor. Im Gegensatz zu Lavim hatte er seine Verfolger nicht vergessen. Jeden Moment würden vier weitere Drakonier um die Ecke biegen. Ein Kender, ein Mädchen, ein blutender Elf und ein ausgelaugter Zwerg würden kaum etwas gegen sechs von Karvads Leuten ausrichten können. Zwei tote Drakonier hingegen, die auf der Straße zu Staub zerfielen, würden die anderen vier vielleicht lange genug aufhalten, um ihnen eine gewisse Chance zur Flucht zu geben.
In diesem Moment wünschte sich Stanach nichts sehnlicher, als weit weg von Langenberg zu sein. Er duckte sich unter dem Arm des Drakoniers durch und stieß tödlich nach oben zu. Er zog sein Schwert genau in dem Moment zurück, als der Elf auf die Knie sank und seine Klinge klirrend auf den Boden fiel.