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Der Elf war verwundet, aber längst nicht so schwer, daß er nicht den Dieb einer so kostbaren Waffe durch einen Wald verfolgen konnte, den er von Kindheit an kannte, während er Stanach völlig fremd war. Welchen Fluchtweg Stanach auch mit Sturmklinge einschlug, er konnte nur damit enden, daß ein Pfeil seinen Hals durchbohrte und Sturmklinge wieder verloren war.

Nein, dachte er grimmig, laß es doch das Mädchen noch ein Weilchen tragen, bis ich mich entschieden habe, was ich machen werde.

Darum folgte Stanach Tyorl, obwohl er in dem sonnenlosen Wald vor Kälte zitterte. Er war zu nahe dran gewesen, um zuzusehen, wie Sturmklinge im tiefen, dunklen Elfenwald verschwand.

Lavim, der neben Tyorl entlangtrottete, schaute auf. Seine grünen Augen glitzerten: »Nicht besonders viele Geister, was?«

Tyorl lächelte nachsichtig. »Hast du Geister erwartet, Kenderchen?«

»Und Phantome und Schreckgespenster, obwohl ich glaube, daß das wahrscheinlich alles dasselbe ist. Man hört alle möglichen Geschichten über die Gegend hier. Das ist doch irgendwie komisch, findest du nicht? Ich meine, sie sagen, daß es keinen Weg mehr hinaus gibt, wenn man erst mal drin ist, und dann erzählen sie diese ganzen Geschichten über Wesen ohne Herz, ohne Seele, vielleicht sogar ohne Kopf! Wie können sie das wissen – «

»Lavim, halt den Mund«, warnte Stanach. Als Lavim sich umdrehte und Stanachs finstere Miene sah, klappte sein Mund tatsächlich zu.

Kelida, die während ihrer ganzen Flucht aus Langenberg geschwiegen hatte, hielt trotz der sperrigen Last von Sturmklinge mit den anderen Schritt. Sie sagte nichts, aber die Schatten zogen wie Alpträume über ihr weißes Gesicht. Stanach fing ihren Ellbogen ab und stützte sie.

»Nun sag schon, Tyorl«, grummelte er, »spukt es hier wirklich, oder willst du uns bloß Angst einjagen?«

Tyorl hielt an und drehte sich um. Seine Augen blinzelten schläfrig. »Hier spukt es nicht mehr als anderswo auf Krynn.«

Mit einem Achselzucken in Kelidas Richtung wich Lavim vom Pfad ab. Er fragte sich, was Kelida Kummer machte, und hoffte, er würde sich später noch daran erinnern, sie zu fragen. Auf jeden Fall war das hier der Elfenwald, und mit etwas Glück – auch wenn Tyorls Antwort ausweichend gewesen war – würde es hier spuken. Lavim erforschte das Dickicht und die tiefen, schwarzen Schatten und überlegte, welche Gestalt der Spuk wohl annehmen würde. Aus der Sicht des Kenders ging es allmählich wieder bergauf.

Sie wanderten noch eine Stunde, bis der rote Mond untergegangen war und der silberne nur ein matter, geisterhafter Schein hinter tiefhängenden Wolken war. Dann machte Tyorl an einem Eichenhang endlich halt. Als Lavim sich freiwillig für die erste Wache meldete, hatte keiner etwas dagegen.

Tyorl humpelte zum Fluß, um die Schnitte in seinem Gesicht und die lange Fleischwunde an seiner Schulter auszuwaschen. Stanach sammelte Holz und machte das Lagerfeuer an. Lavim hatte bei seiner Erkundung Jagdglück und kehrte mit zwei prächtigen Fasanen zurück. Kelida schlief ein, bevor die Vögel gerupft waren.

Der kalte, feuchte Wind tanzte mit den Flammen und brachte die kahlen Zweige darüber zum Knacken und Knarren. Stanach stocherte im Feuer herum, während er den zunehmend bewölkten Himmel betrachtete.

»Es wird noch vor Tagesanbruch regnen«, sagte er. Tyorl stimmte zu. Eine Eule glitt tief, gerade außerhalb des Feuerscheins, als flügelschlagender Schatten vorbei. Jenseits des Flusses bellte ein Fuchs. Neben einer kleinen Birkengruppe lief Lavim als Wache auf und ab. Weder Stanach noch Tyorl erwarteten, daß der Kender lange auf seinem Posten bleiben würde, und beide hielten sich in unausgesprochenem Einverständnis wach.

Tyorl lehnte mit dem Rücken an einem Baumstumpf und streckte seine Beine neben dem Feuer aus. Mit vollem Bauch hatte er sich in geradezu friedlicher Stimmung am warmen Feuer niedergelassen. Mit einem faulen, wissenden Lächeln sah er Stanach an, während er mit dem Daumen an seinem Kinn entlangfuhr.

»Sag schon, Zwerg.«

Stanach sah überrascht vom Feuer auf. »Was soll ich sagen?«

»Das, womit du schon den ganzen Abend herumdruckst. Das, was du jedesmal sagen willst, wenn du Kelidas Schwert ansiehst. Es ist eine schöne Klinge, und du fragst dich bestimmt, wie sie dazu kommt.« Tyorl nickt zu Kelida hin. Im Schlaf lag ihre eine Hand unter ihrem Kopf, die andere auf dem Schwert. »Du hast zweifellos gemerkt, daß sie nicht gut damit zurechtkommt.«

»Und wie ist sie dazu gekommen?«

»Ist das die Frage?«

»Eine davon«, sagte Stanach trocken.

»Rechtmäßig, denke ich. Es war ein Geschenk.«

»Wer hat es ihr geschenkt?«

»Spielt das eine Rolle?«

Stanach beobachtete, wie die Flammen aufloderten und an den Nußbaum- und Eichenscheiten leckten. Tyorls Herausforderung war nicht böse gemeint. Trotzdem verlangte sie nach einer angemessenen Antwort. Er kämmte nachdenklich seinen schwarzen Bart mit den Fingern. Er erinnerte sich an Pfeifers Warnung: Tu, was du tun mußt, um das Schwert zu bekommen. Er seufzte.

»Es spielt eine größere Rolle, als dir klar ist.« Der Zwerg wies auf das Schwert unter Kelidas Hand. »Es heißt Sturmklinge.«

Alte braune Blätter knisterten auf der Lichtung, raschelten an den Steinen am Flußufer und flüsterten im Unterholz. Einen Augenblick lang durchbrach das Licht des roten Mondes die Wolken davor und färbte die Schatten tiefviolett. Tyorl beugte sich vor.

»Hübscher Name. Woher weißt du das?«

»Ich habe es mir nicht einfach ausgedacht, wenn es das ist, was du denkst. An der Stelle, wo das Heft sich mit dem Stahl verbindet, ist das Zeichen des Schmiedes, der es gemacht hat: ein Hammer, der von einem Schwert zerteilt wird. Isarn Hammerfels aus Thorbardin hat die Klinge geschmiedet, und er hat sie getauft. Es ist noch ein rauher Fleck am Heft, wo die Versilberung nicht geglättet wurde. Sieh nach, wenn du an mir zweifelst.«

»Ich kenne beides. Du hast mir immer noch nicht geantwortet, Freund Stanach. Was spielt es für eine Rolle, wer Kelida das Schwert gegeben hat?«

»Das Blut von guten Freunden ist für Sturmklinge vergossen worden. Und das von Feinden. Ich kenne vier, die bei dem Versuch starben, es zu erlangen. Einer, ein Zwerg namens Kyan Rotaxt, wurde erst vor zwei Tagen getötet. Er war mein Vetter.«

Tyorl lehnte sich wieder an den Baumstumpf. Plötzlich erinnerte er sich an die beiden Zwerge im ›Tenny’s‹, und wie sie deutlich interessiert das Messerwerfen verfolgt hatten.

Weder Hauk noch die Zwerge waren seit diesem Abend in Langenberg gesehen worden. Es hatte keinen Grund gegeben, die Zwerge mit Hauks Verschwinden in Verbindung zu bringen. Bis jetzt. »Weiter«, sagte er.

Stanach hörte die Schärfe in seiner Stimme und versuchte, sie nicht zu beachten. Der hier würde die ganze Geschichte hören wollen.

»Ich bin kein guter Erzähler, Tyorl, und ich werde es kurz machen. Dieses Schwert wurde vor zwei Jahren in Thorbardin geschmiedet und ist gestohlen worden. Mein Lehnsherr Hornfell und ein anderer, Realgar, haben seitdem danach gesucht. Vor kurzem kam die Nachricht, daß Sturmklinge wieder aufgetaucht war. Ein Waldläufer hätte es, und er sei zuletzt in Langenberg gesehen worden.«

»Es ist doch nur ein Schwert, Stanach.« Tyorl schnaubte. »Man tötet mit einem Schwert, nicht dafür.«

»Für dieses töten sie. Es ist ein Königsschwert. Ohne dieses Schwert kann niemand über die Zwerge herrschen.« Stanach zuckte mit den Schultern. »Der Zwerg, der Sturmklinge besitzt, regiert Thorbardin.«

»Ein guter Grund, es haben zu wollen – für dich selbst.«

Er ist aus der Außenwelt, ermahnte sich Stanach, und hat keine Ahnung, wovon er redet. Der Zwerg versuchte, geduldig zu erklären. »Es würde mir überhaupt nichts nutzen. Ich bin ein Schwertschmied, sonst nichts. Ich habe keine Armeen hinter mir wie Realgar. Ohne einen Haufen Soldaten im Rücken würde ich eine ziemlich mickrige Revolution auf die Beine bringen, oder?«