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Tyorl zuckte mit den Schultern. »Ich wette, dein Hornfell hat einen Haufen Soldaten.«

»Das hat er.«

»Dienst du ihm?«

»Er ist mein Lehnsherr«, sagte Stanach einfach. »Ich habe dabei geholfen, das Schwert für ihn herzustellen. Ich war dabei, als – als Reorx den Stahl berührte.« Lange starrte er auf seine Hände und betrachtete die Narben auf seinen Handflächen. »Das ist seit dreihundert Jahren nicht mehr vorgekommen, Tyorl. Ohne die Berührung des Gottes ist kein Schwert ein Königsschwert. Ich sollte – ich sollte es bewachen. Ich habe mich nur einen Moment umgedreht…«

»Und es verloren.«

Stanach sagte nichts mehr, bis der Elf ihn drängte, fortzufahren.

Es war eine merkwürdige Geschichte. Tyorl hatte einige Schwierigkeiten damit, die Wege der Zwergenpolitik zu begreifen, aber es fiel ihm nicht schwer, zu begreifen, daß Sturmklinge für Stanach und für die beiden Lehnsherren, die das Schwert suchten, mehr als ein wunderbares Kunstwerk war. Es war ein Talisman, der Thorbardins zerstrittenen Rat der Lehnsherren einigen würde.

Tyorl hörte genau zu, wobei er sich fragte, ob die Zwerge wußten, daß Verminaard in diesem Moment Pläne schmiedete, um Truppen der Drachenarmee in die östlichen Ausläufer des Kharolisgebirges zu verlagern. Der Drachenfürst hatte sein Auge auf Thorbardin geworfen.

Seine Götter waren Elfengötter, der silberne Paladin und der Herr der Wälder, der Bardenkönig Astra. Doch als Tyorl die Schatten betrachtete, die unter den Bäumen zusammenflossen und über den braunen Teppich der Eichenblätter glitten, erkannte er ein Muster, das nur Takhisis, die Königin der Finsternis, weben konnte. Plötzlich fröstelnd, rückte er näher ans Feuer.

»Wenn du das Schwert kennst«, sagte Stanach, »dann hast du den roten Streifen im Stahl gesehen. Es ist das Zeichen der Esse des Gottes, der Widerschein von Reorx’ eigenem Feuer. Ich sah, wie es rot aus dem Feuer kam, und als der Stahl abkühlte, sah ich das Zeichen des Gottes. Es ist ein Königsschwert, und der Lehnsherr, der Sturmklinge besitzt, wird in Thorbardin als Prinzregent herrschen. Seit dreihundert Jahren hat kein Lehnsherr mehr die Zwergenreiche regiert.

Es ist schwierig, ohne König zu sein. Immer… fehlt etwas, man sehnt sich nach etwas, das man nie bekommt. Wir wissen, daß wir nie wieder einen Hochkönig haben werden. Der Streithammer von Kharas ist von Legenden und Hoffnungen verbrämt; er wird nicht wieder auftauchen. Aber Sturmklinge wird uns einen Regenten verschaffen, einen Statthalter, der den Thron anstelle des Hochkönigs einnehmen kann, den es nie mehr geben wird.

Wenn Realgar dieser Prinzregent ist, sind die Zwerge von Thorbardin zur Sklaverei verdammt. Er ist Derro, ein Zauberer und Anhänger von Takhisis. Thorbardin würde kampflos an sie fallen. Er wird alles tun, um Sturmklinge zu bekommen, und er hat schon für weniger gemordet.«

Ein ascheüberzogener Holzscheit rutschte aus dem Feuer. Stanach schob ihn mit der Fußspitze zurück. »Letzten Endes spielt es wohl keine Rolle, wie Kelida an das Schwert gekommen ist.«

»Doch, das tut es, Zwerg.« Tyorl setzte sich auf. Seine blauen Augen waren so scharf wie die Klinge seines Dolches, der im Feuerschein glänzte.

Die Augen auf die Klinge gerichtet, saß Stanach mucksmäuschenstill da. »Ach ja? Wieso?«

»Es ist nicht egal, weil ein Freund von mir es ihr geschenkt hat. Der Waldläufer, den du erwähnt hast. Er wird seit zwei Tagen vermißt. Weißt du zufällig irgend etwas darüber? Zwei Zwerge, dem einen fehlte ein Auge, waren in der Nacht, als Hauk verschwand, im ›Tenny’s‹ – waren das zufällig Freunde von dir?«

Stanach wurde eiskalt. Realgars Agenten waren in Langenberg gewesen! »Keine Freunde von mir. Ich habe Thorbardin mit Kyan Rotaxt und einem Menschenzauberer namens Pfeifer verlassen. Kyan ist tot. Pfeifer wartet in den Hügeln auf mich. Ich bin allein nach Langenberg gekommen.«

»Ich frage mich, ob du vielleicht lügst.«

»Frag dich doch, was du willst«, fauchte Stanach. Er dachte an Kyan und das herzlose Krächzen der Krähen am Himmel. »Die beiden in Langenberg waren keine Freunde von mir. Eher waren sie aus Realgars Meute. Ich wette, mindestens einer von ihnen war ein Magier. Zweifellos haben sie deinem Freund aufgelauert und das Schwert nicht bei ihm gefunden, weil er es schon dem Mädchen geschenkt hatte. Und wenn die beiden wirklich Magier waren, Tyorl, dann haben sie ihn vielleicht nach Thorbardin gebracht, bevor du überhaupt daran gedacht hast, ihn zu vermissen. Wenn er nicht tot ist, hat ihn Realgar. Ich für meinen Teil wäre lieber tot. Realgar wird jedes Mittel recht sein, um zu erfahren, wo das Königsschwert jetzt steckt.«

Wahrscheinlich, dachte Stanach, ist der Waldläufer wirklich tot. Er würde keine zwei Tage überleben, wenn er von Realgars Gnade abhängig war. Aber Hauk mußte bis zuletzt geschwiegen haben. Er las denselben Gedanken in den plötzlich niedergeschlagenen Augen des Elfen.

»Genau, du weißt es«, flüsterte Stanach.

Tyorl schüttelte den Kopf und sah auf. »Ich weiß nur, daß wir unsere Wache los sind. Der Kender ist weg.«

Du zweifelst nicht an mir, dachte der Zwerg. Wenn doch, dann wirst du nicht die Möglichkeit zulassen, daß jemand, der für Sturmklinge töten würde, uns jetzt verfolgt. Das Mädchen verfolgt.

Stanach nickte zu den Birken, die in der Dunkelheit gespenstisch grau wirkten. »Ich paß auf das Feuer auf. Leg du dich schlafen.«

Tyorl schüttelte den Kopf. »Der Kender ist dein Freund. Es kommt mir ganz praktisch vor, daß er verschwunden ist und dir die Wache überläßt… und vielleicht auch das Schwert.«

»Mir?« schnaubte Stanach. »Wo soll ich damit hin? Genau, nach Thorbardin zurück, wenn ich könnte. Ich schätze, ich könnte dich im Schlaf erledigen. Aber du weißt es besser. Ich würde nie im Leben aus diesem Wald herausfinden.« Stanach lächelte bitter. »Lavim hat es gesagt: ›Wer den Elfenwald betritt, kommt nicht wieder heraus, ohne daß ihm ein Elf den Weg zeigt.‹ Geh schlafen. Warten wir bis morgen. Dann können wir weiterreden.«

Tyorl, der dem Zwerg in Langenberg noch vertraut hatte, vertraute ihm jetzt nicht mehr. Er vertraute jedoch dem Wald. Er wußte nicht, was Stanach getan hätte, wenn er sich nicht vor Qualinesti gefürchtet hätte. Obwohl Stanachs Versicherungen kurz und knapp gekommen waren, fragte sich Tyorl, ob sie auch der Wahrheit entsprachen.

Kelida rollte sich fest zusammen. Die Kälte und die Feuchtigkeit vom harten Boden krochen ihr in die Knochen. Sie hatte genug von der Geschichte gehört, die Stanach Tyorl erzählt hatte, um zu wissen, daß das Schwert, das ihr die Beine zerschunden hatte, keine gewöhnliche Klinge war.

Ihre gedämpften Stimmen hatten sie geweckt. Sie war froh gewesen, wach zu sein. Ihr Schlaf war von Alpträumen über Feuer und Tod durchzogen gewesen.

Sie hatte nicht lauschen wollen, doch als sie hörte, daß sie das Schwert erwähnten und daß es einen Namen hatte, konnte sie nicht anders.

Hauk! War er tot? War er ein Gefangener dieses Realgar?

Kelida hielt die Augen geschlossen. Sie erinnerte sich an seine großen, schwieligen Hände, die ihr das Schwert – Sturmklinge! – zu Füßen gelegt hatten. Sie erinnerte sich an sein Lächeln und wie seine Stimme gebrochen war, als er sich entschuldigt hatte. Was war mit ihm geschehen?

Wenn er nicht tot ist, hat ihn Realgar. Ich für meinen Teil wäre lieber tot.

Tyorl schlief neben ihr. Auf der anderen Seite des Feuers hielt Stanach Wache. Der Feuerschein vergoldete seinen silbernen Ohrring und schimmerte rot in seinem dichten, schwarzen Bart. Als er nach einem dicken Zweig griff, um ihn ins Feuer zu werfen, setzte sich Kelida auf. Er sagte nichts, sondern nickte bloß. Kelida steckte eine lose Haarsträhne hinters Ohr und reichte ihm einen weiteren Zweig.

Er nahm das Holz und bedankte sich. Sie war überrascht, daß seine Stimme, die bei Tyorl oft so ein tiefes, drohendes Knurren gewesen war, so sanft klingen konnte. Kelida wagte ein vorsichtiges Lächeln. Obwohl er es nicht zurückgab, verloren seine dunklen Augen etwas von ihrer grimmigen Entschlossenheit.