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Ermutigt ging sie zu ihm hin und setzte sich neben ihn. Sie hockte sich nicht auf seinen Baumstamm, sondern lehnte sich auf dem Boden sitzend mit dem Rücken dagegen. Dabei konnte sie die Augen nicht vom heißen Tanz der Flammen losreißen.

Feuer, dicht und heiß wie die Flammen von hundert Fackeln, strömte aus dem Maul des Drachen. Kelida schrie, als das Feuer das zundertrockene Stroh auf dem Dach des Bauernhauses erreichte. Das Haus zerbarst mit ihrem Bruder und ihrer Mutter darin. Einen langen, entsetzlichen Moment lang sah Kelida ihre Gesichter. Der Junge kreischte, die Tränen auf seinem Gesicht waren blutrot und spiegelten die Flammen wider. Ihre Mutter warf sich über den Jungen, als könnte ihr eigener Körper ihn von der Hitze bewahren. Ihr Gesichtsausdruck war eine seltsame Mischung aus Verzweiflung und Todesgewißheit.

Dann sah man nichts mehr als zwei kleine menschliche Fackeln in einem Meer von Feuer.

Das Lagerfeuer wärmte Kelida nicht. Es erinnerte sie nur an das Sterben ihrer Familie und ließ sie zittern.

»Stanach, wo ist Lavim?«

Stanach zuckte mit den Schultern. »Draußen, auf Kenderwegen. Wer weiß? Bestimmt ist er bis zum Morgen zurück.« Auf Gespenstersuche, dachte er. Das sagte er aber nicht laut.

»Haben wir uns schon dafür bedankt, daß du uns das Leben gerettet hast?« fragte sie ruhig.

Er antwortete nicht sofort, sondern blieb still sitzen, als würde er sich die gleiche Frage stellen. »Nein«, sagte er schließlich.

»Das tut mir leid. Wir hätten es früher tun sollen. Danke. Ohne dich und Lavim wäre Tyorl jetzt tot, und ich – « Sie brach ab, weil sie im Zischen und Seufzen der Flammen das Flüstern ihrer Alpträume hörte.

Stanach schüttelte den Kopf. »Denk nicht darüber nach. Es ist nichts passiert. Erzähl mal, wieso du mit Tyorl bei der Straßensperre warst?«

»Ich habe mich verabschiedet. Er wollte Langenberg verlassen.«

»So?«

Kelida sah den Verdacht in seinen Augen und errötete. »Nein, nicht so, wie du denkst. Ich – ich kannte ihn nur einen oder zwei Tage. Als Hauk mir das Schwert gegeben hat und nicht wieder auftauchte, wollte ich es Tyorl zurückgeben. Er wollte es nicht nehmen. Er sagte, Hauk könnte deswegen zurückkommen.«

Stanach lächelte. Jetzt verstand er. Das Mädchen war überhaupt nicht an Tyorl interessiert. Sie interessierte sich vielmehr für diesen vermißten Waldläufer Hauk. Er hörte es ihrer Stimme an und sah es an der Art, wie sie zu Sturmklinge blickte. Das Schwert hätte ein Heft aus Blei und Bachkieseln anstelle von Saphiren haben können. Es war Hauks Schwert, und das war alles, was für Kelida zählte.

Für Tyorl jedoch zählte etwas anderes. Ihn interessierte das Mädchen. Ja, die Augen des Elfen konnten so hart sein wie Sturmklinges Juwelen, aber nicht, wenn er Kelida ansah, nicht, wenn er von ihr sprach. Das würde er berücksichtigen müssen.

»Kelida«, sagte er, » wird sich deine Familie nicht fragen, wo du bist?«

»Mein Vater, meine Mutter und Mival, mein kleiner Bruder – « Kelida holte haltsuchend Luft. »Sie sind tot. Wir hatten einen Hof im Tal. Er – der Drache kam und – «

Stanach sah am Feuer vorbei in den stillen Wald. Der Wind hörte sich an wie ein Echo des Geheuls der Plünderer. Auf einmal kam er sich vor wie jemand, der aus purer Neugier die rohe, klaffende Wunde eines Fremden anstarrt. »Schsch, Kelida«, sagte er sanft, »schsch. Ich habe das Tal gesehen.«

Ein Stoßseufzer. »Mich wird niemand vermissen.«

Nach menschlichen Maßstäben war sie ein hübsches Mädchen. Stanach betrachtete sie aus dem Augenwinkel. Wie alt mochte sie sein? Vielleicht zwanzig. Schwer zu sagen. Bestimmt hatten die Bauernsöhne von Langenberg das große, rothaarige Mädchen mit den grünen Augen umschwärmt wie Motten die Kerze. Hier, im dunklen Wald, waren es jedoch nicht die Augen einer Frau, sondern die eines verlassenen Kindes: Groß und ängstlich starrten sie in eine Welt, die plötzlich verrückt geworden war.

Zwanzig Jahre! Stanach war mit zwanzig noch ein Kind gewesen und hatte nie verstanden, wie jemand, der erst so wenige Jahre gelebt hatte, als erwachsen gelten konnte. In Kelida sah er nun das Kind.

Ein Kind, das niemanden hatte. Für Menschen gab es die Familie, und alle anderen außerhalb der Familie waren meist Fremde. Es gab keinen Clan, keinen großen, tiefen Brunnen von Stärke und Verständnis, aus dem man schöpfen konnte, wenn ein Elternteil, ein Bruder oder ein Kind starb. Stanach versuchte sich vorzustellen, was das für eine Leere sein mußte, doch es gelang ihm nicht. Ganz selten einmal wurde ein Zwerg wegen schwerster Verbrechen oder Sünden gegen den Clan für vogelfrei erklärt, zum Clanlosen. Solche Unglücklichen wurden von allen gemieden und von manchen bemitleidet. Bei Kelida war das noch anders. Bei ihr war es, als wäre ihr ganzer Clan – Eltern, Geschwister, Kinder, Vettern, Tanten, Onkel, alle, die ihren Namen teilten – tot.

Stanach erschauerte. Es war unvorstellbar. Er stocherte wieder im Feuer herum und sah die tanzenden Funken in die Nacht hochstieben. Das Licht des Feuers glitt über Sturmklinges goldenes Heft, färbte die Silberschicht orange und tanzte den blauen Pfad aus Saphiren hinunter.

Stanach zupfte an seinem Bart. Doch, der Waldläufer bedeutete ihr etwas.

»Dieser Kerl, Hauk, kanntest du ihn lange?«

»Nein. Nur so lange, daß er mir das Schwert geben konnte.« Kelida lächelte scheu. »Es hört sich dumm an.« Mit einem Mal erstarb das Lächeln. Ihre grünen Augen wurden traurig. »Er ist tot, nicht wahr? Ich habe gehört, was du zu Tyorl gesagt hast.«

Stanach hätte ihr fast gesagt, daß Hauk wirklich tot war. Wie sollte er noch leben? Dann erkannte der Zwerg: Wenn sie glaubte, daß Hauk noch lebte und Realgars Gefangener war – ein Gefangener, der Realgar aus Liebe nicht erzählte, wo das Schwert war, um das Mädchen zu schützen, dem er es gegeben hatte –, dann würde sie ihm das Schwert geben. Aber nur, wenn er sie überzeugen konnte, daß sie dadurch vielleicht Hauks Tod verhindern konnte. Es konnte nicht schwierig sein, sie glauben zu machen, daß Hauk auf jeden Fall sterben würde, wenn Realgar das Schwert bekam. Der Theiwar durfte ihn nicht am Leben lassen, damit er jemanden warnen konnte, der seine Übernahme von Thorbardin verhindern wollte.

O ja, sie würde ihm das Schwert geben. Es bestand nur eine kleine Chance, daß sie Hauks Leben retten könnte, aber Stanach wußte, daß sie diese Chance wahrnehmen würde. Sie hatte Sturmklinge in den Wald geschleppt, hatte es beim Schlafen in der Hand gehalten. Es war Hauks Schwert, und sie würde es von niemandem berühren lassen… – außer wenn sie glaubte, daß es Hauk das Leben retten würde.

Er sah Kelida an. Ihre Arme umklammerten die angezogenen Beine, und der Kopf ruhte auf ihren Knien. Sie war im Sitzen eingeschlafen. Nur ein zerlumptes Menschenmädchen, dachte er, das sich in einen Waldläufer verliebt hat – auch wenn sie das wahrscheinlich noch gar nicht weiß.

Stanach berührte sie leicht an der Schulter, um sie aufzuwecken. Er erwiderte ihr fragendes Lächeln mit einem Nicken. »Leg dich etwas bequemer hin, Kelida. Der Morgen kommt noch früh genug.«

Sie kehrte zu ihrem kalten Bett und dem Schwert zurück. Stanach verbrachte den Rest seiner Wache damit, seinen Plan weiter auszuarbeiten und dabei die Ermahnungen seines unruhigen Gewissens zu überhören.

»Tu, was du tun mußt«, hatte Pfeifer gesagt.

Er fragte sich, wo Pfeifer jetzt war, ob er sicher war, ob er bei dem Steinhaufen wartete, der so aussah wie ein Steingrab. Vier gegen einen. Aber vier gegen einen Magier. Das machte einen Unterschied.

Tu, was du tun mußt.

Gut, Pfeifer, dachte er. Das mache ich.

10

Lavim kehrte erst zu seinen Gefährten zurück, als die feuchte, graue Dämmerung den Himmel erhellte. Vor Kälte zitternd seufzte der Kender und wünschte sich, er hätte in Langenberg etwas Zwergenschnaps aufgetrieben. Die Flasche baumelte leer an seiner Hüfte. ›Weiße Katastrophe‹ nannten manche das kräftige Zwergengebräu. Lavim hatte das Zeug immer als das Zweitbeste nach einem warmen Ofen bezeichnet. Manchmal sogar besser, dachte er, während er die Hände in die tiefen Taschen seines aus der Form geratenen alten Mantels schob, um sich gegen das eisige Nieseln zu schützen. Er hatte keine Geister gefunden, keine Schreckgespenster und keine Phantome – ob mit oder ohne Kopf. Für einen Wald, über den ängstliche Gerüchte umgingen, war Qualinesti ein unglaublich langweiliger Ort. Das Lager versprach dagegen mehr Abwechslung.