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Über das Feuer hinweg starrte Tyorl Stanach finster an. Kelidas grüne Augen hatten einen grimmigen Ausdruck, ihr Kiefer wirkte störrisch. Sie sah keinen von beiden an.

Etwas hat sie aufgebracht, dachte Lavim. Der Kender ließ sich neben das Feuer plumpsen, wobei er auf seine vor Kälte steifen Knien achtete. Er hielt die Hände so nah wie möglich an die Flammen und blinzelte Stanach an: »Was ist los?«

»Sturheit«, knurrte Stanach. »Einfältige, verdammte Elfensturheit.« Er warf ein Stück Rinde ins Feuer und sah Tyorl mit seinen schwarzen Augen fest und spöttisch an. »Sag schon, Elf, willst du darauf setzen, daß dein Freund Hauk nicht Realgars Gefangener ist? Willst du ihn für sein Schwert im Stich lassen? Ah, genau, ich schätze, du könntest gut von dem leben, was du beim Verkauf verdienen würdest.«

Tyorl starrte den Zwerg eisig an. »Ich sage dir, was ich nicht tun werde. Ich werde dir nicht wegen einer hübschen Geschichte Hauks Schwert ausliefern. Wo das Schwert hingeht, geh’ ich auch hin.«

Lavim spitzte die Ohren. »Wo gehen wir hin?«

Keiner antwortete.

»Na schön«, sagte Stanach zu Tyorl. »Dann komm mit. Ich denke, daß du mir glaubst, Elf. Wenn nicht, dann wird Pfeifer meine Geschichte bestätigen können.« Stanach lachte bitter. »Ich nehme an, du wirst einsehen, daß er sich nicht ohne Abmachung dieselben Lügen ausdenken kann – falls ich lüge. Also, komm mit. Frag ihn, bevor ich etwas sagen kann. Aber wenn du mitkommst, dann entscheide dich lieber schnell. Pfeifer wird nicht mehr lange warten, er wird mich für tot halten. Dann kann ich nach Thorbardin laufen«, lachte Stanach grimmig. »Und du wahrscheinlich auch.«

»Wer ist Pfeifer?« Lavim zog die Stirn kraus. »Warum soll er dich für tot halten? Wir gehen nach Thorbardin? Da war ich noch nie, Stanach. Ich kann mir auch keinen besseren Ort vorstellen, wo es richtig guten Zwergenschnaps gibt.« Er schaute den Elf an. »Kommt Kelida auch mit?«

»Nein«, sagte Tyorl.

Kelida, die bis jetzt geschwiegen hatte, sah auf und sagte ruhig: »O doch!«

Tyorl wollte Einspruch einlegen. Kelida kam ihm zuvor.

»Ich gehe mit dem Schwert. Ich kann nicht mehr nach Langenberg zurück. Ich würde den Weg nicht finden und – « Sie hielt inne. Ihre Augen glänzten hell und wild. »Und – und das Schwert gehört mir. Das hast du selbst gesagt. Wenn Hauk noch lebt, dann ist er – ist das, was er durchmacht, zu meinem Schutz. Du fandest es praktisch, zu sagen, daß das Schwert mir gehört, als du dachtest, er würde vielleicht zurückkommen. Als du dachtest, ich könnte ihm sagen, wohin du gegangen bist. Da war es mein Schwert. Nun, das ist es immer noch, und offensichtlich bin ich die einzige, die das Recht hat, zu bestimmen, wo das Schwert hinkommt.«

»Hauk?« Lavim sah von einem zu anderen. Er hätte im Lager bleiben sollen, stellte er fest. Diese Nacht hatte er eindeutig etwas verpaßt. »Was für ein Schwert?« Seine Augen weiteten sich, als er Sturmklinge über Kelidas Knien liegen sah. »Oh, redet ihr über das Schwert?«

Stanach legte dem Kender seine vernarbte Hand auf die Schulter. »Immer langsam, Alter, spar dir deine Fragen für später.« Er nickte Kelida zu. »Kommst du mit?«

»Ja, das will ich.«

»O ja«, fauchte Tyorl. »Weißt du, auf was du dich da einläßt?«

»Es kann kaum schlimmer werden als das, was ich schon durchgemacht habe.«

Tyorl wußte keine Antwort. Es war auch egal. Sein Instinkt hatte ihn gestern abend gewarnt, nichts von Finn zu sagen. Jetzt war er froh darüber. Finns Waldläufer warteten jenseits von Qualinesti. Tyorl rechnete fest damit, daß Finn ihre Spur aufnehmen und sie finden würde, bevor Stanach Pfeifer, den Magier, fand. Er würde die ganze Sache dem Anführer der Waldläufer unterbreiten: die Geschichte des Schwertes und die Nachricht, daß Verminaard eine Versorgungseinheit in die Ausläufer des Kharolisgebirges verlegte. Finn würde entscheiden, was zu tun war.

»Also gut, Kelida«, sagte er. »Aber du brauchst warme Kleider.« Er hielt eine Hand hoch, um Stanachs Protest zuvorzukommen. »Ich weiß einen Ort, wo wir etwas für sie stehlen können. Es liegt auf dem Weg.«

Stanach warf ein weiteres Stück Rinde ins Feuer. »Wo?«

»Wo?« echote Lavim immer verwirrter.

»In Qualinost.«Die Sonne brach hinter den tiefhängenden, schieferfarbenen Wolken hervor, und ihre warmen, liebevollen Lichtsäulen reichten bis zur Stadt hinunter. Vier schlanke, spitz zulaufende Türme aus reinweißem Stein erhoben sich genau an den Ecken der Stadt: im Norden, im Süden, im Osten und im Westen. Leuchtende Silberadern durchzogen den schneeweißen Stein der Türme wie Marmor. Hoch über der Stadt entsprang aus dem Nordturm ein scheinbar zarter Bogen und verband diesen mit dem Südturm. Bei den anderen Türmen war es genauso, so daß die Stadt eingebunden war.

Genau im Zentrum der Elfenstadt ragte der elegante Sonnenturm empor, dessen Licht lebendiger wirkte als das der Sonne selbst. Der mit leuchtendem Gold überzogene Turm hatte seit unzähligen Jahren die Stimme der Sonnen beherbergt. Wie ganz Qualinost stand er jetzt leer, nachdem die Stimme ihr Volk und ihre Kinder ins Exil geführt hatte.

Die Elfenstadt Qualinost war nach Elfenentwürfen von Zwergen erbaut worden, zu einer Zeit, wo das Miteinander der beiden Rassen nicht von der heutigen Feindseligkeit bestimmt worden war. Zwischen Trauer und Freude hin- und hergerissen, betrat Tyorl die Stadt, in der er geboren war.

Freude, dachte er, weil ich nie gedacht hätte, daß ich dich wiedersehen würde. Trauer, daß ich dich als die leere, hohläugige Leiche eines einst wundersamen Ortes antreffe, der jetzt nur noch eine kalte Pracht hat.

Der scharfe Wind des Spätherbstes stöhnte durch die verlassene Stadt, schluchzte um die Ecken von Gebäuden, die einst voller Leben gewesen waren. Er raschelte durch die letzten goldenen Blätter von zahllosen Pappeln, die die Straßen säumten. Einst war dieses Geräusch ein ansteckendes Gelächter gewesen, jetzt war es ein müdes, schwaches Klagelied.

Hinter dem Wald hörte Tyorl Stimmen aus seiner Erinnerung. Das leise Lachen seines Vaters, das Lied der Schwester. Wo waren sie jetzt?

Ins Exil geflohen mit dem Rest des Volkes. Tyorl fragte sich, ob er sie je wiedersehen würde. Er schüttelte den Kopf, um die Erinnerungen und Fragen loszuwerden.

Die Häuser und Geschäfte und alle Gebäude von Qualinost bestanden aus Quarz in der Farbe der Morgendämmerung. Auch sie waren jetzt leer, ihre Fenster dunkel, die Eingänge voller Schatten und Echos von Erinnerungen, die nur Tyorl wahrnahm. Breite Streifen aus schimmerndem, zersprungenem Stein markierten die Straßen und Alleen von Qualinost. Entlang dieser glitzernden Pfade waren überall schwarze Feuerstellen und graue Aschehaufen, die die Straßen von Qualinost wie schmutzige Daumenabdrücke befleckten.

Kelida, die sich zitternd und schweigend neben Stanach hielt, lehnte an dem dicken, grauen Stamm einer Pappel. Die Stadt war nicht verwüstet worden, war nur leer, doch sie fühlte dieselbe Verzweiflung, die sie empfunden hatte, als sie auf das schwarze Holzskelett ihres eigenen Hauses geschaut hatte.

Stanach konnte Tyorls Trauer verstehen: Auch für ihn stellte das Heim in den Bergen den größten Reichtum seines Lebens dar. Er sah von Tyorl zu Kelida – der eine heimatlos, die andere clanlos – und erschauerte.