Es war Lavim, der schließlich das Schweigen brach. Nichts in seiner tiefen, unbeschwerten Stimme verriet, ob er die Trauer des Elfen oder das Mitleid des Zwergs spürte. Er tauchte neben Tyorl auf und zeigte auf den nächsten Aschehaufen.
»Tyorl, was ist das? Es sieht aus wie Reste von Lagerfeuern, aber dazu sind es viel zu viele.«
Tyorl sah auf den Kender herunter. »Das waren keine Lagerfeuer, Kenderchen. Ich war nicht dabei, aber man erzählte mir, daß die Leute das meiste verbrannt haben, was sie nicht ins Exil mitnehmen konnten. Es sind Reste von Bestattungsfeuern, und was da bestattet wurde, war unsere Art zu leben.«
Lavim steckte seine blaugefrorenen Hände unter die Arme. »Was für eine Schande. Wenn du mich fragst, Tyorl, ist Verbrennen das Schlimmste. Was es auch war, ich hätte es versteckt oder in meinen Beuteln mitgenommen oder an einen Gnomenhändler verkauft. Verbrennen ist so eine Verschwendung. Jetzt muß man noch mal von vorne anfangen.«
»Es wäre nie wieder dasselbe. Es hat sich verändert.« Er hätte auch sagen können: ›Es ist vorbei‹ oder ›Es ist tot‹.
Stanach schüttelte den Kopf. »Alles Lebende verändert sich«, sagte er leise, »anscheinend sogar Elfen.«
Tyorls blaue Augen, die eben noch vor Traurigkeit weich gewesen waren, wurden nun von einem eisigen und harten Schimmer überzogen. »Nein, Zwerg. Wir haben uns seit vielen Jahrhunderten nicht verändert. Die einzige Veränderung, die Elfen kennen, ist der Tod.«
Stanach schnaubte ungeduldig. Jetzt tat ihm sein zaghafter Versuch, Trost zu spenden, fast leid. »Dann bist du schon tot, Tyorl, und verschwendest gute Luft, die andere atmen könnten. Deine Stadt, deine Art zu leben hat sich verändert. Vielleicht sollten wir dich nicht für einen Elfen, sondern für einen Geist halten, was?«
Tyorl holte Luft, um zu antworten, drehte sich dann aber zu der stillen Stadt um. »Vielleicht.«
Lavim sah zu, wie Tyorl Kelida wegführte. Seine Augen verengten sich, und er zwirbelte abwesend das Ende seines dicken, weißen Zopfes um einen Finger. »Stanach«, sagte er, »wenn die Elfen alles verbrannt haben, bevor sie gegangen sind, wie will Tyorl dann etwas zum Anziehen für Kelida finden?«
Stanach zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Seit wir hier angekommen sind, ist dieser verdammte Elf mehr Gespenst als alles andere. Vielleicht kann er etwas für sie heraufbeschwören.« Stanach begab sich auf den Weg die Straße hinunter. »Los jetzt, Lavim. Je schneller wir hier rauskommen, desto besser.«
Lavim gesellte sich zu dem Zwerg. Er wußte immer noch nicht einmal die Hälfte von dem, was hier vor sich ging. Kelidas Schwert, irgendein vermißter Waldläufer und ein paar zwergische Lehnsherren spielten eine Rolle dabei. Und wer war Pfeifer?
Ein kleiner Hirsch aus Holz, den die Kunst des Schnitzers im anmutigen Sprung gebannt hatte, lag in einem verhedderten Wirrwarr aus Silberketten und goldenen Ohrringen gefangen. Stanach griff nach dem Eichenhirsch und befreite ihn so vorsichtig, als wenn er lebendig wäre. Er drehte ihn selbstvergessen um und lächelte dann. In den Bauch des Hirsches war mit tiefen Schnitten ein stilisierter Amboß eingeritzt, der von einer Zwergenrune, einem F, zerteilt wurde. Eine Zwergenarbeit.
Stanach legte den Hirsch sorgsam beiseite und sah sich um. Das Zimmer war eine einzige Rumpelkammer.
Kunstvoll geknüpfte Wandbehänge, gewebte Teppiche und weiche Kissen, deren Muster aus hellen Seidenfäden gestickt waren, lagen achtlos im Raum verteilt, als hätte man sie in verzweifelter Hast hingeworfen. Ein großer, eleganter Kleiderschrank, der mit einer zarten, stilisierten Jagdszene bemalt war, lag da, wo er während eiliger Vorbereitungen fürs Exil umgefallen war.
Lavim stolperte in den Raum. Seine Arme waren mit einem Stapel Kleider beladen, die nicht zueinander paßten. »An die Arbeit, Stanach. Tyorl hat gesagt, wir sollen die für Kelida durchgucken.«
»Gut, und wo ist sie?«
»Wäscht sich. Sie hat darauf bestanden, und Tyorl wollte sich nicht streiten. Sagt, dann hätte er ein bißchen Zeit, nach Vorräten zu suchen.« Lavim schmiß die Kleider auf den Boden und ließ sich darauf fallen. Glücklich wühlte er sich durch Mäntel und Jagdkleider, Stiefel und Blusen. »Ich nehme an, sie haben nicht alles verbrannt, bevor sie weggingen. Weißt du, Stanach, die Stadt muß richtig schön gewesen sein. Zu schade, daß die Elfen gegangen sind. Ich an ihrer Stelle, ich hätte mich von den Drakoniern rauszerren lassen, bevor ich freiwillig einen solchen Ort verlassen hätte.«
Angst lag in der Luft. Sie klebte an den schönen Häusern und lauerte in der Dunkelheit der Apfelgärten und Birnenhaine. Angst und Trauer schritten durch die Straßen und lachten düster über jede sterbende Pappel.
Stanach schüttelte den Kopf. Angst war etwas, was ein Kender nicht verstand, und es war sinnlose Zeitverschwendung, es ihm erklären zu wollen.
Der Zwerg ging durch den Raum und setzte sich im Schneidersitz auf den eiskalten Marmorboden. Während er seine Ungeduld bezähmte, dieses traurige Zimmer, dieses traurige Haus und diese ganze aufgegebene Stadt hinter sich zu lassen, sortierte er die Kleider, bevor Lavim sich die Hälfte davon in seine Beutel stopfte. Die Taschen und Beutel des Kenders beulten sich jetzt schon aus. Sein Bauch sah viel zu dick aus für jemanden, der Stanachs Wissen nach spindeldürr war. Wenn die Durchsuchung der verlassenen Häuser und Geschäfte von Qualinost für Tyorl schmerzhaft und für Kelida und Stanach unangenehm gewesen war, so hatte sie Lavim den Traum aller Kender erfüllt.
Stanach rettete einen dicken Mantel vor Lavims Neugier. Er hatte die Farbe von Kiefernnadeln und war mit grauem Kaninchenpelz gefüttert. Der Mantel war für jemanden von Kelidas Statur angefertigt worden. Als nächstes fand er ein Paar Hirschlederstiefel mit festen Sohlen. Die Stiefel waren schwerer, als sie aussahen. Er spähte in einen hinein und bohrte eine Ecke an. Das weiche, geschmeidige Leder war doppelt genäht und dazwischen mit Gänsedaunen gefüttert.
»Die sehen aus, als ob sie ihr passen könnten.«
Lavim hob erst den einen Stiefel, dann den anderen an. »Nicht schlecht, Stanach. Kelida wird es wärmer haben als wir alle.«
»Dafür hat sie bisher am meisten gefroren. Es wird Zeit, daß sich ihr Glück wendet. Warum bringst du ihr das nicht hin und schaust dann mal nach, ob du Tyorl finden und ihm Beine machen kannst. Und, Lavim – «
Mantel und Stiefel in den Armen, drehte sich der Kender um. »Ja?«
»Klopf an, bevor du reingehst, leer deine Beutel aus, bevor du Tyorl suchst, und steck unterwegs nichts mehr ein.«
Lavims runzliges Gesicht war die Unschuld selbst.
Stanachs Miene war eisern. »Und spinn dir gar nicht erst eine deiner Geschichten zurecht, wie du an das Zeug gekommen bist – laß es einfach hier.«
»Aber, Stanach – «
»Ich meine es ernst, Lavim. Dieser verdammte Geist von einem Elf ist schon gereizt genug. So wie er aussieht, möchte man meinen, daß er die besten Kleider seiner Mutter weggibt.«
»Vielleicht tut er das«, sagte Lavim nachdenklich. Seine Augen wirkten zwischen den Runzeln unaussprechlich weise. »Nun, vielleicht keine Kleider, weil Kelida wohl Hosen tragen wird und kein Kleid, aber vielleicht kannte Tyorl die Person, der dieses Zeug gehört hat.«
Vielleicht, dachte Stanach. Er dachte nicht weiter darüber nach und bedauerte auch seine säuerliche Bemerkung nicht. Es war ein guter Schild gegen die stille Trauer, die wie alter Staub über dem Zimmer lag.
»Geh jetzt, Lavim.«
Als Stanach allein war, fegte er die Kleider zu einem Haufen an der Wand zusammen und saß mit hochgezogenen Knien da, um trübselig auf die Rückkehr seiner Gefährten zu warten.
Er hatte seinen Teil getan. Es war nicht schwierig gewesen, Kelida und Tyorl glauben zu machen, daß Hauk noch am Leben sein konnte. Kelida hatte sogar selbst die ausschlaggebende Verknüpfung hergestellt: Wenn Hauk lebte, dann würde er alles tun, um sie zu schützen.