Auf dem Marsch durch den Wald hatte Kelida dem Zwerg die Geschichte erzählt, wie Hauk ihr das Schwert geschenkt hatte. Selbst als sie ihre Angst vor Hauk in dem Lagerraum beschrieb, verriet ihre Stimme ihm, daß seine Entschuldigung sie bewegt hatte.
Stanach war sich jetzt sicher, daß das Mädchen sich widersetzen würde, wenn Tyorl es unklug fand, Sturmklinge zu Pfeifer zu bringen. Kelida war davon überzeugt, daß der halbbetrunkene Waldläufer, der ihr das Schwert geschenkt hatte, sie jetzt wie Paladin vor dem Derro-Zauberer beschützte, der ohne Zweifel für Sturmklinge töten würde.
Vielleicht hatte Hauk sie beschützt – solange er lebte. Inzwischen war er jedoch sicher tot.
Stanach schloß die Augen.
Wenn Stanach Pfeifer fand, würde Sturmklinge durch Magie nach Thorbardin und in Hornfells Hand zurückkehren, bevor Kelida und Tyorl überhaupt merken konnten, daß es fort war. Stanach mußte nur die Hoffnung des Mädchens wachhalten und ihre Träume noch ein bißchen nähren. Und was wog schon der einfältige Traum einer kleinen Kellnerin dagegen, in Thorbardin wieder einen Herrscher – Hornfell – zu haben?
Nichts wog er, sagte sich Stanach. Gar nichts.
Eine leichte Hand mit dünnen Fingern berührte seine Schulter. Als Stanach hochsah, stand Kelida vor ihm.
»Stanach? Geht es dir gut?«
Es war ihr irgendwie gelungen, sich zu waschen. In den geborgten Kleidern, einem Jagdkostüm aus rindengrauer Wolle und weichen Hirschlederschuhen und mit dem grünen Mantel um die Schultern, sah sie aus wie ein Waldgeist. Sturmklinge hatte sie um ihre Taille gegürtet.
Stanach rappelte sich hoch. »Doch, gut.«
»Ich dachte, ich hätte gehört – «
»Es geht mir gut«, schnappte er. Er wies mit dem Kinn auf das Königsschwert. »Bestehst du immer noch darauf, es zu tragen?«
Feuer blitzte aus Kelidas Augen. »Ich habe es immerhin bis hierher getragen.«
»Genau, und du bist bei jedem zweiten Schritt darüber gestolpert. Hier ist nicht Langenberg. Wenn du ein Schwert trägst, glauben die Leute natürlich, daß du es benutzen kannst. Das solltest du lieber lernen, sonst bist du tot, bevor du es ziehen kannst. Laß es mich tragen. Oder wenn dir das nicht gefällt, dann gib es deinem Freund, dem Elf.«
Kelida schüttelte den Kopf. »Vorläufig gehört das Schwert mir.«
Stanach seufzte. »Das Schwert wird dich noch umbringen, wenn du nicht wenigstens lernst, wie man es trägt.« Er zeigte mit dem Daumen auf die Scheide. »Schnall das tiefer und laß deine Hüfte das Gewicht tragen.«
Kelida verschob den Gurt. Der Druck von Sturmklinges Gewicht auf ihrer Hüfte fühlte sich komisch an, aber nicht so lästig. Sie sah Stanach an und lächelte. »Und jetzt?«
»Jetzt suchst du dir einen Dolch. Du wirst dich mit dem Schwert nicht verteidigen können.«
Plötzlich war er grundlos wütend auf Kelida und aus allen möglichen Gründen auf sich selbst – und hinter den Mauern seiner Zwiespältigkeit war er einsam. Stanach drehte sich weg und ging zum Fenster. Er blickte in einen Hof hinunter. Das war besser, als den Schmerz in Kelidas Augen zu sehen.
Pappelblätter raschelten und wirbelten wie brüchige, goldene Münzen mit dem feuchten Wind davon. Ihr trockenes Rascheln war das einzige Geräusch, das in dieser traurigen, verlassenen Stadt zu hören war. Überall durch das stille Qualinost wanderten Geister. Geister und Erinnerungen.
Und das Flüstern seines Gewissens.
Dreißig Fuß lang, der Kopf so dick und lang wie ein großes Pferd, die kräftigen Beine länger als zwei große Menschen, hätte der schwarze Drache ein riesiges Stück Nacht sein können, als er sich von der Wolkendecke löste und tief über die Grenzen ins östliche Qualinesti flog. Eine Wolkenbank zerstob durch den Wind seiner Flügel. Solinari war längst untergegangen, doch Lunitaris blutrotes Licht spiegelte sich in den metallischen Schuppen seiner Haut, sprang in glühendroten Spitzen von seinen Klauen und den messerscharfen Zähnen und verwandelte seine normalerweise frostbleichen, schmalen, langen Augen in Feuer. Sevrist war sein geheimer und heiliger Name in der Drachensprache. Er ließ sich Nachtschwarz nennen.
Der Drache fing den Wind unter seinen Flügeln ein und glitt zu den steinigen, kiefernbewachsenen Bergkämmen, die die Grenze zwischen Qualinesti und den Zwergenbergen bildeten. Als Lichthasser war seine Sicht ausgezeichnet, wenn die Sonne im Westen untergegangen war. Obwohl er das kalte Licht der Monde nicht fürchtete, sah er besser, wenn sie – wie heute nacht – hinter dicken, schwarzen Wolken verborgen waren.
Der schwarze Drache betrachtete das Land dort unten wie ein Mann, der über einem gut gebauten Kartentisch steht. Während er noch tiefer ging, fegte er über die hohen Wälder östlich vom Kristallsee und hinaus über die niedrigen Hügel an der Grenze zur Ebene von Dergod, die die Zwerge die Ebene der Toten nannten.
Nachtschwarz flog als Lord Verminaards Abgesandter zu Realgar von Thorbardin. Bald würde er den Zwerg als Drachenfürsten anreden müssen, wenn dieser Verminaards Angebot annahm. Er würde zweifellos annehmen. Der Zwerg galt als verschlagen, ehrgeizig, kühn und etwas verrückt. Er hatte die arrogante Seele eines Drachenfürsten. Er wartete jetzt darauf, daß Sevrist aus Pax Tarkas kam. Sevrist würde einem neuen Drachenfürsten dienen.
Jedenfalls eine Zeitlang. Alle Geschenke von Verminaard hatten Haken. Noch während er sich darauf vorbereitete, Realgar als Drachenfürsten willkommen zu heißen, hatte der skrupellose Verminaard Pläne im Hinterkopf, um Versorgungseinheiten und Truppen in die Berge zu verlegen. Mit dieser Macht im Rücken würde er den Theiwar absetzen und das besetzte Thorbardin als seine Ostfestung beanspruchen können. All das und mehr wußte Sevrist.
Der Wind war ein kalter, wilder Gegner, der den schwarzen Drachen davor warnte, gegen seine mutwilligen Strömungen und unsichtbaren Wellen anzugehen. Nachtschwarz strich durch den wolkenverhangenen Himmel, tauchte und stieg wieder auf, bis er durch die dicke, eisige Grenze der Wolken zu den Sternen über dem alten Thorbardin brach.
Alle Geschenke von Verminaard haben Haken, dachte der Drache.
»Laß ihn seine Arbeit machen«, hatte der Drachenfürst gesagt, »und gib ihm alles, was er dazu braucht. Wenn der Rat der Lehnsherren gestürzt ist, laß ihn verschwinden.«
Nur aus Spaß an der Freude warf Nachtschwarz einen Angst- und Dunkelheitsspruch. Heute würde er sich in der dunklen, geheimen Geborgenheit seiner Höhle in den Tavernen unter den Städten von Thorbardin mit dem Gedanken an kleine Sumpfwesen in Schlaf lullen, die an Herzstillstand und einem unbegreiflichen Entsetzen gestorben waren.
11
Der schneidend kalte Nachtwind heulte durch das Tal, seufzte in den Wipfeln der Kiefern und verwandelte den Regen des Tages auf den Schultern des Berges in schlüpfriges Eis. Irgendwo im Fels des Berges lag Thorbardin.
Frauen mit Kleinkindern auf der Hüfte, Männer mit hoffnungsleeren Augen – die Flüchtlinge standen am Fuß des Berges und suchten die Hänge und Täler der Gipfel nach einem Zeichen des großen Südtors ab. Manche glaubten, es in der Nacht schimmern zu sehen. Andere wandten sich ab, weil sie zu müde waren, um länger hinaufzustarren.
Das Lachen eines Kindes erhob sich in die Nachtluft. Es war schwer, die Kinder ruhig zu halten. Das schaffte nur die Erschöpfung, und die Reise war am letzten Tag langsam vonstatten gegangen. Es war, als würden die achthundert Menschen jetzt zögern, sich den Toren der Zwergenfestung zu nähern, weil sie fürchteten, daß sie vergeblich gehofft hatten. Daß sie Verminaards Minen und den Schrecken der Sklaverei entkommen waren, nur um jetzt von Thorbardin weggeschickt zu werden, dem einzigen Ort, wo sie Zuflucht finden konnten.
Im Tal gingen die Feuer an, schwache Lichter, wie kleine, zögerliche Sterne. Der Rauch des Holzes und der Dampf der Kochtöpfe trieben durch die Luft und sammelten sich wie eine graue Dunstglocke über dem Fluß.
Es würde eine Nacht des Wartens und des Betens sein. Es würde keine Nacht zum Schlafen sein, denn die Flüchtlinge hatten ihre Abgesandten, Tanis, den Halb-Elf, und Goldmond, die Frau aus den Ebenen, nach Thorbardin geschickt, um ihre Bitte dem Rat der Lehnsherren vorzulegen.