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Es gab vieles, was Hornfell an seinem Volk liebte. Er bewunderte ihre Handwerkskunst, erfreute sich an ihrer tief verankerten Treue gegenüber Familie und Clan, und er schätzte ihren Mut als Kämpfer. Er hatte eine hohe Meinung von ihrer starrköpfigen Sturheit und ihrem nüchternen Verstand. Er liebte ihre Unabhängigkeit.

Es war diese Unabhängigkeit, die es nicht als Beleidigung, sondern als eine Art Tribut erscheinen ließ, daß der grauhaarige Daewarkrieger, ein Mitglied der Wachgarde auf den Befestigungsanlagen von Südtor, sich nur kurz umdrehte, um den beiden Lehnsherren im rosa Licht der Morgendämmerung kurz zuzunicken, und dann wieder Wache stand.

Sie hatten keine Ehrfurcht vor denen, die über ihnen standen, dachte Hornfell. Sie vertrauen ihren Lehnsherren, weil wir verwandt sind. Niemand verbeugt sich oder kniet vor seiner Familie.

Er schaute seinen Begleiter an, dessen Augen länger an den Wachen hingen als die Hornfells. Um diese Zeit stellten Gneiss’ Daewars die Wachmannschaft, und Hornfell kannte seinen Freund gut genug, um zu wissen, daß er von seinen Kriegern wünschte, daß sie ihre Wache mit tadelloser militärischer Präzision durchführten. Wenn Thorbardin in den Krieg eintreten mußte, würden die Daewars die Speerspitze der Zwergenarmee bilden. Gneiss war maßlos stolz auf seine Kämpfer.

Hornfell lauschte dem Klirren von Rüstungen und Waffen, dem Schlurfen der Stiefel auf dem Stein, den barschen Befehlen des Hauptmanns der Wache. Dann sah er wieder Gneiss an, der sich inzwischen an die brusthohe Mauer über dem weit unten liegenden Tal lehnte.

Kalter Wind pfiff über die Wälle. Er kam aus den Bergen, die sich stolz in den Himmel erhoben, und roch nach reifüberzogenen Kiefernwäldern und überfrierenden Seen. Das eisige Versprechen des Winters. Über dreihundert Meter unter ihnen lag ein breiter Hang mit Bergwiesen. Die Wiese, die jetzt das Rostbraun der Herbstgräser zeigte und von der aufgehenden Sonne vergoldet wurde, befand sich auf einem der fruchtbarsten Böden des Kharolisgebirges. Dieses Tal hatte seit Generationen brachgelegen. Die Städte in Thorbardin lebten von dem, was die Ackerhöhlen tief im Berg erzeugten.

»Sieh doch, Gneiss«, sagte Hornfell und fuhr die Grenzen des Tals mit einer Handbewegung nach. »Achthundert könnten dieses Tal bewirtschaften und würden uns dabei nicht im Weg sein.«

Gneiss schnaubte. »Fängst du schon wieder damit an?«

»Ich habe nie aufgehört, mein Freund. Wir können die Sache nicht länger aufschieben. Du hast mir selbst mitgeteilt, daß die Flüchtlinge von den Grenzstreifen angehalten wurden. Was glaubst du, wie lange die Grenzer achthundert hungrige, verängstigte Menschen zurückhalten können? Sie erwarten friedlich die Entscheidung des Rates. Sie werden nicht lange warten.«

»Aha, Erpressung, nicht wahr?« Gneiss drehte sich von der Mauer weg. Seine Fäuste waren geballt, die Augen blitzten vor plötzlicher Wut. »Laß sie rein oder stell dich ihnen auf dem Schlachtfeld?« Er zeigte mit dem Daumen ins Tal. »Die Wiese da wird bald verschneit sein, und der Schnee wird rot sein von Menschenblut, Hornfell. Der Rat läßt sich nicht zwingen.«

Hornfell wählte seine nächsten Worte mit Bedacht. »Du hast dich also in dieser Sache entschieden? Du denkst wie Realgar und Ranze?«

»Ich denke, was ich will«, knurrte Gneiss. Der Wind zerrte an seinem von Silberfäden durchzogenen, braunen Bart. Immer noch mit dem Rücken zur Mauer, zum Tal und zu der Vorstellung, daß Menschen so nah bei Thorbardin leben könnten, sah er zu, wie seine Männer ihre Wachrunde drehten. Seine verschlossene Miene gab Hornfell keinen Hinweis auf die Gedanken, die dem Daewar zufolge nicht Realgars, sondern seine eigenen waren.

»Sag mir, was du denkst, Gneiss. Ich habe zu lange herumgeraten, und keine meiner Vermutungen scheint zuzutreffen.«

Gneiss’ Augen hingen weiterhin an seinen Wachen, als er den Kopf schüttelte. »Ich denke, daß meine Krieger in einem Land weit entfernt von den Bergen unserer Geburt sterben werden. Ich denke, daß sie in einem Krieg sterben werden, der sie nichts angeht.«

Das alte Argument! Hornfell war es seit Monaten leid und wußte keine bessere Antwort darauf als die, die er bereits in zahllosen Ratssitzungen gegeben hatte. Dennoch sprach er erst, als er seine Ungeduld bezähmt hatte.

»Jetzt ist es unsere Angelegenheit. Gneiss, es stehen achthundert Flüchtlinge genau vor unserer Tür. Eben hast du vorgeschlagen, diese Wiesen mit ihrem Blut zu tränken. Das sind nicht unsere Feinde. Unser Feind ist Verminaard, der die Elfen aus Qualinesti vertrieben hat und auf den Mauern von Pax Tarkas herumspaziert. Verminaard hat diese Leute versklavt. Er würde uns gern dasselbe antun. – Wenn er das Kharolisgebirge beherrscht, Gneiss, dann beherrscht er den gesamten Norden und Osten des Kontinents. Wenn du daran zweifelst, daß er als nächstes Thorbardin will, dann bist du nicht der Stratege, für den ich dich immer gehalten habe.«

Es war ein Zeichen seines Respekts vor Hornfell, daß Gneiss die geballten Fäuste an der Seite hielt. »Deine Worte sind hart, Hornfell«, sagte er kalt.

»Ja, sie sind hart. Aber es sind harte Zeiten, Gneiss. Wenn wir nicht bald unsere Wahl treffen, wird Verminaard für uns entscheiden. Ich glaube kaum, daß wir mit seiner Entscheidung besser leben könnten.«

Gneiss lächelte bitter. »Galgenhumor steht dir nicht.«

»Und ein Galgen würde dir nicht stehen.«

Der Daewar sah ihn scharf an. »Hängen ist der Tod des Verräters.«

»Glaubst du, Realgar würde dich für etwas anderes halten, wenn er Thorbardin regiert?«

»Realgar? Verminaards Lakai? Das ist eine schwere Anklage.«

Hornfell zuckte mit den Schultern. »Nur ein Verdacht, mein Freund.«

Gneiss schaute sich um – zu den Bergen und Wiesen, zum fernen Horizont, als ob er plötzlich etwas verstanden hätte, das er schon früher hätte begreifen müssen. Als er Hornfell wieder ansah, lag in seinen Augen sowohl Ärger als auch Bewunderung.

»Es gibt ein Königsschwert.«

Hornfell nickte. »Ja, das gibt es.«

»Was soll das heißen? Du kannst nicht einfach eins machen lassen, Hornfell! Du – bei Reorx! –, du kannst nicht einfach zu deinem Schmied gehen und eins bei ihm bestellen!«

Hornfell lächelte trocken. »Das weiß ich. Isarn wollte nur sein Meisterstück schmieden. Aber Reorx’ Hand hat in jener Nacht den Stahl berührt, und er hat ein Königsschwert gefertigt. Du hast die Gerüchte gehört – ganz bestimmt. Es wurde gestohlen, Gneiss.«

»Aber warum –?«

»Ich weiß, wo es ist. Realgar aber auch.« Hornfell erzählte ihm kurz die Geschichte vom Diebstahl und vom Wiederauftauchen des Schwerts. »Realgar begehrt Sturmklinge genauso sehr wie ich. Reorx bewahre uns, ich hoffe, er ist nicht näher dran als ich. Ob Verminaards Lakai oder nicht, Realgar ist gefährlich.«

Gneiss’ Hand griff an den Dolch in seinem Gürtel. »Man wird ihn aufhalten.«

»Nein. Nur wenn du eine Revolution auslösen willst.«

Gneiss verstand Hornfells Warnung sofort. Der Rat der Lehnsherren war über die Themen Krieg und Flüchtlinge schlimm zerstritten. Zeitweise schienen beide dasselbe zu wollen. Die Gefühle, besonders der Zorn, wogten hoch. Wenn Realgar jetzt starb, ob im gerechten Kampf oder durch Mord, würde sein Volk sich zum Krieg erheben. Dann wäre es egal, wer das Königsschwert besaß. Das Feuer in seinem stählernen Herzen wäre nichts weiter als das Symbol einer blutigen Revolution. Die Hallen von Thorbardin würden von den Schreien von Zwergen, die von Zwergen getötet wurden, widerhallen. Das war seit den Zwergentorkriegen vor dreihundert Jahren nicht mehr vorgekommen.

»Heute abend trinke ich auf seine Gesundheit«, knurrte Gneiss, »und bete, daß er noch vor dem Morgen im Schlaf stirbt.«

Hornfell lachte. »Gneiss, der Vorsichtige!« Er wurde wieder ernst. »Es wird Zeit, die Vorsicht aufzugeben. Ob Verminaard oder Realgar, wir brauchen sie als Verbündete.«