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»Menschen? Sie werden nicht alle so sein wie dein übermütiger Zauberer Jordy.«

»Keiner ist wie Pfeifer. Der ist gewitzt und treu ergeben. Ich bin überrascht, daß deine tiefblickenden Augen das nicht erkennen. Es wäre auch egal, wenn die Flüchtlinge alle nur so klug wären wie Gossenzwerge. Wir brauchen jetzt Verbündete.«

Gneiss schwieg eine Weile. Als er schließlich sprach, wußte Hornfell, daß der Daewar seiner Entscheidung sehr nahe gekommen war, wenn er sie nicht schon getroffen hatte. »Ruf heute abend den Rat zusammen, Hornfell. Dann teile ich dir mit, zu welchem Ergebnis ich gekommen bin.«

Er ging zurück zum Wachhaus, schüttelte jedoch den Kopf, als Hornfell sich ihm anschließen wollte. »Nein, bleib noch. Dir gefällt die Luft hier draußen. Bleib da und sieh auf deine Wiesen hinunter und versuch dir vorzustellen, wie sie aussehen werden, wenn sie voller Menschen sind. Dann höre ihre Stimmen im Südtor, mein Freund. Sie können nicht da draußen überwintern, sie müssen im Berg untergebracht werden! Achthundert!« Gneiss schnaubte. »Als Zwerg wird man in Thorbardin keine Luft zum Atmen mehr bekommen.«

Hornfell sah dem Daewar nach und drehte sich dem Tal zu. Ein Adler segelte hoch oben über den Wiesen im Wind. Die Sonne vergoldete seinen Rücken. Er würde nicht versuchen, Gneiss zuvorzukommen. Das war unmöglich. Er dachte an seinen ›übermütigen Zauberer Jordy‹ und fragte sich, ob er, Kyan Rotaxt und Isarns Gehilfe Stanach noch lebten.

Vor vier Tagen hatte Pfeifer sich und seine beiden Gefährten nach Langenberg teleportiert. Konnte es vier Tage dauern, das Königsschwert zu finden? Doch, und auch länger, wenn der Waldläufer, der es angeblich hatte, vor ihrer Ankunft die Stadt verlassen hatte.

Sie konnten alle drei tot sein. Oder auch nicht. Sie konnten das Schwert gefunden haben. Oder auch nicht. Das einzige, was er sicher wußte, war, daß Realgar es noch nicht hatte. Das bewies allein die Tatsache, daß er, Hornfell, noch lebte.

Obwohl Hornfell Sturmklinge nie gesehen hatte, sehnte er sich nach dem Schwert, als wäre es schon vor dem Diebstahl seins gewesen, als hätte er es lange Jahre gehütet. Er wollte den Stahl berühren, wollte die Brücke zu den Herrschern fühlen, die seit Jahrhunderten tot waren. Sturmklinge war sein Erbe, ein Hylarenschwert für einen Hylarenlehnsherrn, der in Thorbardin herrschen würde wie seine Vorväter.

Der Wind aus den Bergen heulte schrill wie ein Echo von einem von Pfeifers Kriegs- und Trinkliedern. Hornfell wandte sich vom Tal ab.

»Jordy, mein Junge«, sagte er, »wenn du noch lebst, dann bete ich darum, daß du mir das Schwert bringst.«

Wenn du nicht mehr lebst, dachte er, während er das Nicken einer Wache erwiderte und das Torhaus betrat, dann sollten wir uns alle Rücken an Rücken stellen. Wenn Realgar das Königsschwert findet, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Krieg, Verrat und Tyrannei über Thorbardin hereinbrechen.

Der Zwerg Brek brachte den hohen Steinhaufen zwischen sich und das feuerrote Licht der verhaßten Sonne. Zwischen diesem riesigen, natürlichen Grabhügel und dem kleineren, von Menschenhand gemachten, lag der tiefste Schatten. Dort kommunizierte Agus, genannt der Graue Herold, mit dem Lehnsherrn. Brek schloß vor dem stärker werdenden Licht die Augen und hoffte, daß Realgar sie bald heimbeordern würde.

Er und seine Patrouille hatten fünf Sonnenaufgänge in der Außenwelt erlebt, die Tage verflucht und sich nach den dunklen Gängen unter Thorbardin gesehnt. Mika und Chert, die jetzt im Schatten schliefen, so gut es ging, hatte das bittere Sonnenlicht nicht sehr viel ausgemacht. Wulf jedoch, der als ›der Gnadenlose‹ bekannt war, war nicht mehr ganz richtig im Kopf. Brek war überrascht, daß Hornfells geliebter Zauberer trotz Wulfs Kommando überlebt hatte.

Brek fletschte die Zähne zu einem verschlagenen Grinsen. Der Hinterhalt hatte gut geklappt. Sie hatten Pfeifer beim Untergang der Monde erwischt, als er mit einem Kaninchen in der Hand aus dem nahen Wald zurückkam. Sogar ein Magier muß sich einer gespannten Armbrust in seinem Rücken und blitzenden Schwertern vor seinen Augen ergeben.

Brek hoffte, daß Realgar den Zauberer nicht unversehrt haben wollte. Wulf hatte den Zauberer anscheinend seine Rache für die Wunde kosten lassen, die er vor vier Tagen im Kampf davongetragen hatte. Brek lauschte auf den Morgenwind, der durch die Gräser raschelte. Der Wind klang wie die flüsternde Stimme des Grauen Herolds. Brek erschauerte.

Es war nicht die Magie, die ihn erschauern ließ. Obwohl er kein Magier war, hatte Brek lange genug einem Derro-Lehnsherrn gedient, um mit magischen Vorgängen vertraut zu sein. Nein, es war der clanlose Graue Herold selbst, der ihm die Haare zu Berge stehen ließ.

Bei dem riesigen Steinhügel trennte sich Schatten von Schatten, und der Herold kam an den Rand der tröstenden Dunkelheit. Er warf die Kapuze seines dunklen Mantels zurück. Ein kaltes, unheilvolles Licht flackerte in dem schwarzen Auge des Zauberlings; Finsternis füllte die Höhle, in der sein linkes Auge gesessen hatte. Sein Gesicht, auf dem sich normalerweise seltsame, dunkle Gedanken abzeichneten, war so ruhig wie eine geschnitzte Maske. Während er den Grauen Herold beobachtete wie einen hungrigen Wolf, drückte Brek seinen Rücken fester an den Steinhaufen.

»Der Lehnsherr will dich sprechen«, flüsterte der Herold. Agus hob den Kopf. Wie der Widerschein ferner Stürme blitzte Licht hoch auf und erstarb dann in seinem Auge. Als er wieder redete, war das nicht seine eigene rauhe, mürrische Stimme. Brek hörte die deutliche, sonore Stimme des Lehnsherrn, als ob Realgar neben ihm stünde.

Ihr habt den Zauberer.

Der Zwerg befeuchtete nervös seine Lippen, holte Luft und stellte fest, daß er noch einmal Luft holen mußte, bevor er antworten konnte. Der Graue Herold – Realgars Stimme – wartete.

»Ja, Lehnsherr, er lebt noch.«

Das Schwert?

Brek schluckte trocken. »Er hatte es nicht, Lehnsherr. Wir haben ihn vor der Dämmerung erwischt. Wulf hat ihn verhört. Der Zauberer sagt nichts.« Brek sah zu dem frischen, kleinen Steinhügel. Daneben waren die Reste eines Feuers und die kleinen Knochen vergangener Mahlzeiten. »Aber er hat hier gewartet, und zwar anscheinend seit dem Kampf, in dem wir Kyan Rotaxt getötet haben.«

Der Graue Herold seufzte, als ob er etwas gehört hätte, was sein Gefährte nicht vernahm. Aber es war der viele Meilen entfernte Realgar, der sprach, und es war das Feuer seines Ärgers, das Brek jetzt aus dem einen Auge des Herolds entgegenloderte.

Der Lehrling? Der dritte?

»Keine Spur von ihm.« Brek redete jetzt schnell. »Der Zauberer hat auf jemanden gewartet. Ich glaube, auf diesen Schüler, diesen Stanach Hammerfels. Der muß das Schwert haben, Lehnsherr. Zumindest wird er etwas darüber wissen.«

So? Nun, vielleicht. Wartet auf ihn. Wenn er das Schwert hat, dann tötet ihn und nehmt es. Er ist schließlich allein.

Die Stimme des Lehnsherrn wurde verächtlich und bitter.

Das werdet ihr wohl schaffen. Wenn er es nicht hat, wird der Herold ihn zu mir bringen. Vielleicht gibt er mir bessere Antworten als dieser gottverdammte, sture Waldläufer.

»Und wenn er nichts weiß?«

Brek erschauerte wieder, denn diesmal sprach der Lehnsherr nur zu Agus, und es schien so, als spräche der Graue Herold mit sich selbst, wie es die Verrückten angeblich tun.

Ja, Herold, ja. Es wird deine Aufgabe sein, ihn zu erledigen, wie immer. Geh. Amüsier dich mit Hornfells Schoßhund. Aber so, daß er uns keine Schwierigkeiten machen kann.

Als er lachte, verdrehten sich die Hände des Grauen Herolds, als würden sie die Enden einer Garotte drehen.

Pfeifer sah Feuer hinter seinen Augen, rot und glühend, wie das Zeichen auf dem Königsschwert sein sollte, rot wie das Blut, nach dem die Axt des alten Kyan benannt war. Er sah das Licht der aufgehenden Sonne durch die Augen, die er gegen die Qual seiner gebrochenen Hände fest geschlossen hatte.