Die Theiwaren redeten in den Schatten zwischen Kyans Grab und dem Riesenhaufen Steine miteinander. Pfeifer hörte die Worte zwischen den beiden Steinhügeln herüberschallen und wußte, daß sie bald kommen würden, um ihn zu töten.
Danach sitzen sie gemütlich hier herum, dachte er, und warten auf Stanach und das Schwert. Er wird morgen hier sein, ob mit oder ohne Schwert.
Die Worte eines Heilspruchs flackerten wie unerreichbare Versprechen in seinem Geist auf. Er konnte den Zauber nicht durchführen: Wulf hatte ihm zuallererst die Hände gebrochen. Ohne den vorgeschriebenen Tanz der Hände war der Zauber nutzlos. Wulf war nicht dumm. Er hatte Pfeifer rasch die leiseste Möglichkeit genommen, sich zu verteidigen. Das einzige Magische, was ihm geblieben war, war seine alte Holzflöte, die immer noch an seinem Gürtel hing.
Sie sahen nichts Schlimmes in einer Flöte, die bekanntlich lange den Kindern Spaß gemacht hatte. Sie hatten recht und unrecht. Die Magie der Flöte war mächtig und konnte zahlreiche Zauber bewirken. Manche erforderten exaktes Spiel, manche überhaupt keins. Das waren die schwierigsten Zauber, denn sie beruhten gänzlich auf dem richtigen Rhythmus von Pfeifers Atem. Doch all das war nutzlos für einen Magier, dessen Finger ruiniert waren und der kaum Luft holen konnte.
›Hornfells Schoßhund‹, nannten ihn die Theiwaren. Das war kein Name, den Jordy abgelehnt hätte, obwohl er – wie die meisten Zwerge in Thorbardin – sich nur noch als Pfeifer ansah. Er folgte dem Lehnsherrn mit Leib und Seele, und wenn man ihn zu Hornfells Männern zählte, war das keine Schande.
In Pfeifers Lungen gurgelte Blut. Bei jedem qualvollen Atemzug, der ihm gelang, hörte er es blubbern und pfeifen. Wenn er hustete, so wie jetzt, traten kleine Tropfen des Blutes auf seine Lippen und tropften dann auf den kalten, harten Boden. Seine zerrissenen, wirren Gedanken trieben den Strom der Qual entlang. Er ertrug es nicht mehr länger, an diesen Augenblick, diesen Ort und den Schmerz zu denken, und Pfeifers Gedanken schweiften zu anderen Orten ab.
Hornfells Schoßhund. Genau. Vor drei Jahren war Pfeifer ganz plötzlich wie ein nasser Hund in Thorbardin aufgetaucht. In jener Nacht hatte es gestürmt: ein wildes Sommergewitter am Himmel, überall Donner und gleißend helle Blitze. Pfeifer konnte sich kaum noch an diese Ankunft erinnern, obwohl er die Geschichte oft genug gehört hatte.
Ein Mitglied der Wachgarde von Südtor war fast über den Magier gestolpert. Triefend naß und flach atmend lag er zusammengerollt im Windschatten der brusthohen Mauer, wo gerade eben noch die Wache gestanden hatte.
»Wie Treibgut am Ufer«, hatte die Wache später gesagt, als sie mit den Kameraden im Wachhaus begeistert ihren Durst löschte. »Ich sage euch, ich dachte, der Bursche wäre tot.« Nach diesen Worten nahm er einen tiefen Schluck und sah nachdenklich aus. »Vielleicht war er das und hat sich wiederbelebt. Bei einem Magier weiß man das nie.«
Pfeifer war nicht tot gewesen, auch wenn er so nahe dran gewesen war, wie es überhaupt möglich war.
Pfeifer schluckte etwas und versuchte, den Atem völlig anzuhalten. Er fing an, seine gebrochene rechte Hand Stückchen für Stückchen zu seinem Gürtel zu schieben.
Sie hatten nicht recht gewußt, was sie in Thorbardin mit ihm machen sollten. Der Hauptmann der Wache hatte den Verdacht geäußert, daß der Zauberer ein Spion sein konnte, der Thorbardins Verteidigungsanlagen auskundschaften sollte. Durch diese Worte fand er die Lösung für das Problem des Magiers.
Es gibt tiefe, finstere Kerker in Thorbardin, und in einem davon erwachte Pfeifer in Ketten liegend und fragte sich, ob er einen Zauber so vermurkst hatte, daß er direkt im Abgrund gelandet war.
Er hatte nur nach Haven gewollt, und das war kein weiter Weg vom Wald von Wayreth. Kein langer Weg für Zauberer.
Er hatte gewußt, daß er noch auf der Ebene der Sterblichen war, als er herausfand, daß seine Kerkermeister Zwerge waren. Der Zwerg, der ihm warmes Wasser und trockenes Brot brachte, war nicht gerade gesprächig. Er antwortete auf alle Fragen nur mit einem Grunzen oder gar nicht. Obwohl er dem Zauberer einmal wärmere Decken gegen die feuchte Kälte brachte, sagte der Wärter nie ein Wort und achtete darauf, daß Pfeifers Hände immer gefesselt waren.
Immer, dachte er, während er seine Augen weiterhin vor dem Schmerz verschloß und seine Hand seltsam taub wurde, als er sie zu der Flöte schob, immer wußten sie über die Hände eines Zauberers Bescheid.
Nach zwei Tagen wurde Pfeifer vor den Rat der Lehnsherren geführt. Auch dann noch in Ketten, weil sie fürchteten, daß er sich durch Magie verteidigen würde oder den Rat durch Verzauberung von seiner Unschuld überzeugen könnte. So erzählte Pfeifer den sechs Lehnsherren in ihrer großen Ratshalle seine Geschichte von einem fehlgeschlagenen Transportzauber.
Sie stritten sich lange über diese Sache, wie sie es gewöhnlich taten. »Spion!« schrien einige. Andere zweifelten an dieser Anschuldigung, zeigten aber kein Verständnis und wollten den Magier auch nicht von dem Vergehen freisprechen, die Grenzen der Zwerge unerlaubt überschritten zu haben. Derzeit flogen Drachen offen über den Himmel von Krynn, und in der Außenwelt rüsteten sich die Armeen zum Krieg. Solange sie nicht sicher waren, daß Pfeifer kein Spion war, würde der Rat der Lehnsherren ihn gern für den Rest seines Lebens dem Kerker und den Eisenketten ausliefern und damit die Sache zu jedermanns Zufriedenheit lösen – außer zu Pfeifers.
Nur einer der Lehnherren hatte sogar Pfeifers Freiheit in Betracht gezogen. Das war Hornfell, und er stritt wacker zugunsten des jungen Menschen, dessen entwaffnende Unschuld und Offenherzigkeit zusammen mit der Geschichte von der fehlgeschlagenen Magie ihn bewegt hatte. Hornfell bürgte persönlich für den Magier und erkaufte Pfeifer durch diesen Handel die Freiheit.
Jetzt war Pfeifers Hand völlig taub, doch er wußte, daß er die Flöte berührt hatte, als er sie gegen seine Seite fallen fühlte. Er lauschte dem Blut, das in seine Lungen strömte, und schien wieder Hornfells belustigten Seufzer zu hören.
»Normalerweise beurteile ich einen Mann auf den ersten Eindruck richtig. Aber du mußt wissen, kleiner Jordy: Du stehst jetzt für mein Wort gerade. Sieh zu, daß du mich nicht enttäuschst.«
Damals hatte Jordy geglaubt, daß er keine Mühe haben würde, für Hornfells Wort einzustehen. Instinktiv mochte er den Zwerg, und er verdankte ihm seine Freiheit. Außerdem faszinierte ihn Thorbardin, wohin bisher erst wenige Menschen gekommen waren. Jordy gab seinem Impuls nach und hatte das nie bedauert:
»Dann möchte ich Euch folgendes vorschlagen, Herr«, hatte Jordy ernst zu dem Zwerg gesagt, der ihn vor der endlosen Kälte und Dunkelheit von Thorbardins Kerkern bewahrt hatte. »Ich stehe in Eurer Schuld, und wenn Ihr wollt, in Euren Diensten.«
In diesen zwei Jahren nannten manche den jungen Mann Jordy, andere ›Hornfells Schoßhund‹. Dann begannen die Kinder in Thorbardins Straßen und Parks, ihn voller Entzücken über die Musik des blonden Riesen Pfeifer zu nennen. Der Magier hatte seinen Spitznamen bekommen, einen Lehnsherrn, dem er diente, und – obwohl er nicht danach gesucht hatte – eine Heimat.
Pfeifer schwitzte in der kalten Morgendämmerung. Er nahm alle Kraft zusammen und schob die Flöte vorsichtig mit dem Unterarm raus und von der Seite weg. Jetzt lag sie neben seiner Schulter. Indem er seine Füße gegen den harten Boden stemmte, krümmte er sich langsam voller Schmerzen und ergriff das geschwungene Mundstück des Instruments mit den Zähnen.
Einer der Theiwaren lachte, ein Geräusch wie das Heulen des Windes durch ein Hügelgrab. Pfeifer richtete sich auf. Als er das tat, drang ihm eine gebrochene Rippe immer tiefer in die Lunge. Blut tropfte dorthin, wo Luft hingehörte. Er hatte jetzt keinen Atem mehr für die komplizierten Zauber. Er hatte auch keine Zeit mehr.
Ein Spruch, dachte er, der mich schnell und sicher von hier fortbringt!