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Ein Transportspruch. Nicht weit, dafür hatte er nicht die Kraft, nur einen, der ihn gut im Wald versteckte, wo sie ihn suchen mußten. Wahrscheinlich suchen sie nicht alle, dachte er, als er langsam und mühevoll seine Lungen mit Luft füllte. Aber Stanach hört sie vielleicht und ist gewarnt, lange bevor er sie sieht.

Pfeifer schloß die Augen und dachte an einen Hang tief in den Wäldern, den er kannte, nahe der Grenzen des Elfenwalds. Diese Theiwaren würden lange und weit suchen müssen, bevor sie sich so nah an das unheimliche Qualinesti wagten.

Drei Töne brauchte er, alle leise wie der Wind, wenn er über das Gras weht. Drei magische Worte. Die Worte hatte er, und den Atem bekam er.

Einen zeitlosen Moment lang spürte Pfeifer keinen Schmerz, mußte nicht atmen. Sein Bewußtsein schwand wie das Wasser bei Ebbe, als Pfeifer die Musik spielte.

12

Die Vormittagssonne schien dünn und hell, bot aber wenig Wärme. Ihr Licht strahlte zwischen den Kronen der höchsten Bäume hindurch und wurde wie schimmernde Silberpfeile von den letzten zitternden roten und braunen Blattern des Buschwerks zurückgeworfen. Ein kalter Wind trug den schweren Geruch feuchter Erde und modernder Blätter durch den Wald. Der Pfad, der kaum mehr als ein Wildpfad war, war für Kelida oft unsichtbar. Tyorl folgte ihm offensichtlich mehr instinktiv. Der Elf führte sie den engen, überschatteten Pfad entlang, dann kam Stanach, hinter ihm Kelida. Lavim war der letzte, und auch das nur gelegentlich. Wie ein alter Hund auf fremdem Gelände durchstöberte der Kender beiderseits des Pfades den Wald. Ob Dickicht, Hang, Bach oder Felsvorsprung – nichts, was irgendwie interessant aussah, blieb unbeachtet. Obwohl Lavim längst den Versuch aufgegeben hatte, seine Gefährten auf diese faszinierenden Entdeckungen aufmerksam zu machen, kommentierte er sie unablässig mit dieser Stimme, die Kelida immer noch viel zu tief für so einen kleinen Kerl erschien und aus der eindeutig die Begeisterung des Kenders für seine Umgebung und den sonnigen Tag sprach.

»Was für ein Glück, daß wir nicht durch diesen verwünschten Wald müssen, ohne daß es jemand merkt«, grummelte Stanach.

Kelida lächelte. Erst kurz zuvor hatte Tyorl eine ähnliche Bemerkung gemacht. Sie selbst hatte ihren Spaß an der Freude des Kenders. Seine aufgeregten Schreie durchzogen die sonst so stille Reise, bei der die Unterhaltung Tyorls Sache gewesen wäre, wie etwa ein Wanderlied ohne Melodie und Reim. Von Stanach war nichts als verdrießliches Schweigen zu erwarten.

Während ihre Augen an Stanachs breitem Rücken hingen, den das umgehängte Schwert in zwei Teile teilte, dachte Kelida über seinen mürrischen Vorschlag nach, daß sie lernen sollte, ihren neuen schlanken Dolch zu benutzen.

Als er ihr in der traurigen, verlassenen Kammer in Qualinost diese Warnung zugetragen hatte, war Kelida zuerst verärgert, dann verletzt gewesen. Danach hatte sie sich einen Dolch gesucht. Hauks Schwert hatte sie trotzdem nicht Stanach oder Tyorl übergeben. Seit sie den Waffengurt richtig angelegt hatte, ruhte Sturmklinge besser auf ihrer Hüfte und ihrem Bein. Doch immer noch zog es schwer, und durch den Druck des Gürtels scheuerte die geliehene Jagdkleidung auf ihrer Haut.

Sie hatte sich das bescheidene Ziel gesetzt, den Umgang mit dem Dolch zu lernen, den Lavim für sie gefunden hatte, bevor sie Qualinesti verließen. Stanach hatte zwar vorgeschlagen, daß sie sich ein Messer besorgen sollte, hatte jedoch nicht angeboten, sie in dessen Gebrauch zu unterweisen. Aus Stanachs Worten beim morgendlichen Lagerfeuer schloß sie, daß sie bald bei dem Platz sein würden, wo er seinen Freund Pfeifer treffen wollte. Dann war Thorbardin nur noch einen knappen Atemzug und einen Transportzauber entfernt.

Tyorl hatte bei dieser Mitteilung nachdenklich ausgesehen und nichts dazu gesagt. Weil ihr der Blick in seinen Augen einfiel, fragte sich Kelida jetzt, ob der Elf Stanachs Geschichte anzweifelte. Welchen Teil wohl, überlegte sie, den Teil mit dem Schwert oder den Teil mit dem Zauberer?

Kelida schüttelte den Kopf und stieg über einen umgeknickten Schößling auf dem Weg. Stanach, der etwas weiter vorne war, sah sich um, wobei seine schwarzen Augen wie gewöhnlich zu Sturmklinges reich dekoriertem Heft glitten.

Nein, dachte sie, die Geschichte ist wahr. Es lag ein Glanz in seinen Augen, wenn er Sturmklinge ansah, und das war nicht der kalte Glanz der Habgier. Er sah das Schwert so an, wie jemand Kelidas Vorstellung nach eine heilige Reliquie betrachten würde.

Was Tyorl auch glaubte, Kelida wußte, daß Stanach sich die Geschichte nicht ausgedacht hatte, damit er leichter ein wertvolles Schwert stehlen konnte. Er nannte es Königsschwert, Sturmklinge, Meisterschwert. Er sprach von Regenten und Legenden, die wahr wurden. Hinter seinen Worten, hinter der Geschichte sah Kelida Hauk, irgendwie scheuer und sanfter, als er äußerlich wirkte, Hauk, der sie mit seinem Schweigen vor dem Zorn eines grausamen Derro-Zauberers bewahrte, der sie für Sturmklinge töten würde.

Seit dem ersten Abend in Qualinesti hatte Kelida den Zwerg gemocht. Sie erinnerte sich an das Gespräch am heruntergebrannten Lagerfeuer. Als sie versucht hatte, ihm von der Zerstörung ihres Zuhauses und dem Tod ihrer Eltern und ihres Bruders zu erzählen, hatte er sanft geflüstert: »Schsch, Mädchen, schsch.«

Sie war jetzt so in Gedanken, daß sie das Gewirr dicker, grauer Wurzeln übersah, das sich über den Pfad wand. Sie blieb mit dem Fuß hängen, schnappte nach Luft und fiel hart auf die Knie. Weiter vorne blieb Tyorl stehen und drehte sich um, doch es war Stanach, der zu ihr kam. Er faßte sie an den Ellbogen und stellte sie wieder auf die Beine.

»Hast du dich verletzt?«

Kelida schüttelte den Kopf. »Nein, es geht mir gut. Tut mir leid.« Sie entschuldigte sich, bevor sie überhaupt überlegt hatte, ob das nötig war.

»Es täte dir mehr leid, wenn du dir einen Knöchel gebrochen hättest.« Stanach dämpfte die Warnung mit einem Lächeln, das in den Tiefen seines schwarzen Barts verschwand. »Unser Beitrag ist es, auf den Boden zu gucken, Kelida. Tyorl beobachtet den Wald.«

Kelida sah ihm nach, als er sich umdrehte und seinen Weg fortsetzte. Lavim schloß hinter ihr auf, leise wie eine Katze, die um eine Ecke biegt.

»Bist du okay?« Überrascht fuhr Kelida zusammen. »Lavim! Wo kommst du denn her?« Der Kender grinste und deutete mit dem Kopf nach hinten.

»Von hinten vom Pfad. Zwerge – ach, ich weiß nicht. Komische Vögel. Brauen aber ein gutes Gesöff. Was mich angeht, wenn ich soviel Zwergenschnaps hätte, wie ich trinken kann, dann wäre ich der glücklichste Kender aller Zeiten. Schwerter und Könige, die keine Könige sind – na, da weiß ich nicht so recht. Ich gehe wegen Zwergenschnaps nach Thorbardin. Kannst du dir das vorstellen? So viel Zwergenschnaps, wie du willst, und alles von Leuten gebraut, die ihr Handwerk verstehen! Ich denk mal, ich werd den ganzen Winter nicht mehr frieren!«

Kelida unterdrückte ein Lächeln. Keiner hatte den Kender gebeten mitzukommen, aber es schien ihn auch keiner wegjagen zu wollen.

»Stanach hat aber recht, du solltest auf den Boden achten. Es kommt mir nicht so vor, als wenn du das Laufen im Wald gewohnt bist, stimmt’s?«

»Nein, bin ich nicht. Ich komm aber zurecht.« Die Augen auf den schmalen Pfad gerichtet, ging Kelida weiter. Sie mußte sich sputen, um Stanach und Tyorl einzuholen. Lavim lief neben ihr her.

»Ich sehe nur zum Himmel, wenn ich schlafe«, sagte er. »Oder wenn ein Drache vorbeikommt. Das ist mein Geheimnis.«

»Guter Tip«, murmelte sie.

Der Kender zuckte mit den Schultern, duckte sich zur Seite weg, um sicherzugehen, daß nichts Interessantes hinter einer dicken Eiche verborgen war, und schloß sich ihr wieder an. »Dieser Stanach ist ein launischer Kerl. Ist dir das auch aufgefallen?«

»Ja.«

»Er war mal ein Schwertschmied, wußtest du das? Du solltest mal einen Blick auf seine Hände werfen. Sie haben lauter kleine Brandnarben. Das kommt vom Feuer der Esse.«