Выбрать главу

Lavim erwärmte sich angesichts seiner dankbaren Zuhörerin und grinste, weil ihm Givrak in der Taverne und die Drakonierpatrouillen im Lagerhaus einfielen. »Der Stanach ist ganz nett, wenn er nicht seine Launen hat, aber er hat dieses dumme Talent dafür, andere zu ärgern. Er könnte wirklich eines Tages in Schwierigkeiten geraten, wenn er nicht aufpaßt.« Lavims Augen strahlten plötzlich Weisheit aus, oder zumindest kam es ihr so vor. »Dieser Zauberer, Pfeifer – ich nehme an, daß es eine gute Sache ist, wenn Stanach den endlich trifft. Jemand muß ihn vor Schwierigkeiten bewahren. Ich schätze, das ist es, was dieser Pfeifer macht. Weißt du, sozusagen ein Auge auf ihn haben.«

Kelida erinnerte sich an die vier Drakonier, die sie bei ihrer Flucht aus Langenberg verfolgt hatten. »Warum waren die Drakonier so wütend auf ihn?«

»Oh, das weiß man nie bei diesen Drakoniern. Die sind nicht wie wir, weißt du. Die sind von Natur aus gemein. Stanach hat ein paar von ihnen vor einem alten, ausgebrannten Lagerhaus geärgert.« Lavim hielt inne, sah sie nachdenklich an und zuckte dann mit den Schultern. »Vielleicht hat es etwas mit den vieren zu tun, die mich gejagt haben, oder mit dem, der aus dem Fenster gefallen ist… ich weiß nicht. Wie gesagt, bei denen weiß man nie.«

Das Geschnatter des Kenders war wie eine warme Sommerbrise. »Ich sag dir was«, sagte er, wobei er das Mädchen von der Seite ansah, »das einzige, was noch gemeiner ist als ein Drakonier, ist ein Minotaurus – und selbst das ist noch die Frage. Hast du schon mal einen Minotaurus gesehen, Kelida? Die sehen, na ja, irgendwie komisch aus. Riesig groß! Sie haben am ganzen Körper Fell. Keinen Pelz, das nicht, nur ganz kurz. Wie bei einem Stier.« Lavim runzelte die Stirn, dann grinste er. »Und überhaupt keinen Sinn für Humor! Wenn du je einem begegnest, dann denk dran, nicht – hm, tja, anzudeuten, daß seine Mutter eine Kuh sein könnte.«

Kelida riß die Augen auf. »Warum sollte ich das tun?«

»Oh, das wäre ein naheliegender Irrtum.« Lavims grüne Augen zwinkerten. »Sie erinnern einen irgendwie an Kühe oder Stiere. Sie haben richtig dicke Gesichter und Hörner und ein Temperament, das einen automatisch an einen schlecht gelaunten Stier denken läßt. Ich war letztes Jahr am Blutmeer und bin kurz durch Mithas gekommen – « Sein kehliges, fröhliches Lachen brach plötzlich los. »Da habe ich gemerkt, daß ich zwar alt sein mag, aber immer noch rennen kann. Nein, sie mögen es wirklich nicht, wenn man zuviel von Kühen redet. Ich glaube kaum, daß es einen Minotaurus auf der Welt gibt, der einen Witz versteht.«

Kelida trottete lächelnd neben Lavim her und versuchte den verworrenen Fäden einer Geschichte über drei Minotauren, einen Gnom namens Ish und einen Heuballen zu folgen, der aus unerfindlichen Gründen als Abendbrot angeboten wurde.

Als der rote Faden durch Übertreibungen immer mehr ausfranste, begnügte sich Kelida damit, auf den Weg zu achten und so zu tun, als würde sie dem Kender immer noch zuhören. Irgendwann fiel ihr ein, daß Stanach darauf bestanden hatte, daß sie lernen sollte, mit ihrem Dolch umzugehen. Sie griff mit der Hand nach der Scheide an ihrer Hüfte. Sie war leer – der Dolch war fort.

»Lavim!«

Lavim sah sich erst um und blickte dann nach oben. »Was?«

»Mein Dolch – er ist weg!«

»Oh, nimm einen von meinen.« Er zog einen Dolch mit beinernem Griff aus dem Gürtel und hielt ihn ihr hin. »Ich habe ihn hinten auf dem Weg gefunden, aber ich habe schließlich sechs oder sieben. Hier.«

Es war offensichtlich der, den sie vermißte.

Kelida schnappte sich den Dolch und steckte ihn verlegen weg. »Wo hast du ihn denn gefunden?«

Lavim kratzte sich verwundert den Kopf. »Ich weiß nicht mehr, aber ich wußte, daß er nützlich sein würde.«

Geschickt wich er einem moosbewachsenen Felsvorsprung aus. »Ich habe gehört, daß Stanach dir geraten hat, du solltest lernen, damit umzugehen. Er war ein bißchen komisch dabei, aber er hat schon recht. Ich könnte es dir beibringen.«

»Wirklich?«

»Aber klar, Kelida, mit Vergnügen.« Lavim spähte den Pfad hoch. Stanach und Tyorl warteten. Als er zwinkerte, fand Kelida, daß er aussah wie ein alter Verschwörer. »In meiner Jugend war ich so was wie der Beste von Kenderheim. Hm, also, Zweiter. Sozusagen. Der zweite Platz ist wirklich ganz eindrucksvoll, besonders wenn es mindestens zwei Teilnehmer gibt, oder? Huch! Wir sollten uns lieber beeilen.«

Kelida lächelte. Sie folgte Lavim mit der Hand am Dolchgriff und ermahnte sich, zu überprüfen, was der Kender wohl sonst noch von ihren Sachen gefunden hatte.

Der Felsen wärmte Kelidas Rücken. Hier in der Höhe hatte die Sonne am Morgen und am frühen Nachmittag das feuchte Gras getrocknet und die Felsen aufgeheizt. Die Baumgrenze lag derzeit unter ihnen. Der steinübersäte Hügel erhob sich wie eine kleine Insel aus dem Wald. Wie Kelida erfuhr, als sie Stanach beim Hochklettern befragte, war dieser Hügel noch kein Ausläufer der Berge.

»Nur ein kleiner Buckel«, hatte der Zwerg gesagt, während seine dunklen Augen an den hohen, blauen Gipfeln im Süden hingen. »Die richtigen Vorberge sind weiter östlich.«

Kelida massierte ihre schmerzenden Beine. ›Richtige Vorberge!‹ Als ob das hier eine Wiese wäre! Der Vorsprung, gegen den sie sich lehnte, war so gemütlich wie die Ziegel, mit denen ihre Mutter im Winter ihre kalten Füße gewärmt hatte. Der Schatten einer Wolke zog über den Boden, und Kelida schloß die Augen. Die Erinnerung an ihre Mutter berührte einen wunden Punkt in ihr. Und dieser Punkt schien alle Wärme des Tages aufzusaugen. Hinter ihren Augen sah sie Feuer und Tod und einen Drachen mit langen Schwingen, der vom Himmel herabstieß.

Links von ihr plätscherte etwas weiter unten ein Bach, der von seinem Weg durch die Erde kalt war. Ein Platschen und dann ein ungehaltenes Fauchen, das nur von Stanach stammen konnte, durchdrang Kelidas dunkle Erinnerungen. Sie sah sich um.

Lavim, der losgegangen war, um am Bach die Flaschen zu füllen, sprang den Hang hoch und umrundete die Felsen, die aus der dünnen Erdkruste ragten, mit der sorglosen Sicherheit einer Bergziege. Der Kender ließ sich neben sie fallen.

»Hab ich nicht!« schrie er über die Schulter, wobei seine Augen sich mit einem koboldhaften, grünen Leuchten füllten. Er reichte Kelida die Flasche, entkorkte seine eigene und nahm einen tiefen Schluck. »Stanach ist in den Bach gefallen. So wie er es darstellt, möchte man meinen, ich hätte ihn geschubst!«

»Hast du das?«

»Ich doch nicht! Er ist auf einem moosbewachsenen Felsen ausgerutscht. Guck ihn dir an. Jetzt hat er wenigstens etwas zu schimpfen.«

Kelida warf einen Blick über die Schulter. Stanach, der bis zu den Knien naß war, schritt wie ein rachsüchtiger Jäger den Hang hoch. Er sah Kelida mit Lavim zusammensitzen und wandte sich deshalb Tyorl zu. Kelida sah, wie er sich bei dem Elf auf den Boden setzte. Alle saßen schweigend da, keiner sprach seine Gedanken aus. Als sie wieder zu dem alten Kender blickte, fand sie ihren Dolch abermals in Lavims Besitz.

Lavim grinste und hielt die Hand hoch, wobei er die Dolchspitze auf der Handfläche balancierte. »Schau mal, was ich gefunden habe.«

»Lavim, gib ihn zurück.«

Der Kender zog seine Hand zurück und zuckte mit dem Handgelenk. Jetzt balancierte die Klinge auf der anderen Handfläche. »Ich dachte, du willst, daß ich dir zeige, wie du ihn benutzen kannst.«

»Will ich, aber – «

»Also?«

Kelida lächelte. »Na gut. Aber ich glaube nicht, daß ich dazu Taschenspielertricks lernen muß.«

»Oh, ich weiß nicht. Man könnte dir leicht ein paar ganz einfache Tricks beibringen. Ich bin wirklich ein guter Jongleur. Na ja, ich schätze, es ist unhöflich, das von mir selbst zu behaupten, aber ich bin es, und – « Er zuckte mit den Schultern, als Kelida ungeduldig die Stirn runzelte. »Na schön. Was ist jetzt?«

Der Kender zuckte wieder mit dem Handgelenk, woraufhin er das Heft der Waffe in der Rechten hielt. Dann warf er den Dolch mit einer raschen, leichten Bewegung.