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Kelida sah sich um, sah aber nichts mehr von der Waffe. »Wo ist er?«

Lavim zeigte auf ein struppiges, blattloses Gebüsch. »Da, holt Abendessen für uns.« Der Kender erhob sich auf die Beine, trottete über den steinigen Boden und griff in das Gebüsch. Als er sich umdrehte, hielt er ein großes, graues Kaninchen an den Hinterbeinen. Das Tier zuckte noch schwach, dann wurde es still. Der dünne, kleine Dolch hatte es sauber ins Herz getroffen. Lavim kam zurück, warf das Kaninchen hin und setzte sich wieder.

»Dafür muß Tyorl nachher keinen Schuß mehr verschwenden. Ein Dolch ist zum Stechen und zum Werfen, Kelida«, sagte er, jetzt in ernstem Ton. Seine Rolle als Lehrmeister machte ihm sichtlich Spaß. »Das sind so ungefähr die einzigen Sachen, die man mit einem Dolch tun kann. Also außer Fleisch zu schneiden und Schlösser zu knacken vielleicht noch.«

Er musterte sie eingehend, dann nickte er. »Du hast einen guten Wurfarm. Das habe ich schon in der Straße vor Langenberg gesehen. Wenn diese Soldaten keine Rüstung getragen hätten, hättest du sie mit den Steinen erledigt, mit denen du sie beworfen hast. Du hättest natürlich auf ihre Köpfe zielen sollen. Du warst wahrscheinlich zu abgelenkt, um daran zu denken. Hier, nimm den Dolch.«

In der kalten Luft dampfte das Kaninchenblut auf der Klinge. Kelida nahm das Heft zwischen zwei Finger.

»Nein, nein, nicht so. Hier, so.« Lavim legte ihr das Heft in die Handfläche und schloß die Finger um den Griff. »Da, faß es so – was weiß ich, als wenn du ihm die Hand schütteln willst, aber nicht zu fest. Da, schön, dich kennenzulernen.«

Der Griff des Dolchs lag kalt in ihrer Hand. Blut tropfte auf den Saum ihres Mantels. Kelida erschauerte. Sie spürte, wie Übelkeit in ihren Magen kroch.

»Jetzt«, sagte Lavim, »wirf ihn. Wirf ihn über die Schulter, als wenn du einen Stein schmeißt, nur daß ein Dolch leichter ist, so daß du einen höheren Bogen ansetzen mußt. Na los, versuch, den alten Stumpf da drüben zu treffen.«

Die verkohlten Überreste einer vom Blitz getroffenen Esche ragten etwa fünf Schritte nördlich von ihnen aus dem Boden. Kelida schätzte die Entfernung, peilte sie an und warf. Die Klinge zitterte etwas, überwand die Entfernung und fiel zwischen die knorrigen Wurzeln des Stumpfes.

»Gar nicht schlecht. Du bist da, wo du hinwolltest, aber du mußt wirklich deinen Arm dazu nehmen.« Lavim holte den Dolch zurück. »Versuch’s noch mal.«

Sie tat es, und diesmal streifte der Dolch die rauhe Rinde. Beim dritten Versuch traf der Dolch fest auf das Holz und blieb zitternd stecken.

»Da! Jetzt hast du’s!« Lavim holte den Dolch wieder und warf ihn neben seine Schülerin. »So, werfen ist gut, wenn du Platz dazu hast, und wenn es dir wichtiger ist, dein Ziel zu treffen, als den Dolch zu behalten. Und dann kann man mit einem Dolch noch stechen.«

Kelida erschauerte wieder. Sie schloß die Augen und holte sicherheitshalber tief Luft.

Lavim zupfte sie am Ärmel. »Kelida, hörst du zu?«

Kelida nickte dumpf.

»Also gut. Stechen ist lustig. Na ja, nicht richtig lustig, aber komisch. Stich nicht nach unten, wenn du im Nahkampf bist. Da triffst du nur Knochen und reizt den anderen. Du richtest auf jeden Fall wenig Schaden an. Stich von unten hoch. Dann hast du eine wirklich gute Chance, irgend etwas Wichtiges zu treffen, wie Leber oder Niere. Verstanden?«

»Ich – ich glaube.«

Lavim sah sie wieder an. »Du siehst ein bißchen grün aus, Kelida, geht es dir gut?«

Kelida schluckte die aufsteigende Übelkeit hinunter. »Alles in Ordnung.«

»Sicher? Vielleicht sollten wir später über das Stechen reden? Probier doch einfach noch mal ein paar Würfe.«

Kelida versuchte es. Der erste Wurf ging einen Fingerbreit daneben, der zweite traf.

»Noch einmal«, ermutigte sie Lavim, »du kriegst ein Gefühl dafür.« Kelida probierte es noch mal und verfehlte den Stumpf um einen Meter.

Um den Stumpf stand dichtes braunes Ried und verdorrtes Gras. Kelida suchte einen Augenblick, fand den Dolch jedoch nicht. Hinter dem Stumpf fiel der Hügel zum Wald hin ab. Genau vor der dunklen Grenze der Baumschatten sah sie etwas glitzern. Die Dolchklinge. Kelida kletterte den Hügel hinunter.

Am Fuß des Hügels war Schatten und der Boden naß und matschig. Ihre Stiefel patschten in Pfützen und blieben im Schlamm hängen. Kelida holte eilig den Dolch. Als sie wieder hochsteigen wollte, fiel ihr etwas auf, das im nahen Unterholz des Waldes flatterte. Stirnrunzelnd ging Kelida ein paar Schritte auf das Dickicht zu.

Sie arbeitete sich durch das dornige Gestrüpp und blieb stehen. Das Unterholz rahmte eine kleine Lichtung mit spätem, grünem Gras ein. Dort lag ein junger Mann, den rechten Arm in einem unmöglichen Winkel verrenkt, die geschwollene und gebrochene linke Hand ausgestreckt, als würde er um Gnade flehen. Von ihrem Standort aus konnte Kelida nicht erkennen, ob er atmete.

Sie hob die Hand an den Mund und steckte einen Finger zwischen die Zähne, um nicht zu schreien. Langes, blondes Haar, das dreckig an seinem Gesicht klebte, hing bis zu einem kleinen Wasserrinnsal herunter. Ein tiefer Schnitt, der am Rand blutverkrustet und in der Mitte entzündet war, lief von dem einen geschwollenen, blauen Auge bis knapp unter den Kiefer. Große, dunkle Blutflecken waren auf seinen roten Roben zu sehen, manche alt und braun, manche hellrot und größer werdend. Kelida holte kurz und krampfhaft Luft.

»Lavim!« schrie sie. »Tyorl! Stanach!«

Der junge Mann stöhnte und öffnete die Augen. Einst waren sie wohl so blau wie der Sommerhimmel gewesen. Jetzt waren sie düster und dumpf vor Schmerz.

»Lady«, flüsterte er. Er schnappte nach Luft, kniff fest die Augen zusammen und fuhr dann mit der Zunge über die blutbefleckten Lippen, um es noch einmal zu versuchen. »Lady, bitte helft mir.«Stanach fiel mit kalten, zitternden Händen auf die Knie. Mit der Handfläche fühlte er an Pfeifers Brust nach dem Heben und Senken des Atems, wie er es getan hatte, als er vor fünf Tagen auf der staubigen Straße neben Kyan Rotaxt gekauert hatte. Pfeifer lebte noch. Sein Atem war jedoch nur noch ein gurgelndes Pfeifen. Der Magier hatte nicht mehr gesprochen, seit er Kelida um Hilfe gebeten hatte. Er lag einfach still und stumm da.

Er war nicht tot, aber er würde es bald sein. Beide Hände und mehrere Rippen waren gebrochen, zu viel Blut war in seine Lungen gelaufen.

Tyorl kehrte zurück. Er hatte den Hang rasch nach Spuren von den Angreifern des jungen Manns abgesucht. In der Linken trug er seinen Langbogen, auf dem noch ein Pfeil angelegt war; in der Rechten hielt er eine alte Flöte aus Kirschholz. Die hielt er Stanach schweigend hin.

Stanach nahm das Instrument und fuhr mit den Daumen über die weiche Länge des polierten Holzes. Nach kurzem Zögern legte er die Flöte neben Pfeifers gebrochene rechte Hand. »Wo hast du sie gefunden?«

»Ein Stückchen weiter. Stanach, ich muß mit dir reden.«

Stanach nickte und kam wie betäubt auf die Beine.

Der Elf schaute Pfeifer mit undurchschaubaren blauen Augen an, dann sah er sich nach Kelida um. Sie stand mit Lavim am Rande des Hangs. Er winkte sie her.

»Bleib bei ihm, Kelida.«

Kelida sagte nichts. Die grünen Augen weit aufgerissen vor Mitleid, das Gesicht blaß vor Angst, hockte sie sich neben den Zauberer. Lavim, der ausnahmsweise still war, kauerte sich ihr gegenüber hin. Stanach seufzte tief und folgte Tyorl in die tieferen Schatten des Waldes, bis sie außer Hörweite waren.

Tyorl steckte den Pfeil in den Köcher zurück, ließ jedoch die Sehne am Bogen. »Er sieht aus, als wäre eine Meute über ihn hergefallen.«

Stanach nickte.

»Ich habe überhaupt keine Spuren gefunden, daß sonst jemand hier war. Keinerlei Zeichen, wie er selbst überhaupt an den Hang gekommen ist. Was glaubst du, wie er das geschafft hat?«

»Ich weiß nicht. Er ist Magier und – «, Stanach schluckte den Kloß in seiner Kehle herunter, »– und er war in Thorbardin für seine Transportzauber bekannt.« Die Erinnerung holte ihn ein, und er lächelte. »Er bringt dich, wohin du willst, aber die Magie fühlt sich immer so an, als wenn sie dir das Essen aus dem Magen zieht. Er – ist auch dafür bekannt. – Ich glaube aber nicht, daß es weit von hier passiert ist. Er hätte nicht mehr die Kraft gehabt, eine große Entfernung zu überwinden. Wie weit ist es zur Straße nach Langenberg?«