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»Fünf Meilen, vielleicht auch etwas weiter«, sagte Tyorl.

»Dann ist es dort passiert. Oder in der Nähe. Da hat er auf mich gewartet.«

»Das tut mir leid.«

»Oh, ja«, murmelte Stanach schroff, »mir auch.« Er drehte sich um und wollte wieder zu Pfeifer gehen. Schon nach zwei Schritten ergriff Tyorl seinen Arm.

»Was ist mit dem Schwert?«

»Was soll damit sein?« Stanach grub die Finger seiner rechten Hand in seinen Bart und schloß die Augen. »Ich weiß nicht«, sagte er bitter. »Ich bin nicht rechtzeitig bei Pfeifer gewesen, oder? Er kann mir nicht helfen, und ich – ich kann ihm nicht helfen. Laß mich wenigstens bei ihm sitzen, während er stirbt.«

Mit diesen Worten trat der Zwerg aus den Schatten auf den sonnigen Rasen. Tyorl folgte ihm schweigend.

Kelida rückte zur Seite, als Stanach sich neben sie setzte. »Er atmet noch, Stanach. Er ist noch am Leben.«

Stanach sagte nichts, sondern legte nur den Handrücken vor seinen Mund und nickte, während sein Blick zu Pfeifers gebrochenen Händen wanderte.

Kelida folgte seinem Blick und flüsterte: »Warum?«

»Damit er sich nicht durch Magie verteidigen konnte.« Er berührte die Flöte mit einem Finger. »Sie wußten nicht über die Flöte Bescheid. Die hat ihn teleportiert, aber nicht früh genug, um sein Leben zu retten.«

Ach, Jordy, dachte Stanach. Es tut mir leid, Pfeifer!

»Wir können genausogut hier lagern«, sagte Tyorl. »Es ist zwar ein Schlammloch, aber ich habe das Gefühl, daß wir heute nacht den Windschatten des Hügels brauchen, um das Feuer abzuschirmen. Wir sollten die Nachtwache auf dem Hügel lieber ohne Feuer aufstellen.« Tyorl zeigte auf den Kender, der aussah, als wenn er Fragen stellen wollte. »Feuerholz und Zunder, ja?«

Lavim erhob sich steif und schlüpfte nach einem Blick auf Stanach in den Wald. Der Elf stieg auf den Hügel, um Wache zu halten. Kelida saß allein mit Stanach da. Sie, die erlebt hatte, wie ihre Familie und Freunde einem wütenden Drachen zum Opfer gefallen waren, erkannte die tiefe Verzweiflung in den Augen des Zwergs und wußte, daß er nicht allein bleiben durfte.

Solinari stieg wie immer als erster am Horizont auf. Lunitari ließ nicht lange auf sich warten. Die Nacht ergoß sich tiefblau und kalt über den Hang. Schatten und Feuerschein verwandelten das kahle Gestrüpp in ein glänzendes schwarzes Netz von Ästen.

Als das Licht des roten Mondes den Hügel herabkam und in den Wald fiel, bemerkte Stanach, daß er das belegte, rasselnde Geräusch von Pfeifers mühsamem Atmen lange nicht gehört hatte. Er beugte sich vor und legte dem Magier sanft die Hand auf die Brust. Nichts bewegte sich. Der Puls an seinem Hals hatte aufgehört zu schlagen. Stanach lauschte auf das Donnern seines eigenen Herzens.

»Es tut mir leid«, flüsterte Kelida.

Stanach nickte. Er sah sie für einen Moment an, dann das Königsschwert, das immer noch an ihrer Hüfte hing. Das Gold reflektierte das Licht des Feuers, und Schatten glitten über das Silber. Die fünf Saphire blinkten kalt. Stanach glaubte, das rote Herz des Stahls durch die schäbige Lederscheide glühen zu sehen.

Kelida legte ihre Hand auf seine Rechte.

Stanach sagte immer noch nichts.

Die Musik, die die Zwergenkinder von Thorbardin bezaubert hatte, war verflogen. Die Magie war fort. Jordy war tot, und Kyan war tot.

In diesem Augenblick ließ Stanach kein Gefühl zu, aus Angst, die Trauer könnte ihn so überwältigen, daß er weinen müßte.

13

Wo ist das Schwert?

Hart und kalt wie schwarzer Obsidian wurde die Stimme zu Finsternis. Die Finsternis wurde zur Stimme. Hauk wußte nicht, ob er den Zwerg wirklich sah oder ihn wie einen gestaltangenommenen Alptraum im Geist fühlte.

Wo ist das Schwert?

Hauk antwortete vorsichtig. Der Zwerg konnte seine Gedanken lesen. Oder in seinen Gedanken sein. »Ich weiß – ich weiß es nicht.«

Das Verhör war zu einer Art Rückzugsgefecht geworden. Parade, Abwehr, Rückzug, dann wieder Parade. Wie ein Kämpfer mit dem Rücken zum Abgrund wußte Hauk, daß er nicht mehr weiter zurückweichen konnte. Seine Antwort war korrekt. Er wußte nicht, wo das Schwert jetzt war.

Wer hat das Schwert?

»Ich weiß es nicht.« Das stimmt, sagte er sich. Ich weiß ihren Namen nicht. Er verwahrte das Bild des rothaarigen Schankmädchens hinter der Mauer seines Willens.

Das gehört mir, sagte er sich wieder und wieder. Das ist meine Erinnerung. Meine! Er vergrub sie ganz tief, wie ein Geizhals, der einen unendlich wertvollen Schatz vergräbt.

Realgars Lachen brandete ekelhaft gegen die Ränder von Hauks Seele. Wie ein Bergmann mit einem scharfen Pickel grub und kratzte der Zauberer in Hauks Geist herum und hob jede Erinnerung in kaltes, weißes Licht.

Hauk roch den Rauch in der Luft eines Schankraums.

Realgar lachte wieder. Das weiße Licht verschwand, sein Widerschein pulsierte. Zwischen einem Herzschlag und dem nächsten flammte es auf, eine Feuersäule. Stürmischer Wind heulte.

Hauk schmeckte Bier in seinem Mund und den Geschmack nach Galle in der Kehle. Ein silberner Blitz durchschnitt den Rauch. Er sah Tyorls blaue Augen, die die Dummheiten seines jungen Freundes amüsiert und duldsam betrachteten.

Die Stahlklinge seines Dolches zitterte genau in der Mitte eines Tabletts. Der Klang der Schwingung stieg an, wurde hoch und summend, und Hauk spürte sie. Der Boden der Zelle bebte, als wenn ein Erdbeben den Stein erschütterte.

Finsternis überfiel ihn, und Hauk ließ sich mit zitterndem Herzen überschwemmen und sagte sich, daß die Finsternis gut war. Sie verbarg Schätze.

Realgars Lachen wurde zu dem lauten Stimmengewirr im Schankraum der Taverne. Hauk hatte Tyorl in seinem Gedächtnis gefunden und klammerte sich an das Bildnis seines Freundes. Er füllte seine Gedanken mit Erinnerungen an all die Jahre, in denen er als Junge und Mann den Elf gekannt hatte.

Blut tropfte auf den Stein. Es floß über einen in Schatten getauchten Felsboden. Tyorl lag tot zu Hauks Füßen. Die steifen, toten Finger des Elfen lagen noch verkrampft um die tödliche Wunde in seinem Bauch.

Sturmklinges Saphire atmeten wie weiches Dämmerlicht, als das Schwert von Hauks Hand herunterhing und Blut an der Klinge herunterströmte.

Wo ist das Schwert?

Hauk warf den Kopf zurück und heulte vor Trauer, Wut und Protest.

Nie erlaubte er sich, auch nur einen Augenblick an das Mädchen mit den kupferroten Zöpfen und den smaragdgrünen Augen zu denken. Sie war für ihn kein wirkliches Mädchen mehr. Sie war nur eine helle, lichte Erinnerung in der Finsternis. Diese Erinnerung gehörte ihm, und er klammerte sich daran wie ein Ertrinkender, der sich an die letzte zersplitterte Planke eines gekenterten Schiffes klammert. Er hatte nichts anderes.

14

Vor Mondenuntergang begann Stanach, Pfeifers Grab aufzuschichten. Tyorl, der auf dem Hügel Wache hielt, fand, daß der Zwerg so gelassen arbeitete wie ein Maurer, der eine Wand hochzieht. Der Abhang des Hügels war voller Steine, und Stanach benutzte sie als Grundlage für den Grabhügel des Magiers.

Der Zwerg bat nicht um Hilfe, doch er sagte auch nichts dagegen, als Tyorl die Wache an Kelida abgab und, anstatt sich auszuruhen, Steine zum Grabhügel schleppte. Sie wechselten keine Worte, weil beide müde ihren Gedanken nachhingen. Als die Morgendämmerung den dunklen Himmel mit einem weichen, kühlen Blau überzog, war die Grabkammer für Pfeifers Körper bereit.

Bis dahin hatte Tyorl einige Entscheidungen getroffen. Dankbar nahm er Kelidas Wasserflasche an, trank einen tiefen Schluck und reichte sie an Stanach weiter.