Выбрать главу

»Warte, Kelida«, sagte Tyorl, als sie sich wegdrehte, um ihre Wache wieder aufzunehmen.

Stanach, der mit dem Rücken gegen einen Haufen Grabsteine lehnte, sah sich um. Die Miene des Zwerges war kalt, seine großen, von der Esse vernarbten Hände glitten pausenlos über den breiten, flachen Stein, den er als Fußstein für den Grabhügel gewählt hatte. »Was jetzt?«

Tyorl wählte seine Worte vorsichtig. »Es wird Zeit, daß wir entscheiden, was wir tun sollen, Stanach.«

»Ich gehe nach Thorbardin.«

Tyorl nickte. »Das dachte ich mir.«

Er sah sich nach Lavim um, der mit untergeschlagenen Beinen neben dem Körper des Zauberers saß. Er fragte sich, was den Kender so faszinierte, daß er freiwillig die Totenwache hielt.

»Tyorl«, sagte Stanach, »ich gehe mit Sturmklinge nach Thorbardin.« Er lächelte, aber es stand überhaupt kein Humor in seinen schwarzen Augen. »Wenn du nicht mitkommst, werde ich Hauk gerne von dir grüßen. Falls er lebt.«

»Das Lied hast du jetzt einmal zu oft gespielt, Zwerg«, fauchte Tyorl.

»Er könnte am Leben sein. Willst du es riskieren?« Der Zwerg wies mit dem Kopf auf den leeren Grabhügel. »Du bist noch ein bißchen ungeschickt mit dem Bauen. Wenn du übst, wirst du besser werden.«

»Du hast ja reichlich Übung«, sagte Tyorl kalt. »Deine Freunde scheinen nicht sehr lange zu leben, Stanach. Wie viele Hügelgräber hast du gebaut, seit du Thorbardin verlassen hast?«

Kelida, die schweigend zwischen ihnen stand, ergriff Tyorls Schulter. »Nein, Tyorl, nicht.«

Stanach hielt die Hand hoch. »Leute sterben für dieses Schwert. Es werden noch mehr deswegen sterben, wenn ich es nicht dahin zurückbringe, wo es hingehört. Richtig, Tyorl?«

Tyorl sagte einen Augenblick gar nichts. Stanach sagte die Wahrheit, das konnte der Elf nicht abstreiten. Er sah Kelida an, die immer noch zwischen ihnen stand. Das junge Tageslicht fiel wie Gold auf ihre dicken, roten Zöpfe. In diesem Moment, in den grauen Jagdkleidern, die er ihr in Qualinesti gesucht hatte, und mit Sturmklinge an der Hüfte schien das verschreckte Mädchen, das er gekannt hatte, verschwunden. In dem verdreckten Leder, mit der Hand auf Sturmklinges Heft sah sie aus, als wäre sie ein Mitglied von Finns Waldläufertruppe.

Richtig, aber das war sie nicht! Das Mädchen konnte kaum einen Dolch benutzen und hatte erst gestern gelernt, mit Sturmklinge an der Hüfte zu laufen, ohne darüber zu stolpern. Sie war keine Waldläuferin, keine Kriegerin. Sie war ein Bauernmädchen, das Kellnerin geworden war.

Tyorl schüttelte den Kopf und erhob sich rasch auf die Beine. »Ich sage dir eins, Stanach: Ich weiß nicht, ob Hauk lebt oder tot ist, aber ich glaube dir die Geschichte mit dem Schwert. Sturmklinge gehört ihm nicht mehr. Das Schwert soll nach Thorbardin.« Er hörte Kelidas erleichterten Seufzer und sah seine Spiegelung tief in Stanachs dunklen Augen.

»Aber vorher kommt es woanders hin.« Er schnitt den Protest des Zwergs mit einer ärgerlichen Geste ab. »Meine Waldläufergruppe ist ganz in der Nähe. Du warst nicht der einzige, der auf der Straße Freunde treffen wollte, Stanach. Finn wird wissen wollen, was Hauk zugestoßen ist, und er muß etwas erfahren, was ich in Langenberg ausgekundschaftet habe.«

Schnell und ohne Einzelheiten erzählte Tyorl Stanach, was er und Hauk in Langenberg über Verminaards Plan, Versorgungseinheiten in die Berge zu verlegen, gehört hatten.

Die Nachricht durchzuckte Stanach schmerzhaft. »Verminaard will Thorbardin angreifen?«

»O ja«, sagte Tyorl trocken. »Dachtet ihr, eure kostbaren Berge wären für immer sicher? Dachtet ihr, der Krieg würde sich teilen wie Wasser, das eine Insel umgibt? Die ersten Versorgungstrupps sind jetzt wahrscheinlich schon an Qualinestis Grenzen. Das Jahr neigt sich dem Ende, und Verminaard wird die Einheiten an Ort und Stelle haben wollen, damit er vor dem Winter zuschlagen kann. Es wäre ganz gut, wenn wir diese Hügel vor einer Horde Drakonier erreichen, oder? Und bevor uns diejenigen finden, die den Zauberer umgebracht haben?«

Die Sonne, die jetzt über den Bäumen im Osten aufging, ließ ihr Licht über den Hügel strömen und vergoldete die Steine von Pfeifers Grabhügel. Der Zwerg stand langsam auf und ging ohne ein Wort an Tyorl oder Kelida den Hügel hinunter.

Kelida sah zu, wie Lavim auf die Füße kam und Stanach nachlief. Ihre Augen waren traurig und ihre Miene weich vor Mitleid. Als sie Tyorl ansah, war die Trauer verschwunden. Das Mitleid blieb, und Tyorl hatte das unangenehme Gefühl, daß es ihm galt.

»Das war grausam, Tyorl.«

»Was?«

»Was du über seine Freunde gesagt hast, die sterben.« Sie ließ ihn abrupt stehen und lief den Hügel hinunter.

Allein gelassen zitterte Tyorl im Sonnenlicht.

Das schrille, unmelodiöse Pfeifen einer Flöte stieg vom Fuß des Hügels auf. Unten auf der Lichtung quiekte Lavim, als Stanach ihm Pfeifers Flöte aus den Händen riß.

Tyorl lief in großen Sätzen den Hang hinunter. Zweifel und Argwohn waren vergessen. Drakonier und mordlustige Sucher nach von Göttern berührten Schwertern verblaßten im Vergleich zu der schrecklichen Vorstellung von einem Kender mit einer Zauberflöte.

Der Zwerg Brek rieb sich mit den dicken Fingern die Wange. Sein rechtes Auge begann wieder zu zucken. »Wo ist Mika?«

»Ich habe seine Spuren auf dieser Seite der Straße gesehen. Er wird schon zurückkommen.« Chert trat unruhig von einem Bein aufs andere, als er das wenige kundtat, das er herausgefunden hatte. »Der Zauberer ist tot.«

Die pralle Nachmittagssonne erregte in ihm solche Übelkeit wie der faulige Gestank eines frischen Kadavers. Goldene Lichtpfeile spiegelten sich in Cherts blutbefleckter Rüstung. Die felsigen Hügel waren von Licht überzogen. Die Südstraße nach Langenberg lag, von den flachen Hügeln aus betrachtet, wie ein dünnes, braunes Band da; dunkler Wald begrenzte die lange Geröllhalde, die an den Grabhügel eines Riesen erinnerte. Der kleinere, das wirkliche Steingrab, war aus dieser Entfernung nicht zu erkennen. Hinter ihnen erhoben sich im Osten die breiten, blauen Hänge der Kharolisberge in den Himmel. Unter diesen Bergen lagen die Tiefen Höhlen, ihr Zuhause.

Brek spuckte aus und fragte sich, ob er die Höhlen je wiedersehen würde oder ob ihn das Licht oder der Dolch des Herolds vorher umbringen würde. Er warf einen Seitenblick auf Agus, den Clanlosen. Er hatte sein Todesurteil in den Tiefen des einen Auges des Grauen Herolds gelesen, das dort glitzerte, seit Hornfells Schoßhund von Magier gestern verschwunden war.

»Woher weißt du, daß der Zauberer tot ist?«

»Da ist ein neues Steingrab im Wald«, erklärte Chert.

Für mich wird es nicht einmal das geben, dachte Brek. Meine Knochen werden verrotten und in der Sonne ausbleichen, wenn ich dieses Schwert nicht kriege!

Wieder blickte er zu dem Herold. Realgar duldete kein Versagen, und es würde ihm völlig egal sein, daß Brek ihm seit zwanzig Jahren treu gedient hatte.

»Was schert mich ein Steingrab?« blaffte er.

»Nun, es muß ja jemand gebaut haben. Wer außer einem Freund würde sich dafür die Zeit nehmen? Ich habe Spuren von drei, vielleicht auch vier Leuten gefunden.« Chert grinste und kratzte sich mit einer vernarbten Hand den zerzausten Bart. ›Kriegersilber‹ nannten die Theiwaren die Narben, die im Kampf erworben waren. Chert war davon übersät. »Einer war eindeutig ein Zwerg.«

Wulf, der etwas abseits von seinen Kameraden stand, lachte leise und kehlig. Der Klang erinnerte Brek an ein listiges Zischen.

»Genau, wer außer einem Freund? Hammerfels Schüler. Hast du herausgefunden, wo sie hinwollten?«

»Nach Osten in die Vorberge.«

Nach Osten in die Vorberge. Hammerfels Lehrling war zu Fuß und ohne die schützenden Zaubersprüche des Magiers unterwegs nach Thorbardin. Brek entspannte sich und lächelte.

Cherts Hand glitt zu der Armbrust, die über seine Schulter hing. »Verfolgen wir ihn?«

»Nein«, sagte Brek. »Wir schneiden ihm den Weg ab. Wulf! Los.«