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Nicht ganz richtig im Kopf, dachte Brek wieder, als der schlanke Zwerg den Hügel hinaufsprang. Mit Augen wie vereister Schlamm hob Wulf den Kopf und stieß ein unheimliches, heulendes Gelächter aus. Er witterte Beute.

Als sei Wulfs Heulen das Signal gewesen, kletterte Mika auf den Hügel. Brek begrüßte ihn und wies ihn an, den anderen zu folgen.

Der Herold, der einäugige Agus, sagte kein Wort, während er den dreien durch die Hügel nach Norden folgte.

Tyorl begrüßte es, daß sie wieder in den Wald zurückgegangen waren. Draußen auf dem Hügel, selbst auf der Windschattenseite, war er sich schutzlos ausgeliefert vorgekommen. Hier im Wald konnte er aufatmen. Die Erhebungen, die am Vortag noch mit einer dünnen Erdkrume und abgefallenen Blättern bedeckt gewesen waren, waren nur noch nackte, graue Felsen, die aus dem Boden ragten und oft die halbe Höhe der hochgewachsenen Kiefern erreichten. Sie folgten einem holprigen Pfad, der sich zwischen Steinen und dicken, knorrigen Baumwurzeln wand.

Obwohl der Wald wie ein Teil des Grenzlands von Qualinesti aussah, war er in Wirklichkeit der Anfang von Finns Revier. Der Anführer der dreißigköpfigen Waldläufergruppe aus Elfen und Menschen jagte auf dem schmalen Streifen zwischen Qualinesti und den Kharolisbergen. Ihr Lieblingswild waren Drakonierpatrouillen.

Finns Alptraum-Truppe war wie ein unermüdliches, tödliches Rudel unterwegs, seit die ersten Drakonier die Wälder mit ihrer Anwesenheit besudelt hatten. ›Grenzer‹ nannte man sie in manchen der abgelegenen Dörfer und Orte. Die Menschen halfen den Waldläufern, wo sie konnten. Manchmal war es nur ein Laib Brot oder Wasser aus dem Brunnen. Manchmal bestand die Hilfe aus Nachrichten oder – kostbarer – Schweigen, wenn eine Schwadron Drakonier auf der Suche nach denen vorbeizog, die eine Patrouille von Verminaards Soldaten aufgerieben hatten.

Tyorl fühlte sich in diesen Wäldern genauso zu Hause wie im Elfenwald. In ein oder zwei Tagen, wenn nicht schon früher, würde er Finn finden.

Oder, dachte er, Finn wird mich finden.

Tyorl ging voran. Auf der Sehne seines Bogens lag ein angelegter Pfeil. Er blickte über die Schulter und sah das Sonnenlicht auf dem Silberohrring des Zwergs blitzen. Stanach war ganz nach hinten gefallen. Obwohl Stanach sein altes Schwert immer auf dem Rücken trug, wußte Tyorl, daß er es trotzdem jederzeit einsatzbereit hielt. Der Zwerg hatte kein Wort darüber verloren, daß Tyorl die Waldläufer suchen wollte, aber Tyorl nahm es als Zeichen des Einverständnisses, daß Stanach noch bei ihnen war. Er würde dort hingehen, wo Sturmklinge hinging, und auch wenn sie ihn für seine angeblich grausame Bemerkung gescholten hatte, mußte Kelida zugeben, daß seine Idee gut war.

Er runzelte die Stirn. Pfeifers Flöte hing an Stanachs Gürtel. Obwohl Tyorl ihn zu überzeugen versucht hatte, das Instrument mit dem Magier zu begraben, hatte Stanach davon nichts wissen wollen.

»Ich habe ihn begraben«, hatte Stanach störrisch erklärt. »Ich werde nicht seine Musik begraben. Pfeifer war Hornfells Untertan. Ihm werde ich die Flöte bringen.«

Soweit sie das beurteilen konnten, hatte Lavims Flöten kein Unheil angerichtet. Doch was konnte alles noch mit der Flöte passieren! Wie Stanach gesagt hatte, war das Instrument nicht nur mit zahlreichen Sprüchen versehen, sondern hatte auch seine eigene Magie.

»Pfeifer sagte immer, sie hätte ihren eigenen Kopf«, hatte Stanach gemeint. »Manchmal wählte sie ein eigenes Lied, und dann war es völlig egal, was Pfeifer spielen wollte. Sagte er jedenfalls gern.«

Weiter hatte der Zwerg nichts gesagt, er hatte nur die Schnur mit der Flöte an seinem Gürtel festgemacht und war mit der Hand über das polierte Holz gefahren.

Tyorl sah den Kender an, der neben Kelida hüpfte und irgendeine unzusammenhängende Geschichte voller unwahrscheinlicher Begebenheiten spann. Immer wenn Lavim Kelida ansah, wanderte sein Blick zu Stanach und der Kirschholzflöte. Tyorl wäre glücklich gewesen, sowohl den Kender als auch die Flöte los zu sein. Wenn er Kelidas Lächeln sah, wußte er jedoch, daß sie sicher nichts davon hören wollte.

Er wagte nicht, darüber nachzudenken, warum es ihm wichtig war, was Kelida wollte.

Die Schatten wurden länger, und das Sonnenlicht verlor seine Wärme, als Tyorl Stanach nach vorn winkte. Kelida, deren Gesicht deutlich ihre Erschöpfung verriet, sank an einem flechtenbewachsenen Findling zu Boden und lächelte nur matt, als Stanach ihr im Vorübergehen ermutigend die Hand auf die Schulter legte.

Unaufgefordert – was ihn nicht im geringsten bekümmerte – folgte Lavim ihm. »Warum halten wir, Tyorl?«

Tyorl fuhr mit dem Daumen seine Bogensehne entlang. »Wir halten an, um zu jagen, Lavim. Du hältst an, um das Lager aufzubauen.«

»Aber ich will – «

»Keine Widerrede, Lavim. Hinter diesen Felsen liegt eine Senke.« Tyorl zeigte mit seinem Bogen auf ein paar Bäume, die sich aus dem steinigen Hang zur Linken erhoben. »Da findest du Wasser in einem Wildbach und sicher das nötige Feuerholz.« Er warf dem Kender seine Wasserflasche zu und wies Stanach an, das gleiche zu tun. »Füll die Flaschen und such dann Holz und Zunder.«

Lavim runzelte die Stirn, wobei sein Gesicht von einem Netz empörter Falten überzogen wurde. »Weißt du, daß ich die ganzen letzten Tage immer nur das Lager aufgebaut habe? Wieso darf Stanach jagen gehen, und ich muß dann das Fell abziehen und Holz und Zunder schleppen?« Er zog seinen Hupak vom Rücken und sah von einem zum anderen. Schnell, wie Kender sind, änderte sich sein Gesichtsausdruck in ein pfiffiges Lächeln. »Ich bin ein furchtbar guter Jäger.«

»Daran zweifelt auch keiner, Kenderchen«, knurrte Tyorl. »Was ich bezweifle, ist ob wir dir zutrauen können, daß du uns Abendessen bringst, wenn dir irgendein Vogel oder ein Busch oder eine Wolke in die Augen sticht.«

Lavim wollte streitlustig hochfahren, doch Stanach hob beschwichtigend die Hand.

»Er hat es nicht so gemeint, Lavim. Er meinte – «, Stanach hielt inne. Tyorl hatte genau das gesagt, was er meinte. Er versuchte es noch einmal. »Nun, jemand muß bei Kelida bleiben.«

»Ja, aber…«

»Dieser Jemand bist du. Du willst sie doch nicht kränken, oder?«

»Nein, aber ich verstehe nicht, wieso ausgerechnet ich – «

Tyorl wollte ungeduldig einschreiten, aber Stanach brachte ihn zum Schweigen. »Wenn Tyorl oder ich hierbleiben, dann kommt sie sich auf jeden Fall, na ja, beaufsichtigt vor. Sie denkt vielleicht, wir würden ihr nicht zutrauen, daß sie auf sich selbst aufpassen kann.«

»Tut ihr das nicht?«

»Wenn sie könnte, dann schon. Aber sie kann es nicht. Und du kannst so etwas besser als wir. Das liegt dir, Lavim.«

Der Kender hakte störrisch nach. »Kelida kann ihren Dolch benutzen. Ich hab’s ihr beigebracht und – «

»Oh, ist sie so eine gute Schülerin, hm? Wir können bestimmt bald alle von ihr lernen.«

Lavim holte tief Luft und stieß einen Seufzer aus. »Nein, natürlich nicht. Ich habe ihr noch nicht meinen doppelt fiesen Rückwärtswurf über die Schulter gezeigt – unter anderen. Aber, Stanach, ich – «

»Ach so? Willst du sie sich selbst überlassen, um das Lager aufzuschlagen, und einfach hoffen, daß sie noch da ist, wenn wir wiederkommen?« Er seufzte absichtlich. »Ich glaube, ich habe mich da in dir getäuscht.«

Lavim sah so aus wie einer, der schon ahnt, daß er geführt wird, aber er konnte der Frage nicht widerstehen. »Wieso?«

»Ich hatte gedacht, daß du Kelida unter deine Fittiche genommen hast. Du weißt schon, ihr das Messerwerfen beibringen, Geschichten erzählen, die sie von Müdigkeit und Angst ablenken.« Stanachs Augen waren so groß wie die eines Kenders, als er mit den Schultern zuckte. »Ich habe mich wohl geirrt.«

Tyorl unterdrückte ein Lächeln, als Lavim zu Kelida zurückschlurfte und dabei kleine Steine vor sich her trat. »Ich habe noch nie gehört, daß jemand versucht hat, vernünftig mit einem Kender zu reden. Und ich habe bestimmt noch nie gehört, daß es geklappt hat«, sagte Tyorl.