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Stanach zuckte mit den Schultern. »Er hat Kelida wirklich gern. Ich dachte, ich könnte das ausspielen. Ich glaube nicht, daß der Trick jedesmal klappt.« Er wies mit dem Daumen auf Tyorls Langbogen. »Ich nehme an, ich soll die Moorhühner aufscheuchen?«

»Außer wenn du ein oder zwei Eichhörnchen mit dem Schwert erlegen willst.«

Stanach folgte dem Elf wortlos in den Wald.

Die Sterne versprachen gutes Wetter für den nächsten Tag. Die Monde, der rote und der silberne, hingen hoch am mitternächtlichen Himmel und beleuchteten den Wald. Schatten huschten wie Geister über den Boden.

Eines Tages, sagte sich Lavim, werde ich mich so leise wie ein Gespenst bewegen können. Er kauerte sich ans Ufer des Baches und schöpfte eine Handvoll eiskaltes Wasser. Ohne natürlich wirklich einer zu sein. Aber es wäre doch vorteilhaft.

Im Mondlicht glitzerte etwas, das direkt unter der Wasseroberfläche lag.

Lavims Finger glitten ins Wasser zurück und holten einen faustgroßen, glänzenden Stein aus dem Bachbett. Der rotbraune Stein war grün gemasert und schimmerte nicht. Gelbe und weiße Flecken tanzten auf seiner Oberfläche.

Wie Gold und Diamanten! Nun, wahrscheinlich waren es nicht gerade Gold und Diamanten. Eher etwas, wovon nur Zwerge und Gnome den Namen kannten.

Lavim steckte den Stein in einen seiner Beutel. Er hockte sich wieder auf die Fersen und betrachtete das Mondlicht, das sich auf dem Wasser spiegelte. Ein Graufuchs bellte hinter ihm im Dickicht. Eine Eule schrie hoch am Himmel, jenseits des Dachs des Waldes, und ein Kaninchen huschte zitternd vor Schreck in seinen Bau. Überall um den Kender raschelten die Blätter vom Kommen und Gehen der jagenden und gejagten Nachttiere. Warum eigentlich, fragte er sich, sagen die Leute immer ›still wie ein Nachtwald‹? Hier ist es lauter als auf einem Jahrmarkt! Der Kender lachte stillvergnügt. In letzter Zeit hatte er angefangen, Selbstgespräche zu führen. Wahrscheinlich weil ich alt werde, dachte er. Die Leute sagen immer, daß die Alten mit sich selber reden, weil sie wissen, daß sie die einzigen sind, die sich eine vernünftige Antwort geben können. Lavim suchte sich eine bequemere Position und setzte sich zurecht, um den Wald zu betrachten und im Mondlicht nachzudenken.

Eigentlich denke ich nur nach, grübelte er. Ich rede gar nicht mit mir selbst, weil ich nämlich überhaupt noch nicht so alt bin.

Sechzig ist wirklich nicht sehr alt. Vielleicht sind meine Augen nicht mehr das, was sie mal waren, aber ich konnte immer noch den guten Stanach vor den ganzen Drakoniern retten!

Er lächelte. Richtig. Und wenn wir schon bei Stanach sind…

Lavim wußte – und erkannte das mit einem sorglosen Schulterzucken an –, daß er die ganze Zeit eigentlich nur eines gemacht hatte (neben den Selbstgesprächen natürlich): Er hatte versucht, eine Antwort auf das Problem zu finden, wie er Pfeifers Flöte in die Hände bekommen konnte. Stanach hatte sie den ganzen Tag nicht aus den Augen gelassen. Alles, was ich will, redete sich Lavim ein, ist, sie für ein oder zwei Minuten zu borgen. Dann könnte ich sehen, warum ihm die Flöte eigentlich so wichtig ist, wo sie doch Pfeifer gehört hat und die beiden so gute Freunde waren. Armer Stanach. Er muß einsam sein, so ohne Pfeifer. Er hat sich richtig darauf gefreut, Pfeifer wiederzusehen. Er ist weit weg von zu Hause und hätte bestimmt gern ein vertrautes Gesicht gesehen. Auch wenn man meinen sollte, daß er glücklich wäre, das Schwert zurückzubringen. So, wo war ich? Ach ja. Die Flöte. Er wäre wirklich glücklich, wenn er hinterher merken würde – nachdem ich sie erst einmal in der Hand gehabt habe –, daß er sie nicht verloren hat, sondern daß ich sie nur geliehen habe.

Lavim grinste zu den Monden hoch. Er hegte nicht den geringsten Zweifel, daß er es schaffen würde, die Flöte zu bekommen. Es war nur eine Frage der richtigen Gelegenheit.

Das lange, leichte, rotbraune Kirschbaumholz beschäftigte den Kender, seit er es zum ersten Mal gesehen hatte. Er hatte ihr nur ein, zwei Töne entlocken können, bevor Stanach ihm das Instrument entrissen hatte. Jetzt fragte er sich, was für ein Zauber in der Flöte eines Magiers schlummern mochte. Vielleicht einer, der einem Lieder beibrachte?

Lavim schlang die Arme um die angezogenen Knie. Ja, die Art, die einem Lieder beibringt. Er verstand nichts von Liedern und Musik, aber er wußte einfach, daß sich das ändern würde, wenn er Pfeifers Flöte in den Händen hielt.

Der Kender kam staksig auf die Beine. Der Boden war kalt, und er hatte noch nichts zum Frühstück erlegt. Das war so ziemlich das einzige, was man ihn tun ließ, außer Lager aufbauen, Holz sammeln, Wasser holen und Lager abbauen.

Er schlüpfte in die Schatten und sann über verzauberte Flöten, Kaninchen und heiße Brühe aus den Resten der Moorhühner nach.

Der aufsteigende Rauch verbreitete immer noch den Duft des gebratenen Moorhuhns. Stanach sah zum Lager hinunter und fragte sich, wann Kender wohl schliefen. Lavim war nirgends zu sehen. Kelida schlief nah beim Feuer. Tyorl, der an einen Weißdorn lehnte, hatte im Schlaf den Kopf auf seine Knie gelegt.

Nicht mehr lange, dachte Stanach, als er hinunterkletterte. Tyorl hätte die Wache längst übernehmen sollen, und der Zwerg würde nicht länger auf ihn warten. Jetzt wollte Stanach nur noch einen Augenblick die Wärme des Feuers genießen und sich dann einen nicht zu steinigen Schlafplatz suchen.

Das Feuer warf dunkle Schatten an die Bäume und ließ sie aussehen, als wenn sie sich in einem leisen Wind wiegten. Stanach sah Sturmklinge unter Kelidas ausgestreckter Hand. Die Friedensknoten an der Scheide waren aufgegangen, und die Klinge hing halb aus der Scheide. Er kniete sich hin, um das Schwert zurückzuschieben.

Seine Handfläche berührte die rauhe Stelle an der Versilberung. Er hatte das Silber geglättet, als das Königsschwert gestohlen worden war, als die Wände der Schmiede vor seinen Augen eingestürzt waren. Feuer war in seinem Kopf explodiert, und er hatte Blut gespürt, das ihm den Hals hinunterlief, bevor Dunkelheit die Welt verschlang und er betäubt auf den Boden gefallen war.

Ein rotes Licht pulsierte in dem Stahl, und das kam nicht vom Feuer. Stanach zog Sturmklinge vorsichtig aus der Scheide. Kelidas Atem blieb ruhig und gleichmäßig. Er stand langsam auf, ging zur Seite und hielt Sturmklinge auf beiden Händen.

Für dieses Schwert war Kyan Rotaxt gestorben. Und auch Pfeifer war dafür gestorben.

Realgars Männer mußten den Magier gesucht haben. Sie mußten den Steinhügel gesehen haben. Ich hätte ihn nicht bauen sollen, dachte er und schüttelte dann den Kopf. Nein, früher oder später hätten die Theiwaren Pfeifers Körper ohnehin gefunden. Wegen der Aaskrähen. Stanach erschauerte.

Tu, was du tun mußt. Das war das letzte, was Pfeifer ihm gesagt hatte.

Das tue ich, dachte Stanach.

So hatte er es die ganze Zeit geplant. Pfeifer finden, das Schwert nehmen und zu Hornfell zurückkehren. Wenn er jetzt das Schwert nahm, konnte er seine Gefährten dem Tod überlassen, falls die Theiwaren sie einholten.

Stanach sah Kelida an. Ihre Gedanken waren so leicht zu lesen! Er fragte sich, wann sie wohl merken würde, daß sie sich in den halbbetrunkenen Waldläufer verliebt hatte, der ihr das Schwert gegeben hatte.

Wenn sie erfährt, daß er tot ist, flüsterte die Stimme in seinem Kopf. Sie wird es wissen, wenn sie endgültig erfährt, daß er tot ist.

Stanach betrachtete das Königsschwert in seinen Händen. In jener ersten Nacht in Qualinesti hätte er es gern genommen. Er hätte sie, Tyorl und Lavim ohne Zögern im Wald zurückgelassen und sich nach Thorbardin aufgemacht. Weil er das nicht konnte, hatte er das Zweitbeste getan: Er hatte Kelida einen Grund geliefert, Sturmklinge nach Thorbardin zu bringen. Er hatte ihr sozusagen einen toten Mann als Liebhaber vorgeschlagen.

Es tut mir leid, hatte sie gesagt, als er um Pfeifer trauerte. Sie hatte lange neben ihm gesessen, seine Hand gehalten und ihm warm und wortlos zu verstehen gegeben, daß er wenigstens in jenem Moment nicht allein war. Der Trost, den sie ihm angeboten hatte, war so selbstverständlich wie der einer Verwandten, wie das stillschweigende Verständnis einer Schwester.