»Ich habe gerade daran gedacht, daß ich überhaupt nichts habe, was mich an meine Familie erinnert – nicht einmal einen Glücksstein.«
Lavim sah hoch. »Oh, in Khur gibt es viele davon. Warst du da schon mal? Ich bin da geboren. Es ist ein schönes Land voller Hügel und Berge. Auch ein paar hübsche Täler. Du solltest es dir mal ansehen, Kelida. Ich würde selbst gern mal wieder dahin ziehen. Das will ich immer, aber – ich weiß nicht, irgend etwas zerrt mich immer in die entgegengesetzte Richtung. So wie Sturmklinge, auch wenn ich einfach nicht herauskriege, wieso das so ist. Du warst doch noch nicht lange Kellnerin, oder? Du hast doch mit deiner Familie auf einem Hof gelebt? Bevor der Drache – oh, äh, bevor du Kellnerin warst. Also, wenn du das Landleben magst, dann bist du in Khur genau richtig. Ich würde dich gerne hinbringen. Dann kehre ich selbst mal zurück. Zumindest für eine Zeitlang. Sobald wir das mit Sturmklinge erledigt haben.« Er hielt inne. »Sag mal, du glaubst wohl nicht zufällig, daß dieser komische Hauk auch nach Khur mitkommen würde, hm?«
Kelida betrachtete, wie die Sonne den Stein brutzelte. »Warum sollte er das wollen?«
»Na ja, wenn du dahin gehst, kommt er vielleicht auch. Er weiß bestimmt, daß du nach Thorbardin kommst, um ihn zu retten, und er wird bestimmt dankbar sein. Ich frage mich, ob sie ihn in einem Gefängnis oder Verlies haben. Gefängnisse sind, glaube ich, eine Zeitlang ganz gut. Das Essen ist meistens ziemlich schlecht, aber einigermaßen regelmäßig.
Aber Verliese? Die mag ich nicht so besonders. Das Essen ist kaum schlimmer, aber man kriegt es so selten. Die Leute, die dich da reinstecken, vergessen dich meistens nach einer Weile.
Weißt du, Thorbardin ist richtig groß. Nicht nur eine Stadt – gleich sechs. Sie sind alle irgendwie miteinander verbunden. Vielleicht über Brücken. Und es liegt mitten im Berg drin. Kannst du dir das vorstellen?
Es gibt sogar Gärten. Wußtest du das? Aber, wenn sie im Inneren des Berges liegen, woher bekommen sie dann Sonnenlicht? Wie bekommen sie Regen? Tja, ich nehme an, sie können Regen auffangen und damit ihre Gärten bewässern, aber das wäre viel Arbeit, meinst du nicht auch? Selbst wenn sie das tun – die Gärten bewässern, meine ich –, löst das immer noch nicht die Frage nach dem Sonnenlicht. Das kann man nicht in einem Eimer tragen.«
Lavim plapperte weiter. Kelida hörte ihm nur mit halbem Ohr zu. Sie dachte an Verliese und überlegte, ob Hauk wohl wirklich wußte, daß jemand kam, um ihm zu helfen.
Er muß es wissen, dachte sie. Er muß wissen, daß Tyorl ihn sucht. Sie fuhr mit der Hand über die Scheide des Königsschwerts. Er muß wissen, daß er wegen diesem Schwert gefangen ist.
»Wenn man Sonnenlicht in Eimern transportieren will, müssen die aber einen festen Deckel haben, oder?«
Wenn er lebt, dachte sie, dann weiß Hauk es. Kann er noch leben? Es ist sechs Tage her seit der Nacht, als er das ›Tenny’s‹ verlassen hatte. Sie dachte an Pfeifer, den Zauberer, und den Grabhügel auf dem Hügel im Wald und an Stanachs Augen, als er vom Tod seines Verwandten erzählt hatte. Sie schloß die Augen und legte die Stirn auf die angezogenen Knie.
Dann versuchte sie, Hauks Stimme zu hören und die Sanftheit darin zu finden, die sich hinter dem Bärengrollen verbarg. Sie stellte sich vor, solange sie seine Stimme im Gedächtnis hatte, würde er noch leben. Solange sie seine Augen sehen konnte, als er ihr das Schwert zu Füßen gelegt hatte, würde er nicht tot sein.
Sie hatte sich aus den wenigen Momenten, in denen sie miteinander geredet hatten, ein Bild von Ritterlichkeit und Freundlichkeit erschaffen, und erinnerte sich nicht mehr daran, daß sie sich im ›Tenny’s‹ in Wirklichkeit vor ihm gefürchtet hatte.
»…Und es müßten dunkle Eimer sein, vielleicht mit Blei oder so beschichtet, damit das Sonnenlicht nicht wieder herausdringt. Hmmmm. Ich frage ich, ob sie daran gedacht haben.«
Kelidas Finger schlossen sich um die Schwertscheide. Königsschwert nannte es Stanach. Sturmklinge. Für Kelida würde es immer das Schwert des Mannes sein, der ihr Leben für eine Wette aufs Spiel gesetzt hatte und der sein eigenes dafür einsetzte, sie zu schützen.
Es raschelte im Gebüsch, ein Stein kullerte auf den Weg, und Lavim sprang von seinem steinernen Ausguck, nachdem er die Steine wieder in den Beutel gefegt hatte. Kelida schaute sich um und sah Tyorl neben sich stehen. Eilig wollte sie aufstehen, doch der Elf winkte ab.
»Noch nicht. Lavim! Lauf den Pfad hoch und hol Stanach ein, ja?«
Der Kender warf den Hupak über den Rücken. »Klar doch, Tyorl. Was ist los?«
»Nichts. Such einfach Stanach. Und lauf nicht weg.«
Glückstrahlend hüpfte der Kender den Pfad hoch, wobei sein Gepäck und die Beutel hoch und runter sprangen.
»Ich habe ihn den halben Weg hoch gehört«, sagte Tyorl. Er setzte sich auf den Felsen, den der Kender verlassen hatte. »Wovon hat er erzählt?«
Kelida lächelte. »Thorbardin und Sonnenlicht in bleibeschichteten Eimern.«
»Sonnenlicht in –?« Tyorl kratzte sich am Kinn. »Wieso?«
»Oh, für die Gärten. Er behauptet, es gäbe in Thorbardin haufenweise Gärten. Stimmt das?«
Der Elf zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Die Stadt liegt im Berg, also kann ich mir das nicht vorstellen. Kendergeschwätz ist halb Traum, halb Phantasie.«
Kelida sah einen langen Augenblick zu, wie Tyorl mit dem Daumen über die Sehne seines Langbogens strich. »Wo ist Stanach?«
»Den Weg hoch.« Tyorl zuckte wieder mit den Schultern. »Kundschaften.«
»Sollten wir nicht nachkommen?«
Tyorl sah in die Schatten. Auch wenn er nur den Wind in den Bäumen hörte, schüttelte er den Kopf. »Gleich. Es ist ein langer Aufstieg. Wir können hier abwarten.«
Kelida nickte und beobachtete schweigend, wie die Schatten über den Pfad strichen. Tyorl sah das Sonnenlicht wie Goldfäden durch ihr Haar rieseln.
Weißt du, sagte sich Lavim, die Sache mit den Eimern ist, daß es gehen könnte oder auch nicht. Aber man weiß es nie, bis man es versucht hat, oder?
Der Wind in den Baumkronen seufzte, und Lavim trottete den Pfad hoch.
Richtig, dachte er. Aber wenn sie Gärten in Thorbardin haben, dann müssen sie sich natürlich etwas mit dem Licht ausgedacht haben.
Lavim hatte beschlossen, daß er sich keine Gedanken mehr über seine neue Angewohnheit, Selbstgespräche zu führen, machen würde. Außerdem hatte er daran fast so viel Spaß, wie mit jemand anderem zu reden. Zum einen konnte er sich nie unterbrechen. Außerdem kam es ihm so vor, als ob Stanach und Tyorl einfach unglücklich waren, wenn sie ihm nicht dauernd ins Wort fallen konnten. Kelida hörte manchmal zu. Aber alles in allem fing er an, seine Selbstgespräche zu genießen. Er bekam gute Antworten.
Er verließ den Pfad dort, wo ihm abgeknickte Zweige und zertretenes Unterholz Stanachs Weg verrieten.
Ein echter Zwerg! Tritt einen eine Meile breiten Pfad, damit auch jeder sieht, wo er langgegangen ist. Zwerge sind wirklich ungeschickt, was Wald angeht.
Vor ihm ragte eine Felswand auf. Lavim grinste. Ich wette, er ist hier langgekommen. Warum ist er nicht auf dem Weg geblieben? Was soll’s! Ich frage ihn, wenn ich ihn finde.
Er griff nach den Kerben und zog sich den Stein hoch. O ja, Stanach war hier gewesen. Die Flechten am Fels waren zerrissen und zerquetscht. Lavim schüttelte den Kopf. Er hätte auch gleich in roten Lettern anschreiben können: HIER BIN ICH LANG.
Sonnenlicht blinkte auf etwas Weichem, Rotbraunem, das in einer nahen Felsspalte lag. Lavim griff nach dem glänzenden Ding und runzelte die Stirn, als er Pfeifers Flöte aufhob.
Er holte tief Luft und ließ sie leise pfeifend wieder ab. Pfeifers Flöte! Was für ein Fund!
Er hob die Flöte an die Lippen, um gleich festzustellen, ob sie ihm Lieder beibringen würde. Er versuchte eine Note, dann eine andere. Noch bevor er Atem holen konnte, hielt ihn ein plötzlicher Gedanke auf.