Aber warum, dachte er, sollte Stanach sie hier oben lassen? Er gibt wirklich immer acht, daß er nichts herumliegen läßt – gibt verflixt gut acht –, und hier liegt Pfeifers Flöte wie weggeworfen.
Der Kender rieb mit den Daumen über das weiche Kirschbaumholz. Dann hielt er die Flöte in die Sonne und sah das Rotbraun tief im Holz glimmen. Hatte der Zwerg sie fallen lassen?
Lavim schnaubte. Unwahrscheinlich! Es war Pfeifers Flöte, und Stanach zufolge war sie magisch. Man wirft nicht einfach eine Zauberflöte weg, die man zwei Tage lang am Gürtel hängen hat und bei der man alle fünf Minuten überprüft, ob sie noch da ist.
Lavim untersuchte den Stein an dieser Stelle genauer. Es war noch jemand anders hier gewesen. Der Sand um die kleine Kiefer auf dem Felsen zeigte zwei Paar Fußabdrücke.
Und zwar nicht Tyorls Fußstapfen, dachte der Kender. Er hockte sich hin und legte seine Hand an die Abdrücke. Die einen waren schmaler als die anderen, aber beide hatten dieselbe Länge. Ein anderer Zwerg.
Ja, warum sollte denn noch ein Zwerg hier draußen mitten im Wald herumlaufen? Oh, dachte er, richtig, die Wie-auch-immer-sie-heißen.
Theiware.
»Genau«, sagte er, »Theiware. Das bedeutet – « Lavim machte den Mund zu und sah sich um. Der Wind seufzte im Unterholz. Der Fluß unten im Tal plätscherte und lachte. Ein Eichelhäher schimpfte aus einer Eichenkrone und flog geräuschvoll davon. Es war niemand da, aber er hatte eine Stimme gehört, so hohl wie der Wind oder wie der ferne Klang einer Flöte. »Äh, hallo?«
Lavim, Stanach sitzt in der Patsche.
Lavim drehte sich hin und her, sah stirnrunzelnd in das Tal und zornig in das Dickicht hinter dem Pfad. »Wo bist du?« fragte er laut. »Und wer bist du überhaupt? Woher weißt du, daß Stanach in der Patsche sitzt?«
Du mußt ihm helfen, Lavim.
»Ja, aber… Stopp mal! Woher weiß ich, daß du nicht einer von diesen, äh…«
Theiwaren.
»Genau! Woher weiß ich denn – «
Warum sollte ich dir dann sagen, daß er in der Patsche sitzt?
»Warum zeigst du dich nicht? Wie wäre denn das? Wo steckst du?«
Genau hinter dir.
Lavim fuhr herum. Hinter ihm stand niemand. Er konnte doch keine Stimme hören, wenn keiner da war, der redete. Redete er wieder mit sich selbst?
Es klang aber nicht wie seine eigene Stimme. Er kniff seine Augen fest zu und versuchte sich daran zu erinnern, wie seine Stimme sich anhörte, wenn er mit sich selber redete. (Dachte, erinnerte er sich.) Aber er konnte sich nicht daran erinnern, und für den Fall, daß er nicht gerade ein merkwürdiges Selbstgespräch führte, machte der Kender die Augen wieder auf und blickte sich um.
»Jetzt hör mal zu – «
Die Stimme, die jetzt von hinten und von allen Seiten kam, hatte sich von hohl wie der Wind zu Stahl verwandelt.
Lavim, du hast mich gerufen. Jetzt hör du mir zu! Geh und hol Tyorl!
Lavim seufzte. Wenn er immer noch mit sich selbst redete, dann hatte er Tyorls und Stanachs dumme Angewohnheit übernommen, einem ins Wort zu fallen.
»Ich dich gerufen? Ich habe niemanden gerufen. Ich hab – «
Darüber reden wir später! Geh!
Lavim kletterte den Felsen hinunter und hastete zum Pfad. Er rannte nicht vor Angst. Auch nicht aus Gehorsam.
Was ihn so geräuschvoll wie ein Zwerg durchs Unterholz rennen ließ, war die plötzliche, klare Erkenntnis, daß es diesmal nicht seine Stimme war, und daß er nicht mit sich selbst geredet hatte.
Gut, ergänzte er, vielleicht habe ich doch mit mir selbst geredet, aber jemand anders hat geantwortet!
Lavim lachte und hielt die alte Holzflöte hoch, während er rannte. Er ahnte, wer ihm geantwortet hatte.
16
Gneiss hörte, wie die frisch entzündeten Kohlepfannen in der Ratskammer knisterten, dann seufzten und langsam und stetig zu glühen begannen. Er massierte seine Schläfen, und dabei fiel ihm auf, daß er sich daran genauso gewöhnt hatte wie an seine Kopfschmerzen. Der Grund für die Kopfschmerzen, die schon viel zu lange Thema der Ratssitzungen waren, wartete in dem Tal vor Südtor. Es waren die achthundert Flüchtlinge. Ihre Abgesandten, die er beim Betreten der Ratskammer nur kurz gesehen hatte, waren ein Halb-Elf und eine große, schöne Frau aus den Ebenen. Gneiss rieb sich etwas sanfter die Schläfen. Die beiden warteten jetzt in einem Vorraum auf die Entscheidung des Rats. Auf Befehl des Rats würden sie entweder ihre Achthundert woanders hinführen oder – Gneiss seufzte ergeben – sich mit ihnen in Thorbardin einnisten.
Der Daewar blickte einmal in die Runde an dem breiten, ovalen Tisch. Keiner der anderen anwesenden Lehnsherren wirkte glücklicher als er.
Tufa betrachtete die Oberfläche des polierten Granittischs und verfolgte Muster in dem grauen Stein, die nur er sehen konnte. Er hatte geschwiegen, seit der Rat zur Ordnung gerufen worden war. Bulp, der Gossenzwerg, trommelte mit den Stiefelabsätzen gegen sein Stuhlbein. Als ob er ein vages Verständnis von der Wichtigkeit des heutigen Treffens hätte, versuchte er, wach zu bleiben.
Wenn man jemanden wach nennen kann, dachte Gneiss mißmutig, der jede zweite Minute gähnt!
Die zwei Derro-Lehnsherren, Ranze von den Daergars und Realgar, der Theiwar, hielten sich in den Schatten wie ein Fisch, der im Wasser bleibt. Ranze entfernte sich in letzter Zeit nie weit von dem Theiwar. Die beiden waren so miteinander verbunden wie ein Floh mit dem Hinterteil eines Hundes.
Hornfell, dessen Augen seine schlaflosen Nächte verrieten, erhob sich von seinem Platz am Kopfende des Tischs.
»Wir waren einer Meinung, daß nicht mehr darüber diskutiert werden soll, ob die Flüchtlinge nach Thorbardin gelassen werden.« Ranze holte Luft, um sich einzumischen. Als wenn Hornfell das nicht bemerkt hätte, fuhr er ohne Pause fort. »Die Abgesandten der Flüchtlinge erwarten unsere Entscheidung. Ich werde sie nicht länger warten lassen. Dieser Rat hat sich auch noch um andere Dinge zu kümmern.«
Eine gedankenschwere Stille senkte sich über die Kammer. Bulp setzte sich so hin, daß seine Beine in der Luft strampeln konnten und die Hacken nicht mehr gegen den Stuhl bumsten.
»Wir stimmen ab.« Hornfell wandte sich an den Klar. »Tufa, sag deine Entscheidung.«
Der Lehnsherr der Klar lehnte sich mit langsamem Kopfschütteln an. »Meine Einstellung hat sich nicht geändert. Ich beuge mich dem Ratsbeschluß.« Er warf einen schnellen, für ihn trotzigen Blick auf Realgar. »Wie auch immer dieser Beschluß ausfällt.«
Gneiss seufzte. Wenn jetzt keiner von den anderen anders stimmte als bisher, würde sein Wort wirklich den Beschluß des Rates entscheiden. Wie Hornfell schon bei den Befestigungsanlagen von Südtor gesagt hatte, hatte er seine Entscheidung getroffen. Auch wenn er mit niemandem darüber gesprochen hatte, war es das Beste, das er sich vorstellen konnte.
Hornfell schloß die Augen, holte Luft und nickte dann dem Gossenzwerg zu. »Bulp, wegjagen oder reinlassen?«
Bulp richtete sich mitten im Gähnen auf und hörte auf, sich zu kratzen. Er zwinkerte. Dann grinste er breit. »Reinlassen.« Er kniff die Augen zusammen und sah aus, als würde er es sich noch mal überlegen.
Hornfell sagte rasch: »Ranze.«
»Nein! Nein! Und nein!«
»Das dachte ich mir«, meinte Hornfell trocken. »Realgar?«
Der Theiwar zuckte mit den Schultern. »Ich erspare dir die Mühe, meine Gedanken zu lesen, Hornfell. Schick sie weg. Wir haben keinen Platz für sie, wir mögen sie nicht, und wir brauchen sie nicht.«
Gneiss sah auf, um Realgar fest in die Augen zu schauen. Dasselbe, dachte er, könnte man von dir sagen, Theiwar. Laut sagte er nur: »Wir können sie in den östlichen Ackerhöhlen unterbringen. Die sind seit drei Jahren unbestellt. Weil wir diese Menschen nicht kennen, wissen wir nicht, ob wir sie mögen oder nicht, also spielt das keine Rolle. Brauchen wir sie?« Er sah kurz alle Anwesenden an. »Wir können immer Bauern gebrauchen. Und das sind diese Leute. Ich sage, laßt sie rein, und laßt sie für ihren Aufenthalt arbeiten. Sie sollen wie Pächter dafür bezahlen.«