Wieder sah Gneiss Hornfell an. »Und deine Stimme?«
In Hornfells Stimme lag stiller Triumph. »Einlassen.«
Bei diesen Worten erhob sich Realgar lautlos und katzenartig und verließ den Ratssaal. Ranze folgte dem Theiwar auf dem Fuß, wobei er grimmige Flüche ausstieß. Die beiden Derro-Lehnsherren konnten nichts mehr dagegen tun, daß die achthundert Menschen eingelassen wurden.
Der Rat hatte abgestimmt, und daran hielt sich sogar Realgar. Vorläufig.
Gneiss sah den beiden nach. Tufa und Bulp folgten ihnen. Er seufzte, während er mit halbem Ohr zuhörte, wie Bulp sich fragte, wie die Abstimmung ausgegangen war. Dann sagte er zu Hornfelclass="underline" »Du hast deinen Willen bekommen, mein Freund.«
Hornfell nickte, sah aber nicht aus wie einer, der gerade einen Sieg errungen hat.
»Was jetzt noch? Dachtest du vielleicht, deine zerlumpten Achthundert sollten den Winter mit Schlafen und Faulenzen verbringen?«
Hornfell beachtete den Sarkasmus nicht. »Sag mir, Gneiss, wie sollen wir aus kranken, hungrigen Menschen Freunde und Verbündete machen, die wir gerade als Tagelöhner auf unsere Felder geschickt haben?«
Gneiss seufzte müde. »Sie müssen doch nicht gleich anfangen, Hornfell. Nimm, was du gewonnen hast, und sag deinen Flüchtlingen, daß sie hier überwintern können. Wenn es zum Krieg mit der Außenwelt kommt, wird es ihnen längst gutgehen, und sie sind wahrscheinlich glücklich, wenn sie den Ort verteidigen können, an dem sie leben. Wenn es in Thorbardin zur… Revolution kommt, hast du meine Daewars und die Klar. Wir brauchen niemand anders.«Doch noch während er das sagte, erinnerte sich Gneiss an den katzenhaften Ausdruck in Realgars Augen. Er fühlte eine unangenehme Kälte seinen Rücken hochkriechen. »Sagst du es ihnen jetzt?«
Hornfell trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. »Ich möchte eine Minute Luft schnappen.«
»Luft schnappen? Also, geh schon. Aber paß auf, wo du das machst. Die Miene des Theiwaren gefällt mir zur Zeit überhaupt nicht.«
»Mir auch nicht«, antwortete Hornfell. Da begriff Gneiss, daß sein Freund nicht nur wegen der Flüchtlinge schlaflose Nächte hatte.
Hornfell gab acht, wo er Luft schnappte. Er ging in den Garten vor dem Rat der Lehnsherren. Dort lief er gemessenen Schritts über die feinkörnigen Kieswege.
Er freute sich über den Sieg, den er errungen hatte. Und, nein, er hatte nicht vor, ›seine zerlumpten Achthundert‹ den Winter verschlafen und verbummeln zu lassen. Ebensowenig wollte er etwas anbieten, was auch für ihn wie ein vertraglich festgelegter Dienst aussah. So gewann man keine Verbündeten, und er wußte, daß er bald Verbündete brauchen würde. Soviel hatte er heute in Realgars Augen gelesen.
Er unterbrach sein gemessenes Schreiten. Der Rundgang durch den Garten führte ihn zu den größten Beeten. Hier blühten die farbenprächtigen Sommerblumen der Berge das ganze Jahr über im sorgfältig kontrollierten Klima der unterirdischen Gärten.
Dünnblättrige Glockenheide und Strohblumen mit ihren graugrünen Stengeln blühten Seite an Seite. Königsfarn breitete seine weiten, hohen Farnwedel aus, die mehr goldfarben als grün waren. Kräftiger, gelbblühender Ginster drängte sich durch den dichten Farn, als würde er sich wenig um die Vorrechte der Krone scheren, und am Rand kroch Oleander in niedrig wachsenden Matten empor.
Hornfell berührte eine der zarten Oleanderblüten mit dem Finger. Die rosa Blütenblätter waren dem Licht zugewandt, das aus den vielen Kristallschächten drang, die zur Oberfläche führten. Die empfindliche Oleanderblüte zitterte leicht.
Hornfell zog die Hand zurück und sah zu dem Lichtschacht hoch, der fast genau über ihm hing. Der Lavendelglanz der anbrechenden Dämmerung flutete in den Garten, doch tagsüber nährte ein diffuses, goldenes Licht die Pflanzen.
Dasselbe System aus Kristallsäulen beleuchtete die sechs Städte, als ob sie im Sonnenlicht lägen, und brachte ihnen auch das Licht, das die Pflanzen auf den Feldern brauchten.
Mag sein, daß wir die Berge und all ihre verborgenen Geheimnisse lieben, dachte Hornfell, aber wir lieben auch das Licht. Zumindest einige von uns.
Ein leichter Schritt und ein geräuschvolles Räuspern erschreckten Hornfell. Er drehte sich langsam um, um seine Überraschung nicht zu zeigen. Als er in die schwarzen Augen des Theiwar-Lehnsherrn blickte, hatte Hornfell den Eindruck, daß Realgar ihn schon einige Zeit beobachtet hatte. Er konnte seine dunklen Gedanken von Realgars Gesicht ablesen. Seine Nackenhaare sträubten sich, als würde der Winterwind durch den Garten stöhnen.
»Deine… Gäste erwarten dich«, sagte der Derro-Zauberer. Er sagte das Wort, als würde er von einer Seuche reden. Mit verächtlichem Lächeln verließ ihn der Theiwar so leise wie er gekommen war.
Dunkle Gedanken und helle Wut, dachte Hornfell. Realgar hatte in der langen, erschöpfenden Ratssitzung bis zum letzten Augenblick gekämpft und darauf beharrt, daß es nichts Gutes bringen konnte, wenn sie Menschen in das Gebirgskönigreich einließen.
Hornfell hatte immer geglaubt, daß er der erste wäre, den Realgar schnellstmöglich umbringen würde. Jetzt dachte er, daß Realgar ihn ganz sicher ermorden würde, wenn er die Gelegenheit dazu bekam. Aber erst nach Gneiss, dessen Zögern den Flüchtlingen genauso endgültig die Türen geöffnet hatte wie eine klare Zusage.
Hornfell nahm an, daß sie nur deshalb noch lebten, weil Realgar das Königsschwert noch nicht hatte. Wie lange würde das noch dauern? Oder wann würde er das Warten satt haben und seine Revolution ohne die Waffe anzetteln.
Hornfell war nicht mehr davon überzeugt, daß das Schwert auftauchen würde. Die Nachricht, daß Sturmklinge gesehen worden war, war zu viele Tage her. Gestern gegen Mitternacht hatte Hornfell zu überlegen angefangen, was er tun sollte, wenn Kyan, Pfeifer und Stanach tot waren, wenn Sturmklinge wieder verloren war. All seine Gedanken zielten auf Verteidigung ab.
Gneiss, erkannte er, mußte dieselben Gedanken wälzen. Drei von Gneiss’ Daewarkriegern schienen immer in der Nähe zu sein. Aber wie würden sie ihn gegen Magie verteidigen, falls Realgar von seinem üblichen Weg mit Assassinen und Dolchen in der Dunkelheit abwich?
Überhaupt nicht, dachte Hornfell bitter, als er die Gärten verließ und sich darauf vorbereitete, seine lumpige Gastfreundschaft anzubieten.
Gneiss’ Wachen betraten nicht mit Hornfell den Rat der Lehnsherren, sondern blieben in Rufweite an der Tür stehen. Drei andere warteten mit griffbereiten Waffen im Ratssaal. Sie täuschten keine Höflichkeit vor, sondern standen unmittelbar neben den Abgesandten der Flüchtlinge.
Hornfell musterte die beiden Botschafter sorgfältig, während er die große, lange Halle durchschritt. Der eine, ein rotbärtiger Halb-Elf, drehte sich beim Klang seiner Schritte um. Er hatte ein Schwert an der Hüfte und einen Langbogen über der Schulter. Seine grünen Augen waren hart und aufmerksam.
Seine Gefährtin, eine hochgewachsene Frau in der ledernen Kleidung der Ebenen, legte dem Jäger die Hand auf den Arm, als sie Hornfell kommen hörte. Bei der Bewegung glitzerte ihr Haar im Glanz der frisch entzündeten Fackeln mondsilbern und sonnengold. Sie murmelte nur ein einziges Wort, und schon entspannte sich der Halb-Elf.
Jedenfalls schien das so. Diese grünen Augen wurden wohl nie sanft. Das ist einer, überlegte Hornfell, der nicht gern den Bittsteller spielt! Doch, ja, kann ich dir nicht verdenken, Jäger. Würde mir auch nicht gefallen.
Als Hornfell zum Zeichen des Willkommens die Hände ausstreckte, wichen die Wachen einen Schritt zurück.
»Ich danke Euch für Eure Geduld«, sagte der Zwerg.