Was machte es schon, dachte er geringschätzig, ob Realgar das Königsschwert oder irgendeine gewöhnliche, namenlose Klinge schwang. Hornfell mußte sterben, und es war doch wohl völlig gleichgültig, ob er durch den Streich eines Königsschwerts oder durch eine Dolchklinge starb. Sein Mörder würde Geschichte machen. Er konnte den Bericht später nach eigenem Gutdünken umschreiben und sich Prinzregent oder Hochkönig der Zwerge nennen, wenn er wollte.
Genau, so lange es ihm gelang, am Leben zu bleiben. Nachtschwarz lächelte und fühlte sich etwas besser. Das würde nicht lange dauern, ganz egal, welchen Titel Realgar sich zulegte.
Der Drache spürte die federleichten Vibrationen von Schritten auf dem Steinboden der Höhle und hörte etwas weiter entfernt leises Atmen. Er schloß die Augen. Das Atmen kam von Realgar, und der Drache nahm die Aufgeregtheit in seinem Geruch wahr.
Die Königin der Finsternis gebe, daß er das jämmerliche Schwert gefunden hat!
Sevrist öffnete seufzend die Augen. Er hatte es nicht. Oder?
Nachtschwarz sah genauer hin. Doch? Vielleicht.
Realgar kam lächelnd näher – die Lippen über den Zähnen kalt auseinandergezogen. »Ich grüße dich, Nachtschwarz.«
»Und ich dich, Drachenfürst.«
Der Titel erwärmte das Lächeln des neuen Drachenfürsten nicht. Das tat er nie. Hochkönig wollte er genannt werden, und nichts anderes würde ihn befriedigen.
»Das Königsschwert ist gefunden.«
Verminaards Geschenk fuhr mit der gespaltenen Zunge über scharfe Zähne. Ist es nicht, dachte Nachtschwarz’ verächtlich. Inzwischen kannte er diesen Blick. Realgar hoffte nur, daß es gefunden war. Der Drache regte seine Schwingen. »Ja? Soll ich fliegen, mein Fürst?«
Und dann überraschte der Theiwar den Drachen. »Ja, flieg. Der Herold erwartet dich.«
Sevrist dehnte seinen lippenlosen Mund zu einem breiten Grinsen. Er würde fliegen und dabei den einzigen Drachenfürsten, den er anerkannte, davon in Kenntnis setzen, daß es mit seinen Plänen vielleicht schneller voranging, als er selber gedacht hatte.
17
»Wo bist du?« hatte der Kender gefragt. Pfeifer wußte nicht, wo er war. Er hatte dem Kender gesagt, er wäre direkt hinter ihm. Das war eine vernünftige Antwort. Vielleicht war er da auch, denn er schien überall und nirgends zugleich zu sein. Was er »sah«, sah er nicht mit den Augen, sondern eher mit dem Verstand. Es war keine Magie, die ihm diese Dinge zeigte. Für ihn gab es keine Magie mehr, außer dem Zauber, in dem er jetzt gefangen war.
Pfeifer war ein Geist. Die Zauberkraft seiner Flöte hatte ihn dazu gemacht. Er war tot. Er hörte kurz auf nachzudenken. Es war eher ein Luftanhalten. Aber wie man ohne zu atmen nicht leben kann, hielt er es nicht lange ohne Denken aus. Zögerlich wie jemand, der vorsichtig über eine verheilende Wunde streicht, rief er sich die Erinnerung an die letzten Augenblicke seines Lebens ins Gedächtnis.
Da waren dieser Schmerz und diese abgrundtiefe Erschöpfung gewesen. Er hatte die junge Frau um Hilfe rufen hören, hatte gehört, wie sie Stanachs Namen schrie. Danach hatte er lange nichts mehr wahrgenommen, bis Stanachs trauernde, schwere Gedanken die Grenzen seines Geistes streiften.
Ach, Jordy! Es tut mir leid, Pfeifer!
Da hatte er sprechen wollen, um Stanach irgendwie vor Realgars Leuten zu warnen. Doch ihm fehlte die Kraft.
Als Stanach die Flöte neben ihn legte, sah er das Instrument, obwohl er sonst überhaupt nichts sehen konnte. Die Flöte enthielt seine Musik und seine Magie. Sie sang ihm seine eigenen Lieder mit der Stimme eines Freundes vor und spielte Lieder, die er sich nie hätte vorstellen können. Er sammelte die wenige Kraft für einen allerletzten Spruch. Die Magie entsprang der Flöte.
War sein geistähnlicher Zustand mehr oder weniger als der Tod? Sein Bewußtsein tastete umher. Er konnte nicht alles »sehen«, so wie er es sich bei einem Geist vorgestellt hatte. Er sah – oder wußte – nur wenig mehr als das, was er zu Lebzeiten gesehen hatte. Doch das begann sich zu verändern, als er seine neuen Sinne ausprobierte. Er wußte, daß die Fähigkeit, weiter zu »sehen«, mit ihrem Gebrauch wachsen würde. Nur mußte er diese Zwischenwelt so erforschen wie die richtige Welt, Stückchen für Stückchen. Er war hier nicht allein.
Es waren nur wenige Seelen, die er hinter dem Nebel spürte, und sie waren überhaupt nicht an ihm interessiert. Wie er waren es Wesen, die ihre eigenen Ziele verfolgten und höchstens wie Seufzer an ihm vorbeistrichen.
Pfeifer lachte reumütig, und der Nebel zitterte. Wie viele von den Geistern hier waren an einen Kender gebunden, solange der noch lebte?
Das hatte der Zauber der Flöte getan: ihn an Lavim gefesselt, und zwar für den Rest seines Lebens, weil der die Flöte gespielt hatte. Der Spruch verschaffte Lavim nicht nur einen Geisterfreund, sondern wegen der Verbindung zu Pfeifer auch Zugang zur Magie der Flöte.
Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, daß der Kender die Flöte als erster spielen würde. Er hatte an Stanach gedacht. Doch es war nicht der Zwerg gewesen, sondern Lavim. Der Beschwörungszauber hatte Pfeifer zurückgerufen, wunderbar, aber er hatte ihn ins Bewußtsein eines Kenders gebracht. Pfeifer hatte die ganze Nacht und einen halben Tag gebraucht, um sich in dem Labyrinth von Lavims verwirrendem inneren Geplapper zurechtzufinden und einen Platz im Gehirn des Kenders zu suchen, von dem aus Lavim ihn hören konnte.
Als Stanach von den Theiwaren geschnappt worden war, hatte er die Flöte fallen lassen, weil er Angst hatte, sie würde in den Händen der Theiwaren landen. Er hatte nicht wissen können, daß die Magie der Flöte jetzt nur noch durch Lavim wirken würde.
Pfeifer hoffte, daß er nicht mehr Probleme bekommen würde, als er bewältigen konnte. Er mußte Lavim überzeugen, Tyorl die Flöte auszuhändigen.
Der Nebel schien durch Pfeifers Furcht dichter und düsterer zu werden. Bald würde es zu spät sein, um Stanach zu helfen. Lavim hüpfte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. So entzückt und überrascht er auch von seinem Gespräch mit Pfeifer war, hatte er sich doch zusammengerissen, bevor er Kelida und Tyorl erreichte. Die Kirschholzflöte hatte er in die tiefste Tasche seines alten, schwarzen Mantels gesteckt, weil er sicher war, daß Tyorl sie ihm sofort aus der Hand reißen würde.
Jetzt quälte ihn Tyorl mit Fragen, und gleichzeitig flüsterte ihm Pfeifer seine Anweisungen zu. Er wußte nicht, wem er zuerst antworten sollte.
Erzähl von Stanach und gib ihm die Flöte.
Tyorl legte dem Kender beide Hände auf die Schultern und hielt ihn fest. »Lavim, was ist mit Stanach?«
»Mach ich. Gleich.« Lavim blinzelte, weil er nicht ganz sicher war, wem er gerade antwortete.
Tyorls blaue Augen flammten vor Ärger plötzlich auf. »Sofort!«
Sag’s ihm schon! Gib ihm die Flöte!
Lavim wich aus und brachte Kelida zwischen sich und Tyorl. Obwohl er schlank und leicht war, hatte der Elf den Griff eines Bären und sah aus, als wollte er am liebsten alles aus Lavim herausschütteln.
»Schon gut, schon gut, mach’ ich doch! Da oben sind ein paar Felsen, und da fand ich, äh, Fußspuren, und manche davon waren von Stanach und manche nicht. Stanach ist jetzt nicht da, und ich weiß nicht, wo er ist, aber ich bin zurückgekommen, weil – «
Weil du ihm die Flöte geben wirst. Erzähl ihm von der Flöte!
»Weil ich fand, daß ihr das wissen müßt.«
Lavim! Gib ihm die –
Lavim ignorierte standhaft die Stimme in seinem Kopf. »Tyorl, was glaubst du, was ihm zugestoßen ist? Die anderen Fußspuren stammten von einem Zwerg, und er war bestimmt einer von diesen, ähm – «