Tyorl lächelte schief. Wahrscheinlich wußte Finn inzwischen sowieso über die Versorgungseinheiten der Drachenarmee Bescheid. Wahrscheinlich wußte die Drachenarmee inzwischen auch von Finn und seiner Alptraum-Truppe.
Die Höhle war nicht hoch genug, daß Tyorl darin hätte aufrecht stehen können, und so kurz, daß nur er und Lavim eintreten konnten. Kelida hielt Wache. Tyorl lauschte auf ihre Schritte, die über die Steine liefen, erhaschte einen Blick auf golddurchwirkte, rote Zöpfe und wandte sich an Lavim.
»Von hier aus gibt es keinen Weg zum Fluß zurück«, sagte er gereizt.
Der Kender nickte heftig, wobei sein langer, weißer Zopf gegen seinen Hals schlug. »Doch, doch, Tyorl. Er ist, ähm, genau hinter der Rückwand.«
»Lavim, hinter dieser Wand ist bloß Erde und Stein.«
Tyorls Hand glitt über den Fels. Sein Daumen untersuchte die Risse, die die dicken Wurzeln der Kiefer verursacht hatten, die über ihnen in den Felsen wuchsen. Der Ort roch nach satter, schwarzer Erde und nach Stein. Tyorl vermißte das warme Licht der untergehenden Sonne. Höhlen waren ganz gut, um darin heimliche Waffenlager einzurichten, aber das Gewicht der Erde machte sie zu schwer und zu dunkel für einen Elf.
Lavim quetschte sich an Tyorl vorbei und hockte sich vor den breitesten Spalt. Er schob seine rechte Hand in den Spalt und legte seine Finger um den Stein wie um ein Türblatt. Mit leuchtenden, grünen Augen lachte er den Elf an.
»Hier hinten zieht’s, Tyorl.«
Lavims linke Hand tastete die Wand in Schulterhöhe ab und folgte dem dünnen Riß, den er da fand, bis zum Boden. Kräftig blinzelnd spähte er zur Decke und fand auch da einen schmalen Spalt. Sein Lächeln wurde zum Grinsen, als er die Spanne zwischen seinen ausgestreckten Armen maß. »Da passen wir leicht durch.«
»Genau«, murrte Tyorl, »wenn wir durch Stein gehen könnten.«
»Nein, das müssen wir nicht. Da ist…« Lavim legte den Kopf schief, als würde er auf etwas lauschen. Dann nickte er. »Ich glaube, ich höre ein Echo. Wie von Wasser – der Fluß – und wenn wir den Stein hier bewegen können, kommen wir direkt zum Wasser. Die Höhle da hinten geht… äh, der Geruch des Flusses bedeutet, daß er geradeaus geht, und geradeaus ist Osten, und… äh, da ist wahrscheinlich Stanach.«
»Vermutungen, Kenderchen.«
»Oh, nein, keine Vermutungen. Ich – « Lavim räusperte sich und nickte. »Du hast recht. Vermutungen. Ich höre den Fluß, Tyorl, und ich kann die Kante von diesem Stein fühlen.« Er zog seine rechte Hand weg und hielt sie Tyorl hin. »Die Wand hier ist nicht dicker als meine Hand, und die Kante ist glatt. Ich wette, wenn wir es nur schaffen, diesen Stein zu bewegen…«
Lavim drückte seine Schulter gegen die Wand und schob.
»Lavim«, seufzte Tyorl ergeben.
Der Kender stemmte seine Füße gegen den Steinboden und preßte die Augen fest zu, als er sein ganzes Gewicht einsetzte.
»Lavim, ich denke nicht – «
Der Kender grunzte. »Kannst du nicht mal aufhören, zu denken, Tyorl, und mir helfen? Lehn dein Gewicht gegen die rechte Seite des Steins.«
Um den Kender von seinem Unsinn abzubringen, machte Tyorl das, worum er gebeten hatte. Fast augenblicklich begann der Stein, sich zu bewegen. Stickige Luft drang aus der Öffnung. Dem Geruch nach Erde und Stein folgte der Geruch des Flusses: Fische, Schlick und absterbende Pflanzen.
»Räuberhöhlen!« schrie Lavim. »Siehst du! Wir – ich hatte recht!«
Er huschte in die Öffnung, und Tyorl konnte ihn gerade noch am Kragen seines unförmigen, schwarzen Mantels erwischen. »Warte, Lavim!«
Aber der Kender wartete auf niemanden. Er entwand sich dem Griff des Elfen und schoß los.
Rasch rief Tyorl Kelida. Sie schlüpfte in die Höhle, betrachtete den dunklen, schmalen Eingang in die Erde und dann das Licht hinter sich. Ihrem Blick nach war sie genauso skeptisch wie Tyorl.
»Wo ist Lavim?«
Tyorl zeigte mit dem Daumen auf den Spalt. »Dort. Wo sollte man ihn sonst erwarten. Fertig?«
Kelida nickte.
»Bleib dicht bei mir. Wir wollen sehen, ob wir den Kender einholen können.«
Das sollte kein Scherz sein, aber als Kelidas smaragdgrüne Augen plötzlich lachend aufleuchteten, lächelte Tyorl und trat zur Seite, als würde er sie in eine sichere, bequeme Kammer schleusen. Ohne darüber nachzudenken, legte sie ihm im Vorübergehen die Hand auf die Schulter. Er spürte die leichte Berührung ihrer Finger noch lange, nachdem er die Öffnung und das schwache Licht hinter sich gelassen hatte.
Drei!
Stanach hielt sich an der Vorstellung von dieser Zahl fest, während er wieder in die rotvernebelte Finsternis taumelte. Drei Finger hatten sie ihm gebrochen. Sieben, dachte er, noch sieben. Oder zwei, wenn sie mir nur eine Hand nehmen wollen. Sieben oder zwei…
Die Lethargie des Schlafzaubers war vergangen, aber er konnte sich immer noch nicht bewegen. Es war, als ob ihn unsichtbare Fesseln am Steinboden festhielten. Auch das Werk des Herolds, dachte er.
Der rote Stern, das Feuer aus Reorx’ Schmiede, hing tief am Abendhimmel. Das einzige, was Stanach bewegen konnte, waren seine Augen. Mit ihnen fixierte er den Stern.
Sieben oder zwei. Es macht nichts… es macht nichts… bald werde ich es überhaupt nicht mehr fühlen können.
Wulf, dessen schwarze Theiwaraugen wie endlostiefe Gruben in der Nacht wirkten, lehnte sich vor. »Wo ist das Schwert?«
Stanach hatte weder den Mut noch die Kraft, sich zu fragen, warum Wulfs Ton so kalt und bedacht war. Er schluckte hochgewürgte Galle runter.
»Ich hab’s doch gesagt«, flüsterte er mit dünner, krächzender Stimme, »ich weiß es nicht. Ich habe… es nicht gefunden.«
Der Herold nickte lächelnd.
Stanachs Schrei übertönte den brennenden Schmerz und ein weiteres Knacken.
Vier! Sechs, keuchte sein Gehirn, sechs oder einer… sechs oder –
Fünf!
Als schließlich sein Daumen gebrochen war, hörte sich Stanachs Schrei in seinen eigenen Ohren wie triumphierendes Gelächter an. Seine rechte Hand war eine geschwollene, blaue Fleischmasse.
Das sieht nicht aus wie Finger, stellte eine Stimme in seinem Kopf nüchtern fest, überhaupt nicht. Diese Hand wird keinen Hammer mehr heben.
Hinter ihm gab der Herold eine Art knurrendes Lachen von sich. Einer der anderen Theiware kam beim Wachgang am Eingang der Höhle vorbei, ging wieder zurück, drehte wieder um. Wie schwache, alte Erinnerungen roch Stanach den Rauch vom Lagerfeuer der Wachen.
Der rote Stern blinkte, verschwand, tauchte wieder auf. Kalter Schweiß tropfte Stanach in die Augen, lief wie Tränen die Wangen hinunter in seinen Bart. Er schloß die Augen, öffnete sie wieder, wobei er nur feststellte, daß die Höhle an den Rändern etwas dunkler wurde.
Wulf zog einen Dolch aus dem Gürtel. Das einzige Licht in der Höhle war ein nachlassendes Zwielicht, das sich auf der Stahlklinge spiegelte. Zögernd krochen Rauchschwaden in die Höhle, die Stanachs Augen und Kehle reizten, als sie ihn erreichten.
Stanach blickte zur Seite, sah die gesunden Finger seiner linken Hand und schloß die Augen. In der Dunkelheit sah er das Königsschwert: rotgeäderter Stahl, vier Saphire von der Farbe des Zwielichts, ein fünfter wie ein Mitternachtsstern. Er hatte gesehen, wie der Stahl im Feuer geboren wurde, und er hatte Isarns Erstaunen gesehen, als der Widerschein des Feuers nicht nachließ. Er hatte voller Trauer und Mitleid zugesehen, wie sein alter Meister allmählich wahnsinnig wurde, nachdem Sturmklinge gestohlen worden war. Königsschwert!
Königsschwert, dachte er. Königsschwert, Realgar! Bei der Esse Gottes, du wirst es nicht bekommen!
Eisiger Stahl berührte den Daumen seiner linken Hand kalt liebkosend am ersten Gelenk. Stanach holte tief Luft und stieß einen abgehackten Seufzer aus.
Er wird das Gelenk wie eine fest geschlossene Nuß knacken, Stanach, alter Junge, ein Stoß, ein Knirschen…
»Wo ist das Schwert?«
Stanach fand, er konnte ein bißchen verrückt sein. Er lachte, und das Lachen paßte genau zu dem Pochen und Wüten des Feuers, das seine rechte Hand auffraß. »Ich – hab’s dir doch gesagt. Ich habe es nicht.«