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Nein! Das war die falsche Antwort! Stanach sah es an dem interessierten Aufflackern in Wulfs Augen.

Die Stimme des Theiwars war jetzt weich wie Rauch. »Wer dann?«

Stanach konnte den Stern nicht mehr sehen. Die Wache stand zwischen ihm und dem Himmel. Wieder schloß er die Augen.

Wenn Realgars Männer Kelida mit dem Schwert finden, töten sie sie.

Lyt Chwaer hatte er sie genannt, kleine Schwester. Sie hatte versucht, seine Trauer um Pfeifers Tod mit dem Verständnis und dem sanften Schweigen einer Verwandten zu lindern. Lyt Chwaer, die einen toten Waldläufer liebte.

Ich tue, was ich tun muß. Ich lüge einsame Schankmädchen an und sehe meine eigenen Freunde sterben. Was gleicht das aus, was gleicht das aus?

Stanach spürte Wulfs heißen Atem auf seinem Gesicht. Seine seltsame Derro-Seele offenbarte sich in dem Wahnsinn, der aus seinen Augen sprach. Er war jetzt ganz nah, und die Klinge seines Dolches lag an Stanachs Kehle. »Wer hat das Königsschwert?«

Der Herold bewegte sich auf ihn zu. Stanach hörte sein leises Atmen, das dem Zischen einer Schlange glich.

Er betrachtete seine rechte Hand, die verrenkt und bis zur Unkenntlichkeit geschwollen war. Nie wieder würde er einen Hammer heben. Nie wieder würde er den Zauber seines Handwerks erfahren. Sein eigenes Meisterschwert ruhte leblos wie eine Fehlgeburt zwischen seinen verkrüppelten Fingern. Das hatte Wulf ihm genommen. Auf diese’ Weise würden er und seine irrsinnige Derro-Rasse Thorbardin alles rauben, alles Schöne unter ihrer Herrschaft zerstören und zertrampeln.

Die Spitze des Dolches zeichnete eine dünne, blutende Linie bis genau unter Stanachs rechtem Auge. Die Muskeln an Wulfs Handrücken spannten sich.

»Ich frage noch einmal, aber zum allerletzten Mal. Wer hat Sturmklinge?«

Stanach spuckte aus und bereitete sich darauf vor, sein Auge zu verlieren.

18

Die niedrige Höhlendecke wurde schon wenige Meter hinter dem Eingang höher. Feuchtigkeit vom Fluß glitzerte an den Felswänden und überzog den Staub auf dem glatten Steinboden. Das schwache Licht, das aus der Lagerhöhle der Waldläufer hereindrang, konnte diese inneren Höhlen kaum erhellen, sondern warf nur verwirrende Schatten. Hinter sich hörte Lavim, wie Tyorl und Kelida vorsichtig durch die Dunkelheit liefen.

»Pfeifer«, flüsterte er, als etwas, das wie eine Spinne mit zu vielen Beinen aussah, über seinen Stiefel huschte. »Du kannst wohl kaum von deinem Platz aus ein bißchen zaubern und mir etwas Licht verschaffen? Das da eben sah aus wie eine Spinne, aber ich bin mir nicht ganz sicher und – «

Nein, kann ich nicht. Verlier keine Zeit damit, im Dunkeln herumzustolpern und dich zu verirren. Los, lauf Tyorl nach.

»Oh, keine Bange. Ich gehe nie verloren. Ich finde einfach neue Orte. Ich – hmmmm. Ich frage mich, was hier drüben ist.«

Dreck. Lavim, Tyorl und Kelida sind dir schon voraus.

»Ach so. Danke, daß du’s mir sagst. Ich komm’ gleich nach.«

Das wollte der Kender auch – in einer Minute. Obwohl er nicht viel sah, hatte Lavim immer noch seine Hände und seine Neugier. Er hatte Tyorl gesagt, daß das hier Banditenhöhlen waren, und indem er den Elf davon überzeugt hatte, hatte er auch sich selbst überzeugt.

Er tastete sich um einen Geröllhaufen und in eine kleine Kammer, aus der er rückwärts wieder hinauslief, als sie nichts Interessantes enthielt. Dann kam er in eine weitere Kammer. Die gegenüberliegende Wand begann wie säuselnder Wind in Baumkronen zu rascheln.

»Pfeifer! Guck mal! Ich glaube, die Wand da bewegt sich!«

Fledermäuse, warnte Pfeifer, raus hier, Lavim!

»Fledermäuse? Na und? Ich habe keine Angst vor – «

Sie haben Angst vor dir, und wenn sie losfliegen, warnen sie jeden, daß du hier drin bist. Raus hier!

Lavim seufzte. Wahrscheinlich hatte Pfeifer recht. So leise, wie das nur Kender können, zog er sich aus der Höhle zurück.

Auf dem Weg nach Osten, immer dem Geruch des Flusses nach, wich Lavim nur kurz zur Seite, um sich in eine spinnwebenverhangene Ecke zu zwängen.

Pfeifer, der sich zu Lebzeiten für einen überaus geduldigen Menschen gehalten hatte, verlor zum vierten Mal innerhalb einer Viertelstunde die Geduld. Lavim! Los jetzt!

»Aber das sind Räuberhöhlen, Pfeifer, und ich – «

Es sind keine Räuberhöhlen. Versuch jetzt, Tyorl einzuholen. Und gib ihm meine Flöte!

Lavim stocherte in dem Geröll und Staub eines natürlichen Alkovens herum. Tyorl und Kelida waren ihm ein wenig voraus, aber er war davon überzeugt, daß er sie wieder einholen konnte. Er mußte nur dem Geruch und ihren Atemgeräuschen folgen.

»Du hast gesagt, es sind Räuberhöhlen.« Auch wenn er bei diesen Worten bereits glaubte, daß Pfeifer sich geirrt hatte. Der Alkoven enthielt nichts als Bruchsteine. Nicht einmal ein paar alte Knochen.

Was hast du dir denn erhofft, ein Skelett? Und außerdem hast du gesagt, daß es Räuberhöhlen sind, nicht ich.

Lavim seufzte tief. Er war sich gar nicht mehr sicher, ob er es mochte, daß da jemand in seinem Kopf war und jeden seiner Gedanken las. »Nein, Pfeifer, ich glaube wirklich, daß du gesagt hast, daß das hier – «

Verdammt, Lavim!

Nicht nur ein Geist, dachte Lavim mißmutig, sondern ein unwirscher Geist, der ihn genausowenig einen Satz zu Ende bringen ließ wie Stanach und Tyorl.

Genau, unwirsch! Wenn du mal einen Satz anfängst, der einen Sinn ergibt, dann kannst du ihn vielleicht zu Ende –

Ein Schrei, ein verlorenes Echo von Schmerzen, gellte durch die Finsternis. So wie ein Geist sich eigentlich anhören sollte, dachte Lavim. Als der Kender sich plötzlich daran erinnerte, warum er hier war, vergaß er den Räuberschatz völlig.

»Stanach?« Weiter vorne hörte er Kelidas Keuchen und ein leise gemurmeltes Wort von Tyorl.

Genau, Stanach. Lavim, bleib kurz hier.

»Aber du hast gerade gesagt, ich soll sie einholen. Pfeifer, wie soll ich kapieren, was du von mir willst, wenn du es nicht einmal selber weißt?«

Bleib hier! Warte.

»Ja, aber – «

Nimm meine Flöte raus.

Lavim grinste. Doch, das würde er mit Freuden tun! Auch wenn er es etwas merkwürdig fand, Musik zu machen, wenn Stanach seine Hilfe brauchte, wühlte er in seiner Tasche, zog die Flöte heraus und hob sie an die Lippen.

Nein! schimpfte Pfeifer. Noch nicht! Nimm sie weg und hör mir ganz genau zu.

Widerstrebend setzte Lavim die Flöte ab.

So, und jetzt machst du genau das, was ich sage, Lavim. Die Götter wissen, daß ich halb verrückt sein muß, aber wenn du zuhörst – ganz genau zuhörst! – und genau das machst, was ich sage, genauso, wie ich es sage –

Ein zweiter Schrei zog wie Gelächter durch die Höhle.

Jetzt hör zu. Die Flöte weiß, daß ich da binnein, stell jetzt keine Fragen! Sie fühlt meinen Verstand – meinen Geist. Das ist doch wohl das richtige Wort, hm? Sie wird mir ihre Magie zur Verfügung stellen. Hol tief Luft – nein, noch tiefer. Genau, so. Die Flöte wird die Melodie spielen, und die Melodie ist die Magie, aber du mußt die Luft und das Ziel dazu geben.

Schön, dachte Lavim (weil er mit angehaltenem Atem nicht so gut reden konnte), und was will ich? Kann ich Monster herbeirufen? Werde ich unsichtbar? Kann ich Tyorls Pfeile alle in Feuer verwandeln?

Laß das alles jetzt, Lavim, sagte Pfeifer streng. Das ist es, was du anstrebst – und nur das.

Lavim fühlte, wie Pfeifer lächelte, und weil der Magier plötzlich so gutgelaunt wirkte, beschloß er schnell, etwas Eigenes zu probieren.