Der niedrige, enge Tunnel, der die Waldhöhle mit der am Fluß verband, ließ das Echo des Schreis lange nicht verhallen. Tyorl erschauerte und sah sich über die Schulter nach Kelida um. Sie stand da, wo er es ihr gesagt hatte, in den Schatten und der Finsternis, wo der Tunnel nach links abbog, um dann in die Richtung zurückzuführen, aus der sie kamen. Ihre Augen leuchteten in der Dunkelheit, und sie hatte ihre Lippen fest aufeinandergepreßt. Kelida hielt ihren Dolch fest in der Hand, wie Lavim es ihr gezeigt hatte.
Der Tunnel stank nach Moder, und in der Mitte des Bodens hatte sich Wasser zu stinkenden, stehenden Pfützen gesammelt. Steine und Erde waren bis auf wenige Fußabdrücke unberührt. Wenn die Theiware diesen Gang oder die Höhle dahinter überhaupt untersucht hatten, dann waren sie wahrscheinlich an der scheinbar unpassierbaren Wand der Waldhöhle umgekehrt. Tyorl wunderte sich flüchtig, wie Lavim den Eingang gefunden hatte.
Schön, aber ein Kender findet auch den Weg zum Geldbeutel eines Geizkragens, wenn er will. Warum sollte dicker Fels ihn aufhalten?
Die halbverfaulten Reste von Fischen, die bei einer Überflutung nach heftigen Regenfällen hier gestrandet waren, schimmerten in seltsamem, unheimlichem Licht. Mit dem Rücken zur Wand umging Tyorl das Wasser, wobei er sorgfältig darauf achtete, auch nicht den leisesten Spritzer zu verursachen.
Bei einem zweiten Schrei, einem tiefen, grausigen Brüllen, krampfte sich Tyorl der Magen zusammen. Im Schutz des Echos sprang der Elf vorwärts, bis er den Eingang zur Flußhöhle erreicht hatte. Der enge Zugang, der gerade breit genug war, daß sich Tyorl seitlich hindurchschieben konnte, wurde von einem Zwerg mit Mantel und Kapuze versperrt, der dem Waldläufer den Rücken zukehrte.
Der Zwerg verlagerte sein Gewicht und ging schräg nach vorn, und Tyorl schloß die Augen. Er hatte nicht viel gesehen, nur einen Arm und eine Hand.
Tyorl zitterte vor Wut. Jeder Finger dieser Hand war verrenkt und gebrochen. Seine eigenen Finger umklammerten das Heft seines Dolches. Der verhüllte Zwerg stand in Reichweite, und Tyorl wußte, daß er ihm nur zu gern seinen Dolch zwischen die Rippen stoßen würde. Noch ehe er sich rühren konnte, schwebte der hohle Klang einer Flöte von seinen eigenen Echos gefolgt durch den Tunnel. Von hinten.
Nein! Oh, Götter, nein! Der Kender hatte die Zauberflöte!
Der Theiwar drehte sich abrupt um. Er hatte nur ein Auge, aus dem Haß und Tod sprachen. Als er Tyorl sah, fluchte er. Seine Hände gestikulierten in der kalten, feuchten Luft der Höhle am Fluß und nahmen plötzlich den beflügelten Tanz der Magie auf. Tyorl hatte kaum Zeit zu sehen, wie die Hände des Theiwars wie angeschossene Vögel flatterten, bevor seine eigenen Knie schwach und nachgiebig wurden.
Hinten im Tunnel schrie Kelida auf. Ihr Schrei war von Würgen und Husten unterbrochen.
Die Musik, eine widersinnig fröhliche, leichte Melodie, trieb auf den Elf zu – auf Schwaden des schlimmsten Gestanks, den er je gerochen hatte. Es stank nach faulen Eiern, toten Ratten unter einem Gasthausboden und moderndem Gras. Tyorl fiel auf die Knie und konnte gegen den überwältigenden Drang, sich zu übergeben, nur noch fest die Arme um seinen Bauch schlingen.
Aus der Höhle am Fluß und auch von draußen kamen Röcheln und gequälte Schmerzenslaute. Eine Stimme, die nur Lavim gehören konnte, brach hinter dem Elf in tiefes, prustendes Gelächter aus. Kleine Hände klopften dem Elf auf den Rücken und zerrten an seinen Armen.
»Tyorl! War das nicht ein gräßlicher Gestank? Die dürften einfach alles auskotzen, was sie die ganze letzte Woche gegessen haben! Ist das nicht toll? He, Tyorl! Steh auf, ja? Tyorl! Du mußt da reinlaufen und Stanach retten und diese Wie-heißen-sie-doch-gleich erledigen, solange sie alle – äh, Tyorl?«
»Kender«, keuchte Tyorl schwach. »Ich schwöre bei allen Göttern, die es gibt, daß ich – « In einem stechenden Bauchkrampf gefangen, kippte er nach vorn und wußte auf einmal, daß es falsch gewesen war, zu sprechen. Er beendete seine Drohung mit Stöhnen und Röcheln. Als er wieder aufschauen konnte, war er allein.
Ich bring’ ihn um, dachte er, während er sich mit dem Handrücken über den Mund fuhr. Taumelnd kam er auf die Beine, lehnte sich rücklings gegen die Wand und versuchte, nicht zu atmen. Ich werde diesen verdammten Kender vom Hals bis zum Bauch aufschlitzen und ihn umbringen!
Eine Hand, die noch von der plötzlichen, heftigen Übelkeitsattacke zitterte, berührte Tyorls Arm. Kelida lehnte sich schwach und benommen an den Elf. Bebend flüsterte sie: »Alles in Ordnung?«
»Doch.« Tyorl hob ihr Kinn an. Dann zog er seine Hand, von sich selbst überrascht, wieder zurück, und schob Kelida auf Armeslänge von sich fort. »Und du?«
Schulterzuckend brachte sie ein mattes Lächeln zustande. Die giftigen Dämpfe begannen, sich zum Fluß hin zu verziehen, und wurden dort allmählich vom feuchtkalten Wind weggetragen. »Tyorl, was ist passiert? Was ist das für ein furchtbarer Gestank?«
»Der verfluchte Kender hat die Zauberflöte! Hast du gesehen, wo er hin ist?«
Jetzt sah sich Kelida rasch um und schüttelte den Kopf. »Diese Schreie – « Ihr Gesicht war weiß. »Stanach.«
In der Höhle am Fluß waren die rauhen, mühsamen Geräusche von Würgen und Husten verstummt. Lavims Lachen erscholl, um dann auffällig plötzlich abzubrechen. Tyorl betrat die Höhle, Kelida dicht hinter ihm.
Der auffrischende Nachtwind trieb den Rest von Lavims übelriechendem Zauber davon. Tyorl wagte einen vorsichtigen Atemzug, dann einen weiteren. Die schmerzhafte Übelkeit ließ nach. Er sah sich in der Höhle um und entdeckte Stanach in den Schatten an der Wand. Kelida schlüpfte hinter ihm durch und rannte zu dem Zwerg.
Realgars Assassine lagen auf dem Steinboden. Sie würden nicht wieder aufstehen. Zweien war der Schädel zerschmettert, und der Stein, der sie getötet hatte, lag mit Blut und Gehirn verschmiert neben Tyorls Füßen. Den dritten hatte ein Dolch zwischen den Rippen das Leben gekostet. Tyorl überprüfte rasch den Platz vor der Höhle, wo er weiter unten am Fluß einen Zwerg fand, der halb im Wasser, halb am Ufer lag.
»Lavim«, sagte Tyorl mit vor Staunen leiser Stimme, »hast du sie alle getötet?«
Lavim, der im dunkelsten Schatten der nächtlichen Höhle hockte, sah sich um. »Ich wünschte es! Einer ist entwischt, Tyorl, und das war mein Liebling – der, den ich am liebsten umgebracht hätte. Ich hätte wohl auf euch warten sollen, aber ihr scheint gewisse Schwierigkeiten zu haben, und da – «
»Stanach!«
Mit einem leisen Seufzer fiel Kelida auf die Knie und legte ihre Finger sanft an Stanachs Hals. Sie nickte Tyorl zu: Sie hatte einen schwachen Puls gefunden.
Tyorl zog sich der Magen zusammen bei dem, was das schwache Sternenlicht ihm zeigte. Blut und Schmutz befleckten den schwarzen Bart des Zwergs. Eine Messerspur zog sich vom Auge bis zum Kinn durch sein Gesicht. Doch der eigentliche Grund für seine Übelkeit war Stanachs ruinierte rechte Hand.
Tyorl war zwar als Krieger erzogen worden, aber er hatte auch einen Sinn für höhere Dinge. Die Hand eines Künstlers ist heilig, hatte man ihm einst beigebracht. Ohne sie gibt es keine Brücke zwischen dem, was ihm vorschwebt, und dem, was er erschaffen kann. Stanachs Brücke war für immer eingestürzt.
Ein leises, unterbrochenes Stöhnen voller Schmerz holte Tyorl aus seinen Gedanken zurück. Stanachs blaugesprenkelte Augen waren trüb und dunkel umrandet. Er sah Kelida an, und er sprach leise flüsternd mit schwacher Stimme.
»Ich – ich kann meine Hand nicht fühlen.«
Ein Anflug von Entsetzen durchzuckte die Müdigkeit seiner Augen. Er versuchte, seine Finger zu bewegen. Als nicht einmal der kleine Finger reagierte, schloß Stanach wieder die Augen.
»Ist sie da? Ich fühle meinen Arm – aber nicht die Hand.«
Kelida setzte zum Sprechen an, fand aber keine Worte. Sie streichelte sanft seinen Kopf und strich ihm das blutverkrustete Haar aus der Stirn. Tyorl blutete das Herz, als er Tränen über ihre Wangen laufen sah.