Выбрать главу

Mit belegter Stimme sagte Lavim: »Doch, Stanach, alter Junge, deine Hand ist da.«

»Ich – kann sie nicht fühlen.«

Um Stanachs willen setzte Tyorl ein mühsames Lächeln auf. »Danke deinem Gott, daß du das jetzt nicht kannst, aber deine Hand ist da, Stanach.« Tyorl wurde kalt ums schmerzende Herz. Um so besser für dich, wenn du sie nicht fühlst, dachte er. Laut sagte er nur: »Ruh dich jetzt aus.«

Stanach keuchte. »Pfeifer. Sie haben Pfeifer getötet. Sie wollten – Sturmklinge.«

Tyorl sah, wie Kelidas Augen sich verstehend verdunkelten. Ach, Hauk, sie hofft, daß du lebst. Junge, ich hoffe, daß du tot bist. Den Zwerg hatten sie ein paar Stunden. Dich haben sie schon mindestens eine Woche. Götter, ich hoffe, du bist tot! Kelidas Hand berührte Sturmklinge an ihrer Hüfte und zuckte dann zurück, als hätte sie sich die Finger verbrannt. Sie wußte, daß sie jetzt tot sein würde, wenn es Stanach nicht gelungen wäre, während der qualvollen Verkrüppelung seiner Hand nichts zu sagen.

»Nein«, murmelte sie. »Oh, Stanach, nein!« Wie erträgt man die Last zu wissen, daß man selber lebt, weil andere leiden und sterben? Tyorl schüttelte den Kopf. Man zerreißt seinen Mantel für einen Verband, man kühlt das unerträgliche Brennen mit Wasser aus der eigenen Flasche. Während er Kelidas vorsichtigen Händen zusah und ihren freundlichen, tröstenden Worten zuhörte, als sie Stanach das Gesicht säuberte und die grünen Stoffstreifen für Verbände anfeuchtete, begriff Tyorl, daß er sich genauso in Kelida verliebt hatte, wie sie sich in Hauk verliebt hatte.

Nein, dachte er, nein. Ich bin müde, mir ist immer noch übel, und ich weiß nicht, wo wir jetzt hin sollen. Ich bin so manches, aber nicht in ein Schankmädchen verliebt, und noch dazu ein menschliches. Nein, und nicht in die Frau, die Hauk liebt.

Tyorl stupste Lavim an und ging langsam zum Eingang der Höhle. Er brauchte frische Luft, um seinen Kopf klar zu bekommen. Der Kender stand langsam auf und folgte ihm.

»Lavim, du hast gesagt, einer wäre entwischt?«

Lavim nickte. »Er war schnell, dieses einäugige Stück Gossenzwerg – « Er blickte nach hinten, sah Kelida und zuckte mit den Schultern. »Glück für ihn. Außerdem hatte ich mit den anderen alle Hände voll zu tun.«

»Ja, sicher.« Tyorl sah den Fluß hinab. »Und der da?«

»Oh, der ist auch tot. Oder wenigstens fast.«

»Ich sehe schon. Da hattest du wirklich ein, zwei Minuten einiges zu tun.«

»O ja, wirklich, Tyorl. Mir blieb ja nicht gerade viel Zeit, aber habe ich dir schon mal erzählt, was für ein guter Höhlenkämpfer ich bin, falls die anderen nicht zu sehr in der Überzahl sind und meine Hände nicht gerade gefesselt sind und ich noch ein Messer habe und – «

»Wo ist die Flöte?«

Lavim musterte eindringlich den Nachthimmel. »Ähm, die Flöte?«

»Die Zauberflöte.« Der Elf streckte die Hand aus. »Gib her. Und versuch nicht, mir weiszumachen, daß du sie nicht hast.«

»Aber, Tyorl, ich – ähm, ich glaube, ich habe sie dahinten in der Höhle verloren.« Lavim durchwühlte die tiefen Taschen seines alten, schwarzen Mantels, durchsuchte ein paar Beutel und klopfte sich sogar ab, alles mit verwirrten, unschuldsvollen Augen. »Ich, tja, ich muß sie irgendwo dahinten verloren haben. Dieser Stinkezauber war schlimmer, als ich es mir vorgestellt hatte, und, na ja, um die Wahrheit zu sagen, er hat mich etwas überrumpelt. Warst du nicht überrascht? Als ich dich eingeholt habe, sahst du ziemlich überrascht aus, irgendwie grün im Gesicht. Nicht so sehr, weißt du, aber doch grün. An den Rändern sozusagen.«

An den Rändern! Tyorl hegte keinen Zweifel, daß er so grün wie ein verschimmeltes Brot gewesen war. Er wollte jetzt nicht darüber streiten oder auch nur darüber nachdenken. Er wußte, daß er selbst losgehen müßte, um die Flöte zu suchen, aber irgend etwas an dem Zwerg am Fluß erregte seine Aufmerksamkeit.

»Geh und hol sie, Lavim, und bring sie gleich zu mir.«

»Ja, klar, aber ich weiß wirklich nicht, wo ich suchen soll.«

»Such in der Höhle!«

»Oh. Genau, in der Höhle. Welche –?«

Den Rest der Frage hörte Tyorl nicht mehr, weil er schon von der Höhle am Fluß weglief. So wie der Zwerg am Ufer ausgestreckt lag, mit ausgebreiteten Armen und die Hände in die Luft erhoben, kam Tyorl der Gedanke, daß er nicht an einem eingeschlagenen Schädel oder einem Dolch zwischen den Rippen gestorben war, ja, daß der Kender ihn überhaupt nicht getötet hatte.

Stanach sehnte sich nach den windgepeitschten Felsen über Thorbardin. Er sehnte sich nach Frieden. In seinen Träumen versuchte er sich an das Gefühl, wenn er uralte Steine in seinem Rücken spürte, und an den frostigen Duft des goldenen Herbstes zu erinnern. Er wollte das kühle Sternenlicht, das herunterströmte, das silbern sprühende Licht von Solinari auf dem ersten Schnee und Lunitaris Schein, der die Gipfel und Spalten der Berge in Karmesinrot tauchte.

Nichts davon tauchte in seinen fiebrigen Träumen auf, und nichts in den kurzen, wachen Momenten. Alles, was er empfand, war Schmerz.

Er bestand sozusagen nur noch aus Schmerz. Nicht Fleisch und Knochen, nicht Atem und Blut. Jedesmal, wenn er zum Himmel klettern wollte, verbaute der Schmerz ihm den Weg wie ein grinsender Dämon mit den Augen von Wulf. Er konnte das goldene Sonnenlicht, die diamantene Nacht, das saphirblaue Dämmerlicht nicht erreichen. Er war in der Finsternis verloren. Wenn er schrie, hörte es niemand, und es wurde kein Licht gebracht. Er war allein, ohne einen Weg zurück nach Thorbardin unter dem Berg.

Lavim erschien wieder in der Höhle am Fluß. Als er ankam, tauchte seine Hand in die Tasche und berührte die glatte Kirschholzflöte. Er war beinahe überrascht, sie zu finden. Lavim betrachtete sich nicht als Lügner oder Zeitschinder. Was er sagte, daran glaubte er fest. In dem Moment, wo er es sagte.

In Erwartung von Pfeifers Kommentar senkte er den Kopf. Der Magier hatte anscheinend immer etwas dazu zu sagen, was Pfeifer dachte.

Jetzt hatte Pfeifer nichts zu sagen. Pfeifer, dachte er. Pfeifer?

Nichts.

Lavim kniete sich neben Kelida nieder. Er nahm an, Pfeifer war vielleicht ein bißchen verärgert über seine Improvisation.

Na schön, sagte er sich, der Flöte hat es aber wohl nichts ausgemacht.

Sie hatte anscheinend genau die richtige Melodie gespielt, um das zu zaubern, was Lavim als Stinkezauber bezeichnete.

Außerdem war es ein netter, kleiner Spruch, dachte er, um den schweigenden Zauberer zu versöhnen.

Kelida hatte Stanach Blut und Schmutz aus dem Gesicht gewischt, die Schnittwunde gesäubert und ihn mit Mantelstoff bedeckt. Mit einer Hand hielt sie vorsichtig seinen Kopf, mit der anderen hielt sie ihm ihre Wasserflasche an die Lippen. Als er nicht schluckte, beugte sich Lavim vor und streichelte ihm mit seinen knochigen, alten Händen die Seiten der Kehle. Der Zwerg schluckte einmal, dann noch einmal, öffnete aber nicht die Augen.

»Das hilft manchmal«, sagte Lavim. Er sah Kelida an und schüttelte den Kopf. »Armer Stanach.«

Das Mädchen sah müde und erschöpft aus. Abwesend wischte sie sich einzelne rote Haarsträhnen aus dem Gesicht. »Wir – wir sollten etwas für seine Finger tun, Lavim, aber ich will nicht – will nicht – « Sie brach ab, weil sie keine Worte für ihre Zurückhaltung fand, sich mit dieser geschwollenen, verunstalteten Hand zu befassen.

Als ob er ihr Zögern bemerkte, holte Lavim tief Luft und stieß sie seufzend wieder aus. »Du hast Angst, du könntest es noch schlimmer machen?«

»Das«, flüsterte sie, »und – ach, Lavim, egal was ich mache, es wird ihm so weh tun!«

»Wie schade, daß wir keinen Zwergenschnaps haben. Ich habe gehört, daß man, wenn man erst genug davon intus hat, wahrscheinlich nicht einmal mehr merkt, wenn man von einem umstürzenden Baum begraben wird. Wir haben keinen, also mach lieber, was nötig ist, bevor er aufwacht. Ich glaube kaum, daß er zusehen möchte, wie du diese Finger richtest und verbindest.« Lavim schüttelte den Kopf. »Ich glaube übrigens nicht, daß ich selbst zusehen möchte.«