»Lavim, hilfst du mir?«
Das wollte Lavim ganz bestimmt nicht. Wenn er daran dachte, wurde ihm gleich flau im Magen. »Kelida, ich glaube nicht – tja, weißt du, ich kann so etwas nicht so gut und – «
Hilf ihr, Lavim.
Oh, aber ich finde nicht –
Halt seine Hand am Gelenk fest und streck seine Finger, wenn sie sie verbindet.
Jetzt rebellierte Lavims Magen wirklich. Reste vom Stinkespruch, sagte er sich und erinnerte sich lieber nicht daran, daß er als der Zauberer von dem Gestank überhaupt nicht betroffen gewesen war.
Nein, Pfeifer, sagte er schweigend. Ich glaube nicht, daß ich das will.
Pfeifers Stimme in seinem Kopf war sehr sanft.
Lavim, er wird diese Hand nie mehr benutzen können. Aber du kannst Kelida helfen, den Schmerz zu lindern.
»Na schön«, flüsterte Lavim.
Etwas fraß Stanachs Hand auf. Es nagte an einem Finger, zerkaute das Fleisch, spuckte die Knochen aus und ging zum nächsten über. Selbst stumm, doch umgeben von hohlen Stimmen, die ihm bekannt vorkamen, es aber nicht waren, versuchte er vergeblich zu schreien.
Drei!
(Zwei oder sieben…)
Vier!
(Einer oder sechs…)
Reorx! Ich bitte dich! Gnade, oder mach mich gefühllos!
Feuer rann an den Kanten von Wulfs Dolch entlang; der Stahl seiner Klinge versprühte Angst, die von den kalten, nassen Wänden der Höhle zurückprallte und in Stanachs Kopf widerhallte.
»Wo ist Sturmklinge?«
Fetzen der Dämmerung und ein Mitternachtsstern.
»Lyt Chwaer.«
»Einer noch, Stanach.«
Stanach hörte einen fernen Schrei. Schwach und sehr dünn zitterte er in der Dunkelheit um ihn herum.
Fünf!
»Ruh dich aus, junger Stanach«, sagte der Gott mit der Stimme eines alten Kenders. »Ruh dich aus.«
Stanach seufzte, als der saubere, kalte Wind der Berge seinen Schweiß trocknete und durch die widerhallenden Stimmen echote und sie wie Rauch zerstieben ließ.
19
Tyorl lief durch den gefrorenen Matsch am Flußufer. Der Wind über dem Wasser wehte kalt aus den Bergen im Osten heran. Der Elf fand, daß es nach Schnee roch. Sein Instinkt verriet ihm, daß die Nacht zwar noch viele Stunden entfernt war und daß sie auch wirklich eine gute Strecke von diesem verwünschten Ort fortkommen mußten, aber daß sie auch Feuer, Essen und einen Platz für Stanach brauchten, wo er bis zum Morgengrauen soviel Kraft wie möglich sammeln konnte.
Er wollte Stanach irgendwie auf die Beine bringen. Der einäugige Theiwar konnte immer noch irgendwo lauern. Er war zwar allein, doch er war das, was die Zwerge Derro nannten. Tyorl hatte genug Zeit an der Grenze zu Thorbardin verbracht, um über einen gewissen Wortschatz auf Zwergisch zu verfügen. Derro bedeutete halb verrückt und offenbar dazu fähig, allein von Haß zu leben. Er war Zauberer und dazu ein gefährlicher.
Tyorl trat einen kleinen Stein ins Wasser, was er in dem Moment bereute, wo er ihn aufplatschen hörte. Kindisches Benehmen wie das hier bringt uns alle noch vor dem Morgen um, dachte er. Kindisches Benehmen wie das hier und der unerwartete Umschwung seiner Gefühle Kelida gegenüber. Im Tunnel hatte er sich ihretwegen zurückgehalten, weil er sich um sie sorgte. Lavim hätte seine Hilfe gebraucht, und wenn er sie geleistet hätte, wäre der Theiwar jetzt kein Problem mehr; er wäre tot.
Verdammt! Diese Frau läuft nicht durch den Wald und setzt ihr Leben aufs Spiel, weil Hauk dir wichtig ist! Sie macht das, weil er ihr wichtig ist. Hauk hatte das Tenny’s ohne sein Schwert, aber mit dem Herzen des Schankmädchens verlassen. Wußte er das?
Tyorl schüttelte den Kopf. Er glaubte nicht, daß Hauk noch lebte und es wußte. Um seines Freundes willen hoffte er, daß er nicht mehr am Leben war.
Der Elf unterdrückte mit zusammengebissenen Zähnen einen Fluch und begann zu rennen. Der tote Theiwar lag genau vor der Flußkrümmung.
Ein Pfeil ragte aus der Brust des Zwergs. Vier dünne, blaue Streifen kennzeichneten den Pfeil eine Daumenlänge über dem Ansatz der Befiederung. Er kannte das Zeichen gut und die graue Befiederung mit der schwarzen Hahnenfeder um so besser. Finn!
Er sah sich rasch um. Der unablässig murmelnde Fluß verlief links von ihm. Schwarze Schatten und noch schwärzere Bäume des Waldes standen auf dem Hang zur Rechten. Tyorl zog dem Zwerg den Pfeil aus der Brust und stand auf. Dann stieß er das schrille »Kiii-jiiir!« des rotschultrigen Falken aus, das von der Baumwand des Waldes zurückgetragen wurde. Es gab nur eine Antwort auf diesen Schrei, das durchdringende, aufsteigende Lied der Drossel. Tyorl hörte es fast augenblicklich und lachte laut vor Erleichterung.
Groß und dünn wie ein Zaunpfosten stand Finn zwischen zwei Bäumen auf dem Hang. Tyorl sah sein Lächeln nicht, aber er hörte es aus der Frage heraus. »Wo warst du, Elf?«
»Ich habe dich gesucht, Herr, und gehofft, daß du mich findest.« Er trat gegen den Körper, der neben seinen Füßen lag. »Hast du noch mehr von denen gesehen?«
»Nur den da. Er hat die Armbrust zu schnell hochgerissen, als er mich sah. Ließ mir keine Zeit, nach anderen zu fragen.«
Finn kam den Abhang heruntergesprungen. Zwei nachtschwarze Schatten lösten sich vom Wald und folgten ihm. Lehr überholte den Anführer der Waldläufer; Kernbal, sein Bruder, kam hinterher.
Lehrs dunkle Augen leuchteten vor Freude, und sein struppiges, schwarzes Haar war vom Wind zerzaust, als er Tyorl zur Begrüßung auf die Schulter schlug. »Wo ist Hauk? Er schuldet mir seit über einer Woche drei Goldstücke oder zwölf Stahlmünzen. Ich dachte schon, ihr würdet absichtlich nicht kommen, weil er sie in der Stadt nicht ergattern konnte.« Tyorl schüttelte den Kopf. Die Freude des Wiedersehens verflog. »Er ist nicht da, Lehr.« Er zeigte zu der Höhle am Fluß. »Kern, du wirst da hinten gebraucht. Aber paß auf deine Sachen auf. Da drin ist ein Kender, der angeblich vier Zwerge getötet hat.«
Tyorl betrachtete den Pfeil, den er noch in der Hand hielt. »Ich weiß, daß er drei umgebracht hat. Drei oder vier. Wahrscheinlich wird es ihm bald langweilig, stolz auf sich zu sein, und dann wird er sich nach neuen Schwierigkeiten umsehen, in die er sich stürzen kann.«
Lehr lachte, aber sein Bruder nickte nur und ging zur Höhle.
»Begleite ihn, Lehr«, sagte Finn ruhig. Als sie allein waren, nahm der Anführer der Waldläufer seinen Pfeil von Tyorl entgegen und überprüfte die Federn. Sie waren noch gut, deshalb steckte er den Pfeil wieder in den Köcher. »Schön, dich zu sehen, Tyorl.«
Der Elf sah zum Wald zurück. »Ganz meinerseits, Herr. Sind die anderen bei dir?«
»Nein, ich habe sie sechs Meilen nördlich zurückgelassen. Lehr fand gestern deine Spur. Wir wären früher gekommen, aber Verminaard scheint seinen Grenzkrieg vorantreiben zu wollen. Wir hatten die letzten drei Tage zu tun.« Finn lächelte kalt. »Versorgungstrupps überfallen.«
»Hatten wir Verluste?«
»Nein, obwohl Kern vor ein paar Minuten wegen dem Gestank von da drüben sein Innerstes nach außen gekehrt hat. Wo kam das her? Wenn du sagen würdest, aus dem Abgrund, würde ich es dir wahrscheinlich sogar glauben.«
Tyorl seufzte, als ihm plötzlich klar wurde, wie müde er war und was für eine merkwürdige Geschichte er zu erzählen hatte. »Das ist eine sehr lange Geschichte.«
»Zweifellos.« Finn sah ihn scharf an. Dann wurde sein Blick milder. »Tyorl, wir haben keine Spuren von Hauk gefunden. Ist er tot?«
»Ich weiß es nicht. Ich glaube, er ist in Thorbardin.« Finn sagte einen Moment gar nichts, sondern sah nur über den Fluß zu den Vorbergen im Osten hinüber. Thorbardin war fast hundert Meilen entfernt. »Komischer Platz für ihn, ob tot oder lebendig, hm?«
Komisch? O ja, dachte Tyorl, verdammt komisch. »Ich warte auf deinen Bericht!«