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»Gut, Herr, aber du wirst mir vielleicht nicht alles glauben.« Finn trat von dem toten Theiwar zurück und hockte sich hin. »Erzähl.«

Tyorl setzte sich neben ihn. Er sah den Wind über die dunkle Wasseroberfläche streichen und durch das braune Haar und den Bart des Zwergs wehen und hatte den Eindruck – wie in der ersten Nacht in Qualinesti –, daß Takhisis, die Königin der Finsternis, auf Krynn Einzug hielt.

Drachenkönigin hieß sie in Istar und Ergod. Das Volk von Eismauer kannte sie als die Verderbte. In Thorbardin nannten die Zwerge sie Tamex, das Unedle Metall.

Für dich hat sie sich als trügerisch genug erwiesen, sagte er schweigend zu dem Theiwar. Möge sie sich deinem Meister gegenüber als ebenso trügerisch erweisen!

Leise erzählte Tyorl seine Geschichte vom Königsschwert und von der Revolution, von den Waldläufern und dem Schankmädchen, der Verfolgung und der Flucht.

Am hohen, sternenklaren, kalten Himmel verschmolz das Licht der beiden gerade aufgegangenen Monde, des roten und des weißen, zu einem grellroten Schein. Nachtschwarz schoß wie eine schwarze Lanze durch den Kreis des roten Mondes. Mit Verminaard auf seinen langen, kraftvollen Schultern strich Ember wie ein riesiger Schatten vor Solinari vorbei.

Die Augen gegen die bittere Kälte der Höhe wie auch gegen das Mondlicht halb geschlossen, legte Nachtschwarz seine breiten Schwingen an und schoß unter dem Roten hindurch. Beim Wiederauftauchen rollte der schwarze Drache über und kehrte an Embers Seite zurück, wobei er vor Lachen über die Verachtung des Roten für seine Kapriolen brüllte.

Nachtschwarz war es egal. Die feuchten Wände der Tiefen Höhlen sperrten ihn nicht mehr ein, und er fühlte nur die überschäumende, wilde Freude.

Zehn Meilen vor Thorbardin, am Südwestrand der Ebene der Toten, hatte Nachtschwarz Ember über die Wälder des Ostens gleiten spüren. Mit kräftigen Flügelschlägen hatte er an Tempo zugelegt und den Drachenfürsten mit seinem Reittier über den Bluthügeln eingeholt. Nachtschwarz hatte Ember beiläufig grüßend mit dem Flügel zugewinkt und dem Drachenfürsten die Situation in Thorbardin geschildert.

Die telepathische und gefühlsmäßige Verbindung zwischen Verminaard und Takhisis’ Drachen war so stark, daß der Drachenfürst nicht nur den Sinn von Realgars Plänen verstand, sondern auch eindeutig mitbekam, wie Nachtschwarz ihre Erfolgsaussichten einschätzte.

Genau, bring ihm sein Königsschwert, Nachtschwarz, Hilf ihm, den ersten Streich seiner Revolution zu führen. Verminaards Zufriedenheit drang wie schwarzes Eis in Nachtschwarz’ Kopf ein. Dann bring mir dieses Sturmklinge, wenn du mir seinen Kopf bringst. Sie werden beide einen schönen Wandschmuck abgeben.

Ember krümmte seinen langen Hals, und im hellen Schein eines Flammenstoßes aus seinem schmalen Maul sah Nachtschwarz ihre Schatten klein und deutlich über die Vorberge des Kharolisgebirges ziehen. Der Schwarze legte wieder die Flügel an und stieß tief zu den rollenden, graubraunen Hügeln hinab. Als Nachtwesen sichtete er vor dem Roten, was Ember suchte, und schickte das Bild von einem Haufen Waldläufer direkt zum Drachenfürsten.

Mehrere Meilen südlich von den Waldläufern entdeckte er die dunkle Wolke des Geistes des Grauen Herolds. Nachtschwarz stieß ein donnerndes Brüllen aus, drehte ab und tauchte hinunter.

Unten schoß der Drache die dünne, silberne Linie eines Flusses westlich der Hügel entlang. Bis zur Dämmerung waren es noch mehrere Stunden, und Nachtschwarz rechnete damit, vor Sonnenaufgang wieder im alten Thorbardin zu sein. Noch ehe die Sonne wieder unterging, würde Realgars Triumphschrei durch die Zwergenreiche hallen.

Die Monde wanderten dicht am Horizont über dem Wald nach Westen. Während Tyorl zusah, wie ihr seltsames, purpurrotes Licht die Baumwipfel berührte, dachte er über Finns Reaktion auf seine Geschichte nach. Tyorl wußte, daß der Anführer der Waldläufer nicht glaubte, daß Hauk noch am Leben war. Davon hatte ihn der Elf nicht überzeugen können.

»Wenn die Hoffnung des Mädchens jemanden am Leben erhalten kann, doch, dann lebt er.« Finns Augen verrieten Tyorl, daß er schon um Hauk trauerte. »Du willst nach Thorbardin.«

»Richtig, Herr, das will ich.«

Finn hatte lange nichts gesagt, sondern nur von Sturmklinge an Kelidas Hüfte zu Stanachs verstümmelter Hand geschaut, als Kern den notdürftigen Verband abnahm und das Mädchen ernst zu ihrer Arbeit beglückwünschte.

Tyorl stocherte in dem kleinen Feuer herum. Lavim hatte ungefragt Zunder und Brennholz gesucht und das Feuer etwas abseits von der Höhle angezündet. Der Kender hatte Pfeifers Flöte immer noch nicht gefunden.

Verloren, klar, dachte Tyorl. In deinen Taschen verloren, du Kobold! Freu dich ruhig an deinen nächtlichen Ausflügen, Lavim. Bei allen Göttern, ich werde dich festbinden und jeden Beutel und jede Tasche durchsuchen, wenn du zurück bist.

Plötzlich fuhr Tyorl herum, weil ein Stiefel leise an einen Stein gestoßen war und ein Mantel über Lederkleidung rieb. Kelida tauchte zögernd hinter ihm auf. Unter ihren Augen hatte sie dunkle Ringe.

»Störe ich?«

Tyorl schüttelte den Kopf. »Nein. Lehr hat zum Abendbrot ein paar Fische gefangen. Hast du Hunger?«

»Nein. Ich bin nur müde.« Sie setzte sich neben ihn und lehnte sich an die Außenwand der Höhle.

»Wie geht es Stanach?«

»Er schläft. Schläft richtig. Kern hat ihm eine Kräutermischung und ein paar Pulver eingeflößt. Er sagt, damit würde er schneller wieder zu Kräften kommen.«

»Das wird er. Kern ist ein guter Krieger und ein noch besserer Heiler. Ist er jetzt bei ihm?«

Kelida nickte. Sie starrte über den Fluß und lauschte dem Lied des ewig wandernden Wassers. »Du hast viel Zeit an diesen Grenzen verbracht, oder?«

»Ein paar Jahre.«

»Als ich Stanachs Hand gesäubert und verbunden habe, hat er etwas gesagt. Es war in einer Sprache, die ich nicht verstehe.«

»Zwergisch wahrscheinlich.«

»Vielleicht. ›Lit Kwer‹, sagte er.«

»Lyt Chwaer, hm? Kleine Schwester. Nun, er hatte Schmerzen und war vielleicht nicht ganz da. Es ist nicht ungewöhnlich, daß er nach seiner Familie ruft.« Tyorl schüttelte den Kopf. »Stanach hat also eine jüngere Schwester? Er hat gesagt, daß Kyan Rotaxt sein Vetter war, aber irgendwie hatte ich mir nie vorgestellt, daß er Verwandte hat oder irgend etwas außer seinem verwünschten Königsschwert.«

Der Fluß plätscherte am Ufer entlang. Tyorl warf einen Zweig in das kleine Feuer. Er lächelte Kelida an und zeigte auf den untersetzten jungen Mann, der rastlos mit langen Schritten am Ufer Wache ging. »Der da erinnert mich manchmal an Hauk. Finn nennt uns seine Alptraum-Truppe. Wir nennen Lehr ›Finns Alptraum‹.«

»Warum?«

»Weil er impulsiv und rastlos ist, und immer versessen auf einen guten Kampf.«

Der Wind wurde kälter und fegte mit trauernder Stimme über das Wasser. Kelida kroch tiefer in ihren grünen Mantel. »Ist das bei einem Waldläufer nicht wünschenswert?«

Tyorl beantwortete ihre Frage mit einer anderen. »Siehst du keinen Unterschied zwischen ihm und Hauk?«

»Ich kenne Hauk nur von diesem einen Abend im Tenny’s. Aber da habe ich…«

Tyorl starrte ins Feuer. »Was?«

»Ich weiß nicht, Tyorl. Ich dachte, daß er etwas – jemand – wäre, den ich mögen könnte.«

Mögen, fragte er sich, oder lieben?

Der Wind drehte und blies jetzt aus Nordosten den Fluß hinauf. Lehr gab sein rastloses Gerenne auf und stand still am Wasser.

»Er ist ein sympathischer Bursche, unser Hauk.«

»Aber ist er auch zu sehr auf Kämpfen aus?«

Tyorl schüttelte den Kopf. »Nein, überhaupt nicht. Normalerweise behält er einen kühlen Kopf. Er ist ein Mann, von dem man sich gern den Rücken decken läßt, aber wie Finns Alptraum da drüben ist er jung. Ich glaube, das ist der eigentliche Grund, warum Lehr mich an ihn erinnert.«