Kelida erinnerte sich an jene, jetzt so ferne Nacht in Langenberg, die Nacht, in der Hauk ihr Sturmklinge gegeben hatte. Sie erinnerte sich daran, wie Tyorl sich in jener Nacht verhalten hatte, nachlässig amüsiert über die extravagante Entschuldigung seines Freundes. Er hatte zugesehen, wie sie die Bier- und Weinflecken von der Theke schrubbte, und sie hatte bei der Arbeit die beiden Waldläufer verglichen: Hauk so dick und mächtig wie ein Bär, Tyorl wie ein leichtfüßiger Hirsch. Damals hatte sie gedacht, daß es schwierig, wenn nicht unmöglich sein mußte, einem Elf sein Alter anzusehen.
Sie sah ihn an. Sein sonnenfarbenes Haar wurde vom kalten Wind zerzaust, die blauen Augen waren weich von sanften Gedanken, die langen Beine kreuzten sich im Schneidersitz, als er sich zum Feuer lehnte. Die Aura eines Waldläufers aus dem Grenzland, Gefahr und Romantik, umgab den schlanken, durchtrainierten Mann. Man konnte sich unmöglich vorstellen, daß er mehr als nur ein paar Jahre älter war als Hauk.
»Ich denke«, sagte sie langsam, »daß wir dir alle jung vorkommen.«
»Nun, manchmal stimmt das. Ich habe einhundert Sommer gesehen, Kelida. Darum kommt ihr mir jung vor, du und Hauk. Bei meinem eigenen Volk bin ich jedoch selbst ein junger Mann.« Er lächelte und zuckte mit den Schultern. »Es verwirrt mich nur, wenn ich nicht bei Elfen lebe. Da sind all die Jahre…«
Er klopfte auf seine Brust, die plötzlich eng war und weh tat. »Und dann ist da dieses Herz, das mich daran erinnert, wie jung ich wirklich bin.«
Lehr verließ seinen Posten und tappte mit gesenktem Kopf wie ein Hund, der Ärger wittert, flußaufwärts nach Norden. Tyorl, der diesen Ausdruck kannte, sprang auf. »Kelida, hol Finn.«
Sie spürte die plötzliche Anspannung in seiner Stimme und erhob sich. Bevor sie eine Frage stellen konnte, war er schon fort und rannte zum Wasser hinunter.
Lavim roch den Rauch gerade, als der Wind umschlug. Auf dem Bauch am Fluß liegend, dachte er an Lagerfeuer und Wärme. Ein bißchen Wärme konnte er jetzt wirklich vertragen. Sein alter, schwarzer Mantel lag neben ihm auf dem Ufer, und er war bis zu den Schultern naß, weil er versucht hatte, Fische mit den Händen zu fangen, wie er es vorher bei Lehr gesehen hatte.
Man sollte doch meinen, sagte er zu sich selbst, daß es genauso einfach ist, wie es aussieht!
Nichts ist so leicht, wie es aussieht, Lavim.
Lavim sagte nichts, sondern tauchte seine Hände wieder in das eisige Wasser. Zu spät! Der Barsch flutschte ihm durch die Finger und kitzelte seine Handfläche, als er aus dem Flachen unter der Böschung zur Flußmitte schoß. Lavim riß seine Hände aus dem eisigen Wasser, schüttelte sie ab und steckte sie unter seine Arme.
Es ist alles eine Frage der Perspektive, Lavim. Wenn du ins Wasser schaust, siehst du nicht, was du zu sehen glaubst. Der Fisch übrigens auch nicht, wenn er nach oben guckt.
»Aaaha«, machte Lavim. »Du weißt das, weil du die meiste Zeit deines Lebens ein Fisch warst, was?«
Um genau zu sein, grummelte Pfeifer, glaube ich, daß jetzt der Falsche von uns empfindlich ist. Ich bin schließlich der, der tot ist. Wenn jemand empfindlich sein darf, dann bin das ich.
»Ich bin nicht empfindlich. Ich versuche, unser Frühstück zu fangen. Pfeifer«, sagte er plötzlich, »es tut mir leid, daß du tot bist. Ich habe dich nicht gekannt, als du gelebt hast, aber – es tut mir leid. Wie fühlt sich das an, Totsein?«
Pfeifer schwieg eine Weile. Es fühlt sich eigentlich nach überhaupt nichts an.
»Wo bist du?«
Ich bin in deinem Kopf und in der Zwischenwelt.
»Wie sieht es da aus?«
Pfeifer lachte. Es ist neblig – an beiden Orten. Lavim, da ist ein neuer Fisch für dich.
Eine braune Forelle, die fast so lang und dick war wie der Barsch, glitt durch das stille, seichte Wasser. Ein gemächlicher Schwanzschlag brachte den Fisch in das dicke Gras, das genau unter der Wasseroberfläche wogte. Lavim hob grinsend beide Hände, um erneut zuzuschlagen.
Ziel ein bißchen weiter vor und zur Seite.
»Warum?«
Weil du Forelle zum Frühstück willst.
Da das ein vernünftiger Grund war, tat Lavim das, was Pfeifer ihm geraten hatte.
»Ha!« krähte er, als seine Finger sich um die Forelle schlangen. Er riß den Fisch, der im Mondlicht tropfte und glitzerte, aus dem Wasser. »Ich hab’ dich!« Aber die Forelle zappelte und drückte gegen seine Handflächen, so daß Lavim fasziniert von dem Gefühl von Schuppen in den Händen etwas losließ. Als hätte er Flügel, sprang ihm der Fisch aus den Händen und ins Wasser zurück.
»Verdammt!« Enttäuscht legte sich Lavim auf den Rücken. Es war zu kalt, um seine blaugefrorenen Finger noch einmal ins Wasser zu stecken. Der Geruch nach Feuer wurde im Wind stärker. »Was machen die eigentlich mit dem Feuer? Die werden noch – «
Lavim!
»O Götter, Pfeifer, brüll doch nicht so! Mir platzen gleich die Ohren! Was ist?«
Drachen!
»Wo?« Lavim schnappte Mantel und Hupak und krabbelte auf die Füße, wobei seine Augen den Himmel absuchten. »Wo?«
Im Norden! Zurück zum Lager, Lavim! Einer ist über dem Wald und kommt auf den Fluß zu!
Frohlockend rannte Lavim in das Lager am Fluß. Immer redeten alle über Drachen: rote, schwarze, blaue und grüne, ein ganzer Regenbogen. Lavim hatte erst einmal einen gesehen – den Roten, der jeden Tag hoch über Langenberg geflogen war.
Der Kender lachte laut, als er zur Höhle jagte, wobei er versuchte, Himmel und Erde gleichzeitig im Blick zu behalten. Jetzt würde sich sein Glück wenden.
20
Hauks Träume waren aus Stein und huschten so leise wie Geister über die nahe Wand der Zelle. Als sie zum erstenmal aufgetreten waren, hatte er sie für Vorboten des Wahnsinns gehalten.
Das war ihm jetzt egal. Er wartete auf den Tod und darauf, diesmal wirklich zu sterben. Obwohl Realgar keine Fragen mehr stellte und ihm keine schrecklichen Trugbilder mehr zeigte, hatte er immer noch Spaß an seinem Todesspiel. So plötzlich wie ein Falke, der hinunterschießt, oder so faul wie ein am Himmel kreisender, wartender Geier lebte der Tod in diesem feuchten Grab, flüsterte seinen Namen, grapschte mitunter mit kalten Händen nach ihm und zerrte ihn durch schwarze Tore in ein Reich, wo die Luft mit eisigen Zähnen an seinen Lungen nagte.
Hauk hatte längst aufgehört, seine Tode zu zählen. Er lag nur noch in der Dunkelheit und betrachtete die Träume, die über die rauhe Steinwand glitten.
Er sah den Wald. Qualinesti, die grüne, schattige Heimat der Elfen, wurde von dicken, honiggoldenen Säulen aus Sonnenlicht erhellt. Wie ein Traum in einem Traum zog Tyorl durch Haine und dichte Gruppen von Kiefern und Pappeln. Ein seltsamer Ausdruck stand in seinen Augen, den schmalen, blauen Augen, die Hauk so gut kannte: Augen eines Freundes. Schmerz lag in ihnen und Kummer und – beinahe – Resignation. Er folgte Pfaden, die nur die Elfen kannten. Und immer war er auf der Suche.
Wie im Wind treibender Rauch veränderte sich der Traum, und Hauk war wieder in der Taverne in Langenberg. Ein Mädchen mit kupferroten Zöpfen und blattgrünen Augen lächelte ihn an.
Genau, dachte er, aber das hat sie doch nie getan? Sie war bloß ängstlich vor ihm zurückgewichen und hatte ihm dann in plötzlichem Zorn ins Gesicht gespuckt. Als der Zorn verflogen war, war sie auf der Hut gewesen. Kein Lächeln.
Wie sie wohl hieß? Er würde es nie erfahren.
Er betrachtete die Wand genauer, um den Traum und ihr Gesicht besser erkennen zu können. Groß war sie, zumindest für ein Mädchen. Sie war nur eine Handbreit kleiner als er. Das Mädchen. Das Schankmädchen. Wie sie wohl hieß?
Die Szene an der Wand schimmerte und verblaßte, und aus Angst, daß er dieses Mädchen aus den Augen verlieren würde, die einzige Erinnerung, die Realgar nie aus ihm herausgelockt hatte, griff Hauk hin. Seine Hand tastete sich zur Wand.