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Genau, groß, dachte er, als der Traum plötzlich deutlicher wurde. Sie sah aus wie eine Jägerin oder sogar eine Waldläuferin, denn sie trug ein Schwert und hatte einen Mantel von der Farbe ihrer Augen, dazu lederne, sturmgraue Jagdkleider.

Jägermädchen, Waldläufermädchen, wie heißt du?

Als er diese stumme Frage stellte, drehte sie sich um. Ihr Gesicht war weiß, die Augen dunkle Smaragde. Mit anmutiger, einladender Geste streckte sie die Hand aus. Ein kaltes Licht blitzte auf Gold und Saphiren.

Sie trug sein Schwert, das Realgar Sturmklinge nannte, an der Hüfte.

Der Traum zersprang splitternd durch einen Blitz aus brennendem Schmerz, der seine Wirbelsäule hinunterjagte. Hauk schrie auf vor Kummer um den gemordeten Traum, und der Schrei hallte von den Gefängniswänden zurück.

Jemand hielt eine Laterne hoch. Eine alte, trockene Stimme ertönte aus den Schatten hinter dem Licht.

»Er wird es nicht bekommen. Das wird er nicht.«

Hauk kannte die Stimme. Alt und verrückt, durch Flüstern wie Spinnweben zusammengehalten, hatte er sie oft an den Rändern seiner Alpträume vernommen, wie sie lachte oder schluchzte, wenn er starb.

Stöhnend stellte Hauk die Frage, auf die er nie eine Antwort erhalten hatte. »Wer bist du?«

Bisher war die Stimme bei dieser Frage immer verschwunden, war von den schlurfenden, kratzenden Begleitgeräuschen des Rückzugs mitgenommen worden. Dieses Mal nicht.

»Er wird es nicht bekommen. Hoch, Junge, hoch!«

Hauk konnte nicht aufstehen. Knorrige, zitternde Hände voller Narben berührten die schmerzverzerrten Züge seines Gesichts.

»Meine Sturmklinge, er will meine Sturmklinge. Er glaubt, daß er sie gefunden hat, Junge. Er glaubt, er hat sie gefunden.«

Angst durchschoß Hauk. Rauch stieg wie Totenfahnen aus der Öllampe auf. Orangefarbenes Licht spritzte durch die Dunkelheit. Hauk rollte auf den Rücken und schaute einem Zwerg ins Gesicht. Weißes Haar hing lang und ungekämmt über seine Schultern. Ein völlig verfilzter Bart ging ihm fast bis zur Taille. Auf seinem Gesicht standen Tränen, in seinen braunen Augen stand Entsetzen.

Obwohl es ihn jeden Rest Kraft kostete, hob Hauk die Hand und erschrak dabei über das Geräusch und das Knacken seiner Gelenke. Er packte den Zwerg am Handgelenk. Der Schrecken flackerte in dem alten, bärtigen Gesicht auf, als er dem in die Augen sah, den Realgar vor seinen Augen viele, viele Male umgebracht hatte.

Höhle folgte auf Höhle: Felswände erhoben sich zu schattenverhangenen Decken auf, es roch kalt nach Wasser und nach Stein.

Er war stark, dieser Zwerg, obwohl er so alt wie die Berge selbst zu sein schien. Der Zwerg zuckte jedesmal zusammen, wenn er Hauks Gewicht stützen mußte oder seine Hand an seinen Armen spürte. Es machte ihm zu schaffen, aber er hielt es aus. Er wollte den Waldläufer unbedingt aus dieser Kerkerhöhle fort und an einen Ort bringen, der hoffentlich eine sichere Zuflucht vor Realgar darstellte.

So kamen sie schließlich zur letzten Höhle. Der Zwerg führte Hauk zu einer einfachen Pritsche an der gegenüberliegenden Wand. Mit vier Decken war sie warm und kam ihm trotz des kalten Steins darunter so schön und einladend wie ein fürstliches Bett vor. An den Wänden der Höhle hingen Fackeln in gleichmäßig verteilten, sorgfältig gearbeiteten Eisenhalterungen. Der Ort war so gut belüftet, daß ihr Rauch kaum zu riechen war.

Der Zwerg, der so leise vor sich hin redete, als ob er Hauks Erholungspause um keinen Preis stören wollte, lief herum und prüfte kleine Haufen Vorräte und Wasserflaschen. In der Mitte der Steinkammer stand ein niedriges Kohlebecken, an dem der Zwerg von Zeit zu Zeit anhielt, um das Feuer zu schüren. Dann sah er jedesmal zu dem Waldläufer hin und hörte auf zu plappern.

Hauk musterte ihn sorgfältig. Die braunen, alten Augen waren eindeutig verrückt, aber jetzt flackerte etwas Neues in ihnen, das einen Herzschlag lang zu sehen war und dann wieder verflog, von Schmerz, Sehnsucht und Angst verjagt. Das Neue war Wiedererkennen. Hauk wußte nicht, warum es da war. Er würde nie erraten können, was der Zwerg wiedererkannte.

Es war ihm auch egal. Er gab ihm nichts zurück, nicht einmal ein Zwinkern, um das kalte, unablässige Starren zu unterbrechen, das den alten Zwerg sichtlich erschreckte.

Stück für Stück kehrten Hauks Kräfte zurück wie die Flut, die bei Morgengrauen an den leeren Strand rollt. Damit wuchsen auch Wut und Haß. Er würde geduldig auf eine Gelegenheit zur Rache warten, egal, wie lange er warten mußte.

Dann würde er aufstehen und dem alten Bastard mit bloßen Händen das Herz herausreißen und es auf dem Stein zermalmen.

21

Stanach hob seine rechte Hand mit der linken hoch. Unter den Bandagen lagen die gebrochenen Finger schwer und gefühllos wie Eisenstäbe in seiner Handfläche. Obwohl er auf wackligen Knien stand, wies er Kerns Unterstützung zurück und versuchte erst einen, dann zwei taumelnde Schritte. Nachdem er tief Luft geholt hatte, lief er zum Eingang der Höhle. Der Waldläufer hatte ihm zugesichert, daß er seine Kräfte bald zurückgewinnen würde.

An die Steinwand der Höhle gelehnt, sah Stanach aufs Wasser hinaus. Er hoffte, daß Kern recht hatte. Rauch trieb wie dunkler Nebel von kaltem, starkem Wind gesteuert über den Fluß. Der Himmel hoch über dem Wald glänzte rot. Kelida, die immer noch Sturmklinge trug, rannte den kurzen Weg über die Böschung zu Lavim. Der Kender tanzte vor Aufregung. Kelida packte seine Arme und hielt ihn so still, damit er zuhörte, was sie ihm zu sagen hatte. Daraufhin sprang Lavim mit baumelnden Beuteln flußabwärts zu dem Punkt, wo Tyorl am Wasser entlanglief.

Unter Stanachs Augen kamen zwei Waldläufer aus der Deckung des Waldes und schlossen sich dem Elf am Fluß an. Der eine, Finn, zeigte nach Norden.

Stanach drehte sich in Richtung Höhle um. »Was ist los?«

Kern, dessen Gesicht sorgenvoll und düster war, packte gerade seine Heilmittel ein. Er sah auf. »Waldbrand, sagen sie. Wir müssen hier weg, Stanach. Kannst du laufen? Finn will hier den Fluß überqueren und ihn so schnell wie möglich zwischen uns und das Feuer bringen.«

»Ach, will er das? Dann sollte ich besser laufen können.« Stanach milderte sein Grollen durch ein Schulterzucken ab.

Lehr betrat die Höhle. Sein zottiges Haar war vom Wind zerzaust. Er und sein Anführer waren so weit in den Wald eingedrungen, daß der Brandgeruch in ihrer Kleidung hing. Lehr sah Stanach forschend an. Dann schlug er dem Zwerg so fest auf die Schulter, daß dieser dankbar war, daß hinter ihm die Wand war. »So, du schaffst es also auf eigenen Füßen, was? Gut. Los, Kern, laß uns gehen.«

Kernbal warf seinen Medizinbeutel über die Schulter. »Wie weit nördlich ist das Feuer? Verdammt, Lehr! Wie ist das passiert?«

»Nicht sehr weit, und es kommt rasch näher.« Der Waldläufer überprüfte die Höhle, ob sie auch nichts vergessen hatten, und warf einen kurzen Blick zum Fluß zurück. »Wir glauben, daß die vordersten Flammen zwischen uns und dem Rest der Gruppe sind, aber wir wissen nicht, wo die Flanken sind, und wir hatten keine Zeit nachzusehen. Finn sagt, der einzige Ort, wo wir die anderen finden können – oder sie uns –, ist das Ostufer.«

Der Waldläufer war fort, bevor Stanach oder Kernbal gemerkt hatten, daß er die Frage nach dem Ursprung des Feuers nicht beantwortet hatte. Kern verzog ungeduldig das Gesicht.

Stanach verließ die Höhle mit seinem Schwert auf dem Rücken und mit Angst im Bauch.»Hier ist keine starke Strömung«, sagte Tyorl, »und das Wasser geht nur ungefähr bis zum Bauch. Schaffst du das, Stanach?«

Ob seine wiedergewonnenen Kräfte jetzt auf den Trank des Heilers zurückgingen oder auf die Drohung der fernen, prasselnden Geräusche des anrückenden Feuers – Stanach wußte, daß er mit seinen Gefährten im Fluß Schritt halten konnte. Er schaute kurz zum Himmel. Die Monde waren untergegangen. Der karmesinrote Schein über dem Wald wirkte wie eine unheilvolle Morgendämmerung.