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Stanachs Entsetzensschrei zerschlug Kelidas Angstfesseln wie ein scharfes Schwert. Sie warf sich zur Seite. Sturmklinge!

Sie dachte nicht daran, daß sie so ungeübt war, daß sie wahrscheinlich eher sich selbst als den Drachen verwunden würde. Messerscharfe Klauen hingen schwarz und gekrümmt über ihr wie ein Käfig, der sich schließen wollte. Kelida fummelte an den Friedensknoten herum und versuchte, das Schwert aus der Scheide zu ziehen. Rotleuchtender Stahl und eisblaue Saphire – Sturmklinges Gewicht würde an ihren Muskeln zerren, wenn sie versuchte, es in die Luft zu heben, doch was machte das schon. Sie mußte es tun.

Ein fürchterlicher Triumphschrei gellte durch die Nacht, bevor sie das Schwert ziehen konnte. Der Drache trug einen Reiter! Ein Zwerg in dunklem Mantel und Kapuze saß rittlings auf dem Untier.

Stanach brüllte – ein Geräusch wie ein wortloser Fluch – und warf sich zwischen Kelida und das Monster. Die Riesenschwinge des Drachen erwischte ihn mit Wucht und warf ihn zu Boden. Instinktiv rollte er ab, kam taumelnd hoch und fiel auf ein Knie. Schnell wie ein Blitz peitschte der lange Hals des Drachen zur Seite. Seine geifernden Zähne waren gefletscht, die Augen leuchteten vor Mordlust.

»Nein!« schrie Kelida. »Nein! Stanach!«

Ein fliegendes Gewicht erwischte Kelida schwer wie ein gefällter Baum von hinten. Sie schlug hart auf, wobei alle Luft aus ihren Lungen gepreßt wurde. Noch einmal versuchte sie zu schreien. Sie hatte nichts mehr zum Schreien in sich, keine Stimme, keine Luft. Eine Hand faßte sie am Arm und zog und zog, und Kelida kam schluchzend auf die Knie. Lehrs widerspenstiges, dunkles Haar flatterte im Wind der Drachenflügel. Er stand zwischen Kelida und dem Drachen. Mit erhobenem Schwert sprang der Waldläufer hoch, obwohl er wissen mußte, daß seine Klinge den Schuppenpanzer des Drachen keinesfalls durchbohren konnte.

Lehrs Schwert traf, prallte jedoch von der pechschwarzen Haut ab. Der Drache brummte in seiner mächtigen Brust. Der tiefe, donnernde Laut klang wie ein belustigtes Lachen.

Mit einem nachlässigen Schlag seiner messerscharfen Klauen riß der Schwarze dem Waldläufer das Herz aus dem Leib, während seine Augen sich wieder Kelida zuwandten. Lehrs Blut spritzte wie heißer Regen über Kelidas Gesicht und Hände. Sie wollte schreien, konnte aber kaum stöhnen, versuchte zu rennen und stürzte.

Wie ein Käfig, hatte sie als erstes gedacht, als sie die Drachenpranken sah. Wie ein Käfig schlossen sie sich jetzt um sie und gingen so weit zu, daß sie einander berührten, während sie Kelida fingen, mit sich zerrten und in die Luft hoben. Nein, kreischte ihr Kopf. Nein!

Der Drachenreiter griff nach ihrem Arm, machte einen Ruck und hievte sie über den Hals des Untiers. Ihr Kopf fiel zurück, und ihr drehte sich der Magen um.

Kelida war völlig außer sich und dachte nur noch daran, wie sie sich befreien konnte. Sie trat heftig nach hinten, schaffte es, sich aufzusetzen, und zerkratzte dem Zwerg das Gesicht. Ihre Finger zerrten die Kapuze weg, woraufhin sie sah, daß er nur ein Auge hatte.

Als der Drache sich vom Boden abstieß und mit ausgebreiteten Flügeln aufzusteigen versuchte, schlug Kelida mit dem Instinkt einer Bergkatze nach diesem Auge. Vage fühlte sie, wie eine Hand sich mit der Kraft der Verzweiflung um ihren Knöchel schloß, um dann genauso schnell wieder loszulassen. Zwei dicke, starke Arme schlossen sich um ihren Bauch. Die rechte Hand war in Verbände gewickelt, die sie von ihrem grünen Mantel abgerissen hatte. Die Hand rutschte ab, preßte sich dann aber wieder fest gegen ihre Rippen. Stanach!

Von der Stirn des Drachenreiters strömte Blut, das sich in seinem grauen Bart sammelte. Er riß sich von ihr los. Kelida erkannte den schrillen Triumphschrei in ihren Ohren kaum als ihren eigenen. Der Himmel schoß auf sie zu und erschien beim wilden Gebrause des Windes unter den schwarzen Drachenflügeln schwindelerregend.

Obwohl schlank und leicht, war sie doch ein Bauernmädchen und stärker, als sie aussah. Kelida balancierte auf dem Drachenhals wie auf einem Pferd. Wieder warf sie sich auf den Drachenreiter, ohne seinen Dolch zu bemerken, bis eine feuervernarbte Hand sich um das Handgelenk ihres Gegners schloß.

Stanach!

Kelida sah voller Panik genauer hin und entdeckte, daß er sich hinter dem dunkel gekleideten Zwerg an den Kamm auf dem Drachenrücken klammerte.

Knochen knackten, und der Drachenreiter schrie. Die starken Muskeln des Drachen spannten sich unter Kelidas Knien an, als er hochfuhr und sich umdrehte. Wie in einem Traum ohne Ton, wo alles ganz langsam geht, merkte Kelida, wie sie das Gleichgewicht verlor, sah, wie der Drachenreiter über die lange, schwarze Schulter herunterrutschte und wie sich sein Mund zu einem vergeblichen Schrei öffnete, als er keinen Halt fand. Wild in der Luft herumrudernd fiel er mit ausgebreiteten Armen und Beinen in die Tiefe.

Ihre Hände waren vor Schreck gefühllos und ihre Beine zu schwach, um sich weiter festzuklammern. Kelida sackte über dem Hals des Drachen zusammen und wartete, ohne sich in der brausenden Luft bewegen zu können. Die graubraunen, steinigen Hügel würden auf sie zukommen und sie packen, so wie sie den einäugigen Zwerg gepackt hatten.

Doch das taten sie nicht.

Stanach schlang rasch seine zitternden Arme um Kelidas Bauch, während sein Atem in der eisigen Höhenluft dünne Wölkchen bildete. Er zog sie zu sich hin und drückte sie fest an sich. Sie spürte seinen warmen Bart in ihrem Rücken. Dann sah sie wie von weitem, wie er mit der linken Hand um sie herumgriff und sich am knochigen Kamm des Drachen festhielt.

Das Ungeheuer brüllte und stieg auf, wobei es die grauen Wolkenschleier des Morgens durchbrach. Kelida hörte Stanach hinter sich seufzen. Er stammelte etwas vor sich hin.

Es hörte sich an wie ›Lyt Chwaer‹. Kleine Schwester.

Wegen des Windes, der von der hohen Geschwindigkeit des Drachen herrührte, schloß sie die Augen und konzentrierte sich darauf, sitzenzubleiben, bis sie das unbekannte Ziel des Drachen erreicht haben würden.

Lehrs Blut hatte dunkle Flecken auf Kelidas grauen Jagdkleidern hinterlassen und klebte an ihren Händen und Armen. Sie erschauerte, begann heftig zu schluchzen, und ihre Tränen gefroren auf den Wangen zu Eis.

Nachtschwarz brüllte und schwang sich in den Himmel auf. Tief unter ihm fiel Realgars kleiner Zauberer, den sie den Grauen Herold nannten, wie ein Stein dem Boden entgegen.

Ein Flug anderer Art! Der schwarze Drache stieß ein heulendes Gelächter aus. Er hatte die herrischen Kommandos des Zauberlings, den Klang seiner Gedanken und den Geruch seiner Ausdünstungen gehaßt. Jetzt drehte er den Hals nach hinten, um die anderen beiden zu betrachten, die nun da ritten, wo der Graue Herold gesessen hatte. Wieder ein Zwerg, genauso leicht wie Agus, und ein Menschenmädchen. Sevrist kniff die Augen wegen des Windes zusammen. Die lange, gespaltene Drachenzunge glitt über die messerscharfen Zähne. Er roch ihre Angst, und die roch wahrlich süß.

Nichts war zäher als ein sehniger, muskulöser Zwerg. Nichts war zarter als junges Menschenfleisch. Das Mädchen trug das Königsschwert, und Nachtschwarz freute sich auf Realgar. Der würde zufrieden sein und ihm die beiden als Belohnung überlassen. Als Abendbrot, dachte er.

Der schwarze Drache gab sich große Mühe, seine Reiter auf dem Rücken zu behalten. Sein Flug war gleichmäßig, und er mied die turbulenteren Windströmungen wie ein Kapitän, der sein Boot durch eine Meerenge steuert, ohne daß die Wellen die Ladung von Bord spülen.

Stanach fühlte nichts, weder Erschöpfung noch Angst, noch Kelidas heftiges Schluchzen, bis der Drache über die Ebene von Dergod, die Ebene der Toten, jagte. Als der Schwarze dann hoch aufstieg, um eine günstige Windströmung zu nutzen, und sich schräg stellte, um den Wind in den Rücken und unter seine breiten Flügel zu bekommen, sah er den nach Osten vorrückenden Flammenteppich.