Vor ihm zitterte Kelida wie eine Pappel im Sturm, doch er fand keine tröstenden Worte für sie.
Hoch am Südosthimmel strahlte die Sonne über einer Art langem, feuerrotem Pfeil. Ein zweiter Drache, ein feuerspeiender Roter, schoß durch den wogenden, schwarzen Rauch über dem Wald zu der hohen, düsteren Kette der südlichen Berge nach Pax Tarkas hinunter.
Da wußte Stanach, was den Wald in Flammen gesetzt hatte. Nur wußte er nicht, warum. Wenn Verminaard Truppen und Vorräte in die Berge schickte, warum sollte er es dann riskieren, den Wald anzustecken und die Angriffsreihen zu vernichten, die er gerade erst aufgestellt hatte?
Der Drache fand weiter unten einen Aufwind und sank mit einer Geschwindigkeit, bei der sich ihnen der Magen umdrehte. Stanach hielt Kelida fest. Als er zur Seite blickte, wurde Stanach der Grund für das Feuer klar. Tiefe, breite Brandschneisen, die aus dieser Höhe wie Pflugspuren aussahen, führten direkt zur Ebene.
Schneisen, dachte er bitter, die den Wald im Norden und Süden schützen und die Flammen in die Ebene der Toten lenken.
Von da aus würde das Feuer als Guyll Fyr wie die unbarmherzige Vorhut einer verheerenden Armee nach Thorbardin rasen.
Stanach stöhnte laut auf. Kein Heer mit hungrigen Plünderern konnte schlimmeren Schaden anrichten.
Vor hundert Jahren war ein Waldbrand über die Ebene der Toten gefegt. Damals hatten die Zwerge versucht, ihn aufzuhalten, um die Moore zu retten. Sie waren karg und häßlich, aber sie waren ein Teil der Wildnis des Zwergenreiches, Nistplatz für Vögel, Tränke für viele Tiere und Lebensraum für Fische. Und die Moore waren wichtig für die Versorgung von Thorbardin.
Vor einem Jahrhundert hatte man die Moore nicht retten können. Es stimmte zwar, daß die Ackerhöhlen tief im Berg Thorbardin ernähren konnten. Aber es bestand auch stets die Gefahr einer Hungersnot, falls das Getreide verdarb und die Tiere krank wurden.
Wir werden belagert!
Kelida drehte sich schlaff vor Erschöpfung um und barg ihr Gesicht an Stanachs Schulter. Er löste seine Hand vom Kamm des Drachen und schob seine verbundene Rechte höher, um das Mädchen besser festhalten zu können. Sie sagte nichts, doch seit ein paar Minuten weinte sie nicht mehr. Stanach versuchte, ihr ins Gesicht zu sehen, konnte es aber nicht.
Der Drache sank tiefer und wurde langsamer. Dort unten im Südosten lag Thorbardin. Die Stadt lag in den hohen Berggipfeln, über denen die Sonne gerade aufging. Schnee errötete sanft auf den höchsten Spitzen, wo der Winter schon herrschte. Als der Drache nach unten kreiste, konnte Stanach den noch schattigen Hohlweg nach Nordtor erkennen, der vor dreihundert Jahren in den Zwergentorkriegen zerstört worden war. Der Mund des Tores öffnete sich weit klaffend auf einen verräterisch schmalen Sims. Die Steine schienen immer noch stumm vor Schmerz zu schreien. Da sein Mechanismus im Krieg beschädigt worden war, stand dieses Tor seit dreihundert Jahren offen. Daher war Nordtor strenger bewacht als das noch funktionstüchtige Südtor.
Wind brauste um sie herum, als der Drache noch tiefer sank, unter den Hohlweg, unter den Sims, und schließlich in die letzten Schatten der Nacht am Fuß des Berges eintauchte.
Kalte Angst bemächtigte sich Stanachs. Nordtor war von starken, kaltblütigen Daewarkriegern bewacht. Die Höhlen da unten jedoch, geheime Gänge, die die Theiware die Tiefen Höhlen nannten, lagen weit unter dem Tor.
Realgar hatte einen Drachen, der ihm gehorchte und ihn wahrscheinlich Drachenfürst nannte. Jetzt wartete er in den Tiefen Höhlen auf Sturmklinge. Das Königsschwert würde ihn nicht nur zum Drachenfürsten machen, sondern zum Prinzregenten der Zwerge und damit zum Herrscher von Thorbardin.
Stanach schloß die Augen.
Er fühlte das Aufsetzen, als der Drache landete, und hörte seine Klauen über die Steine schleifen. Kelida bewegte sich und löste sich von ihm.
»Wo sind wir? Weißt du das?«
Stanach wußte es. Seine Augen hingen an dem glitzernden Schwert an ihrer Seite, und er wollte sagen, daß sie zu dem Ort gekommen waren, an dem sie bald sterben würden. Er sprach es nicht aus, sondern schüttelte nur den Kopf.
»Zu Hause.« Das Wort kam nur mühsam über seine Lippen, als ob es eine Lüge wäre. »Wir sind in Thorbardin.«
22
Lavim trat gegen einen kleinen Stein und sah zu, wie er den Hügel hinunterkullerte. Er hatte gehört – er wußte nicht, ob von Pfeifer oder von jemand anderem –, daß diese ganze Wüste, diese ganze endlose, trockene, staubige, leere, schattenlose und stumpfsinnige Gegend, die sie die Bluthügel nannten, einst eine Grassteppe gewesen war. Du hast ›langweilig‹ vergessen.
»Was?«
Du hast vergessen zu erwähnen, daß die Hügel langweilig sind.
Lavim seufzte. »Ich dachte, das müßte ich nicht. Spricht doch irgendwie für sich selbst, oder?«
Pfeifer lächelte.
Lavim stampfte mit dem Fuß auf und sah zu, wie der Staub vom Wind davongetragen wurde. Er fand es bemerkenswert, daß er wußte, wann Pfeifer lächelte.
Er wühlte in seiner Tasche und zog eine sorgfältig gefaltete Karte aus brüchigem Pergament hervor. »Ich hatte mal eine Kartenrolle für so was, aber ich weiß auch nicht, was damit passiert ist. Es ist noch gar nicht so lange her, vielleicht einen Monat, bevor ich nach Langenberg kam. Jetzt ist sie weg. Es scheinen viele Dinge zu verschwinden, wenn ich irgendwo auftauche und wieder weggehe.«
Er ging in die Hocke, legte die Karte auf den Boden und glättete sorgfältig die Falten. »Schau dir den Ort hier an, Pfeifer. Sogar auf der Karte ist er häßlich.« Er zeigte es dem Geist auf der Karte.
Pfeifer sagte nichts, sondern ließ ihn fortfahren.
»Guck! Hier hinten im Osten ist Qualinesti.« Lavim schaute blinzelnd zum Himmel hoch. »Irgendwie komisch, nicht wahr, daß ich da fast die ganze Zeit nach Gespenstern gesucht habe und erst eins fand, nachdem ich da weg war. Jedenfalls, das ist er, der Elfenwald, richtig grün und schön. Hier ist der Fluß, den wir überquert haben, die blaue, schnörkelige Linie.« Er schniefte verächtlich. »Und hier wird die Karte häßlich und das Land noch häßlicher. Nur kleine Hügel, sagt die Karte. Hah! Das hier sind keine Hügel, das sind kleine Berge.«
Nein, es sind Hügel.
»Du hast gut reden, du mußt ja nicht hier herumlaufen.« Lavim faltete seine Karte zusammen und steckte sie wieder in die Tasche. »Wir könnten viel einfacher nach Thorbardin gelangen, wenn wir quer durch die Ebene von Dergod gehen würden – oder Ebene der Toten, wie die Zwerge sie nennen. Warum heißen sie so, Pfeifer?«
Weil dort in den Zwergentorkriegen Tausende von Hügelzwergen und Bergzwergen ums Leben kamen.
Lavim stand auf und streckte sich. Der Wind kam jetzt schneidend kalt von Osten und trieb den Waldbrand vor sich her. Obwohl am Himmel kein Rauch von dem Guyll Fyr zu sehen war, sogen die Luftströmungen den Qualm durch den Kanal des Sumpfgebiets. Er konnte ihn immer noch riechen.
Ohne weitere Worte trabte er nach Süden, kletterte auf den höchsten Hügel, der zu finden war, und ließ sich wieder auf den Fersen nieder.
Das Feuer war meilenweit weg und wirkte von seinem Hügel aus wie eine dicke, rote Schlange, die sich auf die Berge im Osten zuschob. Der Rauch hing als dicke, schwarze Masse über den Sümpfen. Wenn Lavim sich sehr anstrengte, die Augen zupreßte und die Schultern zusammenschob, konnte er das Brüllen des Feuers wie fernen Donner hören.
Pfeifer, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, meldete sich so plötzlich zu Wort, daß Lavim hochschreckte. Warum redest du
nicht mit Tyorl?
»Ach, nein, das mag ich nicht.« Lavim sah über die Schulter. »Er regt sich immer noch furchtbar auf, daß Kelida und Stanach von dem Drachen geschnappt wurden. Ich versteh’ das ja. Ich – ich denke selbst nicht so gern darüber nach.«