Das habe ich gemerkt. Vielleicht sollte Tyorl darüber reden.
Lavim schüttelte düster den Kopf. »Nicht mit mir, nein, nein. Guck ihn dir doch an.«
Tyorl hockte da und betrachtete den Himmel. Seit der Drache Kelida geschnappt und sie und Stanach in die Dämmerung verschleppt hatte, klebten seine Augen an diesem unbarmherzigen Blau. Lavim seufzte. Er hatte fast alles von dem aufregenden Ereignis verpaßt und war erst zu den anderen gestoßen, als der Drache wie eine spitze, schwarze Träne am Himmel ostwärts nach Thorbardin davonflog – mit Kelida und Stanach und ohne seinen Reiter.
Sie hatten den einäugigen Zwerg in einer Rinne zwischen zwei Mooren gefunden. Trotz gebrochener Knochen und Blutungen war er nicht tot gewesen. Lavim nahm an, daß Finn ihm aus Rache für Lehrs schrecklichen Tod die Kehle durchgeschnitten hatte. Pfeifer hatte gesagt, ein solcher Tod sei keine Strafe.
Jetzt blickte Lavim zu Finn. Der Anführer der Waldläufer hatte die Stirn auf die angezogenen Knie gelegt und saß regungslos im Windschatten des Hügels, anscheinend ohne auf Kerns rastloses Auf- und Abschreiten zu achten. Der schweigsame Kernbal hatte kein Wort gesagt, seit sein Bruder von dem Drachen getötet worden war. Mit aufrechtem Kopf lief er startbereit am Fuß des Hügels hin und her wie ein Jäger, der die Spur des Wildes wieder aufnehmen will. Er schärfte seine Pfeile am Stein der Rache, hatte Pfeifer gesagt.
Mit dem Umschlagen des Windes kurz nach Tagesanbruch hatte sich das Feuer rasch in den Hügeln ausgebreitet, war im Nu nach Süden, Norden und Osten vorgestoßen und hatte eine Flammenwand hinter ihnen aufgebaut. Auf Finns Anraten hin hielten sie auf die Wüstenhügel zu. Hier gab es nicht viel Brennbares, und der Anführer der Waldläufer hielt den Ort für sicher. Es war ein Gewaltmarsch gewesen, und jetzt, als die Schatten kurz vor Sonnenuntergang länger und dunkler wurden, hatten die vier Rast gemacht, bevor sie weiter nach Osten hasten würden.
Los, Lavim. Rede mit Tyorl.
»Und?«
Und was?
»Und gib ihm die Flöte, nicht wahr? Das ist es doch, wovon du immer wieder anfängst. Gib ihm die Flöte, gib ihm die Flöte.«
Ich wäre glücklicher, wenn du das tätest.
»Aber er kann sie nicht benutzen, ich schon!«
Pfeifer seufzte. So lange ich dir sage, was du zu tun hast, ja.
»Warum also sollte ich sie ihm geben?«
Lavim! Geh schon!
Lavim kniff die Augen zusammen und hielt sich die Ohren zu. Während er wünschte, daß Pfeifer nie diese gemeine Angewohnheit entwickelt hätte, mitten in seinem Kopf zu schimpfen, ging er zu Tyorl.
Der Elf sah sich nicht einmal um, als Lavims kleiner Schatten über ihn fiel. Lavim räusperte sich geräuschvoll.
Tyorl stand auf und suchte den Osten des Himmels ab. »Es wird erst in einer Stunde dunkel, Lavim. Wir wollen sie nicht mit Reden verschwenden.« Er nickte Finn zu, welcher aufstand und Kern zuwinkte, daß sie weiter wollten.
Kern lief wie gewohnt an der Nordseite voraus. Mit langen Schritten kam er voran. Finn trabte südöstlich voraus und gab das Tempo an. Bald schwebte die Rauchwolke von der Ebene der Toten hoch über ihren Köpfen. Lavim trottete neben Tyorl her. Er mußte sich anstrengen, um Schritt zu halten. »Äh, Tyorl, ich will dir was sagen.«
Tyorl antwortete nicht.
»Ich will dir etwas über Pfeifer sagen.«
»Der ist tot«, blaffte Tyorl. »Was muß ich noch über Pfeifer wissen?«
Lavim seufzte geduldig. »Ich weiß, daß er tot ist. Aber ich glaube, du glaubst, wenn du die Flöte gehabt hättest, als der Drache Stanach und Kelida erwischte, dann hättest du etwas dagegen tun können.«
Tyorl sagte kein Wort.
»Das hättest du nicht. Du hättest es nicht gekonnt.«
»So? Und warum nicht?«
»Weil die Flöte nur bei mir funktioniert, Tyorl. Pfeifer sagt, daß sie nicht – «
»Pfeifer sagt?«
Lavim nickte. »Weißt du, Tyorl, er ist ein Geist. Er redet in meinem Kopf zu mir und erzählt mir Sachen – «
»Lavim – «
»Bitte, Tyorl, laß mich ausreden. Er ist wirklich ein Geist. Er hat es mir gesagt, als der rote Drache über den Wald flog und die Bäume ansteckte. Na ja, nicht daß er – der Drache, meine ich – das machen wollte, aber daß er flog. Und – und er hat mir auch von dem schwarzen Drachen erzählt.« Der Kender seufzte und lief schneller. »Aber – aber ich war zu weit weg, um irgend etwas zu machen. Ich habe es versucht! Wirklich, aber Pfeifer sagt, daß Sprüche begrenzte Reichweite haben und – es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid. Ich wünschte, ich wäre näher dran gewesen. Ich wünschte, ich wäre nicht draußen in den Hügeln gewesen. Aber da war ich. Und – und ich weiß, daß du denkst, du hättest Lehr und Kelida und Stanach helfen können, als der Drache kam, wenn du nur die Flöte gehabt hättest, aber das hättest du nicht. Du hast keinen Pfeifer im Kopf.«
»Und du auch nicht. Kenderchen, manchmal glaube ich, du bist halb verrückt und – «
Sag ihm, du bist nicht halb senil.
Pikiert fauchte Lavim: »Ich bin nicht halb senil! Nicht im mindesten!«
Tyorl blieb stehen. Das war der Satz, den er hatte sagen wollen. »Was?«
»Ich – Pfeifer hat gesagt – ich meine, ich habe gesagt – ich bin nicht halb senil.« Lavim atmete tief durch und hielt an. Mit gesenktem Kopf und den Händen auf den Knien stand er keuchend da. Er schloß die Augen, japste nach Luft und redete weiter: »Und Pfeifer sagt auch, daß du gerade jetzt denkst, daß du besser einen Weg finden solltest, mich ruhig zu halten, bevor Finn etwas mitkriegt.«
Tyorl zwinkerte. »So? Sagt er das?«
»Ja, und er sagt, daß du jetzt denkst, daß das letzte, was du brauchst, ein verrückter Kender ist. Ich bin nicht verrückt, Tyorl! Verstehst du? Ich denk’ mir das nicht aus. Es ist wahr. Hier.« Er suchte in seinen Taschen und zog die Flöte heraus. Bevor er es sich anders überlegen konnte, drückte er sie Tyorl in die Hand. »Versuch es. Spiel etwas.«
»Was soll das beweisen? Ich kann das Instrument spielen, aber ich weiß keine Noten für Zaubersprüche.«
Lavim pfiff die schnellen, lebhaften Töne, die er für seinen Stinkezauber gespielt hatte. »Probier das mal.« Er pfiff die Melodie noch einmal. »Hast du’s?«
Tyorl hielt die Flöte mit spitzen Fingern fest. »Lavim.«
»Versuch es! Los. Pfeifer sagt, es macht nichts.«
Tyorl betrachtete die Flöte, warf einen scharfen Blick auf Lavim und holte tief Luft.
»Los.«
Tyorl probierte die Melodie und machte sich auf das Schlimmste gefaßt, bestenfalls noch auf den unbeschreiblich ekligen Gestank, der ihn in der Höhle am Fluß umgehauen hatte.
Nichts geschah. Nur der Wind blies ein bißchen stärker.
»Pfeifer sagt, daß der Wind nichts mit der Flöte zu tun hat. Irgend etwas mit Luftströmungen über dem Feuer oder so. Siehst du? Versuch’s noch mal.«
Das tat Tyorl. Die Brise blieb genauso stark, und die Luft roch immer noch nach Waldbrand und nach sonst gar nichts. Er starrte die Flöte in seiner Hand an und sah genau einen Augenblick zu spät, wie die Hand des Kenders vorschoß und das Instrument zurückholte. Bevor Tyorl Einspruch erheben konnte, war sie in tiefen Geheimtaschen versteckt.
»Lavim! Warte! Gib – «
Doch Lavim war fort. Er lief Finn nach, nachdem er die Flöte wieder in seinen Besitz gebracht hatte.
Tyorl wollte ihm nachsetzen. Wenn Lavim auf dem Hügel gewesen wäre, als der schwarze Drache zugeschlagen hatte, hätte er vielleicht helfen können. Aber er streifte durch die Nacht und war nicht da. Ihm dafür jetzt die Schuld zu geben, war genauso sinnlos, wie sich selbst die Schuld zu geben, weil sein Pfeil danebengegangen war.
Tyorl rannte schneller. Er dachte nicht an Geister oder vertane Chancen. Ihm wurde plötzlich klar, daß die Magie der Flöte nur bei Lavim funktionierte. Die Folgen waren nicht auszudenken.