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Von dem Hügel aus, wo er in den Stunden nach Mitternacht seine Wache ablief, sah Tyorl das Feuer in den Sümpfen der Ebene der Toten wüten. Der Westwind hatte sich nach Sonnenuntergang gelegt, aber das Buschfeuer brauchte keine Hilfe mehr, um rascher zu den Bergen zu laufen. Das Sumpfgras wirkte wie Lampenöl; jetzt konnte das Feuer nichts mehr aufhalten.

Tyorl fluchte verzweifelt und sah zu den Sternen hoch, die wie winzige, glitzernde Eissplitter über den schwarzen Himmel verteilt waren. Hoch oben war der helle Solinari von einem trüben, silbernen Hof umgeben. Lunitaris Licht tauchte die dunklen Hügel im Osten in Scharlachrot und ließ indigoblaue Schatten in die Ebene hinunterragen. Der Ring des roten Mondes war rosa wie abgespültes Blut. Tyorl roch Schnee in der Luft.

Wir werden es nicht vor dem Feuer bis in die Berge schaffen, dachte der Elf, und das heißt, daß wir überhaupt nicht nach Thorbardin gelangen werden.

Er fuhr mit dem Daumen über das glatte Holz seines Langbogens. Sanft wie Seide und wohlvertraut fühlte sich das Eibenholz an. Und nutzlos, nutzlos, um Kelida vor einem Drachen zu verteidigen.

Tyorl zog die Schultern hoch, weil Schmerz und Reue sein Herz erfaßten. Auch das war vertraut. Seine gut gezielten Pfeile waren vom ebenholzschwarzen Schuppenpanzer des Drachen abgeprallt wie von Stahl. Ein Schuß in das Auge des Ungeheuers hätte ihn verlangsamt, vielleicht sogar getötet, aber der Drache bewegte sich zu schnell und war längst außer Reichweite von Tyorl, als dieser endlich besser zielen konnte. Als der Drache abhob, hatte er einen Augenblick lang geglaubt, daß Stanach Kelida losgerissen hätte. Betend hatte er dem Kampf auf dem Rücken des Riesentiers zugesehen und geflucht, als das Ungeheuer sich in die Luft schwang.

Stanach, dachte der Elf bitter, Sturmklinge hat dich Vetter, Freund und Hand gekostet. Du behauptest, die Klinge wäre von Reorx gesegnet; ich sage, er hat sie verflucht. Aber du hast es versucht. Wie ein Wolf hast du dafür gekämpft.

Er wendete dem grellen Schein des Guyll Fyr den Rücken zu und beobachtete, wie der Schatten des Rauchs von dem kleinen, zahmen Lagerfeuer in der Senke über den Boden da unten floß. Im Sonnenlicht waren die Felsen rot, im unheimlichen Schein der Monde glommen sie seltsam lila. Lavim war wie üblich nirgends aufzutreiben. Tyorl hatte ihn nicht mehr einholen können, bevor sie das Lager aufschlugen, und hatte ihn auch seitdem nicht mehr gesehen.

Nachtschwärmer, dachte er. Oder er redet mit seinem Zauberergeist.

Das brachte ihn auf andere Gedanken. Er war davon überzeugt, daß Lavim glaubte, der tote Pfeifer würde mit ihm reden. Tyorl wußte nicht, was er davon halten sollte. Aber schließlich hatte Lavim seine Worte tatsächlich gewußt, bevor er sie auch nur halb gedacht hatte. Als er versucht hatte, die Sache mit Finn zu besprechen, hatte sein Anführer mit den Schultern gezuckt und bissig seine Zweifel angemeldet.

Tyorl schaute wieder zum Lager. Finn lag in seinen Mantel gewickelt am Feuer und schlief. Kern, den der Elf vor einer Stunde mit der Wache abgelöst hatte, saß da und starrte in die Schatten. Tyorl fragte sich, wann er schlafen würde.

Kerns Schweigen war immer mit gutmütigem, amüsiertem Beobachten einhergegangen. Der von Natur aus ruhige Heiler hatte das Reden größtenteils seinem geschwätzigen, kleinen Bruder überlassen. Jetzt kam es einem so vor, als hätte Lehrs Tod den sanften, humorvollen Glanz aus Kerns Augen geraubt. Kern wollte Rache und Tyorl ebenfalls.

Plötzlich erstarrte der Elf. Es war das erste Mal, daß er sich eingestanden hatte, daß er Kelida für tot hielt.

Der schwarze Drache war von Osten gekommen. Aus Thorbardin. Das konnte nur bedeuten, daß die Revolution, die Stanach befürchtet hatte, erfolgreich gewesen war. Realgar regierte im Zwergenkönigreich und gebot über Drachen. Und Verminaard war sein Verbündeter.

Wieder flüsterte er einen Fluch, diesmal weil sich seine Kehle plötzlich zusammenschnürte. Letzte Nacht hatte er sich gefragt, ob er in Kelida verliebt war, eine Vorstellung, der er ausweichen wollte, obwohl er auf den weichen Klang ihrer Stimme wartete und auf die Wärme ihrer Berührung hoffte.

Heute nacht – zu spät – wußte er, daß er sie liebte. Jetzt konnte er nur noch in der Erinnerung ihrer Stimme lauschen, ihre leichte Hand auf seinem Arm fühlen oder das Glitzern der Sonne in ihrem Haar sehen. Hätte er es ihr gestanden? Doch, auf der Stelle! Und was war mit Hauk?

Der Elf lächelte bitter. Das war jetzt wohl ziemlich egal. Sie waren beide tot, und er hatte nur eine Handvoll Erinnerungen an ein Bauernmädchen, das im Wirtshaus gearbeitet hatte. Es war zu spät, sich zu fragen, was daraus hätte werden können. Es war vorbei.

Tyorl nahm seinen Wachgang wieder auf. Links von ihm war das Buschfeuer, vor und hinter ihm die Schatten. Zu spät für alles außer Rache, dachte er kaltblütig. Egal, wer Thorbardin jetzt regierte. Er würde einen Weg zu den Bergstädten finden, und er würde seine Rache für Kelida und für Hauk bekommen.

Aus einer nachtschwarzen Schlucht westlich des Lagers beobachtete Lavim, wie Tyorl auf dem Hügel auf und ab lief. So schnell, wie das nur Kinder können, hatte er sich von dem Wüstenmarsch erholt und war gleich in den Schatten der Dämmerung verschwunden und den drei Waldläufern aus dem Weg gegangen. Er wußte, daß Tyorl jetzt hinter der Flöte her sein würde. Zuerst wollte er in Ruhe mit Pfeifer reden, ohne daß Tyorl dauernd nach der Flöte fragte. Lavim brannte einiges auf der Seele, und nur Pfeifer würde die richtigen Antworten wissen.

Er setzte sich bequem zwischen den Steinen zurecht und brütete vor sich hin. Das Problem war, daß Pfeifer ihm nicht mehr geantwortet hatte, seit der Kender die Flöte herausgeholt hatte. Lavims Finger fuhren über das glatte, rote Kirschbaumholz, und er lächelte schlau. Vielleicht war Pfeifers fehlende Erwiderung auf seine letzte Frage auch eine Antwort.

»Ich glaube«, sagte er, während er mit der Flöte dahin zeigte, wo Pfeifer stehen müßte, wenn er woanders als in seinem Kopf wäre, »daß ich diese Flöte benutzen kann, wann immer ich will.«

Pfeifer schwieg.

»Ich glaube, es ist egal, ob du der Flöte sagst, welche Melodie sie spielen soll, oder nicht.« Pfeifer schwieg immer noch.

Lavim grinste. »Das ist es, was ich glaube. Weißt du, warum? Schön, ich sag’s dir: Weil dieser Stinkespruch meine eigene Idee war und die Flöte das Lied gespielt hat, das ich brauchte, und zwar als ich es brauchte. Darum willst du, daß ich Tyorl die Flöte gebe. Ich kann die Magie benutzen, und du brauchst mir nicht zu sagen, wie. Ich brauche dich nur in meinem Kopf, damit die Flöte funktioniert. Was meinst du dazu?« Ich meine, du bist ein Esel, Lavim.

Lavim ließ sich nicht beirren. »Möglich, möglich. Aber ich bin ein Esel mit einer Zauberflöte.«

Pfeifer antwortete mit kühler Stimme. Genau, und ich könnte mir nichts Dümmeres oder Gefährlicheres vorstellen.

Lavim sah, wie sich das Mondlicht in dem seidenmatten Holz spiegelte. »Du bist sauer auf mich, nicht wahr? Komisch, eigentlich müßte ich sauer auf dich sein, weil du behauptet hast, ich brauchte dich, damit du mir sagst, wie die Magie funktioniert.« Er nickte ernsthaft. »Freunde lügen einander nicht an.«

Freunde bestehlen einander auch nicht, Lavim.

Getroffen sprang der Kender auf. »Ich habe die Flöte nicht gestohlen! Du hast sie mir gegeben!«

Ich habe dich gebeten, sie Tyorl zu geben.

»Und ich habe gesagt, daß ich das mache. Und zwar sehr bald!«

Lavim, ich weiß nicht, was du planst, aber es sollte lieber nichts mit der Flöte zu tun haben. Du kannst nur ein paar Sprüche mit der Zauberkraft der Flöte bewirken, und du weißt nicht, welche.

Lavim kicherte. »Zwei davon kenne ich. Ein Stinkezauber und ein Transportzauber. Und jetzt brauche ich keinen Stinkespruch!«