Er verließ die Schlucht, krabbelte die steilen Hänge hoch und rannte zum Lager.
»Es ist ganz einfach!« krähte er. »Wir teleportieren uns einfach nach Thorbardin und retten Kelida und Stanach und vielleicht auch diesen alten Hauk!«
Nein, Lavim, nein! Für diesen Zauber brauchst du auch Worte. Du mußt sie genauso kennen wie die Noten. Wenn du den Spruch ohne die richtigen Worte versuchst, stehst du mitten im Nichts neben drei Staubhaufen, die mal deine Freunde waren!
Lavim blieb stehen und legte stirnrunzelnd den Kopf schief. Dann glättete ein Lächeln die Falten in seinem verwitterten Gesicht. Er hatte auch für dieses Problem eine Lösung. »Das macht nichts, Pfeifer. Sag sie mir einfach, wenn ich sie wissen muß.«
Pfeifer fühlte sich, als galoppierte er auf einem scheuenden Pferd einen Berg hinunter. Er wünschte sich verzweifelt einen festen Halt. Den würde er brauchen. Denn jetzt war Lavim durch nichts mehr zu bremsen.
Als Tyorl sah, wie der Kender die Zauberflöte herauszog, wußte er, daß auch er die Geschichte mit dem Geist glaubte. Als Lavim den Elf vom Hügel herunterwinkte, keuchte er von seinem Spurt wie ein alter Blasebalg.
»Tyorl! Komm her! Ich habe alles rausgekriegt! Ich kann uns nach Thorbardin bringen, bevor du es auch nur merkst!«
Sofort hörte er in sich eine Stimme, die gedämpfte, kummervolle, flüsternde Stimme von Stanach. »Pfeifer ist in Thorbardin für seine Transportzauber bekannt.«
Pfeifer, betete Tyorl stumm. Pfeifer, laß das nicht zu!
Tyorl sprang los, stolperte über einen spitzen Stein und rutschte den größten Teil des Hangs in der Hocke hinunter. Nur die Götter wußten, was geschehen würde, wenn Lavim einen Transportzauber falsch benutzte. Worte und Gesten für einen Spruch waren genau festgelegt. Und genauso exakt mußten die Noten gespielt werden, wenn der Spruch mit einer Zauberflöte beschworen wurde! Was konnte nicht alles aus Versehen schiefgehen!
Tyorl hechtete auf Lavim zu.
Finn desgleichen.
Und Kern ebenfalls.
Der Kender ging in einem Gewirr von Armen und Beinen unter, trat und wand sich, ließ die Flöte jedoch nicht los.
»He! Wartet doch! Was wollt ihr? Laßt mich doch! Ihr versteht das nicht, ich – «
Tyorl kam unter Finns Knie hervor, ohne Lavims Knöchel loszulassen. Finn wich Kerns Ellbogen aus, wobei er den Kender weiter an der Taille festhielt. Kern versuchte, Lavim auf die Beine zu stellen. Keiner hielt seine Hände fest, und keiner dachte daran, ihm den Mund zuzuhalten.
Lavim war davon überzeugt, daß seine Kameraden irgendwie falsch verstanden hatten, was er gesagt hatte – wenn sie ihn verstanden hätten, müßten sie doch viel glücklicher aussehen. Also atmete er tief ein und hob die Flöte an die Lippen.
Er hatte irgendwie geglaubt, die Melodie für einen Transportzauber würde wenigstens ein bißchen aufregender sein als drei kleine Töne. Als er den ersten hörte, zeterte Pfeifer in seinem Kopf. Lavim fand, daß der Spruch etwas zarter klingen mußte, irgendwie sanfter als Flüche.
Er schien zu verschwimmen, sich zu strecken, und plötzlich drehte sich ihm der Magen um und verknotete sich.
Sehr seltsam, dachte er, als alles Gefühl aus ihm wich (anscheinend durch Finger und Zehenspitzen). Ich glaube, wenn ich aus diesem Zauber rauskomme, muß ich mich als erstes übergeben. Am besten landen wir außerhalb der Stadt. Es wäre doch etwas peinlich, wenn wir unser Abendessen vor einem Haufen – Und dann fühlte Lavim gar nichts mehr.
Tyorl knallte mit einem kräftigen Bums auf den Boden. Als er um Atem rang, füllten sich seine Lungen mit Rauch. Flammen leckten an seinen Fingern, und er hätte aufgeschrien, wenn er nur genug Luft bekommen hätte.
Der verdammte Kender hat uns in Brand gesteckt!
»Hoch, Tyorl! Hoch!«
Das war Finn. Aus alter Gewohnheit wollte Tyorl gehorchen. Er zog ein Knie an, rutschte aus und fiel in kaltes Wasser.
Der verdammte Kender hat uns mitten in den Ozean verfrachtet!
»Tyorl, bitte steh auf!« Das war Lavim, und obwohl es Tyorl nicht hätte schwören können, daß da Furcht aus der Stimme des Kenders sprach, zappelte und planschte er herum, bis er endlich auf die Beine kam. Mit einer Handbewegung wischte er sich zähen Matsch und schleimige Gräser aus dem Gesicht. Taumelnd drehte er sich zu dem Kender um. Er sah Lavim nur als eine kleine, unscharfe Gestalt in der raucherfüllten Nacht. »Im Namen der Götter«, fauchte er, »wo sind wir?«
»Es – es tut mir leid, Tyorl. Ich wollte nicht hier landen, wirklich nicht. Ich wollte bloß kurz vor der Stadt landen, weil mir ein bißchen, äh, flau war, und ich fand es wirklich ziemlich unhöflich, ohne Einladung mitten in einem fremden Haus aufzutauchen. Und dann habe ich irgendwie nicht gewußt, was ich machen soll, und ich konnte niemanden fragen, und der ganze Spruch hat sich irgendwie ungefähr hier…«, er kratzte sich den Kopf und sah die Flammen näher kommen, »…äh, aufgelöst. Geht es dir wieder gut?«
»Wo ist die Flöte?«
Lavim zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, ich – «
»Wo ist die Flöte?«
Da holte Lavim tief Luft und lächelte verlegen. »Ich hab’ sie.«
»Gib sie her.«
»Aber, Tyorl, ich – «
»Sofort!« brüllte Tyorl.
Niedergeschlagen händigte Lavim ihm die Flöte aus. »Na gut. Aber Pfeifer sagt – «
Tyorls Stimme klang leise, gefährlich und drohend. »Was sagt Pfeifer?«
»Wirf sie nicht weg. Er sagt, wir brauchen sie vielleicht noch.«
Der Rauch wurde dichter, und als er sich umschaute, sah Tyorl, wie Finn Kern auf die Beine half. Die vier standen bis zu den Knien im Wasser und waren von hohem Schilf umgeben. Nur eine Viertelmeile entfernt standen Rohrkolben in kleinen Gruppen wie Fackeln in Flammen – und das Feuer reichte so weit nach Westen, wie Tyorl sehen konnte. Funken und glühende Grashalme wurden vom Wind durch die schwarze Luft getrieben. Er packte Lavim fest an der Schulter und riß ihn herum.
»Schau mal.«
Lavim wand sich. »Ich seh’s ja.«
»Wir sind im Sumpf, Lavim, und wir sind mitten im Feuer. Ist das vielleicht kurz vor der Stadt?«
»Nein, aber – «
Finn patschte durch den stinkenden Schlamm und das abgestandene Wasser. Er ergriff Tyorls Arm und zeigte nach Osten. »Da lang. Ich kenne mich in dieser Gegend überhaupt nicht aus, aber uns bleibt nichts anderes übrig, als in diese Richtung zu laufen.« Mit harten, blauen Augen sah er erst Lavim an und dann den Elf. »Ich finde, wir sollten die kleine Kröte umbringen und verschwinden.«
Lavim wollte sich gerade entschuldigen, doch bei diesen Worten klappte sein Mund sofort wieder zu. Er sah Finn im Rauch verschwinden und wartete, bis Kern vorbei war, bevor er zu Tyorl hochschaute. »Das hat er doch nicht ernst gemeint, oder?«
Tyorl antwortete nicht, sondern trieb Lavim vor sich her. Pfeifer, fragte Lavim stumm, hat Finn das etwa ernst gemeint?
Wenn nicht er, sagte Pfeifer, dessen Geisterstimme schwach und rauh klang, dann ich!
Aber – aber Pfeifer, dachte er, ich wollte doch nur helfen. Ich wollte doch nur – Pfeifer?
Der Magier antwortete nicht.
Ach, komm schon, Pfeifer. Wirklich, ich wollte nur helfen!
Guck dich doch um, Lavim, regte sich Pfeifer auf. Du hast nur dafür gesorgt, daß ihr alle gebraten werdet, bevor ihr auch nur in die Nähe von Thorbardin kommt.
Lavim sah sich um und stolperte, weil er gleichzeitig nach hinten schauen und nach vorne laufen wollte. Die Flammenherde hinter ihnen kamen näher, prasselten laut und warfen wilde Funkenschauer in den schwarzen Nachthimmel.
Weise beschloß Lavim zu warten, bis sie aus dem Feuer und den Sümpfen heraus waren, bevor er Tyorl und Pfeifer darauf aufmerksam machte, daß sie zwar nicht genau in Thorbardin, aber doch mehrere Tagesreisen näher dran waren.