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Gneiss von den Daewars lief durch die verwinkelten Gassen und Pfade zwischen den eilig errichteten Bauernhütten, die sich an den Wänden der östlichen Ackerhöhlen entlangzogen. Die Zwerge werden keine Luft mehr bekommen, hatte er gesagt. Auch wenn er zugab, daß dieser Einwand übertrieben war, kam ihm der Gedanke jedesmal, wenn er die Ackerhöhlen betrat.

Die achthundert Menschenflüchtlinge hatten sich schnell zurechtgefunden. Die kleinsten Kinder, die nicht mit den Männern auf den Feldern waren, rannten zwischen den Hütten herum, wobei ihre lauten, schrillen Rufe von den Höhlenwänden zurückhallten und bis zur viele hundert Fuß entfernten Decke der Höhle emporstiegen. Frauen versorgten die Tiere: die paar Dutzend Pferde, die sie zum Pflügen brauchten, eine laute Ziegenherde und viel zu viele Hühner und Enten.

Der verflixte Ort sah aus wie eine lumpige Grenzstadt am Rande von Nirgendwo! Eine gewisse, zurückhaltende Bewunderung schlich sich in die Gedanken des Daewars ein. Bei Reorx, sie hatten sich schnell von ihrem langen Marsch durch die Außenwelt erholt.

Obwohl die Felder ganz und gar nicht dem entsprachen, woran diese Menschenbauern gewöhnt waren, hatten sie sich schnell an die ebenen Äcker mit der schweren, schwarzen Erde angepaßt, die die Zwerge vor vielen Jahren in die Höhlen gebracht und jährlich aus dem Tal vor Südtor aufgefrischt und nachgefüllt hatten. Kein Stein verdarb die Pflugscharen; kein noch so kleiner Hang forderte besondere Kraft von Pferden und Pflügern.

Gneiss hielt am Rand eines frisch bestellten Feldes an. Im Licht der vielen Kristallstäbe hoch oben glänzte die dunkle Erde. Jungen mit großen, schweren Saatbeuteln aus Leintuch über den Schultern folgten den sorgfältig gezogenen Furchen und säten beim Gehen nach rechts und links aus. Bald würde die fruchtbare schwarze Erde von einem zartgrünen Teppich aus jungem Weizen bedeckt sein. Jenseits dieses Feldes bauten sie Mais an, und in der Höhle dahinter würden bald Hirse und Gras für die Tiere wachsen.

Ja, sie machten ihre Sache gut, die Menschen von Goldmond. Man sollte fast meinen, daß Mesalax ihre Arbeit segnete. Man sollte fast meinen, daß die Frau aus den Ebenen wirklich in der Gunst der Göttin stand.

Fast. Gneiss schnaubte. Er hatte noch nie davon gehört, daß Mesalax ihren Klerikern die Fähigkeit verlieh, Lehnsherren zu verzaubern. Und Hornfell war verzaubert. Derzeit schien er mehr Zeit hier bei den flüchtigen Bauern zu verbringen als oben in den Städten.

Und ich, dachte der Daewar, ich muß jedesmal wie ein Laufbursche hier runterrennen, wenn ich mit ihm reden will! Verbündete gewinnen, sagt er. Verbündete bekommt man am leichtesten, wenn man sie kennt, sagt er. Hah! Was für Verbündete sollen diese zerlumpten Flüchtlinge abgeben? Verdammt schwächliche, würde ich meinen.

Ein heiseres, schrilles Kinderlachen ging dem Mädchen voraus, das mit gesenktem Kopf und rudernden Armen hinter einer Hütte hervorschoß und in Gneiss hineinrannte, bevor der Daewar sich umdrehen konnte. Er geriet ins Stolpern, und das Mädchen fiel hin.

Er nahm es an den Ellbogen und stellte es ohne Umschweife wieder auf die Beine. »Immer langsam mit deinem wilden Gerenne, Kleine! Du hast zwei Augen – benutze sie!«

Diese beiden Augen starrten Gneiss groß und himmelblau an, bevor das Mädchen sich in Richtung Feld davonmachte.

So magere Beinchen, dachte Gneiss. Jemand sollte das Ding mal füttern. Und womit haben sie ihr die Haare geschnitten? Wahrscheinlich mit einer Säge, so wie es aussieht. »Halt mal kurz still, ja?«

Das Mädchen blieb wie angewurzelt stehen und strich sich das unbändige, schwarze Haar aus dem Gesicht.

»Ich suche Goldmond und – «, er lächelte böse, »– ihren Gefangenen, Hornfell. Wo sind sie?«

»Gefangener?« Die Augen des Mädchens wurden noch größer (falls das möglich war) vor Entzücken. »Oh, du machst Witze, Opa.«

»Opa!«

Mit ihrem verschmierten Finger zeigte sie auf seinen langen, schon leicht ergrauten Bart.

Gneiss kniff die Augen zusammen, weil er ein Lächeln unterdrücken mußte. Unverschämte kleine Gören sollte man nicht ermutigen, unter keinen Umständen.

Das Gesicht der unverschämten Göre verzog sich zu einem Grinsen. »Ich weiß, wo sie sind. Ich bring’ dich hin.«

»Genau«, grummelte der Zwerg, »und danach gehst du besser mal zu deiner Mutter, damit sie dich wäscht und kämmt, hm?«

Sie schüttelte den Kopf und zuckte unglaublich selbstverständlich mit den Schultern. »Geht nicht, Opa.«

»Geht nicht? Wieso nicht?«

»Lady Goldmond sagt, meine Mutter und mein Vater sind zu Mishakal gegangen.« Der Gesichtsausdruck des Kindes verdüsterte sich. »Ich glaube, sie sind tot.«

Mit diesen Worten hüpfte das Kind davon, und Gneiss mußte sich sputen, ihm zu folgen. Kriegskinder sind Fatalisten, erinnerte er sich. Das hatte er oft genug gesehen, ohne sich daran gewöhnen zu können, obwohl er doch selbst ein Krieger war. Gneiss folgte dem Kind durch die neuen, gewundenen Gassen zu einer einfachen Hütte mit niedrigem Dach, die sich in nichts von den anderen unterschied. In dieser winzigen Hütte fand er Hornfell und die Frau aus den Ebenen. Der Halb-Elf hockte an der Tür, weil es keinen anderen Sitzplatz mehr gab. Mit der selbstverständlichen Fertigkeit eines Mannes, der seine Aufgabe als Zeitvertreib und gleichermaßen als Notwendigkeit ansieht, fertigte er Pfeile an. Obwohl der rothaarige Tanis und Goldmond als Anführer der Flüchtlinge oft gemeinsam zu sehen waren, gab es das Gerücht, daß irgendwo ein großer, finsterer Mann aus den Ebenen herumlief, der Goldmond rechtmäßig seine Lady nennen durfte. Die Gruppe, die die Sklaven aus Verminaards Minen befreit hatte, bestand aus insgesamt neun Leuten. Gneiss hatte allerdings nur den Halb-Elf und Goldmond kennengelernt. Die anderen sieben hatten entweder eigene Angelegenheiten zu erledigen oder waren froh, diesen beiden die Verhandlungen überlassen zu können.

Auch gut, dachte Gneiss. Er hatte gehört, daß ein Hügelzwerg aus dem berüchtigten Clan Feuerschmied zu der Gruppe gehörte. Ihm fehlte jedes Interesse daran, mit einem Hügelzwerg zu reden oder auch nur im selben Raum mit jemandem zu sein, dessen Großvater in der Zwergentorkriegen gegen die Bergzwerge gekämpft hatte.

Ja, und hier sitzt Hornfell, dachte der Daewar, und trinkt Schnaps mit Fremden! Als ob er und der Rat sich um nichts anderes zu kümmern hätten als darum, wie man den Nachmittag am schönsten verbringt!

Gneiss bereute sein Urteil, als er die Augen seines Freundes sah. Die dunklen Schatten in den Augen des Hylaren verrieten ihm, daß hier schwerwiegende Dinge besprochen wurden.

Goldmond lächelte und winkte Gneiss in die Hütte, als würde das winzige Gebäude ihr gehören, als wäre sie die stolze Gastgeberin.

»Sucht Ihr Euren Freund? Nennt mich ruhig selbstsüchtig, Lehnsherr Gneiss. Ich nehme ihn zuviel in Anspruch.«

Der Titel Häuptlingstochter stand ihr zu. Gneiss dachte, daß er gern ihren Vater gekannt hätte, nur um den Mann zu sehen, der Goldmond so gut zum Herrschen erzogen hatte.

»So ist es, Lady. Wir brauchen ihn. Hornfell«, sagte er, »es gibt Neuigkeiten von der Grenze. Guyll Fyr.« Er hatte die zwergischen Worte verwendet und war überrascht, als der Elf reagierte.

»Buschbrand?« Mit aufmerksamen, grünen Augen wandte Tanis sich an Gneiss. »Wo?«

»Er kommt von den Hügeln westlich der Ebene der Toten herunter. Zwei Grenzpatrouillen haben das Feuer heute nacht entdeckt. Der Wind treibt es von hinten an, so daß es schnell vorwärts kommt.«

Schneller als der Wind, vor dem es hertrieb, dachte Gneiss. In der Morgendämmerung hatte er das Feuer von den Mauern von Nordtor beobachtet. Grelles Licht war zum leuchtenden Himmel aufgestiegen. Das Guyll Fyr hatte wie ein Flammenmeer ausgesehen, dessen Wellen gegen den Wald am Fuß des Gebirges brandeten wie gegen eine Küste. Dichter, schwarzer Rauch stieg in dicken Säulen zum Himmel auf oder wurde von den übermütigen, kalten Windströmungen über die Ebene der Toten hinweg vor den tobenden Flammen hergetragen. Der grelle Schein und der tödliche Rauch hatten das Licht der Dämmerung blaß und kränklich wirken lassen.