Er lehnte sich wieder an den kalten Stein, doch das Herz stockte ihm jedesmal, wenn der Drache gähnte oder sich streckte, jedesmal, wenn Kelida sich bewegte und das Riesenvieh in ihre Richtung schaute.
Die zweigeteilte Höhle enthielt die kleine Kammer, in der Stanach jetzt saß, und die große Drachenhöhle mit ihrer hohen Decke. Die Zweiteilung war nur daran zu erkennen, daß der Steinboden breiter wurde und die Wände höher, so hoch, daß man die Decke nicht mehr sehen konnte. Wahrscheinlich stiegen sie bis zum Himmel an. Durch den hohen Eingang zur Drachenhöhle dröhnte das Echo des Bergwinds in die Gänge.
Seine eigene, natürliche Infravision zeigte Stanach den matten, roten Umriß des Drachen, der in seinem Bau lag. Stanach versuchte, die Entfernung zu schätzen, und stellte fest, daß fast fünfzig Meter zwischen ihnen und dem Ungeheuer lagen.
Und die kann er im Nu überwinden, dachte er.
Vom rechten Handgelenk bis zu seiner Schulter brannte ein sengendes Feuer. Realgars Wachen waren unsanft mit ihm umgegangen. Doch trotz des wiedererwachten Brennens in seinem Arm und seiner Schulter spürte Stanach immer noch nichts in seiner verbundenen Hand. Er wußte jetzt, daß er die Schmerzlosigkeit nicht Kerns Salben zu verdanken hatte. Er würde nie wieder etwas in dieser Hand fühlen. Nicht einmal Schmerz. Verrenkte Knochen, ja, auch gebrochene Knochen waren heilbar. Zerfetzte Muskeln jedoch niemals.
Stanach sah den bösartigen, gelben Glanz in den Augen des Drachen.
Sein Atem ging schneller, wie ein Blasebalg. Stanach spürte seinen Hunger wie eine Drohung tief in seinen Eingeweiden, spürte sein Warten. Er hatte den Befehl, Realgars Gefangene noch nicht zu zerreißen, sie nur zu bewachen. Also wartete er.
Nachtschwarz nannte ihn Realgar. Vor einiger Zeit hatten sie ihm zwei Ziegen und ein schreiendes Kalb gebracht, um seinen Hunger zu stillen. Das Blut stank immer noch metallisch aus dem Maul. Zwischen den Tierknochen lagen die schwarzsilbernen Fetzen einer Theiwaruniform.
Kelida rührte sich – eine leichte Handbewegung – und lag wieder still.
Zu lange, dachte Stanach. Sie ist schon zu lange bewußtlos.
Wieviel Zeit war vergangen? Er hatte nur vage Erinnerungen daran, wie er an diesem Ort tief unter den Städten aufgewacht war. Eine Zeitlang war er verwirrt und von den Nachwirkungen des Schlafzaubers benommen gewesen. Dann hatte Zeit wie im Traum wenig Bedeutung gehabt. Selbst jetzt, während er dem Atmen des Drachen lauschte, erinnerte sich Stanach nur an die wenigen Momente nach der Landung von Nachtschwarz in einer tiefen Klamm unter dem Sims von Nordtor.
Ein Trupp von sechs Theiwaren unter der Führung von Realgar war wie nachtschwärmende Fledermäuse aus einer Höhle geströmt. Jeder von ihnen hatte eine gespannte Armbrust auf Stanach und Kelida angelegt und hätte auf Befehl des Lehnsherrn sofort geschossen. Realgar hatte nichts dergleichen befohlen. Dafür befahl er den beiden abzusteigen, und sie gehorchten, weil beide damit rechneten, sonst von einem Bolzen getroffen zu werden.
Drei Wachen hatten Stanach augenblicklich umringt, als er den Boden betrat. Innerhalb von Sekunden hatten sie ihn sorgfältig entwaffnet. Während eine Wache Stanach mit der Armbrust in Schach hielt, zerrten ihn die anderen beiden an den Armen in das klaffende, finstere Loch, wo es in die Höhle ging. Am Eingang hatte sich Stanach trotz des harten Griffs seiner Häscher herumgeworfen und gesehen, daß Kelida genauso umringt war.
Realgar hatte sich ihr genähert, wobei seine seltsamen, dunklen Augen glänzten und seine Hände unablässig zuckten, als würden sie sich auf das Gefühl freuen, den kühlen, goldenen Griff von Sturmklinge zu halten.
Die Hände der Wachen hatten sich fester um Stanachs Arme geschlossen. Sie hatten ihm die Arme auf den Rücken gedreht, und stechende Schmerzen waren von seinen Ellbogen zu den Schultern gerast. Wie betäubt hatte Stanach durch einen trüben, roten Nebel zugesehen, wie sie Kelida entwaffneten.
Stanach wurde schlecht, als er jetzt daran dachte, wie Realgar langsam nach dem Königsschwert gegriffen hatte, wie der Theiwar fast den saphirbesetzten Griff berührt hatte, um dann die Hand zurückzuziehen. Er hatte die Wachen weggeschickt. Ganz vorsichtig hatte Realgar den Waffengurt von Kelidas Hüfte gelöst.
Stanach schloß die Augen und versuchte, Kelidas leises Stöhnen und seinen eigenen empörten Wutschrei nicht noch einmal zu hören. Realgar hatte lächelnd den Gurt umgeschnallt.
Wie ein Echo dieses dünnen, verzweifelten Stöhnens stockte Kelida jetzt der Atem. Stanach griff wieder nach ihrer Hand, legte seine darauf und beugte sich zu ihr.
»Lyt Chwaer«, flüsterte er so leise, daß er die Worte kaum selber vernahm, »ganz ruhig. Ich bin da.«
Die Höhle war schwärzer als eine mondlose Nacht, und als Mensch hatte sie keine Infravision. Stanach fühlte ihre Hand in der seinen zittern.
Nachtschwarz grollte tief in seiner Brust. In seinen Augen leuchtete ein unheilvolles Gelb, während er seine Gefangenen beobachtete. Dann wich der riesige, schwarze Drache scheinbar uninteressiert zurück. Kelidas Hand in Stanachs wurde kalt und schlaff, als das rauhe Geräusch der Schuppen, die über den Stein rieben, und der kratzenden, scharfen Klauen durch die Höhle hallte.
Stanachs Finger schlossen sich wieder um Kelidas Hand und hielten sie schweigend fest, bis Nachtschwarz sich ganz zurückgezogen hatte. Wie lange würde Realgars Befehl den Drachen zurückhalten?
Langsam und so leise wie möglich setzte Stanach sich um und ließ Kelidas Hand los. Sie hielt den Atem an und griff nach seinem Arm, eine Ertrinkende, die sich in einem kalten, schwarzen Ozean an ihren einzigen Halt klammert. Ihre Stimme war schwach und belegt vor Angst. »Ich kann – ich kann nicht mehr sehen.«
»Oh, doch, du kannst, Kelida. Du kannst nur hier nichts sehen. Leise jetzt, halt dich an mir fest und setz dich hin.«
Sie bewegte sich langsam. Mit der Felswand im Rücken setzte sie sich gerade hin.
»Besser? Wie geht es deinem Kopf? Tut bestimmt weh.« Er versuchte, sich sorglos anzuhören, merkte jedoch, wie falsch sein Ton in seinen Ohren klang. »Ja, ja, das macht der Schlafspruch. Kopfschmerzen wie nach einer guten Flasche Zwergenschnaps, nur ohne den Spaß dabei.«
Nachtschwarz ächzte laut und tief in seinem Teil der Höhle, wobei seine Schuppen wieder über den Steinboden kratzten. Kelida schreckte hoch, um dann absolut still zu verharren.
»Nur der Drache«, sagte Stanach, als würde er sagen ›nur ein Kaninchen‹. »Im Moment sind wir sicher.«
»Wo – wo ist er?«
Stanach zuckte mit den Schultern. »In seiner Höhle, spielt Wachhund.« Er log aalglatt. »Interessiert sich nicht für uns.«
Ob sie ihm das abnahm? Stanach glaubte es nicht.
»Warum kann ich nichts sehen?«
Stanach schniefte. »Weil es hier kein Licht gibt. In der Außenwelt ist immer Licht. Selbst in der wolkigsten Nacht wird es zwischen Himmel und Erde gefangen. Hier, im Herzen der Welt, gibt es nur das Licht, das wir machen.«
»Aber – du kannst mich sehen.«
Nachtschwarz gab einen nach Blut stinkenden Rülpser von sich. Stanach sprach schnell, um die Panik zu ersticken, die er in Kelida aufsteigen spürte.
»Alles, was lebt, strahlt Wärme aus. Unbelebte Dinge wie Stein und Berg speichern das Tageslicht. Das ist es, was ich sehe, den Umriß dieser Wärme. Du bist eine unscharfe Gestalt, aber die erkenne ich sehr gut. Wenn du jetzt meine Augen sehen könntest, würden sie dir bestimmt nicht gefallen. Um das letzte bißchen Licht zu erwischen, erweitern sich die Pupillen so sehr, daß sie wie bodenlose Löcher aussehen.«
Kelida holte tief Luft und stieß sie mit einem langsamen, fast geräuschlosen Seufzer wieder aus. »Was werden sie mit uns machen?«
Stanach wußte nicht, wie er antworten sollte. Er schüttelte den Kopf, erinnerte sich dann jedoch, daß sie die Geste nicht sehen konnte. »Lyt Chwaer, ich weiß es nicht. Realgar hat Sturmklinge. Ich weiß nicht, warum er uns nicht schon umgebracht hat.«